Autorenstreit zwischen Henryk M. Broder und Alan Posener: Dionysos gegen den Gekreuzigten?

July 12, 2009

Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können – das macht den Journalisten. (Karl Kraus)

Vorsicht Satire!

Nachdem HIRAM7 REVIEW den Kommentar-Krieg bzw. die Kollegenschelte zwischen dem herausragenden Publizisten und Chefankläger vom Dienst Henryk M. Broder und dem brillanten Enfant terrible des Hauses Springer Alan Posener publik gemacht hat (wir berichteten), sehen wir uns als dilettantisches (im wahrsten Sinne des Wortes: delectare „sich erfreuen“) Qualitätsmedium für die oberen Zehntausend quasi genötigt, die dementsprechende philosophische Allegorie zu diesem recht unterhaltsamen Vorfall zu liefern.

Wer Dionysos und wer der Gekreuzigter ist, überlassen wir aber unseren Lesern.

***

Ecce homo – Wie man wird, was man ist (1889)

von Friedrich Nietzsche

Inhalt
Warum ich so weise bin.
Warum ich so klug bin.
Warum ich so gute Bücher schreibe.
Geburt der Tragödie.
Die Unzeitgemässen.
Menschliches, Allzumenschliches.
Morgenröthe.
La gaya scienza.
Also sprach Zarathustra.
Jenseits von Gut und Böse.
Genealogie der Moral.
Götzen-Dämmerung.
Der Fall Wagner.
Warum ich ein Schicksal bin.
Kriegserklärung.
Der Hammer redet.

Vorwort

1. In Voraussicht, dass ich über Kurzem mit der schwersten Forderung an die Menschheit herantreten muss, die je an sie gestellt wurde, scheint es mir unerlässlich, zu sagen, wer ich bin. Im Grunde dürfte man’s wissen: denn ich habe mich nicht “unbezeugt gelassen”. Das Missverhältniss aber zwischen der Grösse meiner Aufgabe und der Kleinheit meiner Zeitgenossen ist darin zum Ausdruck gekommen, dass man mich weder gehört, noch auch nur gesehn hat. Ich lebe auf meinen eignen Credit hin, es ist vielleicht bloss ein Vorurtheil, daß ich lebe?…

Ich brauche nur irgend einen “Gebildeten” zu sprechen, der im Sommer ins Oberengadin kommt, um mich zu überzeugen, dass ich nicht lebe …

Unter diesen Umständen giebt es eine Pflicht, gegen die im Grunde meine Gewohnheit, noch mehr der Stolz meiner Instinkte revoltirt, nämlich zu sagen: Hört mich! denn ich bin der und der. Verwechselt mich vor Allem nicht!

2. Ich bin zum Beispiel durchaus kein Popanz, kein Moral-Ungeheuer, ich bin sogar eine Gegensatz-Natur zu der Art Mensch, die man bisher als tugendhaft verehrt hat. Unter uns, es scheint mir, dass gerade Das zu meinem Stolz gehört. Ich bin ein jünger des Philosophen Dionysos, ich zöge vor, eher noch ein Satyr zu sein als ein Heiliger. Aber man lese nur diese Schrift. Vielleicht gelang es mir, vielleicht hatte diese Schrift gar keinen andren Sinn, als diesen Gegensatz in einer heitren und menschenfreundlichen Weise zum Ausdruck zu bringen. Das Letzte, was ich versprechen würde, wäre, die Menschheit zu “verbessern”. Von mir werden keine neuen Götzen aufgerichtet; die alten mögen lernen, was es mit thönernen Beinen auf sich hat. Götzen (mein Wort für “Ideale”) umwerfen – das gehört schon eher zu meinem Handwerk. Man hat die Realität in dem Grade um ihren Werth, ihren Sinn, ihre Wahrhaftigkeit gebracht, als man eine ideale Welt erlog… Die “wahre Welt” und die “scheinbare Welt” – auf deutsch: die erlogne Welt und die Realität …

Die Lüge des Ideals war bisher der Fluch über der Realität, die Menschheit selbst ist durch sie bis in ihre untersten Instinkte hinein verlogen und falsch geworden bis zur Anbetung der umgekehrten Werthe, als die sind, mit denen ihr erst das Gedeihen, die Zukunft, das hohe Recht auf Zukunft verbürgt wäre.

3. Wer die Luft meiner Schriften zu athmen weiss, weiss, dass es eine Luft der Höhe ist, eine starke Luft. Man muss für sie geschaffen sein, sonst ist die Gefahr keine kleine, sich in ihr zu erkälten. Das Eis ist nahe, die Einsamkeit ist ungeheuer – aber wie ruhig alle Dinge im Lichte liegen! wie frei man athmet! wie Viel man unter sich fühlt!

Philosophie, wie ich sie bisher verstanden und gelebt habe, ist das freiwillige Leben in Eis und Hochgebirge – das Aufsuchen alles Fremden und Fragwürdigen im Dasein, alles dessen, was durch die Moral bisher in Bann gethan war. Aus einer langen Erfahrung, welche eine solche Wanderung im Verbotenen gab, lernte ich die Ursachen, aus denen bisher moralisirt und idealisirt wurde, sehr anders ansehn als es erwünscht sein mag: die verborgene Geschichte der Philosophen, die Psychologie ihrer grossen Namen kam für mich an’s Licht.

Wie viel Wahrheit erträgt, wie viel Wahrheit wagt ein Geist? das wurde für mich immer mehr der eigentliche Werthmesser. Irrthum (der Glaube an‘s Ideal) ist nicht Blindheit, Irrthum ist Feigheit… Jede Errungenschaft, jeder Schritt vorwärts in der Erkenntniss folgt aus dem Muth, aus der Härte gegen sich, aus der Sauberkeit gegen sich … Ich widerlege die Ideale nicht, ich ziehe bloss Handschuhe vor ihnen an … Nitimur in vetitum: in diesem Zeichen siegt einmal meine Philosophie, denn man verbot bisher grundsätzlich immer nur die Wahrheit.

4. Innerhalb meiner Schriften steht für sich mein Zarathustra. Ich habe mit ihm der Menschheit das grösste Geschenk gemacht, das ihr bisher gemacht worden ist. Dies Buch, mit einer Stimme über Jahrtausende hinweg, ist nicht nur das höchste Buch, das es giebt, das eigentliche Höhenluft-Buch – die ganze Thatsache Mensch liegt in ungeheurer Ferne unter ihm, es ist auch das tiefste, das aus dem innersten Reichthum der Wahrheit heraus geborene, ein unerschöpflicher Brunnen, in den kein Eimer hinabsteigt, ohne mit Gold und Güte gefüllt heraufzukommen.

Hier redet kein “Prophet”, keiner jener schauerlichen Zwitter von Krankheit und Willen zur Macht, die man Religionsstifter nennt. Man muss vor Allem den Ton, der aus diesem Munde kommt, diesen halkyonischen Ton richtig hören, um dem Sinn seiner Weisheit nicht erbarmungswürdig Unrecht zu thun. “Die stillsten Worte sind es, welche den Sturm bringen, Gedanken, die mit Taubenfüssen kommen, lenken die Welt “

Die Feigen fallen von den Bäumen, sie sind gut und süss: und indem sie fallen, reisst ihnen die rothe Haut. Ein Nordwind bin ich reifen Feigen.

Also, gleich Feigen, fallen euch diese Lehren zu, meine Freunde: nun trinkt ihren Saft und ihr süsses Fleisch! Herbst ist es umher und reiner Himmel und Nachmittag.

Hier redet kein Fanatiker, hier wird nicht “gepredigt”, hier wird nicht Glauben verlangt: aus einer unendlichen Lichtfülle und Glückstiefe fällt Tropfen für Tropfen, Wort für Wort, eine zärtliche Langsamkeit ist das tempo dieser Reden. Dergleichen gelangt nur zu den Auserwähltesten; es ist ein Vorrecht ohne Gleichen hier Hörer zu sein; es steht Niemandem frei, für Zarathustra Ohren zu haben… Ist Zarathustra mit Alledem nicht ein Verführer?

Aber was sagt er doch selbst, als er zum ersten Male wieder in seine Einsamkeit zurückkehrt? Genau das Gegentheil von dem, was irgend ein “Weiser”, “Heiliger”, “Welt-Erlöser” und andrer décadent in einem solchen Falle sagen würde… Er redet nicht nur anders, er ist auch anders.. .

Allein gehe ich nun, meine Jünger! Auch ihr geht nun davon und allein! So will ich es.

Geht fort von mir und wehrt euch gegen Zarathustra! Und besser noch: schämt euch seiner! Vielleicht betrog er euch.

Der Mensch der Erkenntniss muss nicht nur seine Feinde lieben, er muss auch seine Freunde hassen können.

Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schüler bleibt. Und warum wollt ihr nicht an meinem Kranze rupfen?

Ihr verehrt mich: aber wie, wenn eure Verehrung eines Tages umfällt? Hütet euch, dass euch nicht eine Bildsäule erschlage!

Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an Zarathustra! Ihr seid meine Gläubigen, aber was liegt an allen Gläubigen!

Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So thun alle Gläubigen; darum ist es so wenig mit allem Glauben.

Nun heisse ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn ihr mich Alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren…

Friedrich Nietzsche.

***

An diesem vollkommnen Tage, wo Alles reift und nicht nur die Traube braun wird, fiel mir eben ein Sonnenblick auf mein Leben: ich sah rückwärts, ich sah hinaus, ich sah nie so viel und so gute Dinge auf einmal. Nicht umsonst begrub ich heute mein vierundvierzigstes Jahr, ich durfte es begraben, was in ihm Leben war, ist gerettet, ist unsterblich. Die Umwerthung aller Werthe, die Dionysos-Dithyramben und, zur Erholung, die Götzen-Dämmerung.

Alles Geschenke dieses Jahrs, sogar seines letzten Vierteljahrs! Wie sollte ich nicht meinem ganzen Leben dankbar sein? Und so erzähle ich mir mein Leben.

Warum ich so weise bin.
1. Das Glück meines Daseins, seine Einzigkeit vielleicht, liegt in seinem Verhängniss: ich bin, um es in Räthselform auszudrücken, als mein Vater bereits gestorben, als meine Mutter lebe ich noch und werde alt. Diese doppelte Herkunft, gleichsam aus der obersten und der untersten Sprosse an der Leiter des Lebens, décadent zugleich und Anfang – dies, wenn irgend Etwas, erklärt jene Neutralität, jene Freiheit von Partei im Verhältniss zum Gesammtprobleme des Lebens, die mich vielleicht auszeichnet. Ich habe für die Zeichen von Aufgang und Niedergang eine feinere Witterung als je ein Mensch gehabt hat, ich bin der Lehrer par excellence hierfür, – ich kenne Beides, ich bin Beides. – Mein Vater starb mit sechsunddreissig Jahren: er war zart, liebenswürdig und morbid, wie ein nur zum Vorübergehn bestimmtes Wesen, – eher eine gütige Erinnerung an das Leben, als das Leben selbst. Im gleichen Jahre, wo sein Leben abwärts gieng, gieng auch das meine abwärts: im sechsunddreissigsten Lebensjahre kam ich auf den niedrigsten Punkt meiner Vitalität, – ich lebte noch, doch ohne drei Schritt weit vor mich zu sehn. Damals – es war 1879 – legte ich meine Basler Professur nieder, lebte den Sommer über wie ein Schatten in St. Moritz und den nächsten Winter, den sonnenärmsten meines Lebens, als Schatten in Naumburg. Dies war mein Minimum: “Der Wanderer und sein Schatten” entstand währenddem. Unzweifelhaft, ich verstand mich damals auf Schatten … Im Winter darauf, meinem ersten Genueser Winter, brachte jene Versüssung und Vergeistigung, die mit einer extremen Armuth an Blut und Muskel beinahe bedingt ist, die “Morgenröthe” hervor. Die vollkommne Helle und Heiterkeit, selbst Exuberanz des Geistes, welche das genannte Werk wiederspiegelt, verträgt sich bei mir nicht nur mit der tiefsten physiologischen Schwäche, sondern sogar mit einem Excess von Schmerzgefühl. Mitten in Martern, die ein ununterbrochner dreitägiger Gehirn-Schmerz sammt mühseligem Schleimerbrechen mit sich bringt, – besass ich eine Dialektiker-Klarheit par excellence und dachte Dinge sehr kaltblütig durch, zu denen ich in gesünderen Verhältnissen nicht Kletterer, nicht raffinirt, nicht kalt genug bin. Meine Leser wissen vielleicht, in wie fern ich Dialektik als Décadence-Symptom betrachte, zum Beispiel im allerberühmtesten Fall: im Fall des Sokrates. – Alle krankhaften Störungen des Intellekts, selbst jene Halbbetäubung, die das Fieber im Gefolge hat, sind mir bis heute gänzlich fremde Dinge geblieben, über deren Natur und Häufigkeit ich mich erst auf gelehrtem Wege zu unterrichten hatte. Mein Blut läuft langsam. Niemand hat je an mir Fieber constatiren können. Ein Arzt, der mich länger als Nervenkranken behandelte, sagte schliesslich: “nein! an Ihren Nerven liegt’s nicht, ich selber bin nur nervös.” Schlechterdings unnachweisbar irgend eine lokale Entartung; kein organisch bedingtes Magenleiden, wie sehr auch immer, als Folge der Gesammterschöpfung, die tiefste Schwäche des gastrischen Systems. Auch das Augenleiden, dem Blindwerden zeitweilig sich gefährlich annähernd, nur Folge, nicht ursächlich: so dass mit jeder Zunahme an Lebenskraft auch die Sehkraft wieder zugenommen hat. – Eine lange, allzulange Reihe von Jahren bedeutet bei mir Genesung, – sie bedeutet leider auch zugleich Rückfall, Verfall, Periodik einer Art décadence. Brauche ich, nach alledem, zu sagen, dass ich in Fragen der décadence erfahren bin? Ich habe sie vorwärts und rückwärts buchstabirt. Selbst jene Filigran-Kunst des Greifens und Begreifens überhaupt, jene Finger für nuances, jene Psychologie des “Um-die-Ecke-sehns” und was sonst mir eignet, ward damals erst erlernt, ist das eigentliche Geschenk jener Zeit, in der Alles sich bei mir verfeinerte, die Beobachtung selbst wie alle Organe der Beobachtung. Von der Kranken-Optik aus nach gesünderen Begriffen und Werthen, und wiederum umgekehrt aus der Fülle und Selbstgewissheit des reichen Lebens hinuntersehn in die heimliche Arbeit des Décadence-Instinkts – das war meine längste Übung, meine eigentliche Erfahrung, wenn irgend worin wurde ich darin Meister. Ich habe es jetzt in der Hand, ich habe die Hand dafür, Perspektiven umzustellen: erster Grund, weshalb für mich allein vielleicht eine “Umwerthung der Werthe” überhaupt möglich ist.

2. Abgerechnet nämlich, dass ich ein décadent bin, bin ich auch dessen Gegensatz. Mein Beweis dafür ist, unter Anderem, dass ich instinktiv gegen die schlimmen Zustände immer die rechten Mittel wählte: während der décadent an sich immer die ihm nachtheiligen Mittel wählt. Als summa summarum war ich gesund, als Winkel, als Specialität war ich décadent. Jene Energie zur absoluten Vereinsamung und Herauslösung aus gewohnten Verhältnissen, der Zwang gegen mich, mich nicht mehr besorgen, bedienen, beärzteln zu lassen – das verräth die unbedingte Instinkt-Gewissheit darüber, was damals vor Allem noth that. Ich nahm mich selbst in die Hand, ich machte mich selbst wieder gesund: die Bedingung dazu – jeder Physiologe wird das zugeben – ist, dass man im Grunde gesund ist. Ein typisch morbides Wesen kann nicht gesund werden, noch weniger sich selbst gesund machen; für einen typisch Gesunden kann umgekehrt Kranksein sogar ein energisches Stimulans zum Leben, zum Mehr-leben sein. So in der That erscheint mir jetzt jene lange Krankheits-Zeit: ich entdeckte das Leben gleichsam neu, mich selber eingerechnet, ich schmeckte alle guten und selbst kleinen Dinge, wie sie Andre nicht leicht schmecken könnten, – ich machte aus meinem Willen zur; Gesundheit, zum Leben, meine Philosophie … Denn man gebe Acht darauf: die Jahre meiner niedrigsten Vitalität waren es, wo ich aufhörte, Pessimist zu sein: der Instinkt der Selbst-Wiederherstellung verbot mir eine Philosophie der Armuth und Entmuthigung … Und woran erkennt man im Grunde die Wohlgerathenheit! Dass ein wohlgerathner Mensch unsern Sinnen wohlthut: dass er aus einem Holze geschnitzt ist, das hart, zart und wohlriechend zugleich ist. Ihm schmeckt nur, was ihm zuträglich ist; sein Gefallen, seine Lust hört auf, wo das Maass des Zuträglichen überschritten wird. Er erräth Heilmittel gegen Schädigungen, er nützt schlimme Zufälle zu seinem Vortheil aus; was ihn nicht umbringt, macht ihn stärker. Er sammelt instinktiv aus Allem, was er sieht, hört, erlebt, seine Summe: er ist ein auswählendes Princip, er lässt Viel durchfallen. Er ist immer in seiner Gesellschaft, ob er mit Büchern, Menschen oder Landschaften verkehrt: er ehrt, indem er wählt, indem er zulässt, indem er vertraut. Er reagirt auf alle Art Reize langsam, mit jener Langsamkeit, die eine lange Vorsicht und ein gewollter Stolz ihm angezüchtet haben, – er prüft den Reiz, der herankommt, er ist fern davon, ihm entgegenzugehn. Er glaubt weder an “Unglück”, noch an “Schuld”: er wird fertig, mit sich, mit Anderen, er weiss zu vergessen, – er ist stark genug, dass ihm Alles zum Besten gereichen muss. – Wohlan, ich bin das Gegenstück eines décadent: denn ich beschrieb eben mich.

3. Ich betrachte es als ein grosses Vorrecht, einen solchen Vater gehabt zu haben: die Bauern, vor denen er predigte – denn er war, nachdem er einige Jahre am Altenburger Hofe gelebt hatte, die letzten Jahre Prediger – sagten, so müsse wohl ein Engel aussehn. – Und hiermit berühre ich die Frage der Rasse. ich bin ein polnischer Edelmann pur sang, dem auch nicht ein Tropfen schlechtes Blut beigemischt ist, am wenigsten deutsches. Wenn ich den tiefsten Gegensatz zu mir suche, die unausrechenbare Gemeinheit der Instinkte, so finde ich immer meine Mutter und Schwester, – mit solcher canaille mich verwandt zu glauben wäre eine Lästerung auf meine Göttlichkeit. Die Behandlung, die ich von Seiten meiner Mutter und Schwester erfahre, bis auf diesen Augenblick, flösst mir ein unsägliches Grauen ein: hier arbeitet eine vollkommene Höllenmaschine, mit unfehlbarer Sicherheit über den Augenblick, wo man mich blutig verwunden kann – in meinen höchsten Augenblicken, … denn da fehlt jede Kraft, sich gegen giftiges Gewürm zu wehren … Die physiologische Contiguität ermöglicht eine solche disharmonia praestabilita … Aber ich bekenne, dass der tiefste Einwand gegen die “ewige Wiederkunft”, mein eigentlich abgründlicher Gedanke, immer Mutter und Schwester sind. – Aber auch als Pole bin ich ein ungeheurer Atavismus. Man würde Jahrhunderte zurückzugehn haben, um diese vornehmste Rasse, die es auf Erden gab, in dem Masse instinktrein zu finden, wie ich sie darstelle. Ich habe gegen Alles, was heute noblesse heisst, ein souveraines Gefühl von Distinktion, – ich würde dem jungen deutschen Kaiser nicht die Ehre zugestehn, mein Kutscher zu sein. Es giebt einen einzigen Fall, wo ich meines Gleichen anerkenne ich bekenne es mit tiefer Dankbarkeit. Frau Cosima Wagner ist bei Weitem die vornehmste Natur; und, damit ich kein Wort zu wenig sage, sage ich, dass Richard Wagner der mir bei Weitem verwandteste Mann war … Der Rest ist Schweigen … Alle herrschenden Begriffe über Verwandtschafts-Grade sind ein physiologischer Widersinn, der nicht überboten werden kann. Der Papst treibt heute noch Handel mit diesem Widersinn. Man ist am wenigsten mit seinen Eltern verwandt: es wäre das äusserste Zeichen von Gemeinheit, seinen Eltern verwandt zu sein. Die höheren Naturen haben ihren Ursprung unendlich weiter zurück, auf sie hin hat am längsten gesammelt, gespart, gehäuft werden müssen. Die grossen Individuen sind die ältesten: ich verstehe es nicht, aber Julius Cäsar könnte mein Vater sein – oder Alexander, dieser leibhafte Dionysos … In diesem Augenblick, wo ich dies schreibe, bringt die Post mir einen Dionysos-Kopf …

4. Ich habe nie die Kunst verstanden, gegen mich einzunehmen auch das verdanke ich meinem unvergleichlichen Vater – und selbst noch, wenn es mir von grossem Werthe schien. Ich bin sogar, wie sehr immer das unchristlich scheinen mag, nicht einmal gegen mich eingenommen. Man mag mein Leben hin- und herwenden, man wird darin, jenen Einen Fall abgerechnet, keine Spuren davon entdecken, dass jemand bösen Willen gegen mich gehabt hätte, – vielleicht aber etwas zu viel Spuren von gutem Willen … Meine Erfahrungen selbst mit Solchen, an denen Jedermann schlechte Erfahrungen macht, sprechen ohne Ausnahme zu deren Gunsten; ich zähme jeden Bär, ich mache die Hanswürste noch sittsam. In den sieben Jahren, wo ich an der obersten Klasse des Basler Pädagogiums Griechisch lehrte, habe ich keinen Anlass gehabt, eine Strafe zu verhängen; die Faulsten waren bei mir fleissig. Dem Zufall bin ich immer gewachsen; ich muss unvorbereitet sein, um meiner Herr zu sein. Das Instrument, es sei, welches es wolle, es sei so verstimmt, wie nur das Instrument “Mensch” verstimmt werden kann – ich müsste krank sein, wenn es mir nicht gelingen sollte, ihm etwas Anhörbares abzugewinnen. Und wie oft habe ich das von den “Instrumenten” selber gehört, dass sie sich noch nie so gehört hätten… Am schönsten vielleicht von jenem unverzeihlich jung gestorbenen Heinrich von Stein, der einmal, nach sorgsam eingeholter Erlaubniss, auf drei Tage in Sils-Maria erschien, Jedermann erklärend, dass er nicht wegen des Engadins komme. Dieser ausgezeichnete Mensch, der mit der ganzen ungestümen Einfalt eines preussischen Junkers in den Wagner’schen Sumpf hineingewatet war (- und ausserdem noch in den Dühring’schen!) war diese drei Tage wie umgewandelt durch einen Sturmwind der Freiheit, gleich Einem, der plötzlich in seine Höhe gehoben wird und Flügel bekommt. Ich sagte ihm immer, das mache die gute Luft hier oben, so gehe es jedem, man sei nicht umsonst 6000 Fuss über Bayreuth, – aber er wollte mir’s nicht glauben … Wenn trotzdem an mir manche kleine und grosse Missethat verübt worden ist, so war nicht “der Wille”, am wenigsten der böse Wille Grund davon: eher schon hätte ich mich – ich deutete es eben an – über den guten Willen zu beklagen, der keinen kleinen Unfug in meinem Leben angerichtet hat. Meine Erfahrungen geben mir ein Anrecht auf Misstrauen überhaupt hinsichtlich der sogenannten “selbstlosen” Triebe, der gesammten zu Rath und That bereiten “Nächstenliebe”. Sie gilt mir an sich als Schwäche, als Einzelfall der Widerstands-Unfähigkeit gegen Reize, – das Mitleiden heisst nur bei décadents eine Tugend. Ich werfe den Mitleidigen vor, dass ihnen die Scham, die Ehrfurcht, das Zartgefühl vor Distanzen leicht abhanden kommt, dass Mitleiden im Handumdrehn nach Pöbel riecht und schlechten Manieren zum Verwechseln ähnlich sieht, – dass mitleidige Hände unter Umständen geradezu zerstörerisch in ein grosses Schicksal in eine Vereinsamung unter Wunden, in ein Vorrecht auf schwere Schuld hineingreifen können. Die Überwindung des Mitleids rechne ich unter die vornehmen Tugenden: ich habe als “Versuchung Zarathustra’s” einen Fall gedichtet, wo ein grosser Nothschrei an ihn kommt, wo das Mitleiden wie eine letzte Sünde ihn überfallen, ihn von sich abspenstig machen will. Hier Herr bleiben, hier die Höhe seiner Aufgabe rein halten von den viel niedrigeren und kurzsichtigeren Antrieben, welche in den sogenannten selbstlosen Handlungen thätig sind, das ist die Probe, die letzte Probe vielleicht, die ein Zarathustra abzulegen hat – sein eigentlicher Beweis von Kraft…

5. Auch noch in einem anderen Punkte bin ich bloss mein Vater noch einmal und gleichsam sein Fortleben nach einem allzufrühen Tode. Gleich jedem, der nie unter seines Gleichen lebte und dem der Begriff “Vergeltung” so unzugänglich ist wie etwa der Begriff “gleiche Rechte”, verbiete ich mir in Fällen, wo eine kleine oder sehr grosse Thorheit an mir begangen wird, jede Gegenmaassregel, jede Schutzmaassregel, – wie billig, auch jede Vertheidigung, jede “Rechtfertigung”. Meine Art Vergeltung besteht darin, der Dummheit so schnell wie möglich eine Klugheit nachzuschicken: so holt man sie vielleicht noch ein. Im Gleichniss geredet: ich schicke einen Topf mit Confitüren, um eine sauere Geschichte loszuwerden … Man hat nur Etwas an mir schlimm zu machen, ich “vergelte” es, dessen sei man sicher: ich finde über Kurzem eine Gelegenheit, dem “Missethäter” meinen Dank auszudrücken (mitunter sogar für die Missethat) – oder ihn um Etwas zu bitten, was verbindlicher sein kann als Etwas geben… Auch scheint es mir, dass das gröbste Wort, der gröbste Brief noch gutartiger, noch honnetter sind als Schweigen. Solchen, die schweigen, fehlt es fast immer an Feinheit und Höflichkeit des Herzens; Schweigen ist ein Einwand, Hinunterschlucken macht nothwendig einen schlechten Charakter, – es verdirbt selbst den Magen. Alle Schweiger sind dyspeptisch. – Man sieht, ich möchte die Grobheit nicht unterschätzt wissen, sie ist bei weitem die humanste Form des Widerspruchs und, inmitten der modernen Verzärtelung, eine unsrer ersten Tugenden. – Wenn man reich genug dazu ist, ist es selbst ein Glück, Unrecht zu haben. Ein Gott, der auf die Erde käme, dürfte gar nichts Andres thun als Unrecht, – nicht die Strafe, sondern die Schuld auf sich zu nehmen wäre erst göttlich.

6. Die Freiheit vom Ressentiment, die Aufklärung über das Ressentiment – wer weiss, wie sehr ich zuletzt auch darin meiner langen Krankheit zu Dank verpflichtet bin! Das Problem ist nicht gerade einfach: man muss es aus der Kraft heraus und aus der Schwäche heraus erlebt haben. Wenn irgend Etwas überhaupt gegen Kranksein, gegen Schwachsein geltend gemacht werden muss, so ist es, dass in ihm der eigentliche Heilinstinkt, das ist der Wehr- und Waffen-Instinkt im Menschen mürbe wird. Man weiss von Nichts loszukommen, man weiss mit Nichts fertig zu werden, man weiss Nichts zurückzustossen, – Alles verletzt. Mensch und Ding kommen zudringlich nahe, die Erlebnisse treffen zu tief, die Erinnerung ist eine eiternde Wunde. Kranksein ist eine Art Ressentiment selbst. – Hiergegen hat der Kranke nur Ein grosses Heilmittel – ich nenne es den russischen Fatalismus, jenen Fatalismus ohne Revolte, mit dem sich ein russischer Soldat, dem der Feldzug zu hart wird, zuletzt in den Schnee legt. Nichts überhaupt mehr annehmen, an sich nehmen, in sich hineinnehmen, – überhaupt nicht mehr reagiren … Die grosse Vernunft dieses Fatalismus, der nicht immer nur der Muth zum Tode ist, als lebenerhaltend unter den lebensgefährlichsten Umständen, ist die Herabsetzung des Stoffwechsels, dessen Verlangsamung, eine Art Wille zum Winterschlaf. Ein paar Schritte weiter in dieser Logik, und man hat den Fakir, der wochenlang in einem Grabe schläft … Weil man zu schnell sich verbrauchen würde, wenn man überhaupt reagirte, reagirt man gar nicht mehr: dies ist die Logik. Und mit Nichts brennt man rascher ab, als mit den Ressentiments-Affekten. Der Ärger, die krankhafte Verletzlichkeit, die Ohnmacht zur Rache, die Lust, der Durst nach der Rache, das Giftmischen in jedem Sinne – das ist für Erschöpfte sicherlich die nachtheiligste Art zu reagiren: ein rapider Verbrauch von Nervenkraft, eine krankhafte Steigerung schädlicher Ausleerungen, zum Beispiel der Galle in den Magen, ist damit bedingt. Das Ressentiment ist das Verbotene an sich für den Kranken – sein Böses: leider auch sein natürlichster Hang. – Das begriff jener tiefe Physiolog Buddha. Seine “Religion”, die man besser als eine Hygiene bezeichnen dürfte, um sie nicht mit so erbarmungswürdigen Dingen wie das Christenthum ist, zu vermischen, machte ihre Wirkung abhängig von dem Sieg über das Ressentiment: die Seele davon frei machen – erster Schritt zur Genesung. “Nicht durch Feindschaft kommt Feindschaft zu Ende, durch Freundschaft kommt Feindschaft zu Ende”: das steht am Anfang der Lehre Buddha‘s – so redet nicht die Moral, so redet die Physiologie. – Das Ressentiment, aus der Schwäche geboren, Niemandem schädlicher als dem Schwachen selbst, – im andern Falle, wo eine reiche Natur die Voraussetzung ist, ein überflüssiges Gefühl, ein Gefühl, über das Herr zu bleiben beinahe der Beweis des Reichthums ist. Wer den Ernst kennt, mit dem meine Philosophie den Kampf mit den Rach- und Nachgefühlen bis in die Lehre vom “freien Willen” hinein aufgenommen hat – der Kampf mit dem Christenthum ist nur ein Einzelfall daraus – wird verstehn, weshalb ich mein persönliches Verhalten, meine instinktsicherheit in der Praxis hier gerade an’s Licht stelle. In den Zeiten der décadence verbot ich sie mir als schädlich; sobald das Leben wieder reich und stolz genug dazu war, verbot ich sie mir als unter mir. Jener “russische Fatalismus”, von dem ich sprach, trat darin bei mir hervor, dass ich beinahe unerträgliche Lagen, Orte, Wohnungen, Gesellschaften, nachdem sie einmal, durch Zufall, gegeben waren, Jahre lang zäh festhielt, – es war besser, als sie ändern, als sie veränderbar zu fühlen, – als sich gegen sie aufzulehnen … Mich in diesem Fatalismus stören, mich gewaltsam aufwecken nahm ich damals tödtlich übel: – in Wahrheit war es auch jedes Mal tödtlich gefährlich. – Sich selbst wie ein Fatum nehmen, nicht sich “anders” wollen – das ist in solchen Zuständen die grosse Vernunft selbst.

