Das Versagen der Eliten: “Das Dritte Reich und die Juden” von Saul Friedländer

Ich lasse eben alle Antisemiten erschießen. (Friedrich Nietzsche, Abschiedsbrief aus Turin im Januar 1889 an seinen Freund Overbeck)

Die Juden sind unter bloßen Deutschen immer die höhere Rasse gewesen -  feiner,  geistiger,  liebenswürdiger….. Mein  Stolz  ist,  dass  man  mich  überall  liebt  und auszeichnet, außer in Europas Flachland Deutschland. (Friedrich Nietzsche, Brief an seinen Freund Overbeck, 24.03.1887)

Europa ist gerade in Hinsicht auf Logisierung, auf reinlichere Kopf-Gewohnheiten den Juden nicht wenig Dank schuldig; voran die Deutschen, als eine beklagenswert deraisonnable Rasse, der man auch heute immer noch zuerst ‘den Kopf zu waschen hat’. Überall, wo Juden zu Einfluß gekommen sind, haben sie feiner zu scheiden, schärfer zu folgern, heller und sauberer zu schreiben gelehrt: ihre Aufgabe war es immer ein Volk ‘zur Raison’ zu bringen. (Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse)

Eine Rezension von Dr. Hans-Peter Raddatz
Orientalist und Publizist

“Das Dritte Reich und die Juden” von Saul Friedländer

Der Rezensent, der sich selbst - aus anderem, kulturhistorischem Blickwinkel - mit dem Antisemitismus befasst hat, ist von Hause aus weniger versucht, sich lediglich undifferenziert dem Chor der weit überwiegend sehr positiven, aber zumeist zu allgemein gehaltenen Besprechungen anzuschließen. Umschreibungen wie “Stimmen aus der Hölle”, Schrei aus der Asche” etc. treffen zwar schlaglichtartig zu, werden aber der Grundaussage des vorliegenden Werks, das im Herbst 2007 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt wurde, nicht wirklich gerecht.

Sein so epochales wie beklemmendes Buch über die Entstehung und Durchführung der Judenvernichtung durch das Dritte Reich teilt Friedländer in zwei große Abschnitte - Jahre der Verfolgung (1933 - 1939) und Jahre der Vernichtung (1939 - 1945), wobei der erste Teil 1998, der zweite 2006 erschienen ist und anlässlich der Preisverleihung beide zu einem Band zusammengefasst wurden.

Unter vielem anderen beschreibt Saul Friedländer, dessen Eltern in Auschwitz ermordet wurden, einen Vorgang, der in des Autors einmaliger Kombination von historischer Analyse und literarischer Erzählkunst eine wichtige Schlüsselrolle spielt.

Es ging um ein dringendes Hilfsersuchen eines slowakischen Rabbiners an die Führungen in den USA und Großbritannien, die Bahnlinie von Ungarn nach Polen zu bombardieren, um die endgültige Vernichtung der ungarischen Juden zu stoppen. Dabei waren zwei Aspekte zu berücksichtigen: Zum einen hatten die Nazis inzwischen eine im wahren Wortsinne tödliche “Routine” und ein enormes Tempo bei den Transporten aus Ungarn entwickelt, das der sich dramatisch verschlechternden Kriegslage entsprach, zum anderen war in ganz Europa die Erkenntnis gedämmert, dass der eigene Antisemitismus vielerorts die Verwaltungen in einer Weise motivierte, die den Nazis die Aufgabe vor Ort erheblich erleichterte.

Dies traf in besonderem Maße auch auf die Ungarn zu, die es - im Gegensatz zu Rumänien - zuließen, dass in kürzester Zeit die erste Hälfte von etwa 800.000 Juden in den Gaskammern verschwand.

