
Buchbesprechung von Josef Janning
Mitglied der Geschäftsleitung der Bertelsmann Stiftung, stellvertretender Direktor des Centrums für angewandte Politikforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Samuel P. Huntington, Der Kampf der Kulturen. The Clash of Civilizations. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München u. Wien: Europaverlag 1996.
Es ist das Buch – nicht zum Film, sondern zum Aufsatz, zu den pointiert formulierten Thesen Samuel Huntingtons, die 1993 in der amerikanischen Zeitschrift Foreign Affairs erschienen sind und eine kontroverse internationale Debatte über die Grenzen der politikwissenschaftlichen Fachwelt hinaus ausgelöst haben.
Die Nachfragen, Kritik und die aus dem Disput entwickelten Überlegungen bilden die Quelle des Buches; Huntington hat in den Debatten mancherlei Rückzüge angetreten und Relativierungen angebracht – das Buch soll seine Überlegungen neu untermauern.
Es ist flüssig, intelligent und kompetent geschrieben, mit der für erfolgreiche amerikanische Wissenschaftler beinahe selbstverständlichen Anschaulichkeit und Argumentationslust, mit Mut zu strittigen Schlußfolgerungen und einer Dosis Unbefangenheit, welche die Distanz zu den behandelten Phänomenen erlaubt. Schon deshalb erscheint Huntingtons Buch lesenswert und für viele unverzichtbar, doch wird es weder die Zweifel noch das Unbehagen ausräumen.
Im westlichen, insbesondere im amerikanischen Wissenschaftsbetrieb nimmt das Buch eine besondere Stellung ein, die auch die breite Resonanz erklärt: Huntingtons Thesen sind gewissermaßen als Wettbewerbsbeitrag zu lesen; der Titel, den es zu erringen gilt, ist der des Paradigmensetzers, desjenigen, der das neue Interpretationsmuster der Weltpolitik für die kommende Epoche formuliert. Naturgemäß zeigt sich der Wettbewerb dort am schärfsten, wo der größte Einfluß auf die Politikgestaltung zu erwarten ist, also nicht im zweiflerischen Europa, in dessen Wissenschaftsfürstentümern Argumentationskühnheit nicht belohnt und Einwände stets präsent sind, sondern in den Vereinigten Staaten mit ihrer Wissensmarktwirtschaft der großen Universitäten und deren Nähe zur praktischen Politik.
Seinen Wettbewerbern hat Huntingtons Beitrag Wichtiges voraus: Er bietet ein Erklärungsmuster, das vordergründig nahezu täglich bestätigt wird und damit auch diejenigen anspricht, denen Francis Fukuyamas hegelianischer Traktat über das „Ende der Geschichte“ Abstraktion blieb. Anscheinend bedient er geläufige Klischees über den islamischen und die asiatischen Kulturkreise, was heftige Gegenreaktionen auslösen mußte und damit eine enorme Publizität bewirkte, die die Universalisten und ihre Thesen von der einen Welt nicht erreichen konnten. Er bezieht schließlich Position in einer innenpolitischen, gesellschaftlichen Debatte mit Tiefgang, die von der Frage nach der Identität der Amerikaner – „us and them“ – bis zu den Erosionserscheinungen des amerikanischen „melting pot“ reicht. Klassisch außenpolitisch argumentierenden Beiträgen wie dem in der Fachdebatte vielzitierten „Back to the Future“ John Mearsheimers bleibt diese aufmerksamkeitsschaffende Verwebung von Außenpolitik und Gesellschaft verschlossen. Der „Kampf der Kulturen“ liegt nach Punkten vorn und Huntington behauptet seine Position – hier mit apokalyptischen Zungenschlägen im Gespräch mit dem Spiegel, dort mit dem Aufruf, die Wagenburg des Westens zu bilden, wie zuletzt in diesem Winter in Foreign Affairs.