7. Ein ander Ding ist der Krieg. Ich bin meiner Art nach kriegerisch. Angreifen gehört zu meinen Instinkten. Feind sein können, Feind sein – das setzt vielleicht eine starke Natur voraus, jedenfalls ist es bedingt in jeder starken Natur. Sie braucht Widerstände, folglich sucht sie Widerstand: das aggressive Pathos gehört ebenso nothwendig zur Stärke als das Rach- und Nachgefühl zur Schwäche. Das Weib zum Beispiel ist rachsüchtig: das ist in seiner Schwäche bedingt, so gut wie seine Reizbarkeit für fremde Noth. – Die Stärke des Angreifenden hat in der Gegnerschaft, die er nöthig hat, eine Art Maass; jedes Wachsthum verräth sich im Aufsuchen eines gewaltigeren Gegners – oder Problems: denn ein Philosoph, der kriegerisch ist, fordert auch Probleme zum Zweikampf heraus. Die Aufgabe ist nicht, überhaupt über Widerstände Herr zu werden, sondern über solche, an denen man seine ganze Kraft, Geschmeidigkeit und Waffen-Meisterschaft einzusetzen hat, – über gleiche Gegner… Gleichheit vor dem Feinde – erste Voraussetzung zu einem rechtschaffnen Duell. Wo man verachtet, kann man nicht Krieg führen; wo man befiehlt, wo man Etwas unter sich sieht, hat man nicht Krieg zu führen. Meine Kriegs-Praxis ist in vier Sätze zu fassen. Erstens: ich greife nur Sachen an, die siegreich sind, – ich warte unter Umständen, bis sie siegreich sind. Zweitens: ich greife nur Sachen an, wo ich keine Bundesgenossen finden würde, wo ich allein stehe, – wo ich mich allein compromittire … Ich habe nie einen Schritt öffentlich gethan, der nicht compromittirte: das ist mein Kriterium des rechten Handelns. Drittens: ich greife nie Personen an, – ich bediene mich der Person nur wie eines starken Vergrösserungsglases, mit dem man einen allgemeinen, aber schleichenden, aber wenig greifbaren Nothstand sichtbar machen kann. So griff ich David Strauss an, genauer den Erfolg eines altersschwachen Buchs bei der deutschen “Bildung”, – ich ertappte diese Bildung dabei auf der That… So griff ich Wagnern an, genauer die Falschheit, die Instinkt-Halbschlächtigkeit unsrer “Cultur”, welche die Raffinirten mit den Reichen, die Späten mit den Grossen verwechselt. Viertens: ich greife nur Dinge an, wo jedwede Personen-Differenz ausgeschlossen ist, wo jeder Hintergrund schlimmer Erfahrungen fehlt. Im Gegentheil, angreifen ist bei mir ein Beweis des Wohlwollens, unter Umständen der Dankbarkeit. Ich ehre, ich zeichne aus damit, dass ich meinen Namen mit dem einer Sache, einer Person verbinde: für oder wider – das gilt mir darin gleich. Wenn ich dem Christenthum den Krieg mache, so steht dies mir zu, weil ich von dieser Seite aus keine Fatalitäten und Hemmungen erlebt habe, – die ernstesten Christen sind mir immer gewogen gewesen. Ich selber, ein Gegner des Christenthums de rigueur, bin ferne davon, es dem Einzelnen nachzutragen, was das Verhängniss von Jahrtausenden ist.

8. Darf ich noch einen letzten Zug meiner Natur anzudeuten wagen, der mir im Umgang mit Menschen keine kleine Schwierigkeit macht? Mir eignet eine vollkommen unheimliche Reizbarkeit des Reinlichkeits-Instinkts, so dass ich die Nähe oder – was sage ich? – das Innerlichste, die “Eingeweide” jeder Seele physiologisch wahrnehme – rieche… Ich habe an dieser Reizbarkeit psychologische Fühlhörner, mit denen ich jedes Geheimniss betaste und in die Hand bekomme: der viele verborgene Schmutz auf dem Grunde mancher Natur, vielleicht in schlechtem Blut bedingt, aber durch Erziehung übertüncht, wird mir fast bei der ersten Berührung schon bewusst. Wenn ich recht beobachtet habe, empfinden solche meiner Reinlichkeit unzuträgliche Naturen die Vorsicht meines Ekels auch ihrerseits: sie werden damit nicht wohlriechender … So wie ich mich immer gewöhnt habe – eine extreme Lauterkeit gegen mich ist meine Daseins-Voraussetzung, ich komme um unter unreinen Bedingungen, schwimme und bade und plätschere ich gleichsam beständig im Wasser, in irgend einem vollkommen durchsichtigen und glänzenden Elemente. Das macht mir aus dem Verkehr mit Menschen keine kleine Gedulds-Probe; meine Humanität besteht nicht darin, mitzufühlen, wie der Mensch ist, sondern es auszuhalten, dass ich ihn mitfühle … Meine Humanität ist eine beständige Selbstüberwindung. – Aber ich habe Einsamkeit nöthig, will sagen, Genesung, Rückkehr zu mir, den Athem einer freien leichten spielenden Luft … Mein ganzer Zarathustra ist ein Dithyrambus auf die Einsamkeit, oder, wenn man mich verstanden hat, auf die Reinheit… Zum Glück nicht auf die reine Thorheit. – Wer Augen für Farben hat, wird ihn diamanten nennen. – Der Ekel am Menschen, am “Gesindel” war immer meine grösste Gefahr … Will man die Worte hören, in denen Zarathustra von der Erlösung vom Ekel redet?

Was geschah mir doch? Wie erlöste ich mich vom Ekel? Wer verjüngte mein Auge? Wie erflog ich die Höhe, wo kein Gesindel mehr am Brunnen sitzt?

Schuf mein Ekel selber mir Flügel und quellenahnende Kräfte? Wahrlich, in’s Höchste musste ich fliegen, dass ich den Born der Lust wiederfände!-

Oh ich fand ihn, meine Brüder! Hier im Höchsten quillt mir der Born der Lust! Und es giebt ein Leben, an dem kein Gesindel mittrinkt!

Fast zu heftig strömst du mir, Quell der Lust! Und oft leerst du den Becher wieder, dadurch, dass du ihn füllen willst.

Und noch muss ich lernen, bescheidener dir zu nahen: allzuheftig strömt dir noch mein Herz entgegen:

- mein Herz, auf dem mein Sommer brennt, der kurze, heisse, schwermüthige, überselige: wie verlangt mein Sommer-Herz nach deiner Kühle!

Vorbei die zögernde Trübsal meines Frühlings! Vorüber die Schneeflocken meiner Bosheit im Juni! Sommer wurde ich ganz und Sommer-Mittag,

- ein Sommer im Höchsten mit kalten Quellen und seliger Stille: oh kommt, meine Freunde, dass die Stille noch seliger werde!

Denn dies ist unsre Höhe und unsre Heimat: zu hoch und steil wohnen wir hier allen Unreinen und ihrem Durste.

Werft nur eure reinen Augen in den Born meiner Lust, ihr Freunde! Wie sollte er darob trübe werden? Entgegenlachen soll er euch mit seiner Reinheit.

Auf dem Baume Zukunft bauen wir unser Nest; Adler sollen uns Einsamen Speise bringen in ihren Schnäbeln!

Wahrlich, keine Speise, an der Unsaubere mitessen dürften! Feuer würden sie zu fressen wähnen und sich die Mäuler verbrennen.

Wahrlich, keine Heimstätten halten wir hier bereit für Unsaubere! Eishöhle würde ihren Leibern unser Glück heissen und ihren Geistern!

Und wie starke Winde wollen wir über ihnen leben, Nachbarn den Adlern, Nachbarn dem Schnee, Nachbarn der Sonne: also leben starke Winde.

Und einem Winde gleich will ich einst noch zwischen sie blasen und mit meinem Geiste ihrem Geiste den Athem nehmen: so will es meine Zukunft.

Wahrlich, ein starker Wind ist Zarathustra allen Niederungen: und solchen Rath räth er seinen Feinden und Allem, was spuckt und speit: hütet euch, gegen den Wind zu speien! …

Warum ich so klug bin.
1. Warum ich Einiges mehr weiss? Warum ich überhaupt so klug bin? Ich habe nie über Fragen nachgedacht, die keine sind, – ich habe mich nicht verschwendet. – Eigentliche religiöse Schwierigkeiten zum Beispiel kenne ich nicht aus Erfahrung. Es ist mir gänzlich entgangen, in wiefern ich “sündhaft” sein sollte. Insgleichen fehlt mir ein zuverlässiges Kriterium dafür, was ein Gewissensbiss ist: nach dem, was man darüber hört, scheint mir ein Gewissensbiss nichts Achtbares … Ich möchte nicht eine Handlung hinterdrein in Stich lassen, ich würde vorziehn, den schlimmen Ausgang, die Folgen grundsätzlich aus der Werthfrage wegzulassen. Man verliert beim schlimmen Ausgang gar zu leicht den richtigen Blick für Das, was man that: ein Gewissensbiss scheint mir eine Art “böser Blick”. Etwas, das fehlschlägt, um so mehr bei sich in Ehren halten, weil es fehlschlug – das gehört eher schon zu meiner Moral. – “Gott”, “Unsterblichkeit der Seele”, “Erlösung”, “Jenseits” lauter Begriffe, denen ich keine Aufmerksamkeit, auch keine Zeit geschenkt habe, selbst als Kind nicht, – ich war vielleicht nie kindlich genug dazu? – Ich kenne den Atheismus durchaus nicht als Ergebniss, noch weniger als Ereigniss: er versteht sich bei mir aus Instinkt. Ich bin zu neugierig, zu fragwürdig, zu übermüthig, um mir eine faustgrobe Antwort gefallen zu lassen. Gott ist eine faustgrobe Antwort, eine Undelicatesse gegen uns Denker -, im Grunde sogar bloss ein faustgrobes Verbot an uns: ihr sollt nicht denken! … Ganz anders interessirt mich eine Frage, an der mehr das “Heil der Menschheit” hängt, als an irgend einer Theologen-Curiosität: die Frage der Ernährung. Man kann sie sich, zum Handgebrauch, so formuliren: “wie hast gerade du dich zu ernähren, um zu deinem Maximum von Kraft, von Virtù im Renaissance-Stile, von moralinfreier Tugend zu kommen?” – Meine Erfahrungen sind hier so schlimm als möglich; ich bin erstaunt, diese Frage so spät gehört, aus diesen Erfahrungen so spät “Vernunft” gelernt zu haben. Nur die vollkommne Nichtswürdigkeit unsrer deutschen Bildung – ihr “Idealismus” – erklärt mir einigermaassen, weshalb ich gerade hier rückständig bis zur Heiligkeit war. Diese “Bildung”, welche von vornherein die Realitäten aus den Augen verlieren lehrt, um durchaus problematischen, sogenannten “idealen” Zielen nachzujagen, zum Beispiel der “klassischen Bildung”: – als ob es nicht von vornherein verurtheilt wäre, “klassisch”, und “deutsch” in Einen Begriff zu einigen! Mehr noch, es wirkt erheiternd, – man denke sich einmal einen “klassisch gebildeten” Leipziger! – In der That, ich habe bis zu meinen reifsten Jahren immer nur schlecht gegessen, – moralisch ausgedrückt “unpersönlich”, “selbstlos”, “altruistisch”, zum Heil der Köche und andrer Mitchristen. Ich verneinte zum Beispiel durch Leipziger Küche, gleichzeitig mit meinem ersten Studium Schopenhauer’s (1865), sehr ernsthaft meinen “Willen zum Leben”. Sich zum Zweck unzureichender Ernährung auch noch den Magen verderben – dies Problem schien mir die genannte Küche zum Verwundern glücklich zu lösen. (Man sagt, 1866 habe darin eine Wendung hervorgebracht -.) Aber die deutsche Küche überhaupt – was hat sie nicht Alles auf dem Gewissen! Die Suppe vor der Mahlzeit (noch in Venetianischen Kochbüchern des 16. Jahrhunderts alla tedesca genannt); die ausgekochten Fleische, die fett und mehlig gemachten Gemüse; die Entartung der Mehlspeise zum Briefbeschwerer! Rechnet man gar noch die geradezu viehischen Nachguss-Bedürfnisse der alten, durchaus nicht bloss alten Deutschen dazu, so versteht man auch die Herkunft des deutschen Geistes – aus betrübten Eingeweiden … Der deutsche Geist ist eine Indigestion, er wird mit Nichts fertig. – Aber auch die englische Diät, die, im Vergleich mit der deutschen, selbst der französischen, eine Art “Rückkehr zur Natur”, nämlich zum Canibalismus ist, geht meinem eignen Instinkt tief zuwider; es scheint mir, dass sie dem Geist schwere Füsse giebt – Engländerinnen-Füsse … Die beste Küche ist die Piemont’s. – Alkoholika sind mir nachtheilig; ein Glas Wein oder Bier des Tags reicht vollkommen aus, mir aus dem Leben ein “Jammerthal” zu machen, – in München leben meine Antipoden. Gesetzt, dass ich dies ein wenig spät begriff, erlebt habe ich’s eigentlich von Kindesbeinen an. Als Knabe glaubte ich, Weintrinken sei wie Tabakrauchen anfangs nur eine Vanitas junger Männer, später eine schlechte Gewöhnung. Vielleicht, dass an diesem herben Urtheil auch der Naumburger Wein mit schuld ist. Zu glauben, dass der Wein erheitert, dazu müsste ich Christ sein, will sagen glauben, was gerade für mich eine Absurdität ist. Seltsam genug, bei dieser extremen Verstimmbarkeit durch kleine, stark verdünnte Dosen Alkohol, werde ich beinahe zum Seemann, wenn es sich um starke Dosen handelt. Schon als Knabe hatte ich hierin meine Tapferkeit. Eine lange lateinische Abhandlung in Einer Nachtwache niederzuschreiben und auch noch abzuschreiben, mit dem Ehrgeiz in der Feder, es meinem Vorbilde Sallust in Strenge und Gedrängtheit nachzuthun und einigen Grog von schwerstem Kaliber über mein Latein zu giessen, dies stand schon, als ich Schüler der ehrwürdigen Schulpforta war, durchaus nicht im Widerspruch zu meiner Physiologie, noch vielleicht auch zu der des Sallust wie sehr auch immer zur ehrwürdigen Schulpforta … Später, gegen die Mitte des Lebens hin, entschied ich mich freilich immer strenger gegen jedwedes “geistige” Getränk: ich, ein Gegner des Vegetarierthums aus Erfahrung, ganz wie Richard Wagner, der mich bekehrt hat, weiss nicht ernsthaft genug die unbedingte Enthaltung von Alcoholicis allen geistigeren Naturen anzurathen. Wasser thut’s … Ich ziehe Orte vor, wo man überall Gelegenheit hat, aus fliessenden Brunnen zu schöpfen (Nizza, Turin, Sils); ein kleines Glas läuft mir nach wie ein Hund. In vino veritas: es scheint, dass ich auch hier wieder über den Begriff “Wahrheit” mit aller Welt uneins bin: – bei mir schwebt der Geist über dem Wasser… Ein paar Fingerzeige noch aus meiner Moral. Eine starke Mahlzeit ist leichter zu verdauen als eine zu kleine. Dass der Magen als Ganzes in Thätigkeit tritt, erste Voraussetzung einer guten Verdauung. Man muss die Grösse seines Magens kennen. Aus gleichem Grunde sind jene langwierigen Mahlzeiten zu widerrathen, die ich unterbrochne Opferfeste nenne, die an der table d’hôte. – Keine Zwischenmahlzeiten, keinen Café: Café verdüstert. Thee nur morgens zuträglich. Wenig, aber energisch; Thee sehr nachtheilig und den ganzen Tag ankränkelnd, wenn er nur um einen Grad zu schwach ist. Jeder hat hier sein Maass, oft zwischen den engsten und delikatesten Grenzen. In einem sehr agaçanten Klima ist Thee als Anfang unräthlich: man soll eine Stunde vorher eine Tasse dicken entölten Cacao’s den Anfang machen lassen. – So wenig als möglich sitzen; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung, in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern. Alle Vorurtheile kommen aus den Eingeweiden. – Das Sitzfleisch – ich sagte es schon einmal – die eigentliche Sünde wider den heiligen Geist.

2. Mit der Frage der Ernährung ist nächstverwandt die Frage nach Ort und Klima. Es steht Niemandem frei, überall zu leben; und wer grosse Aufgaben zu lösen hat, die seine ganze Kraft herausfordern, hat hier sogar eine sehr enge Wahl. Der klimatische Einfluss auf den Stoffwechsel, seine Hemmung, seine Beschleunigung, geht so weit, dass ein Fehlgriff in Ort und Klima jemanden nicht nur seiner Aufgabe entfremden, sondern ihm dieselbe überhaupt vorenthalten kann: er bekommt sie nie zu Gesicht. Der animalische vigor ist nie gross genug bei ihm geworden, dass jene ins Geistigste überströmende Freiheit erreicht wird, wo jemand erkennt: das kann ich allein … Eine zur schlechten Gewohnheit gewordne noch so kleine Eingeweide-Trägheit genügt vollständig, um aus einem Genie etwas Mittelmässiges, etwas “Deutsches”, zu machen; das deutsche Klima allein ist ausreichend, um starke und selbst heroisch angelegte Eingeweide zu entmuthigen. Das tempo des Stoffwechsels steht in einem genauen Verhältniss zur Beweglichkeit oder Lahmheit der Füsse des Geistes; der “Geist” selbst ist ja nur eine Art dieses Stoffwechsels. Man stelle sich die Orte zusammen, wo es geistreiche Menschen giebt und gab, wo Witz, Raffinement, Bosheit zum Glück gehörten, wo das Genie fast nothwendig sich heimisch machte: sie haben alle eine ausgezeichnet trockne Luft. Paris, die Provence, Florenz, Jerusalem, Athen – diese Namen beweisen Etwas: das Genie ist bedingt durch trockne Luft, durch reinen Himmel, – das heisst durch rapiden Stoffwechsel, durch die Möglichkeit, grosse, selbst ungeheure Mengen Kraft sich immer wieder zuzuführen. Ich habe einen Fall vor Augen, wo ein bedeutend und frei angelegter Geist bloss durch Mangel an Instinkt-Feinheit im Klimatischen eng, verkrochen, Specialist und Sauertopf wurde. Und ich selber hätte zuletzt dieser Fall werden können, gesetzt, dass mich nicht die Krankheit zur Vernunft, zum Nachdenken über die Vernunft in der Realität gezwungen hätte. Jetzt, wo ich die Wirkungen klimatischen und meteorologischen Ursprungs aus langer Übung an mir als an einem sehr feinen und zuverlässigen Instrumente ablese und bei einer kurzen Reise schon, etwa von Turin nach Mailand, den Wechsel in den Graden der Luftfeuchtigkeit physiologisch bei mir nachrechne, denke ich mit Schrecken an die unheimliche Tatsache, dass mein Leben bis auf die letzten 10 Jahre, die lebensgefährlichen Jahre, immer sich nur in falschen und mir geradezu verbotenen Orten abgespielt hat. Naumburg, Schulpforta, Thüringen überhaupt, Leipzig, Basel – ebenso viele Unglücks-Orte für meine Physiologie. Wenn ich überhaupt von meiner ganzen Kindheit und Jugend keine willkommne Erinnerung habe, so wäre es eine Thorheit, hier sogenannte “moralische” Ursachen geltend zu machen, – etwa den unbestreitbaren Mangel an zureichender Gesellschaft: denn dieser Mangel besteht heute wie er immer bestand, ohne dass er mich hinderte, heiter und tapfer zu sein. Sondern die Unwissenheit in physiologicis – der verfluchte “Idealismus” – ist das eigentliche Verhängniss in meinem Leben, das überflüssige und Dumme darin, Etwas, aus dem nichts Gutes gewachsen, für das es keine Ausgleichung, keine Gegenrechnung giebt. Aus den Folgen dieses “Idealismus” erkläre ich mir alle Fehlgriffe, alle grossen Instinkt-Abirrungen und “Bescheidenheiten” abseits der Aufgabe meines Lebens, zum Beispiel, dass ich Philologe wurde – warum zum Mindesten nicht Arzt oder sonst irgend etwas Augen-Aufschliessendes? In meiner Basler Zeit war meine ganze geistige Diät, die Tages-Eintheilung eingerechnet, ein vollkommen sinnloser Missbrauch ausserordentlicher Kräfte, ohne eine irgendwie den Verbrauch deckende Zufuhr von Kräften, ohne ein Nachdenken selbst über Verbrauch und Ersatz. Es fehlte jede feinere Selbstigkeit, jede Obhut eines gebieterischen Instinkts, es war ein Sich-gleichsetzen mit Irgendwem, eine “Selbstlosigkeit”, ein Vergessen seiner Distanz, – Etwas, das ich mir nie verzeihe. Als ich fast am Ende war, dadurch das sich fast am Ende war, wurde ich nachdenklich über diese Grund-Unvernunft meines Lebens – den “Idealismus”. Die Krankheit brachte mich erst zur Vernunft. -

3. Die Wahl in der Ernährung; die Wahl von Klima und Ort; das Dritte, worin man um keinen Preis einen Fehlgriff thun darf, ist die Wahl seiner Art Erholung. Auch hier sind je nach dem Grade, in dem ein Geist sui generis ist, die Grenzen des ihm Erlaubten, das heisst Nützlichen, eng und enger. In meinem Fall gehört alles Lesen zu meinen Erholungen: folglich zu dem, was mich von mir losmacht, was mich in fremden Wissenschaften und Seelen spazieren gehn lässt, – was ich nicht mehr ernst nehme. Lesen erholt mich eben von meinem Ernste. In tief arbeitsamen Zeiten sieht man keine Bücher bei mir: ich würde mich hüten, jemanden in meiner Nähe reden oder gar denken zu lassen. Und das hiesse ja lesen … Hat man eigentlich beobachtet, dass in jener tiefen Spannung, zu der die Schwangerschaft den Geist und im Grunde den ganzen Organismus verurtheilt, der Zufall, jede Art Reiz von aussen her zu vehement wirkt, zu tief “einschlägt”? Man muss dem Zufall, dem Reiz von aussen her so viel als möglich aus dem Wege gehn; eine Art Selbst-Vermauerung gehört zu den ersten Instinkt-Klugheiten der geistigen Schwangerschaft. Werde ich es erlauben, dass ein fremder Gedanke heimlich über die Mauer steigt? – Und das hiesse ja lesen… Auf die Zeiten der Arbeit und Fruchtbarkeit folgt die Zeit der Erholung: heran mit euch, ihr angenehmen, ihr geistreichen, ihr gescheuten Bücher! – Werden es deutsche Bücher sein? … Ich muss ein Halbjahr zurückrechnen, dass ich mich mit einem Buch in der Hand ertappe. Was war es doch? – Eine ausgezeichnete Studie von Victor Brochard, les Sceptiques Grecs, in der auch meine Laertiana gut benutzt sind. Die Skeptiker, der einzige ehrenwerthe Typus unter dem so zwei- bis fünfdeutigen Volk der Philosophen! … Sonst nehme ich meine Zuflucht fast immer zu den selben Büchern, einer kleinen Zahl im Grunde, den gerade für mich bewiesenen Büchern. Es liegt vielleicht nicht in meiner Art, Viel und Vielerlei zu lesen: ein Lesezimmer macht mich krank. Es liegt auch nicht in meiner Art, Viel oder Vielerlei zu lieben. Vorsicht, selbst Feindseligkeit gegen neue Bücher gehört eher schon zu meinem Instinkte, als “Toleranz”, “largeur du coeur” und andre “Nächstenliebe” … Im Grunde ist es eine kleine Anzahl älterer Franzosen zu denen ich immer wieder zurückkehre: ich glaube nur an französische Bildung und halte Alles, was sich sonst in Europa “Bildung” nennt, für Missverständniss, nicht zu reden von der deutschen Bildung … Die wenigen Fälle hoher Bildung, die ich in Deutschland vorfand, waren alle französischer Herkunft, vor Allem Frau Cosima Wagner, bei weitem die erste Stimme in Fragen des Geschmacks, die ich gehört habe… Dass ich Pascal nicht lese, sondern liebe, als das lehrreichste Opfer des Christenthums, langsam hingemordet, erst leiblich, dann psychologisch, die ganze Logik dieser schauderhaftesten Form unmenschlicher Grausamkeit; dass ich Etwas von Montaigne’s Muthwillen im Geiste, wer weiss? vielleicht auch im Leibe habe; dass mein Artisten-Geschmack die Namen Molière, Corneille und Racine nicht ohne Ingrimm gegen ein wüstes Genie wie Shakespeare in Schutz nimmt: das schliesst zuletzt nicht aus, dass mir nicht auch die allerletzten Franzosen eine charmante Gesellschaft wären. Ich sehe durchaus nicht ab, in welchem Jahrhundert der Geschichte man so neugierige und zugleich so delikate Psychologen zusammenfischen könnte, wie im jetzigen Paris: ich nenne versuchsweise – denn ihre Zahl ist gar nicht klein – die Herrn Paul Bourget, Pierre Loti, Gyp, Meilhac, Anatole France, Jules Lemaître, oder um Einen von der starken Rasse hervorzuheben, einen echten Lateiner, dem ich besonders zugethan bin, Guy de Maupassant. Ich ziehe diese Generation, unter uns gesagt, sogar ihren grossen Lehrern vor, die allesammt durch deutsche Philosophie verdorben sind: Herr Taine zum Beispiel durch Hegel, dem er das Missverständniss grosser Menschen und Zeiten verdankt. So weit Deutschland reicht, verdirbt es die Cultur. Der Krieg erst hat den Geist in Frankreich “erlöst” … Stendhal, einer der schönsten Zufälle meines Lebens – denn Alles, was in ihm Epoche macht, hat der Zufall, niemals eine Empfehlung mir zugetrieben – ist ganz unschätzbar mit seinem vorwegnehmenden Psychologen-Auge, mit seinem Thatsachen-Griff, der an die Nähe des grössten Thatsächlichen erinnert (ex ungue Napoleonem -); endlich nicht am Wenigsten als ehrlicher Atheist, eine in Frankreich spärliche und fast kaum auffindbare species, – Prosper Mérimée in Ehren … Vielleicht bin ich selbst auf Stendhal neidisch? Er hat mir den besten Atheisten-Witz weggenommen, den gerade ich hätte machen können: “die einzige Entschuldigung Gottes ist, dass er nicht existirt” … Ich selbst habe irgendwo gesagt: was war der grösste Einwand gegen das Dasein bisher? Gott…

4. Den höchsten Begriff vom Lyriker hat mir Heinrich Heine gegeben. Ich suche umsonst in allen Reichen der Jahrtausende nach einer gleich süssen und leidenschaftlichen Musik. Er besass jene göttliche Bosheit, ohne die ich mir das Vollkommne nicht zu denken vermag, – ich schätze den Werth von Menschen, von Rassen darnach ab, wie nothwendig sie den Gott nicht abgetrennt vom Satyr zu verstehen wissen. – Und wie er das Deutsche handhabt! Man wird einmal sagen, dass Heine und ich bei weitem die ersten Artisten der deutschen Sprache gewesen sind – in einer unausrechenbaren Entfernung von Allem, was blosse Deutsche mit ihr gemacht haben. – Mit Byrons Manfred muss ich tief verwandt sein: ich fand alle diese Abgründe in mir, – mit dreizehn Jahren war ich für dies Werk reif. Ich habe kein Wort, bloss einen Blick für die, welche in Gegenwart des Manfred das Wort Faust auszusprechen wagen. Die Deutschen sind unfähig jedes Begriffs von Grösse: Beweis Schumann. Ich habe eigens, aus Ingrimm gegen diesen süsslichen Sachsen, eine Gegenouvertüre zum Manfred componirt, von der Hans von Bülow sagte, dergleichen habe er nie auf Notenpapier gesehn: das sei Nothzucht an der Euterpe. – Wenn ich meine höchste Formel für Shakespeare suche, so finde ich immer nur die, dass er den Typus Cäsar concipirt hat. Dergleichen erräth man nicht, – man ist es oder man ist es nicht. Der grosse Dichter schöpft nur aus seiner Realität – bis zu dem Grade, dass er hinterdrein sein Werk nicht mehr aushält… Wenn, ich einen Blick in meinen Zarathustra geworfen habe, gehe ich eine halbe Stunde im Zimmer auf und ab, unfähig, über einen unerträglichen Krampf von Schluchzen Herr zu werden. – Ich kenne keine herzzerreissendere Lektüre als Shakespeare: was muss ein Mensch gelitten haben, um dergestalt es nöthig zu haben, Hanswurst zu sein! – Versteht man den Hamlet? Nicht der Zweifel, die Gewissheit ist das, was wahnsinnig macht … Aber dazu muss man tief, Abgrund, Philosoph sein, um so zu fühlen… Wir fürchten uns Alle vor der Wahrheit … Und, dass ich es bekenne: ich bin dessen instinktiv sicher und gewiss, dass Lord Bacon der Urheber, der Selbstthierquäler dieser unheimlichsten Art Litteratur ist: was geht mich das erbarmungswürdige Geschwätz amerikanischer Wirr- und Flachköpfe an? Aber die Kraft zur mächtigsten Realität der Vision ist nicht nur verträglich mit der mächtigsten Kraft zur That, zum Ungeheuren der That, zum Verbrechen sie setzt sie selbst voraus… Wir wissen lange nicht genug von Lord Bacon, dem ersten Realisten in jedem grossen Sinn des Wortes, um zu wissen, was er Alles gethan, was er gewollt, was er mit sich erlebt hat … Und zum Teufel, mein<e> Herrn Kritiker! Gesetzt, ich hätte meinen Zarathustra auf einen fremden Namen getauft, zum Beispiel auf den von Richard Wagner, der Scharfsinn von zwei Jahrtausenden hätte nicht ausgereicht, zu errathen, dass der Verfasser von “Menschliches, Allzumenschliches” der Visionär des Zarathustra ist …

5. Hier, wo ich von den Erholungen meines Lebens rede, habe ich ein Wort nöthig, um meine Dankbarkeit für das auszudrücken, was mich in ihm bei weitem am Tiefsten und Herzlichsten erholt hat. Dies ist ohne allen Zweifel der intimere Verkehr mit Richard Wagner gewesen. Ich lasse den Rest meiner menschlichen Beziehungen billig; ich möchte um keinen Preis die Tage von Tribschen aus meinem Leben weggeben, Tage des Vertrauens, der Heiterkeit, der sublimen Zufälle – der tiefen Augenblicke… Ich weiss nicht, was Andre mit Wagner erlebt haben: über unsern Himmel ist nie eine Wolke hinweggegangen. – Und hiermit komme ich nochmals auf Frankreich zurück, – ich habe keine Gründe, ich habe bloss einen verachtenden Mundwinkel gegen Wagnerianer et hoc genus omne übrig, welche Wagner damit zu ehren glauben, dass sie ihn sich ähnlich finden … So wie ich bin, in meinen tiefsten Instinkten Allem, was deutsch ist, fremd, so dass schon die Nähe eines Deutschen meine Verdauung verzögert, war die erste Berührung mit Wagner auch das erste Aufathmen in meinem Leben: ich empfand, ich verehrte ihn als Ausland, als Gegensatz, als leibhaften Protest gegen alle “deutschen Tugenden” – Wir, die wir in der Sumpfluft der Fünfziger Jahre Kinder gewesen sind, sind mit Nothwendigkeit Pessimisten für den Begriff “deutsch”; wir können gar nichts Anderes sein als Revolutionäre, – wir werden keinen Zustand der Dinge zugeben, wo der Mucker obenauf ist. Es ist mir vollkommen gleichgültig, ob er heute in andren Farben spielt, ob er sich in Scharlach kleidet und Husaren-Uniformen anzieht … Wohlan! Wagner war ein Revolutionär – er lief vor den Deutschen davon … Als Artist hat man keine Heimat in Europa ausser in Paris; die délicatesse in allen fünf Kunstsinnen, die Wagner’s Kunst voraussetzt, die Finger für nuances, die psychologische Morbidität, findet sich nur in Paris. Man hat nirgendswo sonst diese Leidenschaft in Fragen der Form, diesen Ernst in der mise en scène – es ist der Pariser Ernst par excellence. Man hat in Deutschland gar keinen Begriff von der ungeheuren Ambition, die in der Seele eines Pariser Künstlers lebt. Der Deutsche ist gutmüthig – Wagner war durchaus nicht gutmüthig … Aber ich habe schon zur Genüge ausgesprochen (in “Jenseits von Gut und Böse” S. 256 f.), wohin Wagner gehört, in wem er seine Nächstverwandten hat: es ist die französische Spät-Romantik, jene hochfliegende und hoch emporreissende Art von Künstlern wie Delacroix, wie Berlioz, mit einem fond von Krankheit, von Unheilbarkeit im Wesen, lauter Fanatiker des Ausdrucks, Virtuosen durch und durch … Wer war der erste intelligente Anhänger Wagner’s überhaupt? Charles Baudelaire, derselbe, der zuerst Delacroix verstand, jener typische décadent, in dem sich ein ganzes Geschlecht von Artisten wiedererkannt hat – er war vielleicht auch der letzte … Was ich Wagnern nie vergeben habe? Dass er zu den Deutschen condescendirte, – dass er reichsdeutsch wurde… Soweit Deutschland reicht, verdirbt es die Cultur. -

6. Alles erwogen, hätte ich meine Jugend nicht ausgehalten ohne Wagnerische Musik. Denn ich war verurtheilt zu Deutschen. Wenn man von einem unerträglichen Druck loskommen will, so hat man Haschisch nöthig. Wohlan, ich hatte Wagner nöthig. Wagner ist das Gegengift gegen alles Deutsche par excellence, – Gift, ich bestreite es nicht … Von dem Augenblick an, wo es einen Klavierauszug des Tristan gab – mein Compliment, Herr von Bülow! -, war ich Wagnerianer. Die älteren Werke Wagner’s sah ich unter mir – noch zu gemein, zu “deutsch” … Aber ich suche heute noch nach einem Werke von gleich gefährlicher Fascination, von einer gleich schauerlichen und süssen Unendlichkeit, wie der Tristan ist, – ich suche in allen Künsten vergebens. Alle Fremdheiten Lionardo da Vinci’s entzaubern sich beim ersten Tone des Tristan. Dies Werk ist durchaus das non plus ultra Wagner’s; er erholte sich von ihm mit den Meistersingern und dem Ring. Gesünder werden – das ist ein Rückschritt bei einer Natur wie Wagner … Ich nehme es als Glück ersten Rangs, zur rechten Zeit gelebt und gerade unter Deutschen gelebt zu haben, um reif für dies Werk zu sein: so weit geht bei mir die Neugierde des Psychologen. Die Welt ist arm für den, der niemals krank genug für diese “Wollust der Hölle” gewesen ist: es ist erlaubt, es ist fast geboten, hier eine Mystiker-Formel anzuwenden. – Ich denke, ich kenne besser als irgend jemand das Ungeheure, das Wagner vermag, die fünfzig Welten fremder Entzückungen, zu denen Niemand ausser ihm Flügel hatte; und so wie ich bin, stark genug, um mir auch das Fragwürdigste und Gefährlichste noch zum Vortheil zu wenden und damit stärker zu werden, nenne ich Wagner den grossen Wohlthäter meines Lebens. Das, worin wir verwandt sind, dass wir tiefer gelitten haben, auch an einander, als Menschen dieses Jahrhunderts zu leiden vermöchten, wird unsre Namen ewig wieder zusammenbringen; und so gewiss Wagner unter Deutschen bloss ein Missverständniss ist, so gewiss bin ich’s und werde es immer sein. – Zwei Jahrhunderte psychologische und artistische Diciplin zu erst, meine Herrn Germanen! … Aber das holt man nicht nach.