Friedländers ungewöhnliche Verbindung aus weltgeschichtlichen Lageschilderungen, Entwicklungssträngen auf den wichtigsten Ebenen der Politik, Universität, Kirchen und Medien sowie Tagebucheinträgen von Juden - arbeitet ein detailliertes Bild der Szenarien heraus, die es ermöglichten, dass eine Gruppe von Verbrechern die Führung des deutschen Staates übernehmen konnte und bei der Entwicklung ihrer Vernichtungspolitik durch die Mehrheit der anderen Kulturstaaten Europas nicht gestört wurde. Im Gegenteil, indem deren Führungen das Berliner Regime durch eine palliative Anbiederungshaltung eher bestärkten - wie es oft hieß, “um Schlimmeres zu verhüten” - gewannen Hitler und seine Helfer, die anfangs über keinerlei Konzept verfügten, erst jene Denkanstöße und vor allem die Zeit, die sie brauchten, um ihr letztliches “Endziel” in Szene zu setzen.

Mit seiner mehrschichtigen Schilderungsmethode öffnet Friedländer seinen Lesern völlig neue Einblicke in die unglaubliche Mediokrität der “verantwortlichen” Akteure, aus der sich die dann fast schon so banale (Hannah Arendt) wie logische Konsequenz des Massenmords ergab. Um einem angeblichen Angriff Stalins, der “bolschewistischen Marionette des internationalen Judentums” zuvorzukommen, begann Hitler am 1. September 1939 den Zweiten Weltkrieg, der sich untrennbar mit seiner Absicht verband, “alle Juden von dieser Erde zu vertilgen”. Nur so läßt sich die mörderische Konsequenz verstehen, mit der Wehrmacht und SS von Anbeginn vorgingen.

Nachdem die Massenerschießungen der ersten Kriegsjahre abgeschlossen, etwa zwei Millionen Juden umgebracht und die Ghettos im Osten eingerichtet waren, trat 1942 eine etwa einjährige “beruhigte Phase” ein, bevor die NS-Führung zur Errichtung der großen Vernichtungslager und systematischen Deportation der europäischen Juden überging. Beginnend im Westen - Frankreich, Holland, Belgien - breitete sich über das “Altreich” die berüchtigte Welle der Todestransporte nach Osten aus, die weitere drei Millionen Menschen - nun in die Gaswagen, Gaskeller und Verbrennungsöfen von Chelno, Auschwitz, Majdanek, Treblinka etc.- schickten und im Frühjahr 1944 schließlich in Ungarn angekommen war.

Mit fortschreitender Zeit ließen Hitler und Goebbels im Bereich der propagandistischen Vorbereitung sowie Himmler und Heydrich - später auch Eichmann und Bormann - in der organisatorischen Durchführung des Massenmords keinen Zweifel daran, dass sich ihr Krieg gegen das Judentum als den eigentlichen Hauptfeind richtete, der hinter dem US-Kapitalismus und SU-Bolschewismus seine perfiden Fäden zog. Spätestens nach der Wende in Stalingrad, in deren Folge die Todeslager errichtet wurden, zeigte sich diese unmittelbare, paranoide Verknüpfung des Krieges mit der Judenvernichtung, die sich umso frenetischer verstärken musste, je bedrängter die Lage der Nazis nach Landung der Amerikaner in Italien und Griechenland bzw. wenig später in Frankreich wurde.

Dies war der Hintergrund, vor dem die Alliierten standen, als sie der Hilferuf des Rabbiners aus Europa erreichte. Gerade weil die Deutschen zu jener Zeit noch erbitterten Widerstand gegen das amerikanische Vorrücken nach Norden leisteten, war das Bombardement von Gleisen eine umso notwendigere Maßnahme, zumal sie in weit größerem Umfang dem Transport von Nachschub als dem von Juden dienten. Deren Schicksal war allerdings seit Jahren bekannt und interessierte in der Endphase des Krieges weniger als je zuvor, weil die Alliierten andere Prioritäten verfolgten. Die Amerikaner antworteten:

