Kafkaesk

Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erläutert der Literaturwissenschaftler Reiner Stach, Verfasser einer umfangreichen Kafka-Biografie, was er unter dem Begriff ‘kafkaesk’ versteht:

“Eigentlich kann ich mit dem Begriff gar nicht so viel anfangen. Meistens meinen die Leute damit etwas Absurdes und zugleich Unheimliches, meistens geht es um irgendwelche Machtbeziehungen: Wenn diejenigen, die das Zentrum der Macht besetzen, im Dunkeln bleiben, dann hat man das Gefühl, die Situation sei ‘kafkaesk’. Das ist vermutlich auch die entscheidende Verbindungslinie zwischen Kafka und uns. In seinen Romanen ist ja der Gipfel der Pyramide unsichtbar, und in der heutigen Gesellschaft weiß man – trotz der scheinbaren Transparenz – auch nicht so genau, wie es in den obersten Instanzen zugeht. Wir wissen nicht, wo das Machtzentrum liegt, wir wissen nicht einmal, ob es ein solches Zentrum überhaupt gibt. Wer entscheidet in letzter Instanz über die Weltmarktpreise von Öl und Lebensmitteln? Welche Personengruppe hat den größten Einfluss auf die Börsenkurse? Man wüsste gern, wie es dort oben zugeht, aber man lernt allenfalls die Zwischenhändler kennen. Das ist genau wie in Kafkas ‘Proceß’.”

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