7. Ich sage noch ein Wort für die ausgesuchtesten Ohren: was ich eigentlich von der Musik will. Dass sie heiter und tief ist, wie ein Nachmittag im Oktober. Dass sie eigen, ausgelassen, zärtlich, ein kleines süsses Weib von Niedertracht und Anmuth ist … ich werde nie zulassen, dass ein Deutscher wissen könne, was Musik ist. Was man deutsche Musiker nennt, die grössten voran, sind Ausländer, Slaven, Croaten, Italiäner, Niederländer – oder Juden; im andren Falle Deutsche der starken Rasse, ausgestorbene Deutsche, wie Heinrich Schütz, Bach und Händel. Ich selbst bin immer noch Pole genug, um gegen Chopin den Rest der Musik hinzugeben: ich nehme, aus drei Gründen, Wagner’s Siegfried-Idyll aus, vielleicht auch Liszt, der die vornehmen Orchester-Accente vor allen Musikern voraus hat; zuletzt noch Alles, was jenseits der Alpen gewachsen ist – diesseits… Ich würde Rossini nicht zu missen wissen, noch weniger meinen Süden in der Musik, die Musik meines Venediger maëstro Pietro Gasti. Und wenn ich jenseits der Alpen sage, sage ich eigentlich nur Venedig. Wenn ich ein andres Wort für Musik suche, so finde ich immer nur das Wort Venedig. Ich weiss keinen Unterschied zwischen Thränen und Musik zu machen, ich weiss das Glück, den Süden nicht ohne Schauder von Furchtsamkeit zu denken.

An der Brücke stand
jüngst ich in brauner Nacht.
Fernher kam Gesang:
goldener Tropfen quoll’s
über die zitternde Fläche weg.
Gondeln, Lichter, Musik
trunken schwamm’s in die Dämmrung hinaus…

Meine Seele, ein Saitenspiel,
sang sich, unsichtbar berührt,
heimlich ein Gondellied dazu,
zitternd vor bunter Seligkeit.
- Hörte Jemand ihr zu?

8. In Alledem – in der Wahl von Nahrung, von Ort und Klima, von Erholung – gebietet ein Instinkt der Selbsterhaltung, der sich als Instinkt der Selbstvertheidigung am unzweideutigsten ausspricht. Vieles nicht sehn, nicht hören, nicht an sich herankommen lassen – erste Klugheit, erster Beweis dafür, dass man kein Zufall, sondern eine Necessität ist. Das gangbare Wort für diesen Selbstvertheidigungs-Instinkt ist Geschmack. Sein Imperativ befiehlt nicht nur Nein zu sagen, wo das Ja eine “Selbstlosigkeit” sein würde, sondern auch sowenig als möglich Nein zu sagen. Sich trennen, sich abscheiden von dem, wo immer und immer wieder das Nein nöthig werden würde. Die Vernunft darin ist, dass Defensiv-Ausgaben, selbst noch so kleine, zur Regel, zur Gewohnheit werdend, eine ausserordentliche und vollkommen überflüssige Verarmung bedingen. Unsre grossen Ausgaben sind die häufigsten kleinen. Das Abwehren, das Nicht-heran-kommen-lassen ist eine Ausgabe man täusche sich hierüber nicht -, eine zu negativen Zwecken verschwendete Kraft. Man kann, bloss in der beständigen Noth der Abwehr, schwach genug werden, um sich nicht mehr wehren zu können. – Gesetzt, ich trete aus meinem Haus heraus und fände, statt des stillen und aristokratischen Turin, die deutsche Kleinstadt: mein Instinkt würde sich zu sperren haben, um Alles das zurückzudrängen, was aus dieser plattgedrückten und feigen Welt auf ihn eindringt. Oder ich fände die deutsche Grossstadt, dies gebaute Laster, wo nichts wächst, wo jedwedes Ding, Gutes und Schlimmes, eingeschleppt ist. Müsste ich nicht darüber zum Igel werden? – Aber Stacheln zu haben ist eine Vergeudung, ein doppelter Luxus sogar, wenn es freisteht, keine Stacheln zu haben, sondern offne Hände …

Eine andre Klugheit und Selbstvertheidigung besteht darin, dass man so selten als möglich reagirt und dass man sich Lagen und Bedingungen entzieht, wo man verurtheilt wäre, seine “Freiheit”, seine Initiative gleichsam auszuhängen und ein blosses Reagens zu werden. Ich nehme als Gleichniss den Verkehr mit Büchern. Der Gelehrte, der im Grunde nur noch Bücher “wälzt” – der Philologe mit mässigem Ansatz des Tags ungefähr 200 – verliert zuletzt ganz und gar das Vermögen, von sich aus zu denken. Wälzt er nicht, so denkt er nicht. Er antwortet auf einen Reiz (- einen gelesenen Gedanken), wenn er denkt, – er reagirt zuletzt bloss noch. Der Gelehrte giebt seine ganze Kraft im Ja und Neinsagen, in der Kritik von bereits Gedachtem ab, – er selber denkt nicht mehr … Der Instinkt der Selbstvertheidigung ist bei ihm mürbe geworden; im andren Falle würde er sich gegen Bücher wehren. Der Gelehrte – ein décadent. – Das habe ich mit Augen gesehn: begabte, reich und frei angelegte Naturen schon in den dreissiger Jahren “zu Schanden gelesen”, bloss noch Streichhölzer, die man reiben muss, damit sie Funken – “Gedanken” geben. – Frühmorgens beim Anbruch des Tags, in aller Frische, in der Morgenröthe seiner Kraft, ein Buch lesen – das nenne ich lasterhaft! – -

9. An dieser Stelle ist nicht mehr zu umgehn die eigentliche Antwort auf die Frage, wie man wird, was man ist, zu geben. Und damit berühre ich das Meisterstück in der Kunst der Selbsterhaltung – der Selbstsucht … Angenommen nämlich, dass die Aufgabe, die Bestimmung, das Schicksal der Aufgabe über ein durchschnittliches Maass bedeutend hinausliegt, so würde keine Gefahr grösser als sich selbst mit dieser Aufgabe zu Gesicht zu bekommen. Dass man wird, was man ist, setzt voraus, dass man nicht im Entferntesten ahnt, was man ist. Aus diesem Gesichtspunkte haben selbst die Fehlgriffe des Lebens ihren eignen Sinn und Werth, die zeitweiligen Nebenwege und Abwege, die Verzögerungen, die “Bescheidenheiten”,, der Ernst, auf Aufgaben verschwendet, die jenseits der Aufgabe liegen. Darin kann eine grosse Klugheit, sogar die oberste Klugheit zum Ausdruck <kommen>: wo nosce te ipsum das Recept zum Untergang wäre, wird Sich-Vergessen, Sich-Missverstehn, Sich-Verkleinern, -Verengern, -Vermittelmässigen zur Vernunft selber. Moralisch ausgedrückt: Nächstenliebe, Leben für Andere und Anderes kann die Schutzmassregel zur Erhaltung der härtesten Selbstigkeit sein. Dies ist der Ausnahmefall, in welchem ich, gegen meine Regel und Überzeugung, die Partei der “selbstlosen” Triebe nehme: sie arbeiten hier im Dienste der Selbstsucht, Selbstzucht. – Man muss die ganze Oberfläche des Bewusstseins – Bewusstsein ist eine Oberfläche – rein erhalten von irgend einem der grossen Imperative. Vorsicht selbst vor jedem grossen Worte, jeder grossen Attitüde! Lauter Gefahren, dass der Instinkt zu früh “sich versteht” – - Inzwischen wächst und wächst die organisirende, die zur Herrschaft berufne “Idee” in der Tiefe, – sie beginnt zu befehlen, sie leitet langsam aus Nebenwegen und Abwegen zurück, sie bereitet einzelne Qualitäten und Tüchtigkeiten vor, die einmal als Mittel zum Ganzen sich unentbehrlich erweisen werden, – sie bildet der Reihe nach alle dienenden Vermögen aus, bevor sie irgend Etwas von der dominirenden Aufgabe, von “Ziel”, “Zweck”, “Sinn” verlauten lässt. – Nach dieser Seite hin betrachtet ist mein Leben einfach wundervoll. Zur Aufgabe einer Umwerthung der Werthe waren vielleicht mehr Vermögen nöthig, als je in einem Einzelnen bei einander gewohnt haben, vor Allem auch Gegensätze von Vermögen, ohne dass diese sich stören, zerstören durften. Rangordnung der Vermögen; Distanz; die Kunst zu trennen, ohne zu verfeinden; Nichts vermischen, Nichts “versöhnen”; eine ungeheure Vielheit, die trotzdem das Gegenstück des Chaos ist – dies war die Vorbedingung, die lange geheime Arbeit und Künstlerschaft meines Instinkts. Seine höhere Obhut zeigte sich in dem Maasse stark, dass ich in keinem Falle auch nur geahnt habe, was in mir wächst, – dass alle meine Fähigkeiten plötzlich, reif, in ihrer letzten Vollkommenheit eines Tags hervorsprangen. Es fehlt in meiner Erinnerung, dass ich mich je bemüht hätte, – es ist kein Zug von Ringen in meinem Leben nachweisbar, ich bin der Gegensatz einer heroischen Natur. Etwas “wollen”, nach Etwas “streben”, einen “Zweck”, einen “Wunsch” im Auge haben das kenne ich Alles nicht aus Erfahrung. Noch in diesem Augenblick sehe ich auf meine Zukunft – eine weite Zukunft! wie auf ein glattes Meer hinaus: kein Verlangen kräuselt sich auf ihm. Ich will nicht im Geringsten, dass Etwas anders wird als es ist; ich selber will nicht anders werden. Aber so habe ich immer gelebt. Ich habe keinen Wunsch gehabt. Jemand, der nach seinem vierundvierzigsten Jahre sagen kann, dass er sich nie um Ehren, um Weiber, um Geld bemüht hat! Nicht dass sie mir gefehlt hätten … So war ich zum Beispiel eines Tags Universitätsprofessor, – ich hatte nie im Entferntesten an dergleichen gedacht, denn ich war kaum 24 Jahr alt. So war ich zwei Jahr früher eines Tags Philolog: in dem Sinne, dass meine erste philologische Arbeit, mein Anfang in jedem Sinne, von meinem Lehrer Ritschl für sein “Rheinisches Museum” zum Druck verlangt wurde ( Ritschl – ich sage es mit Verehrung – der einzige geniale Gelehrte, den ich bis heute zu Gesicht bekommen habe. Er besass jene angenehme Verdorbenheit, die uns Thüringer auszeichnet und mit der sogar ein Deutscher sympathisch wird: – wir ziehn selbst, um zur Wahrheit zu gelangen, noch die Schleichwege vor. Ich möchte mit diesen Worten meinen näheren Landsmann, den klugen Leopold von Ranke, durchaus nicht unterschätzt haben…)

10. An dieser Stelle thut eine grosse Besinnung Noth. Man wird mich fragen, warum ich eigentlich alle diese kleinen und nach herkömmlichem Urtheil gleichgültigen Dinge erzählt habe; ich schade mir selbst damit, um so mehr, wenn ich grosse Aufgaben zu vertreten bestimmt sei. Antwort: diese kleinen Dinge Ernährung, Ort, Clima, Erholung, die ganze Casuistik der Selbstsucht – sind über alle Begriffe hinaus wichtiger als Alles, was man bisher wichtig nahm. Hier gerade muss man anfangen, umzulernen. Das, was die Menschheit bisher ernsthaft erwogen hat, sind nicht einmal Realitäten, blosse Einbildungen, strenger geredet, Lügen aus den schlechten Instinkten kranker, im tiefsten Sinne schädlicher Naturen heraus alle die Begriffe “Gott”, “Seele”, “Tugend”, “Sünde”, “Jenseits”, “Wahrheit”, “ewiges Leben”… Aber man hat die Grösse der menschlichen Natur, ihre “Göttlichkeit” in ihnen gesucht … Alle Fragen der Politik, der Gesellschafts-Ordnung, der Erziehung sind dadurch bis in Grund und Boden gefälscht, dass man die schädlichsten Menschen für grosse Menschen nahm, – dass man die “kleinen” Dinge, will sagen die Grundangelegenheiten des Lebens selber verachten lehrte … Unsre jetzige Cultur ist im höchsten Grade zweideutig … Der deutsche Kaiser mit dem Papst paktirend, als ob nicht der Papst der Repräsentant der Todfeindschaft gegen das Leben wäre! … Das, was heute gebaut wird, steht in drei Jahren nicht mehr. – Wenn ich mich darnach messe, was ich kann, nicht davon zu reden, was hinter mir drein kommt, ein Umsturz, ein Aufbau ohne Gleichen, so habe ich mehr als irgend ein Sterblicher den Anspruch auf das Wort Grösse. Vergleiche ich mich nun mit den Menschen, die man bisher als erste Menschen ehrte, so ist der Unterschied handgreiflich. Ich rechne diese angeblich “Ersten” nicht einmal zu den Menschen überhaupt, – sie sind für mich Ausschuss der Menschheit, Ausgeburten von Krankheit und rachsüchtigen Instinkten: sie sind lauter unheilvolle, im Grunde unheilbare Unmenschen, die am Leben Rache nehmen … Ich will dazu der Gegensatz sein: mein Vorrecht ist, die höchste Feinheit für alle Zeichen gesunder Instinkte zu haben. Es fehlt jeder krankhafte Zug an mir; ich bin selbst in Zeiten schwerer Krankheit nicht krankhaft geworden; umsonst, dass man in meinem Wesen einen Zug von Fanatismus sucht. Man wird mir aus keinem Augenblick meines Lebens irgend eine anmaassliche oder pathetische Haltung nachweisen können. Das Pathos der Attitüde gehört nicht zur Grösse; wer Attitüden überhaupt nöthig hat, ist falsch… Vorsicht vor allen pittoresken Menschen! – Das Leben ist mir leicht geworden, am leichtesten, wenn es das Schwerste von mir verlangte. Wer mich in den siebzig Tagen dieses Herbstes gesehn hat, wo ich, ohne Unterbrechung, lauter Sachen ersten Ranges gemacht habe die kein Mensch mir nachmacht – oder vormacht, mit einer Verantwortlichkeit für alle Jahrtausende nach mir, wird keinen Zug von Spannung an mir wahrgenommen haben, um so mehr eine überströmende Frische und Heiterkeit. Ich ass nie mit angenehmeren Gefühlen, ich schlief nie besser. – Ich kenne keine andre Art, mit grossen Aufgaben zu verkehren als das Spiel: dies ist, als Anzeichen der Grösse, eine wesentliche Voraussetzung. Der geringste Zwang, die düstre Miene, irgend ein harter Ton im Halse sind alles Einwände gegen einen Menschen, um wie viel mehr gegen sein Werk! … Man darf keine Nerven haben … Auch an der Einsamkeit leiden ist ein Einwand, – ich habe immer nur an der “Vielsamkeit” gelitten … In einer absurd frühen Zeit, mit sieben Jahren, wusste ich bereits, dass mich nie ein menschliches Wort erreichen würde: hat man mich je darüber betrübt gesehn? – Ich habe heute noch die gleiche Leutseligkeit gegen Jedermann, ich bin selbst voller Auszeichnung für die Niedrigsten: in dem Allen ist nicht ein Gran von Hochmuth, von geheimer Verachtung. Wen ich verachte, der erräth, dass er von mir verachtet wird: ich empöre durch mein blosses Dasein Alles, was schlechtes Blut im Leibe hat … Meine Formel für die Grösse am Menschen ist amor fati: dass man Nichts anders haben will, vorwärts nicht, rückwärts nicht, in alle Ewigkeit nicht. Das Nothwendige nicht bloss ertragen, noch weniger verhehlen – aller Idealismus ist Verlogenheit vor dem Nothwendigen -, sondern es lieben…

Warum ich so gute Bücher schreibe.
1. Das Eine bin ich, das Andre sind meine Schriften. – Hier werde, bevor ich von ihnen selber rede, die Frage nach dem Verstanden- oder Nicht-verstanden-werden dieser Schriften berührt. Ich thue es so nachlässig, als es sich irgendwie schickt: denn diese Frage ist durchaus noch nicht an der Zeit. Ich selber bin noch nicht an der Zeit, Einige werden posthum geboren — Irgend wann wird man Institutionen nöthig haben, in denen man lebt und lehrt, wie ich leben und lehren verstehe; vielleicht selbst, dass man dann auch eigene Lehrstühle zur Interpretation des Zarathustra errichtet. Aber es wäre ein vollkommner Widerspruch zu mir, wenn ich heute bereits Ohren und Hände für meine Wahrheiten erwartete: dass man heute nicht hört, dass man heute nicht von mir zu nehmen weiss, ist nicht nur begreiflich, es scheint mir selbst das Rechte. Ich will nicht verwechselt werden, – dazu gehört, dass ich mich selber nicht verwechsele. – Nochmals gesagt, es ist wenig in meinem Leben nachweisbar von “bösem Willen”; auch von litterarischem “bösen Willen” wüsste ich kaum einen Fall zu erzählen. Dagegen zu viel von reiner Thorheit … Es scheint mir eine der seltensten Auszeichnungen, die Jemand sich erweisen kann, wenn er ein Buch von mir in die Hand nimmt, – ich nehme selbst an, er zieht dazu die Schuhe aus, – nicht von Stiefeln zu reden … Als sich einmal der Doktor Heinrich von Stein ehrlich darüber beklagte, kein Wort aus meinem Zarathustra zu verstehn, sagte ich ihm, das sei in Ordnung: sechs Sätze daraus verstanden, das heisst: erlebt haben, hebe auf eine höhere Stufe der Sterblichen hinauf als “moderne” Menschen erreichen könnten. Wie könnte ich, mit diesem Gefühle der Distanz, auch nur wünschen, von den “Modernen”, die ich kenne -, gelesen zu werden! – Mein Triumph ist gerade der umgekehrte, als der Schopenhauer’s war, – ich sage ” non legor, non legar”. – Nicht, dass ich das Vergnügen unterschätzen möchte, das mir mehrmals die Unschuld im Neinsagen zu meinen Schriften gemacht hat. Noch in diesem Sommer, zu einer Zeit, wo ich vielleicht mit meiner schwerwiegenden, zu schwer wiegenden Litteratur den ganzen Rest von Litteratur aus dem Gleichgewicht zu bringen vermöchte, gab mir ein Professor der Berliner Universität wohlwollend zu verstehn, ich sollte mich doch einer andren Form bedienen: so Etwas lese Niemand. – Zuletzt war es nicht Deutschland, sondern die Schweiz, die die zwei extremen Fälle geliefert hat. Ein Aufsatz des Dr. V. Widmann im “Bund”, über “Jenseits von Gut und Böse”, unter dem Titel “Nietzsche’s gefährliches Buch”, und ein Gesammt-Bericht über meine Bücher überhaupt seitens des Herrn Karl Spitteler, gleichfalls im Bund, sind ein Maximum in meinem Leben – ich hüte mich zu sagen wovon … Letzterer behandelte zum Beispiel meinen Zarathustra als “höhere Stilübung”, mit dem Wunsche, ich möchte später doch auch für Inhalt sorgen; Dr. Widmann drückte mir seine Achtung vor dem Muth aus, mit dem ich mich um Abschaffung aller anständigen Gefühle bemühe. – Durch eine kleine Tücke von Zufall war hier jeder Satz, mit einer Folgerichtigkeit, die ich bewundert habe, eine auf den Kopf gestellte Wahrheit: man hatte im Grunde Nichts zu thun, als alle “Werthe umzuwerthen”, um, auf eine sogar bemerkenswerthe Weise, über mich den Nagel auf den Kopf zu treffen – statt meinen Kopf mit einem Nagel zu treffen … Um so mehr versuche ich eine Erklärung. – Zuletzt kann Niemand aus den Dingen, die Bücher eingerechnet, mehr heraushören, als er bereits weiss. Wofür man vom Erlebnisse her keinen Zugang hat, dafür hat man kein Ohr. Denken wir uns nun einen äussersten Fall, dass ein Buch von lauter Erlebnissen redet, die gänzlich ausserhalb der Möglichkeit einer häufigen oder auch nur seltneren Erfahrung liegen, – dass es die erste Sprache für eine neue Reihe von Erfahrungen ist. In diesem Falle wird einfach Nichts gehört, mit der akustischen Täuschung, dass wo Nichts gehört wird, auch Nichts da ist – . Dies ist zuletzt meine durchschnittliche Erfahrung und, wenn man will, die Originalität meiner Erfahrung. Wer Etwas von mir verstanden zu haben glaubte, hat sich Etwas aus mir zurecht gemacht, nach seinem Bilde, – nicht selten einen Gegensatz von mir, zum Beispiel einen “Idealisten”; wer Nichts von mir verstanden hatte, leugnete, dass ich überhaupt in Betracht käme. – Das Wort “Übermensch” zur Bezeichnung eines Typus höchster Wohlgerathenheit, im Gegensatz zu “modernen” Menschen, zu “guten” Menschen, zu Christen und andren Nihilisten – ein Wort, das im Munde eines Zarathustra, des Vernichters der Moral, ein sehr nachdenkliches Wort wird, ist fast überall mit voller Unschuld im Sinn derjenigen Werthe verstanden worden, deren Gegensatz in der Figur Zarathustra‘s zur Erscheinung gebracht worden ist, will sagen als “idealistischer” Typus einer höheren Art Mensch, halb “Heiliger”, halb “Genie” … Andres gelehrtes Hornvieh hat mich seinethalben des Darwinismus verdächtigt; selbst der von mir so boshaft abgelehnte “Heroen-Cultus”, jenes grossen Falschmünzers wider Wissen und Willen, Carlyle’s, ist darin wiedererkannt worden. Wem ich ins Ohr flüsterte, er solle sich eher noch nach einem Cesare Borgia als nach einem Parsifal umsehn, der traute seinen Ohren nicht. – Dass ich gegen Besprechungen meiner Bücher, in Sonderheit durch Zeitungen, ohne jedwede Neugierde bin, wird man mir verzeihn müssen. Meine Freunde, meine Verleger wissen das und sprechen mir nicht von dergleichen. In einem besondren Falle bekam ich einmal Alles zu Gesicht, was über ein einzelnes Buch – es war “Jenseits von Gut und Böse” – gesündigt worden ist; ich hätte einen artigen Bericht darüber abzustatten. Sollte man es glauben, dass die Nationalzeitung – eine preussische Zeitung, für meine ausländischen Leser bemerkt, ich selbst lese, mit Verlaub, nur das Journal des Débats – allen Ernstes das Buch als ein “Zeichen der Zeit” zu verstehn wusste, als die echte rechte Junker-Philosophie, zu der es der Kreuzzeitung nur an Muth gebreche?

2. Dies war für Deutsche gesagt: denn überall sonst habe ich Leser – lauter ausgesuchte Intelligenzen, bewährte, in hohen Stellungen und Pflichten erzogene Charaktere; ich habe sogar wirkliche Genies unter meinen Lesern. In Wien, in St. Petersburg, in Stockholm, in Kopenhagen, in Paris und New-York – überall bin ich entdeckt: ich bin es nicht in Europa’s Flachland Deutschland … Und, dass ich es bekenne, ich freue mich noch mehr über meine Nicht-Leser, solche, die weder meinen Namen, noch das Wort Philosophie je gehört haben; aber wohin ich komme, hier in Turin zum Beispiel, erheitert und vergütigt sich bei meinem Anblick jedes Gesicht. Was mir bisher am meisten geschmeichelt hat, das ist, dass alte Hökerinnen nicht Ruhe haben, bevor sie mir nicht das Süsseste aus ihren Trauben zusammengesucht haben. Soweit muss man Philosoph sein. – . Man nennt nicht umsonst die Polen die Franzosen unter den Slaven. Eine charmante Russin wird sich nicht einen Augenblick darüber vergreifen, wohin ich gehöre. Es gelingt mir nicht, feierlich zu werden, ich bringe es höchstens bis zur Verlegenheit … Deutsch denken, deutsch fühlen – ich kann Alles, aber das geht über meine Kräfte … Mein alter Lehrer Ritschl behauptete sogar, ich concipirte selbst noch meine philologischen Abhandlungen wie ein Pariser romancier – absurd spannend. In Paris selbst ist man erstaunt über “toutes mes audaces et finesses” – der Ausdruck ist von Monsieur Taine -; ich fürchte, bis in die höchsten Formen des Dithyrambus findet man bei mir von jenem Salze beigemischt, das niemals dumm – “deutsch” – wird, esprit … Ich kann nicht anders. Gott helfe mir! Amen. – Wir wissen Alle, Einige wissen es sogar aus Erfahrung, was ein Langohr ist. Wohlan, ich wage zu behaupten, dass ich die kleinsten Ohren habe. Dies interessirt gar nicht wenig die Weiblein -, es scheint mir, sie fühlen sich besser von mir verstanden? … Ich bin der Antiesel par excellence und damit ein welthistorisches Unthier, – ich bin, auf griechisch, und nicht nur auf griechisch, der Antichrist…

3. Ich kenne einigermassen meine Vorrechte als Schriftsteller; in einzelnen Fällen ist es mir auch bezeugt, wie sehr die Gewöhnung an meine Schriften den Geschmack “verdirbt”. Man hält einfach andre Bücher nicht mehr aus, am wenigsten philosophische. Es ist eine Auszeichnung ohne Gleichen, in diese vornehme und delikate Welt einzutreten, – man darf dazu durchaus kein Deutscher sein; es ist zuletzt eine Auszeichnung, die man sich verdient haben muss. Wer mir aber durch Höhe des Wollens verwandt ist, erlebt dabei wahre Ekstasen des Lernens: denn ich komme aus Höhen, die kein Vogel je erflog, ich kenne Abgründe, in die noch kein Fuss sich verirrt hat. Man hat mir gesagt, es sei nicht möglich, ein Buch von mir aus der Hand zu legen, – ich störte selbst die Nachtruhe … Es giebt durchaus keine stolzere und zugleich raffinirtere Art von Büchern: sie erreichen hier und da das Höchste, was auf Erden erreicht werden kann, den Cynismus; man muss sie sich ebenso mit den zartesten Fingern wie mit den tapfersten Fäusten erobern. Jede Gebrechlichkeit der Seele schliesst aus davon, ein für alle Male, selbst jede Dyspepsie: man muss keine Nerven haben, man muss einen fröhlichen Unterleib haben. Nicht nur die Armut, die Winkel-Luft einer Seele schliesst davon aus, noch viel mehr das Feige, das Unsaubere, das Heimlich-Rachsüchtige in den Eingeweiden: ein Wort von mir treibt alle schlechten Instinkte ins Gesicht. Ich habe an meinen Bekannten mehrere Versuchsthiere, an denen ich mir die verschiedene, sehr lehrreich verschiedene Reaktion auf meine Schriften zu Gemüthe führe. Wer nichts mit ihrem Inhalte zu thun haben will, meine sogenannten Freunde zum Beispiel, wird dabei “unpersönlich”: man wünscht mir Glück, wieder “so weit” zu sein, – auch ergäbe sich ein Fortschritt in einer grösseren Heiterkeit des Tons … Die vollkommen lasterhaften “Geister”, die “schönen Seelen”, die in Grund und Boden Verlognen, wissen schlechterdings nicht, was sie mit diesen Büchern anfangen sollen, – folglich sehn sie dieselben unter sich, die schöne Folgerichtigkeit aller “schönen Seelen”,. Das Hornvieh unter meinen Bekannten, blosse Deutsche, mit Verlaub, giebt zu verstehn, man sei nicht immer meiner Meinung, aber doch mitunter, zum Beispiel … Ich habe dies selbst über den Zarathustra gehört … Insgleichen ist jeder “Femininismus” im Menschen, auch im Manne, ein Thorschluss für mich: man wird niemals in dies Labyrinth verwegener Erkenntnisse eintreten. Man muss sich selbst nie geschont haben, man muss die Härte in seinen Gewohnheiten haben, um unter lauter harten Wahrheiten wohlgemuth und heiter zu sein. Wenn ich mir das Bild eines vollkommnen Lesers ausdenke, so wird immer ein Unthier von Muth und Neugierde daraus, ausserdem noch etwas Biegsames, Listiges, Vorsichtiges, ein geborner Abenteurer und Entdecker. Zuletzt: ich wüsste es nicht besser zu sagen, zu wem ich im Grunde allein rede, als es Zarathustra gesagt hat: wem allein will er sein Räthsel erzählen?