“Das Kriegsministerium ist der Ansicht, dass die vorgeschlagene Luftoperation nicht praktikabel ist. Sie ließe sich nur durch den Abzug beträchtlicher Luftunterstützung durchführen, die für den Erfolg unserer Truppen unentbehrlich ist, welche jetzt in entscheidende Operationen verwickelt sind … ” Wenngleich im Gegenteil diese Operationen ein solches Bombardement ohne unzumutbaren Zusatzaufwand hätten enthalten können, sah man darin nur ein Unternehmen von “…in jedem Fall zweifelhafter Wirksamkeit. Das Kriegsministerium hat volles Verständnis für die humanitären Motive, die zu diesem Vorschlag Anlass gegeben haben, aber aus den obengenannte Gründen erscheint die vorgeschlagene Operation nicht gerechtfertigt” (Friedländer, 1010f.).

Die Engländer antworteten überhaupt nicht, schienen aber mit der ihnen offenbar lästigen Notlage der Juden bestens vertraut. Premier Anthony Eden mokierte sich über den “typisch unhilfreichen Brief” und empfahl süffisant, ihn an den “vehementen Zionisten” Weizmann weiterzureichen, um darüber mit Kriegsminister Sinclair zu sprechen, eine Maßnahme, die den Kämpfer für den Judenstaat lediglich auf zynische Weise beschäftigt halten sollte.

Was Friedländer hier am Hauptstrang seiner Darstellung beispielhaft vorführt, zieht sich in zahlreichen Variationen durch das gesamte Buch: die fatale Funktion einer willfährigen Bürokratie und die zumindest passive Kollaboration der westlichen Eliten mit Hitlers totalitärem Regime, wobei auch und vor allem die Kirchen nicht verschont bleiben. Wer glaubte, daß die zweifellos tendenziösen Darstellungen Rolf Hochhuths und John Cornwells über Pius XII. dessen Image positiv korrigieren könnten, sieht sich durch Friedländers Bild, dem bislang unbekannte Dokumente zugänglich gemacht wurden, getäuscht: “Mit Blick auf die gesamte Skala der Naziverbrechen kann man die Politik Pius’ XII. in der ersten Phase des Krieges als ein Musterbeispiel selektiver Beschwichtigung definieren” (454). Der französische Kardinal Tisserant klagte: “Ich fürchte, die Geschichte wird dem Heiligen Stuhl vorzuwerfen haben, er habe eine Politik der Bequemlichkeit für sich selbst verfolgt, und nicht viel mehr”.

Auch im weiteren Verlauf hat sich daran nicht viel geändert. Pius’ Hinweis, seinen Bischöfen vor Ort “große Entscheidungsfreiheit” gelassen zu haben, erschien fast noch zynischer als Edens Umgang mit Weizmann. Denn wer wollte bei der sprichwörtlich strengen Kirchenhierarchie von den Oberhirten irgendwelche Alleingänge erwarten, wenn der Pontifex kein Beispiel gab? Jedenfalls gingen die Versuche, die Todestransporte aus Italien und schließlich Rom selbst zu stoppen, von nichtkirchlichen Initiativen aus: “Persönlich war er (der Papst) an keiner der Rettungsaktionen in Italien beteiligt” (955).

So ist es denn auch bei wenigen Ausnahmen geblieben, unter denen der Berliner Bischof Preysing hervorzuheben ist. Seine Appelle an den Heiligen Stuhl, die zwischen 1941 und 1943 mit der Grausamkeit der Evakuierungen auch an Dringlichkeit zunahmen, blieben freilich ohne Resonanz. Lediglich Nuntius Cesare Orsenigo, Antisemit und Nazifreund, ließ sich wohlmeinend vernehmen: “Nächstenliebe ist schön und gut, aber die größte Nächstenliebe besteht darin, der Kirche keine Schwierigkeiten zu bereiten” (898).