Der rote Faden des Buches ist weitgehend bekannt; Huntington illustriert in den fünf Hauptkapiteln des Bandes seine ursprünglichen Überlegungen mit weiten Rückgriffen auf die Konfliktgeschichte der internationalen Politik, zahlreichen Beispielen der letzten Jahre, Zitaten und Zuordnungen. Die künftige Weltordnung sieht er durch acht, miteinander nicht oder kaum kompatible Kulturkreise bestimmt: die sinische (d.h. chinesische), die japanische, die hinduistische, die islamische, die russisch-orthodoxe und die westliche Zivilisation sowie – mit geringerer Eindeutigkeit – die afrikanische und die lateinamerikanische Zivilisation. Modernisierung, Globalisierung und internationale Vernetzung bilden die jüngste Form der Penetration, die Huntington über die Jahrhunderte beobachtet, doch Erwartungen an eine Verwestlichung werden ihre Grenze in zunehmendem kulturellen Selbstbewußtsein finden. Die Zivilisationsräume wachsen, konsolidieren sich und rükken aneinander. Ihre Grenzen bilden nach dem Ende der ideologisch bestimmten Bipolarität die künftigen Bruchlinien der Weltpolitik, und die größte Gefahr für Frieden und Stabilität geht demnach von Konflikten und Kriegen zwischen Akteuren verschiedener Kulturkreise aus. Westlicher Universalismus wird diese Entwicklung konflikthaft befördern, denn er kollidiert vor allem mit der islamischen und der chinesischen Welt und verstärkt die für Huntington schon jetzt erkennbare Frontstellung des zivilisatorischen Oktagons: „Die Welt zerfällt mit einem Wort in eine westliche und viele nichtwestliche.“ Für die Zukunft des Westens empfiehlt er daher die Einsicht in die Grenzen der Übertragbarkeit des westlichen Modells und die Rückbesinnung auf sich selbst.
Trotz mancher Moderation in den Schlußfolgerungen und breiter Befassung mit islamischen und asiatischen Kulturen bleibt Huntingtons Paradigma vom Kampf der Kulturen im Ansatz westzentrisch. Damit ist nicht die legitime Ausrichtung auf ein westliches Publikum und die Politik des Westens gemeint, sondern die Projektion des innerwestlichen Zivilisationsstands auf die anderen Kulturkreise: Seine Konfliktthese wirkt deshalb so eindrücklich, weil die Staatenbeziehungen innerhalb des Westens heute soweit verfriedlicht sind, daß militärische Konfliktaustragung weitgehend ausgeschlossen scheint. Aus dieser Perspektive erscheinen die zivilisatorischen Bruchlinien in der Tat als gravierend. Aus der Binnenperspektive anderer Räume klingt dies jedoch überall dort weniger überzeugend, wo Nachbarschaftskonflikte und innerstaatliche Auseinandersetzungen die Konfliktkarte prägen. Aus europäischer Sicht ist das Buch zugleich ein amerikanisches: In der Selbstwahrnehmung der Europäer (und der vieler Amerikaner) entsteht ihr Zivilisationsraum nicht erst im sechsten Jahrhundert, sondern ist mit der jüdisch-hellenisch-römischen Antike untrennbar verbunden, und auch das Verhältnis zum Islam ist komplizierter und vielschichtiger als Huntington nahelegt. Europa und die arabisch-islamische Welt verbinden nicht nur eine lange Konfliktgeschichte, sondern auch die Erfahrung, daß eine Politik scheitert, die nur auf der Prämisse des Kulturkampfs aufbaut. Von Madrid und Rom aus sieht man wohl auch klarer als aus Harvard, daß das Hauptproblem Nordafrikas in sozioökonomischer Krise und Staatsversagen zu suchen ist, in Verelendung und Fundamentalismus eher als in der Einheit des Islam gegen den Westen. Kühn erscheint aus europäischer Sicht die Behauptung eines lateinamerikanischen Kulturkreises neben dem des Westens. Trotz aller Eigenständigkeit erscheint der Süden Amerikas als eine andere Variante der „neuen Welt“, deren politische Kultur nicht weniger tiefe europäische Wurzeln besitzt. Die ständische und oligarchische Struktur, die Huntington als trennendes Element hervorhebt, wäre ihm möglicherweise näher, wenn die Südstaaten der USA den Bürgerkrieg nicht verloren hätten.
„Multikulturalismus in der Heimat gefährdet die USA und den Westen“, resümiert Huntington, „Universalismus im Ausland gefährdet den Westen und die Welt.“ Eng definiert, mag man dieses Risiko nicht bestreiten, doch scheinen die Gemeinsamkeiten von Wertemustern und Interessenlagen, die auch Huntington konstatiert, mehr Potential für eine Erneuerung universaler Ansätze zu enthalten als er zugesteht. Gerade in dieser Fähigkeit zur Öffnung und Interaktion des Westens liege dessen eigentlicher Kern, schreibt Edward Mortimer in seiner scharfen Kritik des Werks. Huntingtons Rezept tauge nur für eine Zivilisation im Niedergang. Weiteres Nachdenken lohnt.
Mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V.