Euch, den kühnen Suchern, Versuchern, und wer je sich mit listigen Segeln auf furchtbare Meere einschiffte, -

euch, den Räthsel-Trunkenen, den Zwielicht-Frohen, deren Seele mit Flöten zu jedem Irrschlunde gelockt wird:

- denn nicht wollt ihr mit feiger Hand einem Faden nachtasten; und wo ihr errathen könnt, da hasst ihr es, zu erschliessen …

4. Ich sage zugleich noch ein allgemeines Wort über meine Kunst des Stils. Einen Zustand, eine innere Spannung von Pathos durch Zeichen, eingerechnet das tempo dieser Zeichen, mitzutheilen – das ist der Sinn jedes Stils; und in Anbetracht, dass die Vielheit innerer Zustände bei mir ausserordentlich ist, giebt es bei mir viele Möglichkeiten des Stils – die vielfachste Kunst des Stils überhaupt, über die je ein Mensch verfügt hat. Gut ist jeder Stil, der einen inneren Zustand wirklich mittheilt, der sich über die Zeichen, über das tempo der Zeichen, über die Gebärden – alle Gesetze der Periode sind Kunst der Gebärde – nicht vergreift. Mein Instinkt ist hier unfehlbar. – Guter Stil an sich – eine reine Thorheit, blosser “Idealismus”, etwa, wie das “Schöne an sich”, wie das “Gute an sich”, wie das “Ding an sich”… Immer noch vorausgesetzt, dass es Ohren giebt – dass es Solche giebt, die eines gleichen Pathos fähig und würdig sind, dass die nicht fehlen, denen man sich mittheilen darf. – Mein Zarathustra zum Beispiel sucht einstweilen noch nach Solchen – ach! er wird noch lange zu suchen haben! – Man muss dessen werth sein, ihn zu hören … Und bis dahin wird es Niemanden geben, der die Kunst, die hier verschwendet worden ist, begreift: es hat nie jemand mehr von neuen, von unerhörten, von wirklich erst dazu geschaffnen Kunstmitteln zu verschwenden gehabt. Dass dergleichen gerade in deutscher Sprache möglich war, blieb zu beweisen: ich selbst hätte es vorher am härtesten abgelehnt. Man weiss vor mir nicht, was man mit der deutschen Sprache kann, – was man überhaupt mit der Sprache kann. – Die Kunst des grossen Rhythmus, der grosse Stil der Periodik zum Ausdruck eines ungeheuren Auf und Nieder von sublimer, von übermenschlicher, Leidenschaft ist erst von mir entdeckt; mit einem Dithyrambus wie dem letzten des dritten Zarathustra, “die sieben Siegel”, überschrieben, flog ich tausend Meilen über das hinaus, was bisher Poesie hiess.

5. Dass aus meinen Schriften ein Psychologe redet, der nicht seines Gleichen hat, das ist vielleicht die erste Einsicht, zu der ein guter Leser gelangt – ein Leser, wie ich ihn verdiene, der mich liest, wie gute alte Philologen ihren Horaz lasen. Die Sätze, über die im Grunde alle Welt einig ist, gar nicht zu reden von den Allerwelts-Philosophen, den Moralisten und andren Hohltöpfen, Kohlköpfen – erscheinen bei mir als Naivetäten des Fehlgriffs: zum Beispiel jener Glaube, dass “unegoistisch” und egoistisch” Gegensätze sind, während das ego selbst bloss ein “höherer Schwindel”, ein “Ideal” ist … Es giebt weder egoistische, noch unegoistische Handlungen: beide Begriffe sind psychologischer Widersinn. Oder der Satz “der Mensch strebt nach Glück” … Oder der Satz “das Glück ist der Lohn der Tugend”… Oder der Satz “Lust und Unlust sind Gegensätze”… Die Circe der Menschheit, die Moral, hat alle psychologica in Grund und Boden gefälscht – vermoralisirt – bis zu jenem schauderhaften Unsinn, dass die Liebe etwas “Unegoistisches” sein soll … Man muss fest auf sich sitzen, man muss tapfer auf seinen beiden Beinen stehn, sonst kann man gar nicht lieben. Das wissen zuletzt die Weiblein nur zu gut: sie machen sich den Teufel was aus selbstlosen, aus bloss objektiven Männern … Darf ich anbei die Vermuthung wagen, dass ich die Weiblein kenne? Das gehört zu meiner dionysischen Mitgift. Wer weiss? vielleicht bin ich der erste Psycholog des Ewig-Weiblichen. Sie lieben mich Alle – eine alte Geschichte: die verunglückten Weiblein abgerechnet, die “Emancipirten”, denen das Zeug zu Kindern abgeht. – Zum Glück bin ich nicht Willens mich zerreissen zu lassen: das vollkommne Weib zerreisst, wenn es liebt … Ich kenne diese liebenswürdigen Mänaden … Ah, was für ein gefährliches, schleichendes, unterirdisches kleines Raubthier! Und so angenehm dabei! … Ein kleines Weib, das seiner Rache nachrennt, würde das Schicksal selbst über den Haufen rennen. – Das Weib ist unsäglich viel böser als der Mann, auch klüger; Güte am Weibe ist schon eine Form der Entartung … Bei allen sogenannten “schönen Seelen” giebt es einen physiologischen Übelstand auf dem Grunde, – ich sage nicht Alles, ich würde sonst medicynisch werden. Der Kampf um gleiche Rechte ist sogar ein Symptom von Krankheit: jeder Arzt weiss das. – Das Weib, je mehr Weib es ist, wehrt sich ja mit Händen und Füssen gegen Rechte überhaupt: der Naturzustand, der ewige Krieg zwischen den Geschlechtern giebt ihm ja bei weitem den ersten Rang. – Hat man Ohren für meine Definition der Liebe gehabt? es ist die einzige, die eines Philosophen würdig ist. Liebe – in ihren Mitteln der Krieg, in ihrem Grunde der Todhass der Geschlechter. – Hat man meine Antwort auf die Frage gehört, wie man ein Weib kurirt – “erlöst”? Man macht ihm ein Kind. Das Weib hat Kinder nöthig, der Mann ist immer nur Mittel: also sprach Zarathustra. – “Emancipation des Weibes” – das ist der Instinkthass des missrathenen, das heisst gebäruntüchtigen Weibes gegen das wohlgerathene, – der Kampf gegen den “Mann” ist immer nur Mittel, Vorwand, Taktik. Sie wollen, indem sie sich hinaufheben, als “Weib an sich”, als “höheres Weib”, als “Idealistin” von Weib, das allgemeine Rang-Niveau des Weibes herunterbringen; kein sichereres Mittel dazu als Gymnasial-Bildung, Hosen und politische Stimmvieh-Rechte. Im Grunde sind die Emancipirten die Anarchisten in der Welt des “Ewig-Weiblichen”, die Schlechtweggekommenen, deren unterster Instinkt Rache ist … Eine ganze Gattung des bösartigsten “Idealismus” – der übrigens auch bei Männern vorkommt, zum Beispiel bei Henrik Ibsen, dieser typischen alten Jungfrau – hat als Ziel das gute Gewissen, die Natur in der Geschlechtsliebe zu vergiften … Und damit ich über meine in diesem Betracht ebenso honnette als strenge Gesinnung keinen Zweifel lasse, will ich noch einen Satz aus meinem Moral-Codex gegen das Laster mittheilen: mit dem Wort Laster bekämpfe ich jede Art Widernatur oder wenn man schöne Worte liebt, Idealismus. Der Satz heisst: “die Predigt der Keuschheit ist eine öffentliche Aufreizung zur Widernatur. Jede Verachtung des geschlechtlichen Lebens, jede Verunreinigung desselben durch den Begriff “unrein” ist das Verbrechen selbst am Leben, – ist die eigentliche Sünde wider den heiligen Geist des Lebens.”

6. Um einen Begriff von mir als Psychologen zu geben, nehme ich ein curioses Stück Psychologie, das in “Jenseits von Gut und Böse” vorkommt, – ich verbiete übrigens jede Muthmassung darüber, wen ich an dieser Stelle beschreibe. “Das Genie des Herzens, wie es jener grosse Verborgene hat, der Versucher-Gott und geborne Rattenfänger der Gewissen, dessen Stimme bis in die Unterwelt jeder Seele hinabzusteigen weiss, welcher nicht ein Wort sagt, nicht einen Blick blickt, in dem nicht eine Rücksicht und Falte der Lockung läge, zu dessen Meisterschaft es gehört, dass er zu scheinen versteht – und nicht das, was er ist, sondern was denen, die ihm folgen, ein Zwang mehr ist, um sich immer näher an ihn zu drängen, um ihm immer innerlicher und gründlicher zu folgen … Das Genie des Herzens, das alles Laute und Selbstgefällige verstummen macht und horchen lehrt, das die rauhen Seelen glättet und ihnen ein neues Verlangen zu kosten giebt, – still zu liegen, wie ein Spiegel, dass sich der tiefe Himmel auf ihnen spiegele … Das Genie des Herzens, das die tölpische und überrasche Hand zögern und zierlicher greifen lehrt; das den verborgenen und vergessenen Schatz, den Tropfen Güte und süsser Geistigkeit unter trübem dickem Eise erräth und eine Wünschelruthe für jedes Korn Goldes ist, welches lange im Kerker vielen Schlammes und Sandes begraben lag … Das Genie des Herzens, von dessen Berührung jeder reicher fortgeht, nicht begnadet und überrascht, nicht wie von fremdem Gute beglückt und bedrückt, sondern reicher an sich selber, sich neuer als zuvor, aufgebrochen, von einem Thauwinde angeweht und ausgehorcht, unsicherer vielleicht, zärtlicher zerbrechlicher zerbrochener, aber voll Hoffnungen, die noch keinen Namen haben, voll neuen Willens und Strömens, voll neuen Unwillens und Zurückströmens … “

Die Geburt der Tragödie.
1. Um gegen die “Geburt der Tragödie” (1872) gerecht zu sein, wird man Einiges vergessen müssen. Sie hat mit dem gewirkt und selbst fascinirt, was an ihr verfehlt war – mit ihrer Nutzanwendung auf die Wagnerei, als ob dieselbe ein Aufgangs-Symptom sei. Diese Schrift war eben damit im Leben Wagner’s ein Ereigniss: von da an gab es erst grosse Hoffnungen bei dem Namen Wagner. Noch heute erinnert man mich daran, unter Umständen mitten aus dem Parsifal heraus: wie ich es eigentlich auf dem Gewissen habe, dass eine so hohe Meinung über den Cultur-Werth dieser Bewegung obenauf gekommen sei . – Ich fand die Schrift mehrmals citirt als “die Wiedergeburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik”: man hat nur Ohren für eine neue Formel der Kunst, der Absicht, der Aufgabe Wagner’s gehabt, – darüber wurde überhört, was die Schrift im Grunde Werthvolles barg. “Griechenthum und Pessimismus”: das wäre ein unzweideutigerer Titel gewesen: nämlich als erste Belehrung darüber, wie die Griechen fertig wurden mit dem Pessimismus, – womit sie ihn überwanden… Die Tragödie gerade ist der Beweis dafür, dass die Griechen keine Pessimisten waren: Schopenhauer vergriff sich hier, wie er sich in Allem vergriffen hat. – Mit einiger Neutralität in die Hand genommen, sieht die “Geburt der Tragödie” sehr unzeitgemäss aus: man würde sich nicht träumen lassen, dass sie unter den Donnern der Schlacht bei Wörth begonnen wurde. Ich habe diese Probleme vor den Mauern von Metz, in kalten September-Nächten, mitten im Dienste der Krankenpflege, durchgedacht; man könnte eher schon glauben, dass die Schrift fünfzig Jahre älter sei. Sie ist politisch indifferent, – “undeutsch”, wird man heute sagen – sie riecht anstössig Hegelisch, sie ist nur in einigen Formeln mit dem Leichenbitter-parfum Schopenhauer’s behaftet. Eine “Idee” – der Gegensatz dionysisch und apollinisch – ins Metaphysische übersetzt; die Geschichte selbst als die Entwicklung dieser “Idee”; in der Tragödie der Gegensatz zur Einheit aufgehoben; unter dieser Optik Dinge, die noch nie einander ins Gesicht gesehn hatten, plötzlich gegenüber gestellt, aus einander beleuchtet und begriffen… Die Oper zum Beispiel und die Revolution. – . Die zwei entscheidenden Neuerungen des Buchs sind einmal das Verständniss des dionysischen Phänomens bei den Griechen: es giebt dessen erste Psychologie, es sieht in ihm die Eine Wurzel der ganzen griechischen Kunst. Das Andre ist das Verständniss des Sokratismus: Sokrates als Werkzeug der griechischen Auflösung, als typischer décadent zum ersten Male erkannt. “Vernünftigkeit”, gegen Instinkt. Die “Vernünftigkeit” um jeden Preis als gefährliche, als leben-untergrabende Gewalt! – Tiefes feindseliges Schweigen über das Christenthum im ganzen Buche. Es ist weder apollinisch, noch dionysisch; es negirt alle ästhetischen Werthe – die einzigen Werthe, die die “Geburt der Tragödie” anerkennt: es ist im tiefsten Sinne nihilistisch, während im dionysischen Symbol die äusserste Grenze der Bejahung erreicht ist. Einmal wird auf die christlichen Priester wie auf eine “tückische Art von Zwergen”, von “Unterirdischen” angespielt …

2. Dieser Anfang ist über alle Maassen merkwürdig. Ich hatte zu meiner innersten Erfahrung das einzige Gleichniss und Seitenstück, das die Geschichte hat, entdeckt, – ich hatte ebendamit das wundervolle Phänomen des Dionysischen als der Erste begriffen. Insgleichen war damit, dass ich Sokrates als décadent erkannte, ein völlig unzweideutiger Beweis dafür gegeben, wie wenig die Sicherheit meines psychologischen Griffs von Seiten irgend einer Moral-Idiosynkrasie Gefahr laufen werde: – die Moral selbst als décadence-Symptom ist eine Neuerung, eine Einzigkeit ersten Rangs in der Geschichte der Erkenntniss. Wie hoch war ich mit Beidem über das erbärmliche Flachkopf-Geschwätz von Optimismus contra Pessimismus hinweggesprungen! – Ich sah zuerst den eigentlichen Gegensatz: – den entartenden Instinkt, der sich gegen das Leben mit unterirdischer Rachsucht wendet (- Christenthum, die Philosophie Schopenhauers, in gewissem Sinne schon die Philosophie Platos, der ganze Idealismus als typische Formen) und eine aus der Fülle, der Überfülle geborene Formel der höchsten Bejahung, ein Jasagen ohne Vorbehalt, zum Leiden selbst, zur Schuld selbst, zu allem Fragwürdigen und Fremden des Daseins selbst … Dieses letzte, freudigste, überschwänglich-übermüthigste Ja zum Leben ist nicht nur die höchste Einsicht, es ist auch die tiefste, die von Wahrheit und Wissenschaft am strengsten bestätigte und aufrecht erhaltene. Es ist Nichts, was ist, abzurechnen, es ist Nichts entbehrlich – die von den Christen und andren Nihilisten abgelehnten Seiten des Daseins sind sogar von unendlich höherer Ordnung in der Rangordnung der Werthe als das, was der Décadence-Instinkt gutheissen, gutheissen durfte. Dies zu begreifen, dazu gehört Muth und, als dessen Bedingung, ein Überschuss von Kraft: denn genau so weit als der Muth sich vorwärts wagen darf, genau nach dem Maass von Kraft nähert man sich der Wahrheit. Die Erkenntniss, das Jasagen zur Realität ist für den Starken eine ebensolche Nothwendigkeit als für den Schwachen, unter der Inspiration der Schwäche, die Feigheit und Flucht vor der Realität – das “Ideal” … Es steht ihnen nicht frei, zu erkennen: die décadents haben die Lüge nöthig, sie ist eine ihrer Erhaltungs-Bedingungen. – Wer das Wort “Dionysisch” nicht nur begreift, sondern sich in dem Wort “dionysisch” begreift, hat keine Widerlegung Platos oder des Christenthums oder Schopenhauers nöthig – er riecht die Verwesung …

3. In wiefern ich ebendamit den Begriff “tragisch”, die endliche Erkenntniss darüber, was die Psychologie der Tragödie ist, gefunden hatte, habe ich zuletzt noch in der Götzen-Dämmerung Seite 139 zum Ausdruck gebracht. “Das Jasagen zum Leben selbst noch in seinen fremdesten und härtesten Problemen; der Wille zum Leben im Opfer seiner höchsten Typen der eignen Unerschöpflichkeit frohwerdend – das nannte ich dionysisch, das verstand ich als Brücke zur Psychologie des tragischen Dichters. Nicht um von Schrecken und Mitleiden loszukommen, nicht um sich von einem gefährlichen Affekt durch eine vehemente Entladung zu reinigen so missverstand es Aristoteles: sondern um, über Schrecken und Mitleiden hinaus, die ewige Lust des Werdens selbst Zusein, jene Lust, die auch noch die Lust am Vernichten in sich schliesst.. .” In diesem Sinne habe ich das Recht, mich selber als den ersten tragischen Philosophen zu verstehn – das heisst den äussersten Gegensatz und Antipoden eines pessimistischen Philosophen. Vor mir giebt es diese Umsetzung des Dionysischen in ein philosophisches Pathos nicht: es fehlt die tragische Weisheit, – ich habe vergebens nach Anzeichen davon selbst bei den grossen Griechen der Philosophie, denen der zwei Jahrhunderte vor Sokrates, gesucht. Ein Zweifel blieb mir zurück bei Heraklit, in dessen Nähe überhaupt mir wärmer, mir wohler zu Muthe wird als irgendwo sonst. Die Bejahung des Vergehens und Vernichtens, das Entscheidende in einer dionysischen Philosophie, das Jasagen zu Gegensatz und Krieg, das Wer den, mit radikaler Ablehnung auch selbst des Begriffs “Sein” – darin muss ich unter allen Umständen das mir Verwandteste anerkennen, was bisher gedacht worden ist. Die Lehre von der “ewigen Wiederkunft”, das heisst vom unbedingten und unendlich wiederholten Kreislauf aller Dinge – diese Lehre Zarathustra’s könnte zuletzt auch schon von Heraklit gelehrt worden sein. Zum Mindesten hat die Stoa, die fast alle ihre grundsätzlichen Vorstellungen von Heraklit geerbt hat, Spuren davon.

4. Aus dieser Schrift redet eine ungeheure Hoffnung. Zuletzt fehlt mir jeder Grund, die Hoffnung auf eine dionysische Zukunft der Musik zurückzunehmen. Werfen wir einen Blick ein Jahrhundert voraus, setzen wir den Fall, dass mein Attentat auf zwei Jahrtausende Widernatur und Menschenschändung gelingt. Jene neue Partei des Lebens, welche die grösste aller Aufgaben, die Höherzüchtung der Menschheit in die Hände nimmt, eingerechnet die schonungslose Vernichtung alles Entartenden und Parasitischen, wird jenes Zuviel von Leben auf Erden wieder möglich machen, aus dem auch der dionysische Zustand wieder erwachsen muss. Ich verspreche ein tragisches Zeitalter: die höchste Kunst im Jasagen zum Leben, die Tragödie, wird wiedergeboren werden, wenn die Menschheit das Bewusstsein der härtesten, aber nothwendigsten Kriege hinter sich hat, ohne daran zu leiden … Ein Psychologe dürfte noch hinzufügen, dass was ich in jungen Jahren bei Wagnerischer Musik gehört habe, Nichts überhaupt mit Wagner zu thun hat; dass wenn ich die dionysische Musik beschrieb, ich das beschrieb, was ich gehört hatte, – dass ich instinktiv Alles in den neuen Geist übersetzen und transfiguriren musste, den ich in mir trug. Der Beweis dafür, so stark als nur ein Beweis sein kann, ist meine Schrift “Wagner in Bayreuth”: an allen psychologisch entscheidenden Stellen ist nur von mir die Rede, man darf rücksichtslos meinen Namen oder das Wort “Zarathustra” hinstellen, wo der Text das Wort Wagner giebt. Das ganze Bild des dithyrambischen Künstlers ist das Bild des präexistenten Dichters des Zarathustra, mit abgründlicher Tiefe hingezeichnet und ohne einen Augenblick die Wagnersche Realität auch nur zu berühren. Wagner selbst hatte einen Begriff davon; er erkannte sich in der Schrift nicht wieder. – Insgleichen hatte sich “der Gedanke von Bayreuth” in Etwas verwandelt, das den Kennern meines Zarathustra kein Räthsel-Begriff sein wird: in jenen grossen Mittag, wo sich die Auserwähltesten zur grössten aller Aufgaben weihen – wer weiss? die Vision eines Festes, das ich noch erleben werde … Das Pathos der ersten Seiten ist welthistorisch; der Blick, von dem auf der siebenten Seite die Rede ist, ist der eigentliche Zarathustra-Blick; Wagner, Bayreuth, die ganze kleine deutsche Erbärmlichkeit ist eine Wolke, in der eine unendliche fata morgana der Zukunft sich spiegelt. Selbst psychologisch sind alle entscheidenden Züge meiner eignen Natur in die Wagners eingetragen das Nebeneinander der lichtesten und verhängnissvollsten Kräfte, der Wille zur Macht, wie ihn nie ein Mensch besessen hat, die rücksichtslose Tapferkeit im Geistigen, die unbegrenzte Kraft zu lernen, ohne dass der Wille zur That damit erdrückt würde. Es ist Alles an dieser Schrift vorherverkündend: die Nähe der Wiederkunft des griechischen Geistes, die Nothwendigkeit von Gegen-Alexandern, welche den gordischen Knoten der griechischen Cultur wieder binden, nachdem er gelöst war … Man höre den welthistorischen Accent, mit dem auf Seite 30 der Begriff “tragische Gesinnung” eingeführt wird: es sind lauter welthistorische Accente in dieser Schrift. Dies ist die fremdartigste “Objektivität”, die es geben kann: die absolute Gewissheit darüber, was ich bin, projicirte sich auf irgend eine zufällige Realität, – die Wahrheit über mich redete aus einer schauervollen Tiefe. Auf Seite 71 wird der Stil des Zarathustra mit einschneidender Sicherheit beschrieben und vorweggenommen; und niemals wird man einen grossartigeren Ausdruck für das Ereigniss Zarathustra, den Akt einer ungeheuren Reinigung und Weihung der Menschheit, finden, als er in den Seiten 43-46 gefunden ist. -

Die Unzeitgemässen.
1. Die vier Unzeitgemässen sind durchaus kriegerisch. Sie beweisen, dass ich kein “Hans der Träumer” war, dass es mir Vergnügen macht, den Degen zu ziehn, – vielleicht auch, dass ich das Handgelenk gefährlich frei habe. Der erste Angriff (1873) galt der deutschen Bildung, auf die ich damals schon mit schonungsloser Verachtung hinabblickte. Ohne Sinn, ohne Substanz, ohne Ziel: eine blosse “öffentliche Meinung”. Kein bösartigeres Missverständniss als zu glauben, der grosse Waffen-Erfolg der Deutschen beweise irgend Etwas zu Gunsten dieser Bildung – oder gar ihren Sieg über Frankreich … Die zweite Unzeitgemässe (1874) bringt das Gefährliche, das Leben-Annagende und -Vergiftende in unsrer Art des Wissenschafts-Betriebs an’s Licht -: das Leben krank an diesem entmenschten Räderwerk und Mechanismus, an der ” Unpersönlichkeit” des Arbeiters, an der falschen Ökonomie der “Theilung der Arbeit”. Der Zweck geht verloren, die Cultur: – das Mittel, der moderne Wissenschafts-Betrieb, barbarisirt… In dieser Abhandlung wurde der “historische Sinn”, auf den dies Jahrhundert stolz ist, zum ersten Mal als Krankheit erkannt, als typisches Zeichen des Verfalls. – In der dritten und vierten Unzeitgemässen werden, als Fingerzeige zu einem höheren Begriff der Cultur, zur Wiederherstellung des Begriffs “Cultur”, zwei Bilder der härtesten Selbstsucht, Selbstzucht dagegen aufgestellt, unzeitgemässe Typen par excellence, voll souverainer Verachtung gegen Alles, was um sie herum “Reich”, “Bildung”, “Christenthum”, “Bismarck”, “Erfolg” hiess, – Schopenhauer und Wagner oder, mit Einem Wort, Nietzsche …

2. Von diesen vier Attentaten hatte das erste einen ausserordentlichen Erfolg. Der Lärm, den es hervorrief, war in jedem Sinne prachtvoll. Ich hatte einer siegreichen Nation an ihre wunde Stelle gerührt, – dass ihr Sieg nicht ein Cultur-Ereigniss sei, sondern vielleicht, vielleicht etwas ganz Anderes… Die Antwort kam von allen Seiten und durchaus nicht bloss von den alten Freunden David Straussens, den ich als Typus eines deutschen Bildungsphilisters und satisfait, kurz als Verfasser seines Bierbank-Evangeliums vom “alten und neuen Glauben” lächerlich gemacht hatte (- das Wort Bildungsphilister ist von meiner Schrift her in der Sprache übrig geblieben). Diese alten Freunde, denen ich als Würtembergern und Schwaben einen tiefen Stich versetzt hatte, als ich ihr Wunderthier, ihren Strauss komisch fand, antworteten so bieder und grob, als ich’s irgendwie wünschen konnte; – die preussischen Entgegnungen waren klüger, – sie hatten mehr “Berliner Blau” in sich. Das Unanständigste leistete ein Leipziger Blatt, die berüchtigten “Grenzboten”; ich hatte mühe, die entrüsteten Basler von Schritten abzuhalten. Unbedingt für mich entschieden sich nur einige alte Herrn, aus gemischten und zum Theil unausfindlichen Gründen. Darunter Ewald in Göttingen, der zu verstehn gab, mein Attentat sei für Strauss tödtlich abgelaufen. Insgleichen der alte Hegelianer Bruno Bauer, an dem ich von da an einen meiner aufmerksamsten Leser gehabt habe. Er liebte es, in seinen letzten Jahren, auf mich zu verweisen, zum Beispiel Herrn von Treitschke, dem preussischen Historiographen, einen Wink zu geben, bei wem er sich Auskunft über den ihm verloren gegangnen Begriff “Cultur” holen könne. Das Nachdenklichste, auch das Längste über die Schrift und ihren Autor wurde von einem alten Schüler des Philosophen von Baader gesagt, einem Professor Hoffmann in Würzburg. Er sah aus der Schrift eine grosse Bestimmung für mich voraus, – eine Art Krisis und höchste Entscheidung im Problem des Atheismus herbeizuführen, als dessen instinktivsten und rücksichtslosesten Typus er mich errieth. Der Atheismus war das, was mich zu Schopenhauer führte. – Bei weitem am besten gehört, am bittersten empfunden wurde eine ausserordentlich starke und tapfere Fürsprache des sonst so milden Karl Hillebrand, dieses letzten humanen Deutschen, der die Feder zu führen wusste. Man las seinen Aufsatz in der “Augsburger Zeitung”; man kann ihn heute, in einer etwas vorsichtigeren Form, in seinen gesammelten Schriften lesen. Hier war die Schrift als Ereigniss, Wendepunkt, erste Selbstbesinnung, allerbestes Zeichen dargestellt, als eine wirkliche Wiederkehr des deutschen Ernstes und der deutschen Leidenschaft in geistigen Dingen. Hillebrand war voll hoher Auszeichnung für die Form der Schrift, für ihren reifen Geschmack, für ihren vollkommnen Takt in der Unterscheidung von Person und Sache: er zeichnete sie als die beste polemische Schrift aus, die deutsch geschrieben sei, – in der gerade für Deutsche so gefährlichen, so widerrathbaren Kunst der Polemik. Unbedingt jasagend, mich sogar in dem verschärfend, was ich über die Sprach-Verlumpung in Deutschland zu sagen gewagt hatte (- heute spielen sie die Puristen und können keinen Satz mehr bauen -), in gleicher Verachtung gegen die “ersten Schriftsteller” dieser Nation, endete er damit, seine Bewunderung für meinen Muth auszudrücken – jenen “höchsten Muth, der gerade die Lieblinge eines Volks auf die Anklagebank bringt”.. . Die Nachwirkung dieser Schrift ist geradezu unschätzbar in meinem Leben. Niemand hat bisher mit mir Händel gesucht. Man schweigt, man behandelt mich in Deutschland mit einer düstern Vorsicht: ich habe seit Jahren von einer unbedingten Redefreiheit Gebrauch gemacht, zu der Niemand heute, am wenigsten im “Reich”, die Hand frei genug hat. Mein Paradies ist “unter dem Schatten meines Schwertes” … Im Grunde hatte ich eine Maxime Stendhals prakticirt: er räth an, seinen Eintritt in die Gesellschaft mit einem Duell zu machen. Und wie ich mir meinen Gegner gewählt hatte! den ersten deutschen Freigeist! … In der That, eine ganz neue Art Freigeisterei kam damit zum ersten Ausdruck: bis heute ist mir Nichts fremder und unverwandter als die ganze europäische und amerikanische Species von “libres penseurs”. Mit ihnen als mit unverbesserlichen Flachköpfen und Hanswürsten der “modernen Ideen” befinde ich mich sogar in einem tieferen Zwiespalt als mit Irgendwem von ihren Gegnern. Sie wollen auch, auf ihre Art, die Menschheit “verbessern”, nach ihrem Bilde, sie würden gegen das, was ich bin, was ich will, einen unversöhnlichen Krieg machen, gesetzt dass sie es verstünden, – sie glauben allesammt noch ans “Ideal” … Ich bin der erste Immoralist

3. Dass die mit den Namen Schopenhauer und Wagner abgezeichneten Unzeitgemässen sonderlich zum Verständniss oder auch nur zur psychologischen Fragestellung beider Fälle dienen könnten, möchte ich nicht behaupten, Einzelnes, wie billig, ausgenommen. So wird zum Beispiel mit tiefer Instinkt-Sicherheit bereits hier das Elementarische in der Natur Wagners als eine Schauspieler-Begabung bezeichnet, die in seinen Mitteln und Absichten nur ihre Folgerungen zieht. Im Grunde wollte ich mit diesen Schriften Etwas ganz Andres als Psychologie treiben: – ein Problem der Erziehung ohne Gleichen, ein neuer Begriff der Selbst-Zucht, Selbst-Vertheidigung bis zur Härte, ein Weg zur Grösse und zu welthistorischen Aufgaben verlangte nach seinem ersten Ausdruck. Ins Grosse gerechnet nahm ich zwei berühmte und ganz und <gar> noch unfestgestellte Typen beim Schopf, wie man eine Gelegenheit beim Schopf nimmt, um Etwas auszusprechen, um ein Paar Formeln, Zeichen, Sprachmittel mehr in der Hand zu haben. Dies ist zuletzt, mit vollkommen unheimlicher Sagacität, auf S. 93 der dritten Unzeitgemässen auch angedeutet. Dergestalt hat sich Plato des Sokrates bedient, als einer Semiotik für Plato. – Jetzt, wo ich aus einiger Ferne auf jene Zustände zurückblicke, deren Zeugniss diese Schriften sind, möchte ich nicht verleugnen, dass sie im Grunde bloss von mir reden. Die Schrift “Wagner in Bayreuth” ist eine Vision meiner Zukunft; dagegen ist in “Schopenhauer als Erzieher” meine innerste Geschichte, mein Werden eingeschrieben. Vor Allem mein Gelöbniss! … Was ich heute bin, wo ich heute bin – in einer Höhe, wo ich nicht mehr Mit Worten, sondern mit Blitzen rede -, oh wie fern davon war ich damals noch! – Aber ich sah das Land, – ich betrog mich nicht einen Augenblick über Weg, Meer, Gefahr – und Erfolg! Die grosse Ruhe im Versprechen, dies glückliche Hinausschaun in eine Zukunft, welche nicht nur eine Verheissung bleiben soll! – Hier ist jedes Wort erlebt, tief, innerlich; es fehlt nicht am Schmerzlichsten, es sind Worte darin, die geradezu blutrünstig sind. Aber ein Wind der grossen Freiheit bläst über Alles weg; die Wunde selbst wirkt nicht als Einwand. – Wie ich den Philosophen verstehe, als einen furchtbaren Explosionsstoff, vor dem Alles in Gefahr ist, wie ich meinen Begriff “Philosoph” meilenweit abtrenne von einem Begriff, der sogar noch einen Kant in sich schliesst, nicht zu reden von den akademischen “Wiederkäuern” und andren Professoren der Philosophie: darüber giebt diese Schrift eine unschätzbare Belehrung, zugegeben selbst, dass hier im Grunde nicht “Schopenhauer als Erzieher”, sondern sein Gegensatz, “Nietzsche als Erzieher”, zu Worte kommt. – In Anbetracht, dass damals mein Handwerk das eines Gelehrten war, und, vielleicht auch, dass ich mein Handwerk verstand, ist ein herbes Stück Psychologie des Gelehrten nicht ohne Bedeutung, das in dieser Schrift plötzlich zum Vorschein kommt: es drückt das Distanz-Gefühl aus, die tiefe Sicherheit darüber, was bei mir Aufgabe, was bloss Mittel, Zwischenakt und Nebenwerk sein kann. Es ist meine Klugheit, Vieles und vielerorts gewesen zu sein, um Eins werden zu können, – um zu Einem kommen zu können. Ich musste eine Zeit lang auch Gelehrter sein. -

Menschliches, Allzumenschliches.
Mit zwei Fortsetzungen.