Wenig besser stellten sich die Umstände bei der Protestantischen Kirche. Aus ihr ging die “Bekennende Kirche” hervor, die sich bei näherem Hinsehen als Popanz erwies. Indem sie ihre Existenz aus dem “Arierparagraphen” herleitete, der allerdings nur auf ein Promille der Pastoren (18 von 18000) angewendet wurde, nahm sie einen chimärenhaft schillernden Charakter an, der ihr ein “Bekenntnis” gegen die Gewalt ersparte.

Ihre Ikonen bekannten sich denn auch eher zum Regime als zu den theoretischen Grundsätzen der Kirche. Martin Niemöller waren die
Juden “unsympathisch und fremd”, und Friedrich Bonhoeffer mußte später das Märtyrertum auf sich nehmen, obwohl er sich mit dem alten Klischee des “Gottesmords” zu schützen suchte: “Niemals ist in der Kirche Christi der Gedanke verloren gegangen, dass das ‘auserwählte Volk’, das den Erlöser der Welt ans Kreuz schlug, in langer Leidensgeschichte den Fluch seines Tuns tragen muss (58).

Der Vollständigkeit halber ist zu erwähnen, dass ihr nationales Gegenstück, der Münchner Kardinal Faulhaber, sich der Einfachheit halber den Machthabern gleich unmissverständlich unterwarf, um nicht “der Regierung Grund zu geben, die Judenhetze in eine Jesuitenhetze umzubiegen” (56). Überdies hielt auch er sich an die bewährten Stereotypen des Antisemitismus: “Die Tochter Sion erhielt den Scheidebrief, und seither wandert der ewige Ahasver ruhelos über die Erde … (61).

Unter solchen Umständen schien es vermessen, von den Intellektuellen in den Universitäten klarere Konturen selbständigen Denkens und Handelns zu erwarten. Der “Freiburger Kreis”, bestehend aus Professoren diverser Fachschaften, der sich als Reaktion auf die Pogrome der “Reichskristallnacht” 1938 gebildet hatte und beiden Kirchen nahestand, gab eine die Gewalt relativierende, im Kern antijüdische Denkschrift heraus, die von Historikern als aus “schizophrener Atmosphäre” entstanden eingestuft wird. Sie steht stellvertretend für das Faszinosum der Macht, das zu allen Zeiten die Intellektuellen danach drängte und weiterhin drängt, durch den Dienst für die Herrschenden selbst zu Trägern des Weltbilds, des “Mainstream”, zu werden, eine uralte Dynamik, die in der Totalitarismusforschung “charismatische Konkurrenz” genannt wird.

Eindringlich schildert Friedländer, wie rasch und selbstverständlich das rassistische Charisma - unabhängig vom Bildungsstand - um sich griff und die Judenheit, erst in Deutschland, dann in ganz Europa, regelrecht einkreiste, In seinen Hasstiraden setzte Hitler das Tempo und verkündete ab 1936 immer ungehemmter die “Prophezeiung” seiner Mission: die Befreiung der Menschheit sowohl “von einer übermenschlichen Kraft, welche die Völker ins Verderben trieb, als auch einer untermenschlichen Ursache von Ansteckung, Zerfall und Tod” (115).

Mit dem Zentrum Deutschland breitete sich dieser politreligiöse “Erlösungsantisemitismus” in konzentrischen Kreisen in Europa aus. Wenn England davon ausgenommen bleib, so betraf dies nur die militärische Besetzung, nicht jedoch den Antisemitismus, der insbesondere unter den britischen Eliten grassierte. Als unerbittliche Konsequenz ergab sich ein ganz legitim erscheinender “Fortschritt” tödlicher “Ausmerzung”, in dem es Himmler seinen SS-Vollstreckern bekanntlich hoch anrechnete, in der Anstrengung des Mordens “anständig geblieben zu sein”.