1. “Menschliches, Allzumenschliches” ist das Denkmal einer Krisis. Es heisst sich ein Buch für freie Geister: fast jeder Satz darin drückt einen Sieg aus – ich habe mich mit demselben vom Unzugehörigen in meiner Natur freigemacht. Unzugehörig ist mir der Idealismus: der Titel sagt “wo ihr ideale Dinge seht, sehe ich – Menschliches, ach nur Allzumenschliches!” … Ich kenne den Menschen besser… – In keinem andren Sinne will das Wort “freier Geist” hier verstanden werden: ein frei gewordner Geist, der von sich selber wieder Besitz ergriffen hat. Der Ton, der Stimmklang hat sich völlig verändert: man wird das Buch klug, kühl, unter Umständen hart und spöttisch finden. Eine gewisse Geistigkeit vornehmen Geschmacks scheint sich beständig gegen eine leidenschaftlichere Strömung auf dem Grunde obenauf zu halten. In diesem Zusammenhang hat es Sinn, dass es eigentlich die hundertjährige Todesfeier Voltaire’s ist, womit sich die Herausgabe des Buchs schon für das Jahr 1878 gleichsam entschuldigt. Denn Voltaire ist, im Gegensatz zu allem, was nach ihm schrieb, vor allem ein grandseigneur des Geistes: genau das, was ich auch bin. – Der Name Voltaire auf einer Schrift von mir – das war wirklich ein Fortschritt – zu mir … Sieht man genauer zu, so entdeckt man einen unbarmherzigen Geist, der alle Schlupfwinkel kennt, wo das Ideal heimisch ist, – wo es seine Burgverliesse und gleichsam seine letzte Sicherheit hat. Eine Fackel in den Händen, die durchaus kein “fackelndes” Licht giebt, mit einer schneidenden Helle wird in diese Unterwelt des Ideals hineingeleuchtet. Es ist der Krieg, aber der Krieg ohne Pulver und Dampf, ohne kriegerische Attitüden, ohne Pathos und verrenkte Gliedmaassen – dies Alles selbst wäre noch “Idealismus”. Ein Irrthum nach dem andern wird gelassen aufs Eis gelegt, das Ideal wird nicht widerlegt – es erfriert… Hier zum Beispiel erfriert “das Genie”; eine Ecke weiter erfriert “der Heilige”; unter einem dicken Eiszapfen erfriert “der Held”; am Schluss erfriert “der Glaube”, die sogenannte “Überzeugung”, auch das “Mitleiden” kühlt sich bedeutend ab – fast überall erfriert “das Ding an sich” …

2. Die Anfänge dieses Buchs gehören mitten in die Wochen der ersten Bayreuther Festspiele hinein; eine tiefe Fremdheit gegen Alles, was mich dort umgab, ist eine seiner Voraussetzungen. Wer einen Begriff davon hat, was für Visionen mir schon damals über den Weg gelaufen waren, kann errathen, wie mir zu Muthe war, als ich eines Tags in Bayreuth aufwachte. Ganz als ob ich träumte … Wo war ich doch? Ich erkannte Nichts wieder, ich erkannte kaum Wagner wieder. Umsonst blätterte ich in meinen Erinnerungen. Tribschen – eine ferne Insel der Glückseligen: kein Schatten von Ähnlichkeit. Die unvergleichlichen Tage der Grundsteinlegung, die kleine zugehörige Gesellschaft, die sie feierte und der man nicht erst Finger für zarte Dinge zu wünschen hatte: kein Schatten von Ähnlichkeit. Was war geschehn? – Man hatte Wagner ins Deutsche übersetzt! Der Wagnerianer war Herr über Wagner geworden! – Die deutsche Kunst! der deutsche Meister! das deutsche Bier! … Wir Andern, die wir nur zu gut wissen, zu was für raffinirten Artisten, zu welchem Cosmopolitismus des Geschmacks Wagners Kunst allein redet, waren ausser uns, Wagnern mit deutschen “Tugenden” behängt wiederzufinden. – Ich denke, ich kenne den Wagnerianer, ich habe drei Generationen “erlebt”, vom seligen Brendel an, der Wagner mit Hegel verwechselte, bis zu den “Idealisten” der Bayreuther Blätter, die Wagner mit sich selbst verwechseln, – ich habe alle Art Bekenntnisse “schöner Seelen” über Wagner gehört. Ein Königreich für Ein gescheidtes Wort! – In Wahrheit, eine haarsträubende Gesellschaft! Nohl, Pohl, Kohl mit Grazie in infinitum! Keine Missgeburt fehlt darunter, nicht einmal der Antisemit. – Der arme Wagner! Wohin war er gerathen! – Wäre er doch wenigstens unter die Säue gefahren! Aber unter Deutsche! … Zuletzt sollte man, zur Belehrung der Nachwelt, einen echten Bayreuther ausstopfen, besser noch in Spiritus setzen, denn an Spiritus fehlt es -, mit der Unterschrift: so sah der “Geist” aus, auf den hin man das “Reich” gründete … Genug, ich reiste mitten drin für ein paar Wochen ab, sehr plötzlich, trotzdem dass eine charmante Pariserin mich zu trösten suchte; ich entschuldigte mich bei Wagner bloss mit einem fatalistischen Telegramm. In einem tief in Wäldern verborgnen Ort des Böhmerwalds, Klingenbrunn, trug ich meine Melancholie und Deutschen-Verachtung wie eine Krankheit mit mir herum und schrieb von Zeit zu Zeit, unter dem Gesammttitel “die Pflugschar”, einen Satz in mein Taschenbuch, lauter harte Psychologica, die sich vielleicht in “Menschliches, Allzumenschliches” noch wiederfinden lassen.

3. Was sich damals bei mir entschied, war nicht etwa ein Bruch mit Wagner – ich empfand eine Gesammt-Abirrung meines Instinkts, von der der einzelne Fehlgriff, heisse er nun Wagner oder Basler Professur, bloss ein Zeichen war. Eine Ungeduld mit mir überfiel mich; ich sah ein, dass es die höchste Zeit war, mich auf mich zurückzubesinnen. Mit Einem Male war mir auf eine schreckliche Weise klar, wie viel Zeit bereits verschwendet sei, – wie nutzlos, wie willkürlich sich meine ganze Philologen-Existenz an meiner Aufgabe ausnehme. Ich schämte mich dieser falschen Bescheidenheit … Zehn Jahre hinter mir, wo ganz eigentlich die Ernährung des Geistes bei mir stillgestanden hatte, wo ich nichts Brauchbares hinzugelernt hatte, wo ich unsinnig Viel über einem Krimskrams verstaubter Gelehrsamkeit vergessen hatte. Antike Metriker mit Akribie und schlechten Augen durchkriechen – dahin war es mit mir gekommen! – Ich sah mit Erbarmen mich ganz mager, ganz abgehungert: die Realitäten fehlten geradezu innerhalb meines Wissens und die “Idealitäten” taugten den Teufel was! – Ein geradezu brennender Durst ergriff mich: von da an habe ich in der That nichts mehr getrieben als Physiologie, Medizin und Naturwissenschaften, – selbst zu eigentlichen historischen Studien bin ich erst wieder zurückgekehrt, als die Aufgabe mich gebieterisch dazu zwang. Damals errieth ich auch zuerst den Zusammenhang zwischen einer, instinktwidrig gewählten Thätigkeit, einem sogenannten “Beruf”, zu dem man am letzten berufen ist und jenem Bedürfniss nach einer Betäubung des Öde- und Hungergefühls durch eine narkotische Kunst, – zum Beispiel durch die Wagnerische Kunst. Bei einem vorsichtigeren Umblick habe ich entdeckt, dass für eine grosse Anzahl junger Männer der gleiche Nothstand besteht: Eine Widernatur erzwingt förmlich eine zweite. In Deutschland, im “Reich”, um unzweideutig zu reden, sind nur zu Viele verurtheilt, sich unzeitig zu entscheiden und dann, unter einer unabwerfbar gewordnen Last, hinzusiechen… Diese verlangen nach Wagner als nach einem Opiat, – sie vergessen sich, sie werden sich einen Augenblick los … Was sage ich! fünf bis sechs Stunden!

4. Damals entschied sich mein Instinkt unerbittlich gegen ein noch längeres Nachgeben, Mitgehn, Mich-selbst-verwechseln. Jede Art Leben, die ungünstigsten Bedingungen, Krankheit, Armut – Alles schien mir jener unwürdigen “Selbstlosigkeit” vorziehenswerth, in die ich zuerst aus Unwissenheit, aus Jugend gerathen war, in der ich später aus Trägheit, aus sogenanntem “Pflichtgefühl” hängen geblieben war. – Hier kam mir, auf eine Weise, die ich nicht genug bewundern kann, und gerade zur rechten Zeit jene schlimme Erbschaft von Seiten meines Vaters her zu Hülfe, – im Grunde eine Vorbestimmung zu einem frühen Tode. Die Krankheit löste mich langsam heraus: sie ersparte mir jeden Bruch, jeden gewaltthätigen und anstössigen Schritt. Ich habe kein Wohlwollen damals eingebüsst und viel noch hinzugewonnen. Die Krankheit gab mir insgleichen ein Recht zu einer vollkommnen Umkehr aller meiner Gewohnheiten; sie erlaubte, sie gebot mir Vergessen; sie beschenkte mich mit der Nöthigung zum Stillliegen, zum Müssiggang, zum Warten und Geduldigsein … Aber das heisst ja denken! … Meine Augen allein machten ein Ende mit aller Bücherwürmerei, auf deutsch: Philologie: ich war vom “Buch” erlöst, ich las jahrelang Nichts mehr – die grösste Wohlthat, die ich mir je erwiesen habe! – Jenes unterste Selbst, gleichsam verschüttet, gleichsam still geworden unter einem beständigen Hören-Müssen auf andre Selbste (- und das heisst ja lesen!) erwachte langsam, schüchtern, zweifelhaft, – aber endlich redete es wieder. Nie habe ich so viel Glück an mir gehabt, als in den kränksten und schmerzhaftesten Zeiten meines Lebens: man hat nur die “Morgenröthe” oder etwa den “Wanderer und seinen Schatten” sich anzusehn, um zu begreifen, was diese “Rückkehr zu mir” war: eine höchste Art von Genesung selbst! … Die andre folgte bloss daraus.

5. Menschliches, Allzumenschliches, dies Denkmal einer rigorösen Selbstzucht, mit der ich bei mir allem eingeschleppten “höheren Schwindel”, “Idealismus”, “schönen Gefühl”, und andren Weiblichkeiten ein jähes Ende bereitete, wurde in allen Hauptsachen in Sorrent niedergeschrieben; es bekam seinen Schluss, seine endgültige Form in einem Basler Winter, unter ungleich ungünstigeren Verhältnissen als denen in Sorrent. Im Grunde hat Herr Peter Gast, damals an der Basler Universität studirend und mir sehr zugethan, das Buch auf dem Gewissen. Ich diktirte, den Kopf verbunden und schmerzhaft, er schrieb ab, er corrigirte auch, – er war im Grunde der eigentliche Schriftsteller, während ich bloss der Autor war. Als das Buch endlich fertig mir zu Händen kam – zur tiefen Verwunderung eines Schwerkranken -, sandte ich, unter Anderem, auch nach Bayreuth zwei Exemplare. Durch ein Wunder von Sinn im Zufall kam gleichzeitig bei mir ein schönes Exemplar des Parsifal-Textes an, mit Wagners Widmung an mich “seinem theuren Freunde Friedrich Nietzsche, Richard Wagner, Kirchenrath”. – Diese Kreuzung der zwei Bücher – mir war’s, als ob ich einen ominösen Ton dabei hörte. Klang es nicht, als ob sich Degen kreuzten? … Jedenfalls empfanden wir es beide so: denn wir schwiegen beide. – Um diese Zeit erschienen die ersten Bayreuther Blätter: ich begriff, wozu es höchste Zeit gewesen war. – Unglaublich! Wagner war fromm geworden …

6. Wie ich damals (1876) über mich dachte, mit welcher ungeheuren Sicherheit ich meine Aufgabe und das Welthistorische an ihr in der Hand hielt, davon legt das ganze Buch, vor Allem aber eine sehr ausdrückliche Stelle Zeugniss ab: nur dass ich, mit der bei mir instinktiven Arglist, auch hier wieder das Wörtchen “ich” umgieng und dies Mal nicht Schopenhauer oder Wagner, sondern einen meiner Freunde, den ausgezeichneten Dr. Paul Rée, mit einer welthistorischen Glorie überstrahlte – zum Glück ein viel zu feines Thier, als dass … Andre waren weniger fein: ich habe die Hoffnungslosen unter meinen Lesern, zum Beispiel den typischen deutschen Professor, immer daran erkannt, dass sie, auf diese Stelle hin, das ganze Buch als höheren Réealismus verstehn zu müssen glaubten … In Wahrheit enthielt es den Widerspruch gegen fünf, sechs Sätze meines Freundes: man möge darüber die Vorrede zur Genealogie der Moral nachlesen. – Die Stelle lautet: welches ist doch der Hauptsatz, zu dem einer der kühnsten und kältesten Denker, der Verfasser des Buchs “über den Ursprung der moralischen Empfindungen” (lisez: Nietzsche, der erste Immoralist) vermöge seiner ein- und durchschneidenden Analysen des menschlichen Handelns gelangt ist? “Der moralische Mensch steht der intelligiblen Welt nicht näher als der physische – denn es giebt keine intelligible Welt… ” Dieser Satz, hart und schneidig geworden unter dem Hammerschlag der historischen Erkenntniss (lisez: Umwerthung aller Werthe) kann vielleicht einmal, in irgend welcher Zukunft – 1890! – als die Axt dienen, welche dem “metaphysischen Bedürfniss” der Menschheit an die Wurzel gelegt wird, – ob mehr zum Segen oder zum Fluche der Menschheit, wer wüsste das zu sagen? Aber jedenfalls als ein Satz der erheblichsten Folgen, fruchtbar und furchtbar zugleich und mit jenem Doppelblick in die Welt sehend, welchen alle grossen Erkenntnisse haben …

Morgenröthe.
Gedanken über die Moral als Vorurtheil.

1. Mit diesem Buche beginnt mein Feldzug gegen die Moral. Nicht dass es den geringsten Pulvergeruch an sich hätte: – man wird ganz andre und viel lieblichere Gerüche an ihm wahrnehmen, gesetzt, dass man einige Feinheit in den Nüstern hat. Weder grosses, noch auch kleines Geschütz: ist die Wirkung des Buchs negativ, so sind es seine Mittel um so weniger, diese Mittel, aus denen die Wirkung wie ein Schluss, nicht wie ein Kanonenschuss folgt. Dass man von dem Buche Abschied nimmt mit einer scheuen Vorsicht vor Allem, was bisher unter dem Namen Moral zu Ehren und selbst zur Anbetung gekommen ist, steht nicht im Widerspruch damit, dass im ganzen Buch kein negatives Wort vorkommt, kein Angriff, keine Bosheit, – dass es vielmehr in der Sonne liegt, rund, glücklich, einem Seegethier gleich, das zwischen Felsen sich sonnt. Zuletzt war ich’s selbst, dieses Seegethier: fast jeder Satz des Buchs ist erdacht, er schlüpft in jenem Felsen-Wirrwarr nahe bei Genua, wo ich allein war und noch mit dem Meere Heimlichkeiten hatte. Noch jetzt wird mir, bei einer zufälligen Berührung dieses Buchs, fast jeder Satz zum Zipfel, an dem ich irgend etwas Unvergleichliches wieder aus der Tiefe ziehe: seine ganze Haut zittert von zarten Schaudern der Erinnerung. Die Kunst, die es voraus hat, ist keine kleine darin, Dinge, die leicht und ohne Geräusch vorbeihuschen, Augenblicke, die ich göttliche Eidechsen nenne, ein wenig fest zu machen – nicht etwa mit der Grausamkeit jenes jungen Griechengottes, der das arme Eidechslein einfach anspiesste, aber immerhin doch mit etwas Spitzem, mit der Feder… “Es giebt so viele Morgenröthen, die noch nicht geleuchtet haben” – diese indische Inschrift steht auf der Thür zu diesem Buche. Wo sucht sein Urheber jenen neuen Morgen, jenes bisher noch unentdeckte zarte Roth, mit dem wieder ein Tag – ah, eine ganze Reihe, eine ganze Welt neuer Tage! – anhebt? In einer Umwerthung aller Werthe, in einem Loskommen von allen Moralwerthen, in einem Jasagen und Vertrauen-haben zu Alledem, was bisher verboten, verachtet, verflucht worden ist. Dies jasagende Buch strömt sein Licht, seine Liebe, seine Zärtlichkeit auf lauter schlimme Dinge aus, es giebt ihnen “die Seele”, das gute Gewissen, das hohe Recht und Vorrecht auf Dasein wieder zurück. Die Moral wird nicht angegriffen, sie kommt nur nicht mehr in Betracht … Dies Buch schliesst mit einem “Oder?”, – es ist das einzige Buch, das mit einem “Oder?” schliesst …

2. Meine Aufgabe, einen Augenblick höchster Selbstbesinnung der Menschheit vorzubereiten, einen grossen Mittag, wo sie zurückschaut und hinausschaut, wo sie aus der Herrschaft des Zufalls und der Priester heraustritt und die Frage des warum?, des wozu? zum ersten Male als Ganzes stellt -, diese Aufgabe folgt mit Nothwendigkeit aus der Einsicht, dass die Menschheit nicht von selber auf dem rechten Wege ist, dass sie durchaus nicht göttlich regiert wird, dass vielmehr gerade unter ihren heiligsten Werthbegriffen der Instinkt der Verneinung, der Verderbniss, der décadence-Instinkt verführerisch gewaltet hat. Die Frage nach der Herkunft der moralischen Werthe ist deshalb für mich eine Frage ersten Ranges, weil sie die Zukunft der Menschheit bedingt. Die Forderung, man solle glauben, dass Alles im Grunde in den besten Händen ist, dass ein Buch, die Bibel, eine endgültige Beruhigung über die göttliche Lenkung und Weisheit im Geschick der Menschheit giebt, ist, zurückübersetzt in die Realität, der Wille, die Wahrheit über das erbarmungswürdige Gegentheil davon nicht aufkommen zu lassen, nämlich, dass die Menschheit bisher in den schlechtesten Händen war, dass sie von den Schlechtweggekommenen, den Arglistig-Rachsüchtigen, den sogenannten “Heiligen”, diesen Weltverleumdern und Menschenschändern, regiert worden ist. Das entscheidende Zeichen, an dem sich ergiebt, dass der Priester (- eingerechnet die versteckten Priester, die Philosophen) nicht nur innerhalb einer bestimmten religiösen Gemeinschaft, sondern überhaupt Herr geworden ist, dass die décadence-Moral, der Wille zum Ende, als Moral an sich gilt, ist der unbedingte Werth, der dem Unegoistischen und die Feindschaft, die dem Egoistischen überall zu Theil wird. Wer über diesen Punkt mit mir uneins ist, den halte ich für inficirt … Aber alle Welt ist mit mir uneins … Für einen Physiologen lässt ein solcher Werth-Gegensatz gar keinen Zweifel. Wenn innerhalb des Organismus das geringste Organ in noch so kleinem Maasse nachlässt, seine Selbsterhaltung, seinen Kraftersatz, seinen, “Egoismus” mit vollkommner Sicherheit durchzusetzen, so entartet das Ganze. Der Physiologe verlangt Ausschneidung des entartenden Theils, er verneint jede Solidarität mit dem Entartenden, er ist am fernsten vom Mitleiden mit ihm. Aber der Priester will gerade die Entartung des Ganzen, der Menschheit: darum conservirt er das Entartende – um diesen Preis beherrscht er sie … Welchen Sinn haben jene Lügenbegriffe, die Hülfsbegriffe der Moral, “Seele”, “Geist”, “freier Wille”, “Gott”, wenn nicht den, die Menschheit physiologisch zu ruiniren? … Wenn man den Ernst von der Selbsterhaltung, Kraftsteigerung des Leibes, das heisst des Lebens ablenkt, wenn man aus der Bleichsucht ein Ideal, aus der Verachtung des Leibes “das Heil der Seele” construirt, was ist das Anderes, als ein Recept zur décadence? – Der Verlust an Schwergewicht, der Widerstand gegen die natürlichen Instinkte, die “Selbstlosigkeit” mit Einem Worte – das hiess bisher Moral… Mit der “Morgenröthe” nahm ich zuerst den Kampf gegen die Entselbstungs-Moral auf. –

Die fröhliche Wissenschaft.

Die “Morgenröthe” ist ein jasagendes Buch, tief, aber hell und gütig. Dasselbe gilt noch einmal und im höchsten Grade von der gaya scienza: fast in jedem Satz derselben halten sich Tiefsinn und Muthwillen zärtlich an der Hand. Ein Vers, welcher die Dankbarkeit für den wunderbarsten Monat Januar ausdrückt, den ich erlebt habe – das ganze Buch ist sein Geschenk – verräth zur Genüge, aus welcher Tiefe heraus hier die “Wissenschaft” fröhlich geworden ist:

Der du mit dem Flammenspeere
Meiner Seele Eis zertheilt,
Dass sie brausend nun zum Meere
Ihrer höchsten Hoffnung eilt:
Heller stets und stets gesunder,
Frei im liebevollsten Muss
Also preist sie deine Wunder,
Schönster Januarius!

Was hier “höchste Hoffnung” heisst, wer kann darüber im Zweifel sein, der als Schluss des vierten Buchs die diamantene Schönheit der ersten Worte des Zarathustra aufglänzen sieht? – Oder der die granitnen Sätze am Ende des dritten Buchs liest, mit denen sich ein Schicksal für alle Zeiten zum ersten Male in Formeln fasst? – Die Lieder des Prinzen Vogelfrei, zum besten Theil in Sicilien gedichtet, erinnern ganz ausdrücklich an den provencialischen Begriff der “gaya scienza”, an jene Einheit von Sänger, Ritter und Freigeist, mit der sich jene wunderbare Frühkultur der Provencalen gegen alle zweideutigen Culturen abhebt; das allerletzte Gedicht zumal, “anden Mistral”, ein ausgelassenes Tanzlied, in dem, mit Verlaub! über die Moral hinweggetanzt wird, ist ein vollkommner Provençalismus. –

Also sprach Zarathustra.
Ein Buch für Alle und Keinen.

1. Ich erzähle nunmehr die Geschichte des Zarathustra. Die Grundconception des Werks, der Ewige-Wiederkunfts-Gedanke, diese höchste Formel der Bejahung, die überhaupt erreicht werden kann -, gehört in den August des Jahres 1881: er ist auf ein Blatt hingeworfen, mit der Unterschrift: “6000 Fuss jenseits von Mensch und Zeit”. Ich gieng an jenem Tage am See von Silvaplana durch die Wälder; bei einem mächtigen pyramidal aufgethürmten Block unweit Surlei machte ich Halt. Da kam mir dieser Gedanke. – Rechne ich von diesem Tage ein paar Monate zurück, so finde ich, als Vorzeichen, eine plötzliche und im Tiefsten entscheidende Veränderung meines Geschmacks, vor Allem in der Musik. Man darf vielleicht den ganzen Zarathustra unter die Musik rechnen; – sicherlich war eine Wiedergeburt in der Kunst zu hören, eine Vorausbedingung dazu. In einem kleinen Gebirgsbade unweit Vicenza, Recoaro, wo ich den Frühling des Jahrs 1881 verbrachte, entdeckte ich, zusammen mit meinem maëstro und Freunde Peter Gast, einem gleichfalls “Wiedergebornen”, dass der Phönix Musik mit leichterem und leuchtenderem Gefieder, als er je gezeigt, an uns vorüberflog. Rechne ich dagegen von jenem Tage an vorwärts, bis zur plötzlichen und unter den unwahrscheinlichsten Verhältnissen eintretenden Niederkunft im Februar 1883 – die Schlusspartie, dieselbe, aus der ich im Vorwort ein paar Sätze citirt habe, wurde genau in der heiligen Stunde fertig gemacht, in der Richard Wagner in Venedig starb – so ergeben sich achtzehn Monate für die Schwangerschaft. Diese Zahl gerade von achtzehn Monaten dürfte den Gedanken nahelegen, unter Buddhisten wenigstens, dass ich im Grunde ein Elephanten-Weibchen bin. – In die Zwischenzeit gehört die “gaya scienza”, die hundert Anzeichen der Nähe von etwas Unvergleichlichem hat; zuletzt giebt sie den Anfang des Zarathustra selbst noch, sie giebt im vorletzten Stück des vierten Buchs den Grundgedanken des Zarathustra. – Insgleichen gehört in diese Zwischenzeit jener Hymnus auf das Leben (für gemischten Chor und Orchester), dessen Partitur vor zwei Jahren bei E. W. Fritzsch in Leipzig erschienen ist: ein vielleicht nicht unbedeutendes Symptom für den Zustand dieses Jahres, wo das ja sagende Pathos par excellence, von mir das tragische Pathos genannt, im höchsten Grade mir innewohnte. Man wird ihn später einmal zu meinem Gedächtniss singen. – Der Text, ausdrücklich bemerkt, weil ein Missverständniss darüber im Umlauf ist, ist nicht von mir: er ist die erstaunliche Inspiration einer jungen Russin, mit der ich damals befreundet war, des Fräulein Lou von Salomé. Wer den letzten Worten des Gedichts überhaupt einen Sinn zu entnehmen weiss, wird errathen, warum ich es vorzog und bewunderte: sie haben Grösse. Der Schmerz gilt nicht als Einwand gegen das Leben: “Hast du kein Glück mehr übrig mir zu geben, wohlan! noch hast du deine Pein… ” Vielleicht hat auch meine Musik an dieser Stelle Grösse. (Letzte Note der Oboe cis nicht c. Druckfehler.) – Den darauf folgenden Winter lebte ich in jener anmuthig stillen Bucht von Rapallo unweit Genua, die sich zwischen Chiavari und dem Vorgebirge Porto fino einschneidet. Meine Gesundheit war nicht die beste; der Winter kalt und über die Maassen regnerisch; ein kleines Albergo, unmittelbar am Meer gelegen, so dass die hohe See nachts den Schlaf unmöglich machte, bot ungefähr in Allem das Gegentheil vom Wünschenswerthen. Trotzdem und beinahe zum Beweis meines Satzes, dass alles Entscheidende “trotzdem”, entsteht, war es dieser Winter und diese Ungunst der Verhältnisse, unter denen mein Zarathustra entstand. – Den Vormittag stieg ich in südlicher Richtung auf der herrlichen Strasse nach Zoagli hin in die Höhe, an Pinien vorbei und weitaus das Meer überschauend; des Nachmittags, so oft es nur die Gesundheit erlaubte, umgieng ich die ganze Bucht von Santa Margherita bis hinter nach Porto fino. Dieser Ort und diese Landschaft ist durch die grosse Liebe, welche der unvergessliche deutsche Kaiser Friedrich der Dritte für sie fühlte, meinem Herzen noch näher gerückt; ich war zufällig im Herbst 1886 wieder an dieser Küste, als er zum letzten Mal diese kleine vergessne Welt von Glück besuchte. – Auf diesen beiden Wegen fiel mir der ganze erste Zarathustra ein, vor Allem Zarathustra selber, als Typus: richtiger, er überfiel mich…

2. Um diesen Typus zu verstehn, muss man sich zuerst seine physiologische Voraussetzung klar machen: sie ist das, was ich die grosse Gesundheit nenne. Ich weiss diesen Begriff nicht besser, nicht persönlicher zu erläutern, als ich es schon gethan habe, in einem der Schlussabschnitte des fünften Buchs der “gaya scienza”. “Wir Neuen, Namenlosen, Schlechtverständlichen – heisst es daselbst – wir Frühgeburten einer noch unbewiesenen Zukunft, wir bedürfen zu einem neuen Zwecke auch eines neuen Mittels, nämlich einer neuen Gesundheit, einer stärkeren gewitzteren zäheren verwegneren lustigeren, als alle Gesundheiten bisher waren. Wessen Seele darnach dürstet, den ganzen Umfang der bisherigen Werthe und Wünschbarkeiten erlebt und alle Küsten dieses idealischen “Mittelmeers” umschifft zu haben, wer aus den Abenteuern der eigensten Erfahrung wissen will, wie es einem Eroberer und Entdecker des Ideals zu Muthe ist, insgleichen einem Künstler, einem Heiligen, einem Gesetzgeber, einem Weisen, einem Gelehrten, einem Frommen, einem Göttlich-Abseitigen alten Stils: der hat dazu zu allererst Eins nöthig, die grosse Gesundheit – eine solche, welche man nicht nur hat, sondern auch beständig noch erwirbt und erwerben muss, weil man sie immer wieder preisgiebt, preisgeben muss … Und nun, nachdem wir lange dergestalt unterwegs waren, wir Argonauten des Ideals, muthiger vielleicht als klug ist und Oft genug schiffbrüchig und zu Schaden gekommen, aber, wie gesagt, gesünder als man es uns erlauben möchte, gefährlich gesund, immer wieder gesund, – will es. uns scheinen, als ob wir, zum Lohn dafür, ein noch unentdecktes Land vor uns haben, dessen Grenzen noch Niemand abgesehn hat, ein jenseits aller bisherigen Länder und Winkel des Ideals, eine Welt so überreich an Schönem, Fremdem, Fragwürdigem, Furchtbarem und Göttlichem, dass unsre Neugierde sowohl als unser Besitzdurst ausser sich gerathen sind – ach, dass wir nunmehr durch Nichts mehr zu ersättigen sind! … Wie könnten wir uns, nach solchen Ausblicken und mit einem solchen Heisshunger in Wissen und Gewissen, noch am gegenwärtigen Menschen. genügen lassen? Schlimm genug, aber es ist unvermeidlich, dass wir seinen würdigsten Zielen und Hoffnungen nun mit einem übel aufrecht erhaltenen Ernste zusehn und vielleicht nicht einmal mehr zusehn … Ein andres Ideal läuft vor uns her, ein wunderliches, versucherisches, gefahrenreiches Ideal, zu dem wir Niemanden überreden möchten, weil wir Niemandem so leicht das Recht darauf zugestehn: das Ideal eines Geistes, der naiv, das heisst ungewollt und aus überströmender Fülle und Mächtigkeit mit Allem spielt, was bisher heilig, gut, unberührbar, göttlich hiess; für den das Höchste, woran das Volk billigerweise sein Werthmaass hat, bereits so viel wie Gefahr, Verfall, Erniedrigung oder, mindestens, wie Erholung, Blindheit, zeitweiliges Selbstvergessen bedeuten würde; das Ideal eines menschlich-übermenschlichen Wohlseins und Wohlwollens, welches oft genug unmenschlich erscheinen wird, zum Beispiel, wenn es sich neben den ganzen bisherigen Erdenernst, neben alle bisherige Feierlichkeit in Gebärde, Wort, Klang, Blick, Moral und Aufgabe wie deren leibhafteste unfreiwillige Parodie hinstellt – und mit dem, trotzalledem, vielleicht der grosse Ernst erst anhebt, das eigentliche Fragezeichen erst gesetzt wird, das Schicksal der Seele sich wendet, der Zeiger rückt, die Tragödie beginnt

3. Hat jemand, Ende des neunzehnten Jahrhunderts, einen deutlichen Begriff davon, was Dichter starker Zeitalter Inspiration nannten? Im andren Falle will ich’s beschreiben. Mit dem geringsten Rest von Aberglauben in sich würde man in der That die Vorstellung, bloss Incarnation, bloss Mundstück, bloss medium übermächtiger Gewalten zu sein, kaum abzuweisen wissen. Der Begriff Offenbarung, in dem Sinn, dass plötzlich, mit unsäglicher Sicherheit und Feinheit, Etwas sichtbar, hörbar wird, Etwas, das Einen im Tiefsten erschüttert und umwirft, beschreibt einfach den Thatbestand. Man hört, man sucht nicht; man nimmt, man fragt nicht, wer da giebt; wie ein Blitz leuchtet ein Gedanke auf, mit Nothwendigkeit, in der Form ohne Zögern, – ich habe nie eine Wahl gehabt. Eine Entzükkung, deren ungeheure Spannung sich mitunter in einen Thränenstrom auslöst, bei der der Schritt unwillkürlich bald stürmt, bald langsam wird; ein vollkommnes Ausser-sich-sein mit dem distinktesten Bewusstsein einer Unzahl feiner Schauder und Überrieselungen bis in die Fusszehen; eine Glückstiefe, in der das Schmerzlichste und Düsterste nicht als Gegensatz wirkt, sondern als bedingt, als herausgefordert, sondern als eine nothwendige Farbe innerhalb eines solchen Lichtüberflusses; ein Instinkt rhythmischer Verhältnisse, der weite Räume von Formen überspannt – die Länge, das Bedürfniss nach einem weitgespannten Rhythmus ist beinahe das Maass für die Gewalt der Inspiration, eine Art Ausgleich gegen deren Druck und Spannung … Alles geschieht im höchsten Grade unfreiwillig, aber wie in einem Sturme von Freiheits-Gefühl, von Unbedingtsein, von Macht, von Göttlichkeit … Die Unfreiwilligkeit des Bildes, des Gleichnisses ist das Merkwürdigste; man hat keinen Begriff mehr, was Bild, was Gleichniss ist, Alles bietet sich als der nächste, der richtigste, der einfachste Ausdruck. Es scheint wirklich, um an ein Wort Zarathustra‘s zu erinnern, als ob die Dinge selber herankämen und sich zum Gleichnisse anböten (- “hier kommen alle Dinge liebkosend zu deiner Rede und schmeicheln dir: denn sie wollen auf deinem Rücken reiten. Auf jedem Gleichniss reitest du hier zu jeder Wahrheit. Hier springen dir alles Seins Worte und Wort-Schreine auf; alles Sein will hier Wort werden, alles Werden will von dir reden lernen –”). Dies ist meine Erfahrung von Inspiration; ich zweifle nicht, dass man Jahrtausende zurückgehn muss, um jemanden zu finden, der mir sagen darf “es ist auch die meine”.

4. Ich lag ein Paar Wochen hinterdrein in Genua krank. Dann folgte ein schwermüthiger Frühling in Rom, wo ich das Leben hinnahm – es war nicht leicht. Im Grunde verdross mich dieser für den Dichter des Zarathustra unanständigste Ort der Erde, den ich nicht freiwillig gewählt hatte, über die Maassen; ich versuchte loszukommen, – ich wollte nach Aquila, dem Gegenbegriff von Rom, aus Feindschaft gegen Rom gegründet, wie ich einen Ort dereinst gründen werde, die Erinnerung an einen Atheisten und Kirchenfeind comme il faut, an einen meiner Nächstverwandten, den grossen Hohenstaufen-Kaiser Friedrich den Zweiten. Aber es war ein Verhängniss bei dem Allen: ich musste wieder zurück. Zuletzt gab ich mich mit der piazza Barberini zufrieden, nachdem mich meine Mühe um eine anti-christliche Gegend müde gemacht hatte. Ich fürchte, ich habe einmal, um schlechten Gerüchen möglichst aus dem Wege zu gehn, im palazzo del Quirinale selbst nachgefragt, ob man nicht ein stilles Zimmer für einen Philosophen habe. – Auf einer loggia hoch über der genannten piazza, von der aus man Rom übersieht und tief unten die fontana rauschen hört, wurde jenes einsamste Lied gedichtet, das je gedichtet worden ist, das Nachtlied; um diese Zeit gieng immer eine Melodie von unsäglicher Schwermuth um mich herum, deren Refrain ich in den Worten wiederfand “todt vor Unsterblichkeit…” Im Sommer, heimgekehrt zur heiligen Stelle, wo der erste Blitz des Zarathustra-Gedankens mir geleuchtet hatte, fand ich den zweiten Zarathustra. Zehn Tage genügten; ich habe in keinem Falle, weder beim ersten, noch beim dritten und letzten mehr gebraucht. Im Winter darauf, unter dem halkyonischen Himmel Nizza’s, der damals zum ersten Male in mein Leben hineinglänzte, fand ich den dritten Zarathustra – und war fertig. Kaum ein Jahr, für’s Ganze gerechnet. Viele verborgne Flecke und Höhen aus der Landschaft Nizza’s sind mir durch unvergessliche Augenblicke geweiht; jene entscheidende Partie, welche den Titel “von alten und neuen Tafeln” trägt, wurde im beschwerlichsten Aufsteigen von der Station zu dem wunderbaren maurischen Felsenneste Eza gedichtet, – die Muskel-Behendheit war bei mir immer am grössten, wenn die schöpferische Kraft am reichsten floss. Der Leib ist begeistert: lassen wir die “Seele” aus dem Spiele … Man hat mich oft tanzen sehn können; ich konnte damals, ohne einen Begriff von Ermüdung, sieben, acht Stunden auf Bergen unterwegs sein. Ich schlief gut, ich lachte viel -, ich war von einer vollkomm<n>en Rüstigkeit und Geduld.

5. Abgesehn von diesen Zehn-Tage-Werken waren die Jahre während und vor Allem nach dem Zarathustra ein Nothstand ohne Gleichen. Man büsst es theuer, unsterblich zu sein: man stirbt dafür mehrere Male bei Lebzeiten. – Es giebt Etwas, das ich die rancune des Grossen nenne: alles Grosse, ein Werk, eine That, wendet sich, einmal vollbracht, unverzüglich gegen den, der sie that. Ebendamit, dass er sie that, ist er nunmehr schwach – er hält seine That nicht mehr aus, er sieht ihr nicht mehr in’s Gesicht. Etwas hinter sich zu haben, das man nie wollen durfte, Etwas, worin der Knoten im Schicksal der Menschheit eingeknüpft ist – und es nunmehr auf sich haben! … Es zerdrückt beinahe.. – Die rancune des Grossen! – Ein Andres ist die schauerliche Stille, die man um sich hört. Die Einsamkeit hat sieben Häute; es geht Nichts mehr hindurch. Man kommt zu Menschen, man begrüsst Freunde: neue Öde, kein Blick grüsst mehr. Im besten Falle eine Art Revolte. Eine solche Revolte erfuhr ich, in sehr verschiednem Grade, aber fast von Jedermann, der mir nahe stand; es scheint, dass Nichts tiefer beleidigt als plötzlich eine Distanz merken zu lassen, – die vornehmen Naturen, die nicht zu leben wissen, ohne zu verehren, sind selten. – Ein Drittes ist die absurde Reizbarkeit der Haut gegen kleine Stiche, eine Art Hülflosigkeit vor allem Kleinen. Diese scheint mir in der ungeheuren Verschwendung aller Defensiv-Kräfte bedingt, die jede schöpferische That, jede That aus dem Eigensten, Innersten, Untersten heraus zur Voraussetzung hat. Die kleinen Defensiv-Vermögen sind damit gleichsam ausgehängt; es fliesst ihnen keine Kraft mehr zu. – Ich wage noch anzudeuten, dass man schlechter verdaut, ungern sich bewegt, den Frostgefühlen, auch dem Misstrauen allzu offen steht, – dem Misstrauen, das in vielen Fällen bloss ein ätiologischer Fehlgriff ist. In einem solchen Zustande empfand ich einmal die Nähe einer Kuhheerde, durch Wiederkehr milderer, menschenfreundlicherer Gedanken, noch bevor ich sie sah: das hat Wärme in sich …

6. Dieses Werk steht durchaus für sich. Lassen wir die Dichter bei Seite: es ist vielleicht überhaupt nie Etwas aus einem gleichen Überfluss von Kraft heraus gethan worden. Mein Begriff “dionysisch” wurde hier höchste That; an ihr gemessen erscheint der ganze Rest von menschlichem Thun als arm und bedingt. Dass ein Goethe, ein Shakespeare nicht einen Augenblick in dieser ungeheuren Leidenschaft und Höhe zu athmen wissen würde, dass Dante, gegen Zarathustra gehalten, bloss ein Gläubiger ist und nicht Einer, der die Wahrheit erst schafft, ein weltregierender Geist, ein Schicksal dass die Dichter des Veda Priester sind und nicht einmal würdig, die Schuhsohlen eines Zarathustra zu lösen, das ist Alles das Wenigste und giebt keinen Begriff von der Distanz, von der azurnen Einsamkeit, in der dies Werk lebt. Zarathustra hat ein ewiges Recht zu sagen: “ich schliesse Kreise um mich und heilige Grenzen; immer Wenigere steigen mit mir auf immer höhere Berge, – ich baue ein Gebirge aus immer heiligeren Bergen.” Man rechne den Geist und die Güte aller grossen Seelen in Eins: alle zusammen wären nicht im Stande, Eine Rede Zarathustras hervorzubringen. Die Leiter ist ungeheuer, auf der er auf und nieder steigt; er hat weiter gesehn, weiter gewollt, weiter gekonnt, als irgend ein Mensch. Er widerspricht mit jedem Wort, dieser jasagendste aller Geister; in ihm sind alle Gegensätze zu einer neuen Einheit gebunden. Die höchsten und die untersten Kräfte der menschlichen Natur, das Süsseste, Leichtfertigste und Furchtbarste strömt aus Einem Born mit unsterblicher Sicherheit hervor. Man weiss bis dahin nicht, was Höhe, was Tiefe ist; man weiss noch weniger, was Wahrheit ist. Es ist kein Augenblick in dieser Offenbarung der Wahrheit, der schon vorweggenommen, von Einem der Grössten errathen worden wäre. Es giebt keine Weisheit, keine Seelen-Erforschung, keine Kunst zu reden vor Zarathustra; das Nächste, das Alltäglichste redet hier von unerhörten Dingen. Die Sentenz von Leidenschaft zitternd; die Beredsamkeit Musik geworden; Blitze vorausgeschleudert nach bisher unerrathenen Zukünften. . Die mächtigste Kraft zum Gleichniss, die bisher da war, ist arm und Spielerei gegen diese Rückkehr der Sprache zur Natur der Bildlichkeit. – Und wie Zarathustra herabsteigt und zu Jedem das Gütigste sagt! Wie er selbst seine Widersacher, die Priester, mit zarten Händen anfasst und mit ihnen an ihnen leidet! – Hier ist in jedem Augenblick der Mensch überwunden, der Begriff “Übermensch” ward hier höchste Realität, – in einer unendlichen Ferne liegt alles das, was bisher gross am Menschen hiess, unter ihm. Das Halkyonische, die leichten Füsse, die Allgegenwart von Bosheit und Übermuth und was sonst Alles typisch ist für den Typus Zarathustra. ist nie geträumt worden als wesentlich zur Grösse. Zarathustra fühlt sich gerade in diesem Umfang an Raum, in dieser Zugänglichkeit zum Entgegengesetzten als die höchste Art alles Seienden; und wenn man hört, wie er diese definirt, so wird man darauf verzichten, nach seinem Gleichniss zu suchen.

- die Seele, welche die längste Leiter hat und am tiefsten hinunter kann,

die umfänglichste Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren und schweifen kann,

die nothwendigste, welche sich mit Lust in den Zufall stürzt,

die seiende Seele, welche ins Werden, die habende, welche ins Wollen und Verlangen will -

die sich selber fliehende, welche sich selber in weitesten Kreisen einholt,

die weiseste Seele, welcher die Narrheit am süssesten zuredet,

die sich selber liebendste, in der alle Dinge ihr Strömen und Wiederströmen und Ebbe und Fluth haben – -

Aber das ist der Begriff des Dionysos selbst. Eben dahin führt eine andre Erwägung. Das psychologische Problem im Typus des Zarathustra ist, wie der, welcher in einem unerhörten Grade Nein sagt, Nein thut, zu Allem, wozu man bisher Ja sagte, trotzdem der Gegensatz eines neinsagenden Geistes sein kann; wie der das Schwerste von Schicksal, ein Verhängniss von Aufgabe tragende Geist trotzdem der leichteste und jenseitigste sein kann – Zarathustra ist ein Tänzer -; wie der, welcher die härteste, die furchtbarste Einsicht in die Realität hat, welcher den “abgründlichsten Gedanken” gedacht hat, trotzdem darin keinen Einwand gegen das Dasein, selbst nicht gegen dessen ewige Wiederkunft findet, – vielmehr einen Grund noch hinzu, das ewige Ja zu allen Dingen selbst zu sein, “das ungeheure unbegrenzte Ja- und Amen-sagen” … “In alle Abgründe trage ich noch mein segnendes Jasagen” … Aber das ist der Begriff des Dionysos noch einmal.

7. Welche Sprache wird ein solcher Geist reden, wenn er mit sich allein redet? Die Sprache des Dithyrambus. Ich bin der Erfinder des Dithyrambus. Man höre, wie Zarathustra vor Sonnenaufgang (III, 18) mit sich redet: ein solches smaragdenes Glück, eine solche göttliche Zärtlichkeit hatte noch keine Zunge vor mir. Auch die tiefste Schwermuth eines solchen Dionysos wird noch Dithyrambus; ich nehme, zum Zeichen, das Nachtlied, die unsterbliche Klage, durch die Überfülle von Licht und Macht, durch seine Sonnen-Natur, verurtheilt zu sein, nicht zu lieben.

Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch meine Seele ist ein springender Brunnen.

Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine Seele ist das Lied eines Liebenden.

Ein Ungestilltes, Unstillbares ist in mir, das will laut werden. Eine Begierde nach Liebe ist in mir, die redet selber die Sprache der Liebe.

Licht bin ich: ach dass ich Nacht wäre! Aber dies ist meine Einsamkeit, dass ich von Licht umgürtet bin.

Ach, dass ich dunkel wäre und nächtig! Wie wollte ich an den Brüsten des Lichts saugen!

Und euch selber wollte ich noch segnen, ihr kleinen Funkelsterne und Leuchtwürmer droben! – und selig sein ob eurer Licht-Geschenke.

Aber ich lebe in meinem eignen Lichte, ich trinke die Flammen in mich zurück, die aus mir brechen.

Ich kenne das Glück des Nehmenden nicht; und oft träumte mir davon, dass Stehlen noch seliger sein müsse als Nehmen.

Das ist meine Armuth, dass meine Hand niemals ausruht vom Schenken; das ist mein Neid, dass ich wartende Augen sehe und die erhellten Nächte der Sehnsucht.

Oh Unseligkeit aller Schenkenden! Oh Verfinsterung meiner Sonne! Oh Begierde nach Begehren! Oh Heisshunger in der Sättigung!

Sie nehmen von mir: aber rühre ich noch an ihre Seele? Eine Kluft ist zwischen Nehmen und Geben; und die kleinste Kluft ist am letzten zu überbrücken.

Ein Hunger wächst aus meiner Schönheit: wehethun möchte ich denen, welchen ich leuchte, berauben möchte ich meine Beschenkten, – also hungere ich nach Bosheit.

Die Hand zurückziehend, wenn sich schon ihr die Hand entgegenstreckt; dem Wasserfall gleich, der noch im Sturze zögert: also hungere ich nach Bosheit.

Solche Rache sinnt meine Fülle aus, solche Tücke quillt aus meiner Einsamkeit.

Mein Glück im Schenken erstarb im Schenken, meine Tugend wurde ihrer selber müde an ihrem Überflusse!

Wer immer schenkt, dessen Gefahr ist, dass er die Scham verliere; wer immer austheilt, dessen Hand und Herz hat Schwielen vor lauter Austheilen.

Mein Auge quillt nicht mehr über vor der Scham der Bittenden; meine Hand wurde zu hart für das Zittern gefüllter Hände.

Wohin kam die Thräne meinem Auge und der Flaum meinem Herzen? Oh Einsamkeit aller Schenkenden! Oh Schweigsamkeit aller Leuchtenden!

Viel Sonnen kreisen im öden Raume: zu Allem, was dunkel ist, reden sie mit ihrem Lichte – mir schweigen sie.

Oh dies ist die Feindschaft des Lichts gegen Leuchtendes: erbarmungslos wandelt es seine Bahnen.

Unbillig gegen Leuchtendes im tiefsten Herzen, kalt gegen Sonnen – also wandelt jede Sonne.

Einem Sturme gleich wandeln die Sonnen ihre Bahnen, ihrem unerbittlichen Willen folgen sie, das ist ihre Kälte.

Oh ihr erst seid es, ihr Dunklen, ihr Nächtigen, die ihr Wärme schafft aus Leuchtendem! Oh ihr erst trinkt euch Milch und Labsal aus des Lichtes Eutern!

Ach, Eis ist um mich, meine Hand verbrennt sich an Eisigem! Ach, Durst ist in mir, der schmachtet nach eurem Durste.

Nacht ist es: ach dass ich Licht sein muss! Und Durst nach Nächtigem! Und Einsamkeit!

Nacht ist es: nun bricht wie ein Born aus mir mein Verlangen, – nach Rede verlangt mich.

Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch meine Seele ist ein springender Brunnen.

Nacht ist es: nun erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine Seele ist das Lied eines Liebenden. -

8. Dergleichen ist nie gedichtet, nie gefühlt, nie gelitten worden: so leidet ein Gott, ein Dionysos. Die Antwort auf einen solchen Dithyrambus der Sonnen-Vereinsamung im Lichte wäre Ariadne … Wer weiss ausser mir, was Ariadne ist! … Von allen solchen Räthseln hatte Niemand bisher die Lösung, ich zweifle, dass je jemand auch hier nur Räthsel sah. – Zarathustra bestimmt einmal, mit Strenge, seine Aufgabe – es ist auch die meine -, dass man sich über den Sinn nicht vergreifen kann: er ist ja sagend bis zur Rechtfertigung, bis zur Erlösung auch alles Vergangenen.

Ich wandle unter Menschen als unter Bruchstücken der Zukunft: jener Zukunft, die ich schaue.

Und das ist all mein Dichten und Trachten, dass ich in Eins dichte und zusammentrage, was Bruchstück ist und Räthsel und grauser Zufall.

Und wie ertrüge ich es Mensch zu sein, wenn der Mensch nicht auch Dichter und Räthselrather und Erlöser des Zufalls wäre?

Die Vergangnen zu erlösen und alles “Es war” umzuschaffen in ein “So wollte ich es!” das hiesse mir erst Erlösung.

An einer andren Stelle bestimmt er so streng als möglich, was für ihn allein “der Mensch” sein kann – kein Gegenstand der Liebe oder gar des Mitleidens – auch über den grossen Ekel am Menschen ist Zarathustra Herr geworden: der Mensch ist ihm eine Unform, ein Stoff, ein hässlicher Stein, der des Bildners bedarf.

Nicht-mehr-wollen und Nicht-mehr-schätzen und Nicht-mehr-schaffen: oh dass diese grosse Müdigkeit mir stets ferne bleibe!

Auch im Erkennen fühle ich nur meines Willens Zeuge- und Werdelust; und wenn Unschuld in meiner Erkenntniss ist, so geschieht dies, weil Wille zur Zeugung in ihr ist.

Hinweg von Gott und Göttern lockte mich dieser Wille: was wäre denn zu schaffen, wenn Götter – da wären?

Aber zum Menschen treibt er mich stets von Neuem, mein inbrünstiger Schaffens-Wille; so treibt’s den Hammer hin zum Steine.

Ach, ihr Menschen, im Steine schläft mir ein Bild, das Bild der Bilder! Ach, dass es im härtesten, hässlichsten Steine schlafen muss!

Nun wüthet mein Hammer grausam gegen sein Gefängniss. Vom Steine stäuben Stücke: was schiert mich das!

Vollenden will ich’s, denn ein Schatten kam zu mir, – aller Dinge Stillstes und Leichtestes kam einst zu mir!

Des Übermenschen Schönheit kam zu mir als Schatten: was gehen mich noch – die Götter an! …

Ich hebe einen letzten Gesichtspunkt hervor: der unterstrichne Vers giebt den Anlass hierzu. Für eine dionysische Aufgabe gehört die Härte des Hammers, die Lust selbstam Vernichten in entscheidender Weise zu den Vorbedingungen. Der Imperativ “werdet hart!”, die unterste Gewissheit darüber, dass alle Schaffenden hart sind, ist das eigentliche Abzeichen einer dionysischen Natur. -

Jenseits von Gut und Böse.
Vorspiel einer Philosophie der Zukunft.

1. Die Aufgabe für die nunmehr folgenden Jahre war so streng als möglich vorgezeichnet. Nachdem der jasagende Theil meiner Aufgabe gelöst war, kam die neinsagende, neinthuende Hälfte derselben an die Reihe: die Umwerthung der bisherigen Werthe selbst, der grosse Krieg, – die Heraufbeschwörung eines Tags der Entscheidung. Hier ist eingerechnet der langsame Umblick nach Verwandten, nach Solchen, die aus der Stärke heraus Zum Vernichten mir die Hand bieten würden. – Von da an sind alle meine Schriften Angelhaken: vielleicht verstehe ich mich so gut als jemand auf Angeln? … Wenn Nichts sich fieng, so liegt die Schuld nicht an mir. Die Fische fehlten…

2. Dies Buch (1886) ist in allem Wesentlichen eine Kritik der Modernität, die modernen Wissenschaften, die modernen Künste, selbst die moderne Politik nicht ausgeschlossen, nebst Fingerzeigen zu einem Gegensatz-Typus, der so wenig modern als möglich ist, einem vornehmen, einem jasagenden Typus. Im letzteren Sinne ist das Buch eine Schule des gentilhomme, der Begriff geistiger und radikaler genommen als er je genommen worden ist. Man muss Muth im Leibe haben, ihn auch nur auszuhalten, man muss das Fürchten nicht gelernt haben … Alle die Dinge, worauf das Zeitalter stolz ist, werden als Widerspruch zu diesem Typus empfunden, als schlechte Manieren beinahe, die berühmte “Objektivität” zum Beispiel, das “Mitgefühl mit allem Leidenden”, der “historische Sinn” mit seiner Unterwürfigkeit vor fremdem Geschmack, mit seinem Auf-dem-Bauch-liegen vor petits faits, die “Wissenschaftlichkeit”. – Erwägt man, dass das Buch nach dem Zarathustra folgt, so erräth man vielleicht auch das diätetische régime, dem es eine Entstehung verdankt. Das Auge, verwöhnt durch eine ungeheure Nöthigung fern zu sehn – Zarathustra ist weitsichtiger noch als der Czar -, wird hier gezwungen, das Nächste, die Zeit, das Um-uns scharf zu fassen. Man wird in allen Stücken, vor Allem auch in der Form, eine gleiche willkürliche Abkehr von den Instinkten finden, aus denen ein Zarathustra möglich wurde. Das Raffinement in Form, in Absicht, in der Kunst des Schweigens, ist im Vordergrunde, die Psychologie wird mit eingeständlicher Härte und Grausamkeit gehandhabt, – das Buch entbehrt jedes gutmüthigen Worts … Alles das erholt: wer erräth zuletzt, welche Art Erholung eine solche Verschwendung von Güte, wie der Zarathustra ist, nöthig macht? … Theologisch geredet – man höre zu, denn ich rede selten als Theologe – war es Gott selber, der sich als Schlange am Ende seines Tagewerks unter den Baum der Erkenntniss legte: er erholte sich so davon, Gott zu sein… Er hatte Alles zu schön gemacht … Der Teufel ist bloss der Müssiggang Gottes an jedem siebenten Tage …

Genealogie der Moral.
Eine Streitschrift.

Die drei Abhandlungen, aus denen diese Genealogie besteht, sind vielleicht in Hinsicht auf Ausdruck, Absicht und Kunst der Überraschung, das Unheimlichste, was bisher geschrieben worden ist. Dionysos ist, man weiss es, auch der Gott der Finsterniss. – Jedes Mal ein Anfang, der irre führen soll, kühl, wissenschaftlich, ironisch selbst, absichtlich Vordergrund, absichtlich hinhaltend. Allmählich mehr Unruhe; vereinzeltes Wetterleuchten; sehr unangenehme Wahrheiten aus der Ferne her mit dumpfem Gebrumm laut werdend, – bis endlich ein tempo feroce erreicht ist, wo Alles mit ungeheurer Spannung vorwärts treibt. Am Schluss jedes Mal, unter vollkommen schauerlichen Detonationen, eine neue Wahrheit zwischen dicken Wolken sichtbar. – Die Wahrheit der ersten Abhandlung ist die Psychologie des Christenthums: die Geburt des Christenthums aus dem Geiste des Ressentiment, nicht, wie wohl geglaubt, wird, aus dem “Geiste”, – eine Gegenbewegung ihrem Wesen nach, der grosse Aufstand gegen die Herrschaft vornehmer Werthe. Die zweite Abhandlung giebt die Psychologie des Gewissens: dasselbe ist nicht, wie wohl geglaubt wird, “die Stimme Gottes im Menschen”, – es ist der Instinkt der Grausamkeit, der sich rückwärts wendet, nachdem er nicht mehr nach aussen hin sich entladen kann. Die Grausamkeit als einer der ältesten und unwegdenkbarsten Cultur-Untergründe hier zum ersten Male ans Licht gebracht. Die dritte Abhandlung giebt die Antwort auf die Frage, woher die ungeheure Macht des asketischen Ideals, des Priester-Ideals, stammt, obwohl dasselbe das schädliche Ideal par excellence, ein Wille zum Ende, ein décadence-Ideal ist. Antwort: nicht, weil Gott hinter den Priestern thätig ist, was wohl geglaubt wird, sondern faute de mieux, – weil es das einzige Ideal bisher war, weil es keinen Concurrenten hatte. “Denn der Mensch will lieber noch das Nichts wollen als nicht wollen”… Vor allem fehlte ein Gegen-Ideal – bis auf Zarathustra. – Man hat mich verstanden. Drei entscheidende Vorarbeiten eines Psychologen für eine Umwerthung aller Werthe. – Dies Buch enthält die erste Psychologie des Priesters.

Götzen-Dämmerung.
Wie man mit dem Hammer philosophirt.