Bei diesem übernatürlichen Auftrag, der Befreiung von den “Scharen keimtragender Ratten” und der Immunisierung des “arischen Volkskörpers” gegen die “untermenschliche Pest” war es klar, dass sich der “Ewige Jude” seine Auslöschung selbst zuzuschreiben hatte. Dabei lag dem “Reichsleiter” die mentale Entlastung seiner Leute zuoberst am Herzen, denn trotz aller Propaganda erschien das massenhafte Töten letztlich doch nicht als “Erlösung”, sondern offenbar als eine Arbeit ganz besonderer Art, bei deren Erledigung allerdings die eigene “Kultur” hilfreich wirksam sein konnte:

“Heilige Pflicht der höheren Führer und Kommandeure ist es, persönlich dafür zu sorgen, dass keiner unserer Männer, die diese schwere Pflicht zu erfüllen haben, jemals verroht … Diese Aufgabe wird erfüllt durch schärfste Disziplin bei den dienstlichen Obliegenheiten, durch kameradschaftliches Beisammensein am Abend des Tages, der eine solche schwere Aufgabe mit sich gebracht hat. Das kameradschaftliche Beisammensein darf aber niemals mit Alkoholmissbrauch enden”. Nach Himmlers ideellen Vorstellungen deutscher Kultur soll es “ein Abend sein, an dem, den Möglichkeiten entsprechend, in bester deutscher häuslicher Form zu Tisch gesessen und gegessen wird und an dem Musik, Vorträge und das Hineinführen unserer Männer in die schönen Gebiete deutschen Geistes- und Gemütslebens die stunden auszufüllen haben” (644).

Hier schloss sich nicht nur der Kreis zu Kardinal Faulhaber, der es als “Vorzug” seiner Zeit sah, “auf der Höhe des Reiches … das Vorbild einer einfachen und nüchternen, alkohol- und nikotinfreien Lebensführung” (320) zu haben; auch die “Lebensführung” der Nazi-Eliten selbst bestätigte das “Dasein zum Tode”, jene nihilistische Existenzform, die dem Philosophen Martin Heidegger das “Eine, was Not tut” nahe legte und ihm daher den rigorosen Tatzwang der Nazis so sympathisch erscheinen ließ: “Erst später wurde uns klar, dass dieses Eine eigentlich nichts war, eine pure Entschlossenheit, von der nicht feststand Wozu? (Karl Löwith).

Über die unablässigen Sprachmantren des Dritten Reichs, insbesondere die Hassspiralen des “Führers”, gelang es offenbar, die Imagination vom Juden als metaphysischem Epochenfeind in die Realität des physischen Kriegfeinds zu überführen. Ausgehend von der romantischen Ich-Esoterik des 19. Jahrhunderts über Nietzsches “Übermensch-Rhetorik bis hin zu Heideggers “Dasein zum Tode” war eine säkulare Politreligion entstanden, welche sich die “pure Entschlossenheit” aneignete und in die unsichere Leerstelle des “Wozu” das sichere Endziel der Judenvernichtung einsetzte. Dieses Muster steht nicht zuletzt auch für die Macht selbst, deren “pure Entschlossenheit” im Machterhalt und im Arrangement mit allem besteht, das diesem Ziel nützt.

Vor diesem Hintergrund verwundert kaum, dass Hitler vielen als moderner Messias erschien, der sich auf der Basis eines latent grassierenden Antisemitismus in Politik, Bildung und Religion “Respekt”, wenn nicht heimliche Bewunderung verschaffte. Den Apokalyptikern unter ihnen erschien er gar als “Heiliger Henker” (Hyam Maccoby), der an den Juden die sowohl christliche wie islamische Endzeitvorstellung ihrer heilsgeschichtlich notwendigen Vernichtung vollzog.

Es spricht wenig, wenn gar nichts dafür, dass diese Art der übergeschichtlichen Zielbewusstheit, die der Machtoptimierung dient und geschichtlich nur in ihren Graden der Rigorosität schwankt, der Vergangenheit angehört. Im Gegenteil, Friedländers interaktives Schichtensystem aus Weltpolitik, lokaler Kollaboration mit dem Gewaltregime und den persönlichen Aufzeichnungen der jüdischen Beobachter fügt sich nicht nur zu einem dynamischen Gewebe mit großer, authentischer Informationsfülle und Überzeugungskraft zusammen; es zeigt auch und vor allem, daß eine vergleichbare Entwicklung jederzeit wiederholbar ist, wenn die Randbedingungen hinreichend vergleichbar sind.