1. Diese Schrift von noch nicht 150 Seiten, heiter und verhängnissvoll im Ton, ein Dämon, welcher lacht -, das Werk von so wenig Tagen, dass ich Anstand nehme, ihre Zahl zu nennen, ist unter Büchern überhaupt die Ausnahme: es giebt nichts Substanzenreicheres, Unabhängigeres, Umwerfenderes, – Böseres. Will man sich kurz einen Begriff davon geben, wie vor mir Alles auf dem Kopfe stand, so mache man den Anfang mit dieser Schrift. Das, was Götze auf dem Titelblatt heisst, ist ganz einfach das, was bisher Wahrheit genannt wurde. Götzen- Dämmerung – auf deutsch: es geht zu Ende mit der alten Wahrheit …

2. Es giebt keine Realität, keine “Idealität”, die in dieser Schrift nicht berührt würde (- berührt: was für ein vorsichtiger Euphemismus! … ) Nicht bloss die ewigen Götzen, auch die allerjüngsten, folglich altersschwächsten. Die “modernen Ideen” zum Beispiel. Ein grosser Wind bläst zwischen den Bäumen, und überall fallen Früchte nieder – Wahrheiten. Es ist die Verschwendung eines allzureichen Herbstes darin: man stolpert über Wahrheiten, man tritt selbst einige todt, – es sind ihrer zu viele …

Was man aber in die Hände bekommt, das ist nichts Fragwürdiges mehr, das sind Entscheidungen. Ich erst habe den Maassstab für “Wahrheiten” in der Hand, ich kann erst entscheiden. Wie als ob in mir ein zweites Bewusstsein gewachsen wäre, wie als ob sich in mir “der Wille” ein Licht angezündet hätte über die schiefe Bahn, auf der er bisher abwärts lief … Die schiefe Bahn – man nannte sie den Weg zur “Wahrheit”… Es ist zu Ende mit allem “dunklen Drang”, der gute Mensch gerade war sich am wenigsten des rechten Wegs bewusst … Und allen Ernstes, Niemand wusste vor mir den rechten Weg, den Weg aufwärts: erst von mir an giebt es wieder Hoffnungen, Aufgaben, vorzuschreibende Wege der Cultur – ich bin deren froher Botschafter… Eben damit bin ich auch ein Schicksal. – -

3. Unmittelbar nach Beendigung des eben genannten Werks und ohne auch nur einen Tag zu verlieren, griff ich die ungeheure Aufgabe der Umwerthung an, in einem souverainen Gefühl von Stolz, dem Nichts gleichkommt, jeden Augenblick meiner Unsterblichkeit gewiss und Zeichen für Zeichen mit der Sicherheit eines Schicksals in eherne Tafeln grabend. Das Vorwort entstand am 3 . September 1888: als ich Morgens, nach dieser Niederschrift, ins Freie trat, fand ich den schönsten Tag vor mir, den das Oberengadin mir je gezeigt hat – durchsichtig, glühend in den Farben, alle Gegensätze, alle Mitten zwischen Eis und Süden in sich schliessend. – Erst am 20. September verliess ich Sils-Maria, durch Überschwemmungen zurückgehalten, Zuletzt bei weitem der einzige Gast dieses wunderbaren Orts, dem meine Dankbarkeit das Geschenk eines unsterblichen Namens machen will. Nach einer Reise mit Zwischenfällen, sogar mit einer Lebensgefahr im überschwemmten Como, das ich erst tief in der Nacht erreichte, kam ich am Nachmittag des 21. in Turin an, meinem bewiesenen Ort, meiner Residenz von nun an. Ich nahm die gleiche Wohnung wieder, die ich im Frühjahr innegehabt hatte, via Carlo Alberto 6, III, gegenüber dem mächtigen palazzo Carignano, in dem Vittore Emanuele geboren ist, mit dem Blick auf die piazza Carlo Alberto und drüber hinaus aufs Hügelland. Ohne Zögern und ohne mich einen Augenblick abziehn zu lassen, gieng ich wieder an die Arbeit: es war nur das letzte Viertel des Werks noch abzuthun. Am 30, September grosser Sieg; Beendigung der Umwerthung; Müssiggang eines Gottes am Po entlang. Am gleichen Tage schrieb ich noch das Vorwort zur “Götzen-Dämmerung”, deren Druckbogen zu corrigiren meine Erholung im September gewesen war. – Ich habe nie einen solchen Herbst erlebt, auch nie Etwas der Art auf Erden für möglich gehalten, – ein Claude Lorrain ins Unendliche gedacht, jeder Tag von gleicher unbändiger Vollkommenheit.

Der Fall Wagner.
Ein Musikanten-Problem.

1. Um dieser Schrift gerecht zu werden, muss man am Schicksal der Musik wie an einer offnen Wunde leiden. – Woran ich leide, wenn ich am Schicksal der Musik leide? Daran, dass die Musik um ihren weltverklärenden, jasagenden Charakter gebracht worden ist, – dass sie décadence-Musik und nicht mehr die Flöte des Dionysos ist … Gesetzt aber, dass man dergestalt die Sache der Musik wie seine eigene Sache, wie seine eigene Leidensgeschichte fühlt, so wird man diese Schrift voller Rücksichten und über die Maassen mild finden. In solchen Fällen heiter sein und sich gutmüthig mit verspotten – ridendo dicere severum, wo das verum dicere jede Härte rechtfertigen würde – ist die Humanität selbst. Wer zweifelt eigentlich daran, dass ich, als der alte Artillerist, der ich bin, es in der Hand habe, gegen Wagner mein schweres Geschütz aufzufahren? – Ich hielt alles Entscheidende in dieser Sache bei mir zurück, – ich habe Wagner geliebt. – Zuletzt liegt ein Angriff auf einen feineren “Unbekannten”, den nicht leicht ein Anderer erräth, im Sinn und Wege meiner Aufgabe – oh ich habe noch ganz andre “Unbekannte” aufzudecken als einen Cagliostro der Musik – noch mehr freilich ein Angriff auf die in geistigen Dingen immer träger und instinktärmer, immer ehrlicher werdende deutsche Nation, die mit einem beneidenswerthen Appetit fortfährt, sich von Gegensätzen zu nähren und den Glauben” so gut wie die Wissenschaftlichkeit, die “christliche Liebe” so gut wie den Antisemitismus, den Willen zur Macht (zum “Reich”) so gut wie das évangile des humbles ohne Verdauungsbeschwerden hinunterschluckt … Dieser Mangel an Partei zwischen Gegensätzen! diese stomachische Neutralität und “Selbstlosigkeit”! Dieser gerechte Sinn des deutschen Gaumens, der Allem gleiche Rechte giebt, – der Alles schmackhaft findet … Ohne allen Zweifel, die Deutschen sind Idealisten … Als ich das letzte Mal Deutschland besuchte, fand ich den deutschen Geschmack bemüht, Wagnern und dem Trompeter von Säckingen gleiche Rechte zuzugestehn; ich selber war eigenhändig Zeuge, wie man in Leipzig, zu Ehren eines der echtesten und deutschesten Musiker, im alten Sinne des Wortes deutsch, keines blossen Reichsdeutschen, es Meister Heinrich Schütz einen Liszt-Verein gründete, mit dem Zweck der Pflege und Verbreitung listiger Kirchenmusik … Ohne allen Zweifel, die Deutschen sind Idealisten …

2. Aber hier soll mich Nichts hindern, grob zu werden und den Deutschen ein paar harte Wahrheiten zu sagen: wer thut es sonst? – Ich rede von ihrer Unzucht in historicis. Nicht nur, dass den deutschen Historikern der grosse Blick für den Gang, für die Werthe der Cultur gänzlich abhanden gekommen ist, dass sie allesammt Hanswürste der Politik (oder der Kirche -) sind: dieser grosse Blick ist selbst von ihnen in Acht gethan. Man muss vorerst “deutsch” sein, “Rasse” sein, dann kann man über alle Werthe und Unwerthe in historicis entscheiden – man setzt sie fest… “Deutsch” ist ein Argument, “Deutschland, Deutschland über Alles” ein Princip, die Germanen sind die “sittliche Weltordnung” in der Geschichte; im Verhältniss zum imperium romanum die Träger der Freiheit, im Verhältniss zum achtzehnten Jahrhundert die Wiederhersteller der Moral, des “kategorischen Imperativs”, … Es giebt eine reichsdeutsche Geschichtsschreibung, es giebt, fürchte ich, selbst eine antisemitische, – es giebt eine Hof-Geschichtsschreibung und Herr von Treitschke schämt sich nicht … Jüngst machte ein Idioten-Urtheil in historicis, ein Satz des zum Glück verblichenen ästhetischen Schwaben Vischer, die Runde durch die deutschen Zeitungen als eine “Wahrheit”, zu der jeder Deutsche Ja sagen müsse: “Die Renaissance und die Reformation, Beide zusammen machen erst ein Ganzes – die aesthetische Wiedergeburt und die sittliche Wiedergeburt.” – Bei solchen Sätzen geht es mit meiner Geduld zu Ende, und ich spüre Lust, ich fühle es selbst als Pflicht, den Deutschen einmal zu sagen, was sie Alles schon auf dem Gewissen haben. Alle grossen Cultur-Verbrechen von vier Jahrhunderten haben sie auf dem Gewissen! … Und immer aus dem gleichen Grunde, aus ihrer innerlichsten Feigheit vor der Realität, die auch die Feigheit vor der Wahrheit ist, aus ihrer bei ihnen Instinkt gewordnen Unwahrhaftigkeit, aus “Idealismus”… Die Deutschen haben Europa um die Ernte, um den Sinn der letzten grossen Zeit, der Renaissance-Zeit, gebracht, in einem Augenblicke, wo eine höhere Ordnung der Werthe, wo die vornehmen, die zum Leben jasagenden, die Zukunft-verbürgenden Werthe am Sitz der entgegengesetzten, der Niedergangs-Werthe zum Sieg gelangt waren – und bis in die Instinkte der dort Sitzenden hinein! Luther, dies Verhängniss von Mönch, hat die Kirche, und, was tausend Mal schlimmer ist, das Christenthum wiederhergestellt, im Augenblick, wo es unterlag… Das Christenthum, diese Religion gewordne Verneinung des Willens zum Leben! … Luther, ein unmöglicher Mönch, der, aus Gründen seiner “Unmöglichkeit”, die Kirche angriff und sie – folglich! – wiederherstellte … Die Katholiken hätten Gründe, Lutherfeste zu feiern, Lutherspiele zu dichten … Luther – und die “sittliche Wiedergeburt”! Zum Teufel mit aller Psychologie! Ohne Zweifel, die Deutschen sind Idealisten. Die Deutschen haben zwei Mal, als eben mit ungeheurer Tapferkeit und Selbstüberwindung eine rechtschaffne, eine unzweideutige, eine vollkommen wissenschaftliche Denkweise erreicht war, Schleichwege zum alten “Ideal”, Versöhnungen zwischen Wahrheit und “Ideal”, im Grunde Formeln für ein Recht auf Ablehnung der Wissenschaft, für ein Recht auf Lüge zu finden gewusst. Leibniz und Kant – diese zwei grössten Hemmschuhe der intellektuellen Rechtschaffenheit Europa‘s! – Die Deutschen haben endlich, als auf der Brücke zwischen zwei décadence-Jahrhunderten eine force majeure von Genie und Wille sichtbar wurde, stark genug, aus Europa eine Einheit, eine politische und wirtschaftliche Einheit, zum Zweck der Erdregierung zu schaffen, mit ihren “Freiheits-Kriegen” Europa um den Sinn, um das Wunder von Sinn in der Existenz Napoleon’s gebracht, – sie haben damit Alles, was kam, was heute da ist, auf dem Gewissen, diese culturwidrigste Krankheit und Unvernunft, die es giebt, den Nationalismus., diese névrose nationale, an der Europa krank ist, diese Verewigung der Kleinstaaterei Europas, der kleinen Politik: sie haben Europa selbst um seinen Sinn, um seine Vernunft – sie haben es in eine Sackgasse gebracht. – Weiss jemand ausser mir einen Weg aus dieser Sackgasse? … Eine Aufgabe gross genug, die Völker wieder zu binden? …

3. Und zuletzt, warum sollte ich meinem Verdacht nicht Worte geben? Die Deutschen werden auch in meinem Falle wieder Alles versuchen, um aus einem ungeheuren Schicksal eine Maus zu gebären. Sie haben sich bis jetzt an mir compromittirt, ich zweifle, dass sie es in Zukunft besser machen. – Ah was es mich verlangt, hier ein schlechter Prophet zu sein! … Meine natürlichen Leser und Hörer sind jetzt schon Russen, Skandinavier und Franzosen, – werden sie es immer mehr sein? – Die Deutschen sind in die Geschichte der Erkenntniss mit lauter zweideutigen Namen eingeschrieben, sie haben immer nur “unbewusste” Falschmünzer hervorgebracht (- Fichte, Schelling, Schopenhauer, Hegel, Schleiermacher gebührt dies Wort so gut wie Kant und Leibniz, es sind Alles blosse Schleiermacher -): sie sollen nie die Ehre haben, dass der erste rechtschaffne Geist in der Geschichte des Geistes, der Geist, in dem die Wahrheit zu Gericht kommt über die Falschmünzerei von vier Jahrtausenden, mit dem deutschen Geiste in Eins gerechnet wird. Der “deutsche Geist” ist meine schlechte Luft: ich athme schwer in der Nähe dieser Instinkt gewordnen Unsauberkeit in psychologicis, die jedes Wort, jede Miene eines Deutschen verräth. Sie haben nie ein siebzehntes Jahrhundert harter Selbstprüfung durchgemacht wie die Franzosen, ein La Rochefoucauld, ein Descartes sind hundert Mal in Rechtschaffenheit den ersten Deutschen überlegen, – sie haben bis heute keinen Psychologen gehabt. Aber Psychologie ist beinahe der Maassstab der Reinlichkeit oder Unreinlichkeit einer Rasse … Und wenn man nicht einmal reinlich ist, wie sollte man Tiefe haben? Man kommt beim Deutschen, beinahe wie beim Weibe, niemals auf den Grund, er hat keinen: das ist Alles. Aber damit ist man noch nicht einmal flach. – Das, was in Deutschland “tief” heisst, ist genau diese Instinkt-Unsauberkeit gegen sich, von der ich eben rede: man will über sich nicht im Klaren sein. Dürfte ich das Wort “deutsch” nicht als internationale Münze für diese psychologische Verkommenheit in Vorschlag bringen? – In diesem Augenblick zum Beispiel nennt es der deutsche Kaiser seine “christliche Pflicht”, die Sklaven in Afrika zu befreien: unter uns andren Europäern hiesse das dann einfach “deutsch”… Haben die Deutschen auch nur Ein Buch hervorgebracht, das Tiefe hätte? Selbst der Begriff dafür, was tief an einem Buch ist, geht ihnen ab. Ich habe Gelehrte kennen gelernt, die Kant für tief hielten; am preussischen Hofe, fürchte ich, hält man Herrn von Treitschke für tief. Und wenn ich Stendhal gelegentlich als tiefen Psychologen rühme, ist es mir mit deutschen Universitätsprofessoren begegnet, dass sie mich den Namen buchstabieren liessen …

4. Und warum sollte ich nicht bis ans Ende gehn? Ich liebe es, reinen Tisch zu machen. Es gehört selbst zu meinem Ehrgeiz, als Verächter der Deutschen par excellence zu gelten. Mein Misstrauen gegen den deutschen Charakter habe ich schon mit sechsundzwanzig Jahren ausgedrückt (dritte Unzeitgemässe S. 71) – die Deutschen sind für mich unmöglich. Wenn ich mir eine Art Mensch ausdenke, die allen meinen Instinkten zuwiderläuft, so wird immer ein Deutscher daraus. Das Erste, worauf hin ich mir einen Menschen “nierenprüfe”, ist, ob er ein Gefühl für Distanz im Leibe hat, ob er überall Rang, Grad, Ordnung zwischen Mensch und Mensch sieht, ob er distinguirt damit ist man gentilhomme; in jedem andren Fall gehört man rettungslos unter den weitherzigen, ach! so gutmüthigen Begriff der canaille. Aber die Deutschen sind canaille – ach! sie sind so gutmüthig … Man erniedrigt sich durch den Verkehr mit Deutschen: der Deutsche stellt gleich … Rechne ich meinen Verkehr mit einigen Künstlern, vor Allem mit Richard Wagner ab, so habe ich keine gute Stunde mit Deutschen verlebt … Gesetzt, dass der tiefste Geist aller Jahrtausende unter Deutschen erschiene, irgend eine Retterin des Capitols würde wähnen, ihre sehr unschöne Seele käme zum Mindesten ebenso in Betracht … Ich halte diese Rasse nicht aus, mit der man immer in schlechter Gesellschaft ist, die keine Finger für nuances hat – wehe mir! ich bin eine nuance -, die keinen esprit in den Füssen hat und nicht einmal gehen kann … Die Deutschen haben zuletzt gar keine Füsse, sie haben bloss Beine … Den Deutschen geht jeder Begriff davon ab, wie gemein sie sind, aber das ist der Superlativ der Gemeinheit, – sie schämen sich nicht einmal, bloss Deutsche zu sein … Sie reden über Alles mit, sie halten sich selbst für entscheidend, ich fürchte, sie haben selbst über mich entschieden … – Mein ganzes Leben ist der Beweis de rigueur für diese Sätze. Umsonst, dass ich in ihm nach einem Zeichen von Takt, von délicatesse gegen mich suche. Von Juden ja, noch nie von Deutschen. Meine Art will es, dass ich gegen Jedermann mild und wohlwollend bin ich habe ein Recht dazu, keine Unterschiede zu machen dies hindert nicht, dass ich die Augen offen habe. Ich nehme Niemanden aus, am wenigsten meine Freunde, – ich hoffe zuletzt, dass dies meiner Humanität gegen sie keinen Abbruch gethan hat! Es giebt fünf, sechs Dinge, aus denen ich mir immer eine Ehrensache gemacht habe. – Trotzdem bleibt wahr, dass ich fast jeden Brief, der mich seit Jahren erreicht, als einen Cynismus empfinde: es liegt mehr Cynismus im Wohlwollen gegen mich als in irgend welchem Hass … Ich sage es jedem meiner Freunde ins Gesicht, dass er es nie der Mühe für werth genug hielt, irgend eine meiner Schriften zu studieren; ich errathe aus den kleinsten Zeichen, dass sie nicht einmal wissen, was drin steht. Was gar meinen Zarathustra anbetrifft, wer von meinen Freunden hätte mehr darin gesehn als eine unerlaubte, zum Glück vollkommen gleichgültige Anmaassung? … Zehn Jahre: und Niemand in Deutschland hat sich eine Gewissensschuld daraus gemacht, meinen Namen gegen das absurde Stillschweigen zu vertheidigen, unter dem er vergraben lag: ein Ausländer, ein Däne war es, der zuerst dazu genug Feinheit des Instinkts und Muth hatte, der sich über meine angeblichen Freunde empörte … An welcher deutschen Universität wären heute Vorlesungen über meine Philosophie möglich, wie sie letztes Frühjahr der damit noch einmal mehr bewiesene Psycholog Dr. Georg Brandes in Kopenhagen gehalten hat? – Ich selber habe nie an Alledem gelitten; das Nothwendige verletzt mich nicht; amor fati ist meine innerste Natur. Dies schliesst aber nicht aus, dass ich die Ironie liebe, sogar die welthistorische Ironie. Und so habe ich, zwei Jahre ungefähr vor dem zerschmetternden Blitzschlag der Umwerthung, der die Erde in Convulsionen versetzen wird, den “Fall Wagner” in die Welt geschickt: die Deutschen sollten sich noch einmal unsterblich an mir vergreifen und verewigen! es ist gerade noch Zeit dazu! – Ist das erreicht? – Zum Entzücken, meine Herrn Germanen! Ich mache Ihnen mein Compliment … Soeben schreibt mir noch, damit auch die Freunde nicht fehlen, eine alte Freundin, sie lache jetzt über mich … Und dies in einem Augenblicke, wo eine unsägliche Verantwortlichkeit auf mir liegt, – wo kein Wort zu zart, kein Blick ehrfurchtsvoll genug gegen’ mich sein kann. Denn ich trage das Schicksal der Menschheit auf der Schulter. -

Warum ich ein Schicksal bin.
1. Ich kenne mein Loos. Es wird sich einmal an meinen Namen die Erinnerung an etwas Ungeheures anknüpfen, – an eine Krisis, wie es keine auf Erden gab, an die tiefste GewissensCollision, an eine Entscheidung heraufbeschworen gegen Alles, was bis dahin geglaubt, gefordert, geheiligt worden war. Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit. – Und mit Alledem ist Nichts in mir von einem Religionsstifter – Religionen sind Pöbel-Affairen, ich habe nöthig, mir die Hände nach der Berührung mit religiösen Menschen zu waschen … Ich will keine “Gläubigen”, ich denke, ich bin zu boshaft dazu, um an mich selbst zu glauben, ich rede niemals zu Massen … Ich habe eine erschreckliche Angst davor, dass man mich eines Tags heilig spricht: man wird errathen, weshalb ich dies Buch vorher herausgebe, es soll verhüten, dass man Unfug mit mir treibt … Ich will kein Heiliger sein, lieber noch ein Hanswurst … Vielleicht bin ich ein Hanswurst … Und trotzdem oder vielmehr nicht trotzdem denn es gab nichts Verlogneres bisher als Heilige – redet aus mir die Wahrheit. – Aber meine Wahrheit ist furchtbar: denn man hiess bisher die Lüge Wahrheit. – Umwerthung aller Werthe: das ist meine Formel für einen Akt höchster Selbstbesinnung der Menschheit, der in mir Fleisch und Genie geworden ist. Mein Loos will, dass ich der erste anständige Mensch sein muss, dass ich mich gegen die Verlogenheit von Jahrtausenden im Gegensatz weiss… Ich erst habe die Wahrheit entdeckt, dadurch dass ich zuerst die Lüge als Lüge empfand – roch … Mein Genie ist in meinen Nüstern … Ich widerspreche, wie nie widersprochen worden ist und bin trotzdem der Gegensatz eines neinsagenden Geistes. Ich bin ein froher Botschafter, wie es keinen gab ich kenne Aufgaben von einer Höhe, dass der Begriff dafür bisher gefehlt hat; erst von mir an giebt es wieder Hoffnungen. Mit Alledem bin ich nothwendig auch der Mensch des Verhängnisses. Denn wenn die Wahrheit mit der Lüge von Jahrtausenden in Kampf tritt, werden wir Erschütterungen haben, einen Krampf von Erdbeben, eine Versetzung von Berg und Thal, wie dergleichen nie geträumt worden ist. Der Begriff Politik ist dann gänzlich in einen Geisterkrieg aufgegangen, alle Machtgebilde der alten Gesellschaft sind in die Luft gesprengt – sie ruhen allesamt auf der Lüge: es wird Kriege geben, wie es noch keine auf Erden gegeben hat. Erst von mir an giebt es auf Erden grosse Politik.

2. Will man eine Formel für ein solches Schicksal, das Mensch wird? – Sie steht in meinem Zarathustra.

- und wer ein Schöpfer sein will im Guten und Bösen, der muss ein Vernichter erst sein und Werthe zerbrechen.

Also gehört das höchste Böse zur höchsten Güte: diese aber ist die schöpferische.

Ich bin bei weitem der furchtbarste Mensch, den es bisher gegeben hat; dies schliesst nicht aus, dass ich der wohlthätigste sein werde. Ich kenne die Lust am Vernichten in einem Grade, die meiner Kraft zum Vernichten gemäss ist, – in Beidem gehorche ich meiner dionysischen Natur, welche das Neinthun nicht vom Jasagen zu trennen weiss. Ich bin der erste Immoralist: damit bin ich der Vernichter par excellence. -

3. Man hat mich nicht gefragt, man hätte mich fragen sollen, was gerade in meinem Munde, im Munde des ersten Immoralisten, der Name Zarathustra bedeutet: denn was die ungeheure Einzigkeit jenes Persers in der Geschichte ausmacht, ist gerade dazu das Gegentheil. Zarathustra hat zuerst im Kampf des Guten und des Bösen das eigentliche Rad im Getriebe der Dinge gesehn, – die Übersetzung der Moral in’s Metaphysische, als Kraft, Ursache, Zweck an sich, ist sein Werk. Aber diese Frage wäre im Grunde bereits die Antwort. Zarathustra, schuf diesen verhängnissvollsten Irrthum, die Moral: folglich muss er auch der Erste sein, der ihn erkennt. Nicht nur, dass er hier länger und mehr Erfahrung hat als sonst ein Denker – die ganze Geschichte ist ja die Experimental-Widerlegung vom Satz der sogenannten “sittlichen Weltordnung” -: das Wichtigere ist, Zarathustra ist wahrhaftiger als sonst ein Denker. Seine Lehre und sie allein hat die Wahrhaftigkeit als oberste Tugend – das heisst den Gegensatz zur Feigheit des “Idealisten”, der vor der Realität die Flucht ergreift, Zarathustra hat mehr Tapferkeit im Leibe als alle Denker zusammengenommen. Wahrheit reden und gut mit Pfeilen schiessen, das ist die persische Tugend. – Versteht man mich? … Die Selbstüberwindung der Moral aus Wahrhaftigkeit, die Selbstüberwindung des Moralisten in seinen Gegensatz – in mich – das bedeutet in meinem Munde der Name Zarathustra.

4. Im Grunde sind es zwei Verneinungen, die mein Wort Immoralist in sich schliesst. Ich verneine einmal einen Typus Mensch, der bisher als der höchste galt, die Guten, die Wohlwollenden, Wohltäthigen; ich verneine andrerseits eine Art Moral, welche als Moral an sich in Geltung und Herrschaft gekommen ist, die décadence-Moral, handgreiflicher geredet, die christliche Moral. Es wäre erlaubt, den zweiten Widerspruch als den entscheidenderen anzusehn, da die Überschätzung der Güte und des Wohlwollens, ins Grosse gerechnet, mir bereits als Folge der décadence gilt, als Schwäche-Symptom, als unverträglich mit einem aufsteigenden und jasagenden Leben: im Jasagen ist Verneinen und Vernichten Bedingung. – Ich bleibe zunächst bei der Psychologie des guten Menschen stehn. Um abzuschätzen, was ein Typus Mensch werth ist, muss man den Preis nachrechnen, den seine Erhaltung kostet, – muss man seine Existenzbedingungen kennen. Die Existenz-Bedingung der Guten ist die Lüge -: anders ausgedrückt, das Nicht-sehn-wollen um jeden Preis, wie im Grunde die Realität beschaffen ist, nämlich nicht der Art, um jeder Zeit wohlwollende Instinkte herauszufordern, noch weniger der Art, um sich ein Eingreifen von kurzsichtigen gutmüthigen Händen jeder Zeit gefallen zu lassen. Die Nothstände aller Art überhaupt als Einwand, als Etwas, das man abschaffen muss, betrachten, ist die niaiserie par excellence, ins Grosse gerechnet, ein wahres Unheil in seinen Folgen, ein Schicksal von Dummheit -, beinahe so dumm, als es der Wille wäre, das schlechte Wetter abzuschaffen – aus Mitleiden etwa mit den armen Leuten … In der grossen Ökonomie des Ganzen sind die Furchtbarkeiten der Realität (in den Affekten, in den Begierden, im Willen zur Macht) in einem unausrechenbaren Maasse nothwendiger als jene Form des kleinen Glücks, die sogenannte “Güte”; man muss sogar nachsichtig sein, um der letzteren, da sie in der Instinkt-Verlogenheit bedingt ist, überhaupt einen Platz zu gönnen. Ich werde einen grossen Anlass haben, die über die Maassen unheimlichen Folgen des Optimismus, dieser Ausgeburt der homines optimi, für die ganze Geschichte zu beweisen. Zarathustra, der Erste, der begriff, dass der Optimist ebenso décadent ist wie der Pessimist und vielleicht schädlicher, sagt: gute Menschen reden nie die Wahrheit. Falsche Küsten und Sicherheiten lehrten euch die Guten; in Lügen der Guten wart ihr geboren und geborgen. Alles ist in den Grund hinein verlogen und verbogen durch die Guten. Die Welt ist zum Glück nicht auf Instinkte hin gebaut, dass gerade bloss gutmüthiges Heerdengethier darin sein enges Glück fände; zu fordern, dass Alles “guter Mensch”, Heerdenthier, blauäugig, wohlwollend, “schöne Seele” – oder, wie Herr Herbert Spencer es wünscht, altruistisch werden solle, hiesse dem Dasein seinen grossen Charakter nehmen, hiesse die Menschheit castriren und auf eine armselige Chineserei herunterbringen. – Und dies hat man versucht! .. Dies eben hiess man Moral … In diesem Sinne nennt Zarathustra die Guten bald “die letzten Menschen”, bald den “Anfang vom Ende”; vor Allem empfindet er sie als die schädlichste Art Mensch, weil sie ebenso auf Kosten der Wahrheit als auf Kosten der Zukunft ihre Existenz durchsetzen.

Die Guten – die können nicht schaffen, die sind immer der Anfang vom Ende -

- sie kreuzigen den, der neue Werthe auf neue Tafeln schreibt, sie opfern sich die Zukunft, sie kreuzigen alle Menschen-Zukunft!

Die Guten – die waren immer der Anfang vom Ende …

Und was auch für Schaden die Welt-Verleumder thun mögen, der Schaden der Guten ist der schädlichste Schaden.

5. Zarathustra, der erste Psycholog der Guten, ist – folglich ein Freund der Bösen. Wenn eine décadence-Art Mensch zum Rang der höchsten Art aufgestiegen ist, so konnte dies nur auf Kosten ihrer Gegensatz-Art geschehn, der starken und lebensgewissen Art Mensch. Wenn das Heerdenthier im Glanze der reinsten Tugend strahlt, so muss der Ausnahme-Mensch zum Bösen heruntergewerthet sein. Wenn die Verlogenheit um jeden Preis das Wort “Wahrheit” für ihre Optik in Anspruch nimmt, so muss der eigentlich Wahrhaftige unter den schlimmsten Namen wiederzufinden sein. Zarathustra lässt hier keinen Zweifel: er sagt, die Erkenntniss der Guten, der “Besten” gerade sei es gewesen, was ihm Grausen vor dem Menschen überhaupt gemacht habe; aus diesem Widerwillen seien ihm die Flügel gewachsen, “fortzuschweben in ferne Zukünfte”, – er verbirgt es nicht, dass sein Typus Mensch, ein relativ übermenschlicher Typus, gerade im Verhältniss zu den Guten übermenschlich ist, dass die Guten und Gerechten seinen Übermenschen Teufel nennen würden …

Ihr höchsten Menschen, denen mein Auge begegnete, das ist mein Zweifel an euch und mein heimliches Lachen: ich rathe, ihr würdet meinen Übermenschen – Teufel heissen!