Wie die Geschichte allgemein und Friedländers beklemmende Zeitgeschichte speziell bestätigen, lässen sich gleichartige Muster feststellen, die immer wieder aufleben, wenn einige wesentliche Bedingungen in ausreichendem Umfang erfüllt sind: eine ideologisch und vor allem wirtschaftlich attraktive Alternative, korrupte Eliten, d.h. verfallende Bildung, verarmende Massen, d.h. steuerbarer Pöbel und die religiöse und/oder wirtschaftliche Legitimierung von Gewalt.

Entsprechend distanziert gestalten sich die Erzählstränge des Autors, obwohl er als Jude ein wahrlich Betroffener und mit dem Verlust seiner Eltern und dem Gang seiner Kindheit und Jugend ein tragisch Getroffener ist. Umso weniger lässt die Einschätzung des Historikers Hans Mommsen bestätigen, der zufolge Friedländer “bewusst auf wissenschaftliche Distanz verzichtet”. Es ist zu hoffen, dass Mommsen dieses Urteil - wenngleich es ebenfalls irrtümlich wäre - nur der narrativen Erzählstruktur anlastet und sich nicht aus seinem alten Kampf gegen die deutsche Öffentlichkeit herleitet.

Sie drückt sich nach seiner Einschätzung vor ihrer Verantwortung, indem sie ihre Schuld auf die Nazigrößen abzuwälzen sucht. Damit setzt er allerdings exakt jenen Opfer/Täter-Tausch fort, den Friedländer mit seiner Methode beispielhaft offen legt. Wer noch zweifeln möchte, den überzeugt Mommsen selbst. Er bedient sich des “Grassismus”, jener eigentümlichen Welle von Spätbekennern wie Grass, Jens, Broszat, Lübbe und anderen, die ihre Mitgliedschaft zur NSDAP und anderen NS-Organisationen “aus Furcht vor Diffamierung” verschwiegen. Dass sie alle vorgaben, mehr oder weniger weit links zu stehen, zeigt die Austauschbarkeit der liberalen Extreme, deren Kritik jedoch als “typisch und verlogen” (Mommsen) zu gelten hat.

Auffällig ist an den Spätbekennern ihre fatale, ideologische Nähe zu den sogenannten “Anti-Deutschen”, einer Gruppierung radikaler Linker, die erheblichen Einfluss in Politik und Medien hat, obwohl sie unter Kontrolle des Verfassungsschutzes steht. Die strukturelle Ähnlichkeit besteht vor allem darin, dass diese Gruppe vorgibt, gegen den Antisemitismus zu kämpfen, obwohl sie ihrerseits jeden bekämpft und diffamiert, der sich für Israel einsetzt. Mithin lässt sich feststellen, dass hier wohl einer der sichersten Deckmäntel überhaupt gefunden wurde.

So wie Grass, Jens & Co. als offene Linke und kryptisierte Altnazis auftraten, agieren die “Anti-Deutschen” als kryptisierte Antisemiten, die sich den Anschein von Israel-Kämpfern geben und gleichzeitig mit Islamisten paktieren. Auch wenn Friedländers Werk keinen Einfluss auf diese zynische Konstellation haben wird, so ändert das nichts an seiner menschlichen Dimension, die weit über den Tag hinausreicht. Wer das Privileg hatte, bei der Preisverleihung in der Frankfurter Paulskirche zugegen zu sein, konnte zum Zeugen dafür werden, mit welch versöhnender Energie Paul Friedländer, der zum Saul Friedländer wurde, einen erheblichen Teil seines Lebens diesem so entsetzenden wie ergreifenden Buch gewidmet hat.

Mit freundlicher Genehmigung von Dr. Hans-Peter Raddatz.

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