So fremd seid ihr dem Grossen mit eurer Seele, dass euch der Übermensch furchtbar sein würde in seiner Güte …

An dieser Stelle und nirgends wo anders muss man den Ansatz machen, um zu begreifen, was Zarathustra will: diese Art Mensch, die er concipirt, concipirt die Realität, wie sie ist: sie ist stark genug dazu -, sie ist ihr nicht entfremdet, entrückt, sie ist sie selbst, sie hat all deren Furchtbares und Fragwürdiges auch noch in sich, damit erst kann der Mensch Grösse haben …

6. Aber ich habe auch noch in einem andren Sinne das Wort Immoralist zum Abzeichen, zum Ehrenzeichen für mich gewählt; ich bin stolz darauf, dies Wort zu haben, das mich gegen die ganze Menschheit abhebt. Niemand noch hat die christliche Moral als unter sich gefühlt: dazu gehörte eine Höhe, ein Fernblick, eine bisher ganz unerhörte psychologische Tiefe und Abgründlichkeit. Die christliche Moral war bisher die Circe aller Denker, – sie standen in ihrem Dienst. – Wer ist vor mir eingestiegen in die Höhlen, aus denen der Gifthauch dieser Art von Ideal – der Weltverleumdung! – emporquillt? Wer hat auch nur zu ahnen gewagt, dass es Höhlen sind? Wer war überhaupt vor mir unter den Philosophen Psycholog und nicht vielmehr dessen Gegensatz “höherer Schwindler” “Idealist”? Es gab vor mir noch gar keine Psychologie. – Hier der Erste zu sein kann ein Fluch sein, es ist jedenfalls ein Schicksal: denn man verachtet auch als der Erste … Der Ekel am Menschen ist meine Gefahr …

7. Hat man mich verstanden? – Was mich abgrenzt, was mich bei Seite stellt gegen den ganzen Rest der Menschheit, das ist, die christliche Moral entdeckt zu haben. Deshalb war ich eines Worts bedürftig, das den Sinn einer Herausforderung an Jedermann enthält. Hier nicht eher die Augen aufgemacht zu haben gilt mir als die grösste Unsauberkeit, die die Menschheit auf dem Gewissen hat, als Instinkt gewordner Selbstbetrug, als grundsätzlicher Wille, jedes Geschehen, jede Ursächlichkeit, jede Wirklichkeit nicht zu sehen, als Falschmünzerei in psychologicis bis zum Verbrechen. Die Blindheit vor dem Christenthum ist das Verbrechen par excellence – das Verbrechen am Leben … Die Jahrtausende, die Völker, die Ersten und die Letzten, die Philosophen und die alten Weiber – fünf, sechs Augenblicke der Geschichte abgerechnet, mich als siebenten – in diesem Punkte sind sie alle einander würdig. Der Christ war bisher das “moralische Wesen”, ein . Curiosum ohne Gleichen – und, als “moralisches Wesen”, absürder, verlogner, eitler, leichtfertiger, sich selber nachtheiliger als auch der grösste Verächter der Menschheit es sich träumen lassen könnte. Die christliche Moral – die bösartigste Form des Willens zur Lüge, die eigentliche Circe der Menschheit: Das, was sie verdorben hat. Es ist nicht der Irrthum als Irrthum, was Mich bei diesem Anblick entsetzt, nicht der Jahrtausende lange Mangel an “gutem Willen”, an Zucht, an Anstand, an Tapferkeit im Geistigen, der sich in seinem Sieg verräth: – es ist der Mangel an Natur, es ist der vollkommen schauerliche Thatbestand, dass die Widernatur selbst als Moral die höchsten Ehren empfieng und als Gesetz, als kategorischer Imperativ, über der Menschheit hängen blieb! … In diesem Maasse sich vergreifen, nicht als Einzelner, nicht als Volk, sondern als Menschheit! … Dass man die allerersten Instinkte des Leben<s> verachten lehrte; dass man eine “Seele”, einen “Geist” erlog, um den Leib zu Schanden zu machen; dass man in der Voraussetzung des Lebens, in der Geschlechtlichkeit, etwas Unreines empfinden lehrt; dass man in der tiefsten Nothwendigkeit zum Gedeihen, in der strengen Selbstsucht (- das Wort schon ist verleumderisch! -) das böse Princip sucht; dass man umgekehrt in dem typischen Abzeichen des Niedergangs und der Instinkt-Widersprüchlichkeit, im “Selbstlosen”, im Verlust an Schwergewicht, in der “Entpersönlichung” und “Nächstenliebe” (- Nächstensucht!) den höheren Werth, was sage ich! den Werth an sich sieht! … Wie! wäre die Menschheit selber in décadence? war sie es immer? – Was feststeht, ist, dass ihr nur Décadence-Werthe als oberste Werthe gelehrt worden sind. Die Entselbstungs-Moral ist die Niedergangs-Moral par excellence, die Thatsache “ich gehe zu Grunde”, in den Imperativ übersetzt: “ihr sollt alle zu Grunde gehn” – und nicht nur in den Imperativ! … Diese einzige Moral, die bisher gelehrt worden ist, die Entselbstungs-Moral, verräth einen Willen zum Ende, sie verneint im untersten Grunde das Leben. – Hier bliebe die Möglichkeit offen, dass nicht die Menschheit in Entartung sei, sondern nur jene parasitische Art Mensch, die des Priesters, die mit der Moral sich zu ihren Werth-Bestimmern emporgelogen hat, – die in der christlichen Moral ihr Mittel zur Macht errieth … Und in der That, das ist meine Einsicht: die Lehrer, die Führer der Menschheit, Theologen insgesammt, waren insgesammt auch décadents: daher die Umwerthung aller Werthe ins Lebensfeindliche, daher die Moral … Definition der Moral: Moral – die Idiosynkrasie von décadents, mit der Hinterabsicht, sich am Leben zu rächen – und mit Erfolg. Ich lege Werth auf diese Definition. –

8. Hat man mich verstanden? – Ich habe eben kein Wort gesagt, das ich nicht schon vor fünf Jahren durch den Mund Zarathustras gesagt hätte. – Die Entdeckung der christlichen Moral ist ein Ereigniss, das nicht seines Gleichen hat, eine wirkliche Katastrophe. Wer über sie aufklärt, ist eine force majeure, ein Schicksal, – er bricht die Geschichte der Menschheit in zwei Stücke. Man lebt vor ihm, man lebt nach ihm … Der Blitz der Wahrheit traf gerade das, was bisher am Höchsten stand: wer begreift, was da vernichtet wurde, mag zusehn, ob er überhaupt noch Etwas in den Händen hat. Alles, was bisher “Wahrheit” hiess, ist als die schädlichste, tückischste, unterirdischste Form der Lüge erkannt; der heilige Vorwand, die Menschheit zu “verbessern” als die List, das Leben selbst auszusaugen, blutarm zu machen. Moral als Vampyrismus … Wer die Moral entdeckt, hat den Unwerth aller Werthe mit entdeckt, an die man glaubt oder geglaubt hat; er sieht in den verehrtesten, in den selbst heilig gesprochnen Typen des Menschen nichts Ehrwürdiges mehr, er sieht die verhängnissvollste Art von Missgeburten darin, verhängnissvoll, weil sie fascinirten… Der Begriff “Gott” erfunden als Gegensatz-Begriff zum Leben, – in ihm alles Schädliche, Vergiftende, Verleumderische, die ganze Todfeindschaft gegen das Leben in eine entsetzliche Einheit gebracht! Der Begriff “Jenseits”, “wahre Welt” erfunden, um die einzige Welt zu entwerthen, die es giebt, – um kein Ziel, keine Vernunft, keine Aufgabe für unsre Erden-Realität übrig zu behalten! Der Begriff “Seele”, “Geist”, zuletzt gar noch “unsterbliche Seele”, erfunden, um den Leib zu verachten, um ihn krank – “heilig” – zu machen, um allen Dingen, die Ernst im Leben verdienen, den Fragen von Nahrung, Wohnung, geistiger Diät, Krankenbehandlung, Reinlichkeit, Wetter, einen schauerlichen Leichtsinn entgegenzubringen! Statt der Gesundheit das “Heil der Seele” – will sagen eine folie circulaire zwischen Busskrampf und Erlösungs-Hysterie! Der Begriff “Sünde” erfunden sammt dem zugehörigen Folter-Instrument, dem Begriff “freier Wille”, um die Instinkte zu verwirren, um das Misstrauen gegen die Instinkte zur zweiten Natur zu machen! Im Begriff des “Selbstlosen”, des “Sich-selbst-Verleugnenden” das eigentliche décadence-Abzeichen, das Gelockt-werden vom Schädlichen, das Seinen-Nutzen-nicht-mehr-finden-können, die Selbst-Zerstörung zum Werthzeichen überhaupt gemacht, zur “Pflicht”, zur “Heiligkeit”, zum “Göttlichen” im Menschen! Endlich – es ist das Furchtbarste – im Begriff des guten Menschen die Partei alles Schwachen, Kranken, Missrathnen, An-sich-selber-Leidenden genommen, alles dessen, was zu Grunde gehn soll -, das Gesetz der Selektion gekreuzt, ein Ideal aus dem Widerspruch gegen den stolzen und wohlgerathenen, gegen den jasagenden, gegen den zukunftsgewissen, zukunftverbürgenden Menschen gemacht – dieser heisst nunmehr der Böse… Und das Alles wurde geglaubt als Moral!

Ecrasez l’infâme!

9. Hat man mich verstanden? – Dionysos gegen den Gekreuzigten…


Earl Shugerman’s Corner: Life in Israel

July 11, 2009

Earl Shugerman will bring every week a series of stories about Anglo-Saxon immigrants to Israel. This project is aimed to promote a more realistic view of life in Israel. The following story was written at a summer camp during Tisha B’Av (Jewish Fast).

A Nation of Remembrance 

by Earl Shugerman

Understanding the culture of Israel is a great challenge to many new olim. Israel is a nation where the Jewish faith and history are very much a part of daily life.

Yesterday was Tisha B’Av, a day of evel or mourning in Israel. This day mourns the destruction of the First and Second Temples in Jerusalem and all suffering endured by the people of the Book. It is a day of fasting and other acts of observance. Businesses and schools may be open depending on the type of service or affiliation.

A Fusion of Past and Present: Worshippers attend the Western Wall, the last remnant of the Temple complex.

A Fusion of Past and Present: Worshippers attend the Western Wall, the last remnant of the Temple complex.

Forty kids aged six to ten enjoyed various summer activities including volleyball, soccer, and dodge ball. The director, Jaffa, also gave a one hour presentation describing the building and destruction of both Temples. We also discussed the holocaust and Israel’s memorial day. More than twenty thousand Israelis have died in open conflicts or by acts of terrorism since 1948. The Holocaust is almost always in the minds and hearts of Israeli Jews. We must never forget the murders of millions whose only sin was being born Jewish or having Jewish ancestors.

We had a short question and answer period after the presentation. I was surprised that none of the kids asked why we talked about these topics during summer fun time or complained. I asked my two English speaking “friends” in the group Naomi (8) and Shachar (7) to explain everyone’s cooperation. Naomi spent two years in Boston and answered in wonderful English; “most Israeli kids understand that remembering the past protects us in the present and future”. Shachar an American olah agreed and showed great pride in her new Israeli citizenship.

Today we had a group of visitors from Boston come to visit the Synagogue. The group was composed of roughly one hundred adults and kids from a sister congregation. We enjoyed dinner together and then went on a tour of the Temple’s bomb shelter. The shelter is an area of three hundred square feet that also includes a separate bathroom, shower, and first aid room. During the second war with Lebanon the twenty kids from our day school and fifty local children spent their days alternating between the shelter and our school facility. Each time a siren wailed the kids and staff ran down the three floors from the classroom to safety. Our previous past congregation president Jesse led the tour and explained to us that many Haifa residents left the city during the fighting but many chose to stay. Jesse who is a physician and American born mentioned to me that my friend Naomi and her family chose to stay.

About the author: Earl Shugerman is a retired American Government public relations specialist, who specialised in promoting programs for people with disabilities. Earl Shugerman is currently spokesperson in Haifa for The Jewish Agency and a writer specializing in interfaith relations. He has worked together with the Catholic and Southern Baptist Movements, the Reformed Jewish Movement and Muslim groups in interfaith activities.


Die Achse der Intoleranz

July 8, 2009
Die Verleumdung ist schnell und die Wahrheit langsam. (Voltaire)

Eine Glosse von Narcisse Caméléon
Ressortleiter Deppologie der HIRAM7 REVIEW

Nachfolgender E-Mail-Wechsel zwischen dem libertären Publizisten Alan Posener auf der einen Seite, und dem Triumvirat Dirk Maxeiner, Henryk M. Broder und Michael Miersch, Herausgeber des ebenso unkonventionellen und polemischen Online-Magazins Die Achse des Guten, auf der anderen Seite, zeigt wie intolerant und unfair Publizisten (und Journalisten) sein können…wenn es darum geht, einen unliebsamen Kollegen aus dem Verkehr zu ziehen.

Alan Posener bat uns darum, diese Korrespondenz publik zu machen, damit die Drahtzieher dieser Kabale Gelegenheit haben, hierzu Stellung zu nehmen, um diese kindergartenähnliche Autorenstreit ein anständiges Ende für alle Beteiligten zu bereiten.

Wir wollen hoffen, dass Konrad Adenauer verallgemeinerte, als er einst sagte: “Mit kleinen Jungen und Journalisten soll man vorsichtig sein. Die schmeißen immer noch einen Stein hinterher.”

***

Mittwoch, 20. Mai 2009 – 15:39

Lieber Alan,

in letzter Zeit wurden wir mehrmals darauf aufmerksam gemacht, dass du die Autoren von achchgut.com unter anderem als “Idioten” und “unter aller Sau” bezeichnest. Wir wollten das zunächst nicht glauben. Aber inzwischen wurden uns Belege zur Kenntnis gegeben, in denen du deiner Verachtung schriftlich Ausdruck gibst.

Warum bist du Mitglied in einem Autorennetzwerk, das du dermaßen geringschätzt? Es steht dir doch frei, nach Freunden zu suchen, für die du mehr Respekt empfindest. Als du im Herbst 2008 zu achgut.com kamst, waren bereits dieselben Autoren dabei wie jetzt.

Nachdem du deinen eigenen Blog aufgegeben hast, nahmst du die Einladung auf achgut.com zu schreiben freudig an. Wir möchten nicht mit jemandem zusammenzuarbeiten, der intrigiert und sich bemüht, den Ruf von achgut.de zu schädigen.

Damit ersparen wir dir die Peinlichkeit, weiterhin mit “Idioten” in Zusammenhang gebracht zu werden.

Grüsse

Dirk Maxeiner, Henryk M. Broder und Michael Miersch

Herausgeber der Achse des Guten

www.achgut.com

***

Hierzu die Antwort von Alan Posener:

Mittwoch, 20. Mai 2009 – 16:58

Lieber Dirk, lieber Michael, lieber Henryk,

Der größte Lump im ganzen Land ist und bleibt der Denunziant. [Das wusste schon Hoffmann von Fallersleben Mitte des 19. Jahrhunderts - Anmerkung der Redaktion.]

Freilich wer auf solche Leute hört, ist selber schuld. Dieser Brief ist geradezu kafkaesk. (Kafkas Roman Der Prozess beginnt mit dem Satz: “Irgendjemand musste K. denunziert haben.)

Wieso sagt ihr nicht, wer euch “darauf aufmerksam gemacht hat”, dass ich so etwas gesagt habe? Um was für “Belege” handelt es sich da? Wieso teilt ihr mir das Ergebnis eures geheimen Tribunals mit, ohne mir vorher eine Chance zur Anhörung zu geben? Ist das euer Verständnis von Fairness.

Für mich riecht es nach Stalinismus. Da ich nicht glauben mag, dass ihr so handelt wie irgendwelche K-Gruppen-Fuzzis, möchte ich dringend um eine Aussprache bitten. Auch mein Humor hat Grenzen.

Beste Grüße

Alan Posener
Korrespondent für Politik und Gesellschaft
Welt am Sonntag


Übersetzung und Hermeneutik / Traduction et herméneutique

July 2, 2009

Übersetzung und Hermeneutik

Der vorliegende Band bietet einen Überblick über die neueren Entwicklungen des hermeneutischen Übersetzungsansatzes, der Forschungsergebnisse aus der Linguistik und den Kognitionswissenschaften in seinen Diskurs integriert.

Besprochen werden hier Grundprobleme der Translation wie die Rolle des Übersetzers im Übersetzungsprozess und sein Umgang mit den Texten im Blick auf Verstehen, Interpretation, Kreativität der Formulierung u.a. Wege zur Anwendung des hermeneutischen Konzepts in der Übersetzungsdidaktik werden aufgezeigt und die Tragfähigkeit des zugrundeliegenden philosophischen Diskurses (F. Schleiermacher, E. Husserl, M. Heidegger, H.-G. Gadamer, J. Patočka, P. Ricœur) für die Translations-theorie wird überprüft.

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Cet ouvrage offre une perspective d’ensemble sur les développements récents de l’approche herméneutique en traduction qui intègre dans sa conception théorique les résultats de la recherche actuelle en linguistique et en sciences cognitives.

On y débat des problèmes fondamentaux tels que le rôle du traducteur dans le processus de la traduction et son approche textuelle sous l’angle de la compréhension et de l’interprétation du texte, de la créativité en traduction etc. On y suggère des voies d’accès à l’application de la théorie herméneutique dans la didactique de la traduction et l’on discute la viabilité du discours philosophique sous-jacent (F. Schleiermacher, E. Husserl, M. Heidegger, H.-G. Gadamer, J. Patočka, P. Ricœur) pour la traductologie.

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INTRODUCTION – FREE DOWNLOAD

Availability: Paperback & Electronic (pdf)

Publication date: 1 July 2009
Size: 6.50 x 9.45 in
Pages: 352
Language: German, French
ISBN: 978-973-1997-06-3 (paperback)

Inhalt / Sommaire

  
Larisa Cercel (Freiburg i. Br.): Auf den Spuren einer verschütteten Evidenz: Übersetzung und Hermeneutik (Einleitung)
Radegundis Stolze (Darmstadt): Hermeneutik und Übersetzungswissenschaft – eine praxisrelevante Verknüpfung
Lorenza Rega (Triest): Übersetzungspraxis und Hermeneutik im Spannungsverhältnis zwischen Vergangenheit und Gegenwart
John W. Stanley (Köln): Die Relevanz der phänomenologischen Hermeneutik für die Übersetzungswissenschaft
Jane Elisabeth Wilhelm (Genève): Pour une herméneutique du traduire
Arno Renken (Lausanne): Oui – et non. Traduction, herméneutique et écriture du doute
Inês Oseki-Dépré (Aix-en-Provence): Traduction et herméneutique
Domenico Jervolino (Naples): À la recherche d’une philosophie de la traduction, en lisant Patočka
Heinz-Otto Münch (Heidelberg) & Ingrid Steinbach (Worms): Verstehen und Geltung. Gadamers Hermeneutik im kritischen Licht der Übersetzungswissenschaft
Bernd Ulrich Biere (Koblenz): Die Rolle des Übersetzers: Bote, Ausleger, Verständlichmacher?
Ioana Bălăcescu (Craiova) & Bernd Stefanink (Bielefeld): Les bases scientifiques de l’approche herméneutique et d’un enseignement de la créativité en traduction
Marianne Lederer (Paris): Le sens sens dessus dessous: herméneutique et traduction
Alexis Nouss (Cardiff): La relation transhistorique
Alberto Gil (Saarbrücken): Hermeneutik der Angemessenheit. Translatorische Dimensionen des Rhetorikbegriffs decorum
Larisa Cercel (Freiburg i. Br.): Übersetzen als hermeneutischer Prozess. Fritz Paepcke und die Grundlagen der Übersetzungswissenschaft

Beyond the “War on Terror”: Towards a New Transatlantic Framework for Counterterrorism

May 27, 2009

European Council on Foreign Relations (ECFR) Senior Policy Fellow Anthony Dworkin wrote  a strategic paper entitled Beyond the “War on Terror”: Towards a New Transatlantic Framework for Counterterrorism.

This policy paper shows how divisions with the United States of America over counterterrorism policy have been a major problem for the European Union since September 11, 2001 and how the presidency of Barack Obama offers the possibility of a new approach, based on transatlantic agreement over the core principles for fighting terrorism. The author argues that EU leaders should work with the new US administration to agree a comprehensive declaration on counterterrorism that could be signed under the Spanish EU Presidency in 2010.

To seize the opportunity provided by the new US leadership, the European Union should launch an internal review to clarify its own views about core principles for fighting terrorism as part of the preparation for a joint declaration. EU officials should also restart a dialogue on international law and counterterrorism with the United States. This would give it input into a series of US reviews, and allow Europeans to push for clarification of the US position on key questions of international humanitarian law and human rights. Finally, the author calls on European countries to quickly agree on a joint position on resettling detainees from Guantanamo and consider offering a new home to these prisoners wherever possible.

Comments can be addressed to the author directly at anthony.dworkin@ecfr.eu.

Read full story.


Autonomy, Responsibility, and Health Care. Critical Reflections

May 21, 2009

We come across an era of strong and even more unusual individual claims, while the solution to often conflicting demands becomes increasingly elusive and parochial. One of the most intriguing philosophical questions is how to link human responsibility to those consequences of action which no one can fully foresee but, nevertheless, which no one can afford to neglect. Many biotechnological challenges are of this nature.

This book edited by Bogdan Olaru and published at Zeta Books is meant to give some insights in the mutual justification which ought to regulate the space between autonomy and responsibility by taking up a stance on some dilemmatic issues in the medical field.

Table of Contents

Regine Kather, Autonomy: as Self-determination against, or as Self-transcendence to Others? Anthropological Reflections on the Background of Bioethics

Silke Schicktanz, Why the Way we Consider the Body Matters: Reflections on four Bioethical Perspectives on the Human Body

Karl-Wilhelm Merks, Autonomie als Selbstbestimmung und Fürsorge: aufgezeigt am Beispiel der Sterbehilfe

Volker Lipp, Autonomie und Fürsorge. Die Perspektive des Rechts

Nicolae Morar, The Limits of Discourse Ethics Concerning the Responsibility toward Nature, Nonhuman Animals, and Future Generations

Bogdan Olaru, Toward an Ethics of Species. Is there a Responsibility to Preserve the Integrity of (Human) Species?

Eugen Huzum, The Principle of Responsibility for Illness and its Application in the Allocation of Health Care: A Critical Analysis

Download the book for free.


Guest Editorial by Rabbi Benjamin Blech on Pope’s Visit to Israel

May 17, 2009

Our beloved friend and colleague Rabbi Benjamin Blech took time to serve as guest editor, commenting the Pope’s visit in Israel. In January 2005, Rabbi Blech became one of the first rabbis in history known to confer the priestly blessing on a Pope, when he visited the Pope John Paul II  in the Apostolic Palace.

My Encounter with the Pope

by Rabbi Benjamin Blech

New York, May 17, 2009

blech

Was I wrong at that moment to believe it’s at last possible to cast off centuries of mistrust, misunderstanding and religious intolerance?

How does a rabbi feel when he meets the pope?

As a 10th-generation rabbi who has spent a lifetime teaching Torah to Jews, that’s something I thought was about as likely to happen to me as winning a gold medal at the Olympics. My world is the ivory tower of Jewish academia, not the Vatican. The people I’m used to seeing with yarmulkes on their heads are congregants, not cardinals. The holy city I most often visit isn’t Rome but Jerusalem.

But sometimes truth is stranger than fiction, and Divine providence put me together not just with one pope but with two.

Before I share with you the circumstances of these remarkable meetings, a little personal background is important. My parents came from Poland, and when I was a child they would tell me about their early lives there. On Christmas and Easter they knew they could not dare be out in the street. Their church-going neighbors would search for any of the Jewish “Christ killers” who their priest had impressed upon them in his sermon were guilty of killing their Lord. Anti-Semitic attacks were almost everyday occurrences, the expected price that Jews understood they had to pay for residence in a non-Jewish land. It’s sad to say but for Jews, Christians were the villains – because we were constantly victims.

If my parents ever wondered whether a time might come when this would all change, the Holocaust put an end to whatever optimism they dared to allow themselves. No, they concluded, and constantly reinforced in their admonitions to my siblings and to me. The rift between us and “them,” as they saw it, was unbridgeable. Only a fool, they never failed to tell us, would deny the lesson of so many centuries.

So in my mind, the pope became the general of an opposing army. Nothing personal, mind you, but surely sufficient to make me suspicious of any gesture on his part to improve our relationship.

It was with this mindset that I fortuitously became involved with a gentleman who had connections with the Vatican and offered to help when I informed him that there were many precious Jewish items in the hands of the church that we would love to bring back to their original owners. With his assistance and unbelievable good fortune we were invited to the Vatican Library to view some extremely precious manuscripts and initiate plans to bring some of them out on exhibit in Israel.

And then there was one more remarkable thing that happened. It explains what a nice Jewish septuagenarian like me was doing in the Apostolic Palace standing before the spiritual leader of 1.2 billion Catholics in the week before what proved to be his final illness.

Pope John Paul II was a different kind of pope. With all of my mistrust ingrained since my youth I had to attach significant meaning to the things I learnt about this spiritual leader of others who ironically enough was born in Poland, not far from my ancestors. I discovered that he was someone sensitive enough when he assumed the papacy to make one of his very first acts a visit to Auschwitz to in order express remorse at the fate of the 6 million victims.

More, he became the first pope since Saint Peter to visit a synagogue. He journeyed to the Western Wall in Jerusalem and left an inscribed message within one of its crevices asking for forgiveness for the sins Christianity committed against the Jews throughout the centuries. He denounced anti-Semitism as a “sin against God and humanity.” He normalized diplomatic relations with the State of Israel. He epitomized love, reconciliation and the healing of ancient wounds.

And because he had a profound feeling of affection for Jews, he made an amazing decision. Realizing his advanced age he made a personal and private request that was relayed to me. Pope John Paul II indicated that he would like to receive a blessing – a blessing from the spiritual leaders of the people who had for so long been the victims of its misplaced, virulent hatred. That is how I came to be a part of 150 rabbis and cantors who went to meet with the pope and fulfill his request.

At this historic moment three of us stepped forward to personally recite a blessing. It was then that I uttered the words recorded in the Talmud for a time when a Jew meets a great leader of the nations of the world: “We bless You O Lord for having granted of Your glory to Your creations.”

Was I wrong at that moment to believe it’s at last possible to cast off centuries of mistrust, misunderstanding and religious intolerance?

What went through my mind?

I heard the past speaking to me. I don’t know how it was possible for time to become so compressed that in those few moments, I could clearly make out so many conversations in my mind, all of them vying for my attention, all of them claiming my conviction. Some were filled with anger. Some were disbelieving. Some advised caution. Some were overcome with joyous emotion. All were battling for my agreement. It was simply too difficult for me to decide, too momentous a moment for me to come to any conclusion.

But with all the voices fighting to be heard within me one seemed most recognizable. I could swear that in the Vatican itself I heard my father, of blessed memory, whisper in my ear,” Perhaps. Perhaps.”

Not too long after that I was invited to be a member of the group that accompanied Pope Benedict, newly appointed after the death of John Paul II, when as one of the first acts of his papacy he too went to Auschwitz to pray, to request forgiveness, and to vow that civilized mankind would never again permit an atrocity of this horrendous magnitude to every again occur. I know that this pope is a German whose biography leaves us with some unanswered questions. I know that he has committed some serious errors of judgment in his response to Holocaust deniers within his own faith. And yet I saw him at Auschwitz. I heard his words. I spoke with him. I know that he, too, in his visit to New York last year chose to go to a synagogue to make clear his warm feelings towards Jews.

Pope Benedict was in Israel last week. He too has placed a prayer in the wall. He too has gone to the memorial for those who perished during the Holocaust. For some he didn’t say enough and he didn’t do enough. For others there is still the lingering and strong suspicion that he is the head of an organization that forever stands in opposition to our survival, at the very least theologically.

Only time will tell whether we may place our trust in the sincerity of these new gestures of friendship. But I would like to believe, seeing things with my own eyes that I know my parents and grandparents would never have deemed possible, that it is not too far-fetched and too naive to respond to these apparent attempts at reconciliation, with one word: “Perhaps. Perhaps.”

About the author: Rabbi Benjamin Blech,  is the author of 12 highly acclaimed books, including Understanding Judaism: The basics of Deed and Creed. He is a professor of Talmud at Yeshiva University and the Rabbi Emeritus of Young Israel of Oceanside (California) which he served for 37 years and from which he retired to pursue his interests in writing and lecturing around the globe. He is also the author of If God Is Good, Why Is The World So Bad?

Reprinted with kindly permission of Aish HaTorah International.


Professorenpapst Joseph Ratzinger

May 16, 2009

In einem Kommentar erschienen in der heutigen Ausgabe der Frankfurter Rundschau erläutert Prof. Dr. Micha Brumlik, Mitherausgeber der Monatszeitschrift Blätter für deutsche und internationale Politik, warum der Papst-Besuch in Israel nicht wirklich von Erfolg gekrönt war.

“Diese Aufgaben auch nur halbwegs sinnvoll und erfolgreich miteinander zu verbinden, bedarf es authentischen religiösen Charismas, machiavellistischer Klugheit und eines auf Lebenserfahrung beruhenden und in Krisen gefestigten moralischen Urteils. Joseph Ratzinger verfügt über keine dieser Eigenschaften. Sein Leben ist … das eines sozialen Aufsteigers, der sich mit Fleiß und Intelligenz aus dem Kleine-Leute-Milieu seiner Eltern hochgearbeitet hat, persönlichkeitsbildende Freund- und Liebschaften weitgehend vermieden und sich entschlossen dem gewidmet hat, was Sicherheit verhieß: die als unumstößlich wahr angesehenen Dogmen jener Institution, in der allein er zu dem werden konnte, der er jetzt ist.”

Zum Artikel.


Theory of Integrated Macroeconomics

May 11, 2009

By Professor Solomon Budnik

Former professor of Comparative Law, currently chairman of the Aerospace company UTG-PRI LTD. – Tel Aviv, Israel

Subtitle: Crisis of Unified Economic Systems and Uniform Currency. Macroeconomic Geometry.

ABSTRACT

IN RE: New advances in open economy modeling

With regard to economic modeling, it should be noted that we deal now with the expanding economic universe with ever changing space-time continuum due to ever expanding world population and consumer market. No artificial economic model could adjust to such  circumstances or fit various rigid and incompatible economic systems, particularly not the Nobel Prize in Economics gained behavioral, equilibrium, and game models.

In re:   human behavior and free market  are unpredictable, being unstable, and exercise a cumulative effect upon given economy due to mass public and monetary upheavals. For example, the economy of ill-conceived socio-communist and socialist states was and is based on social rules instead of the rule of capital, and couldn’t therefore be properly planned and predicted, as proven by history.

Astoundingly, the  economic system in USA, etc. is not capitalistic but Capitolistic, judging by politically induced state interference into free market affairs, with catastrophic results remedied by same state with trillions of dollars of misappropriated taxpayers’ money, forcing thereby future generations to slave themselves to repay that national multitrillion dollar debt to totalitarian and human rights violating China and totalitarian, racist and terrorist Arab states controlling the US State Dept. with oil dollars.

The equilibrium model is also wrong, since it contradicts the common sense, physics and geometry, for a physical or economic system doesn’t function or operate in a vacuum of economic space, and  an equilibrium can only be reached  by two corresponding systems positioned in the same economic plane, which is impossible. It means that no monetary system can reach a state of equilibrium in ever changing environment and monetary parameters. In fact, a model or a system in equilibrium is a dead, non-functional body, as is Zimbabwean Central Bank which has abolished its worthless national currency.

The  economic game model is wrong as well, since a game needs at least two players, with the end result of a  winner and a looser, or means a single player that plays with a third-party invented program (Russian and Israeli central banks that used the American FED’s model with devastating results), and usually a game theory is applied post-factum to a past event, as the Israeli economic game theorist applied his game paper to a so-called Oslo Accord and its step-by-step Israeli concessions  never matched by the opposing PA,  the Arab terror outcome of which the Israeli people and economy suffer under since 1993.

In all such circumstances, the society and the free market rebel and correct themselves via revolutions and financial downfalls, with trillions of dollars lost. Accordingly, as the Church had separated itself from the state and became a quasi financial institution above the state, the free market economy should function as a non plus ultra financial institution ruled and protected by integrated macroeconomics with a self-correcting mechanism of a three-tier stock exchange system developed by me.

Accordingly, I suggest that in order to prevent future economic depressions and collapses, the common  macroeconomics should be replaced by integrated macroeconomics (as formulated by me) separated from the monetary and fiscal economics induced and controlled by the state via central bank and the treasury which are self-conflicting bodies without taxpayers’ control.

The reason for such a change is that the capital market should be free from the state control in both

THESIS

Preamble: this paper has been composed due to the fact that all previous economic theories and models have failed in the modern turbulent economic circumstances of the intertwined, dependable and unstable global markets and economic powerhouses, with unpredictable fluctuations of domestic and foreign capital.

In re: let’s reminiscent briefly on the history of the past empires, state unions and confederations that had led to the rise and fall of the British Empire (despite the gold standard of the Pound Sterling which was the primary reserve currency for much of the world in the 18th and 19th centuries, but perpetual account and fiscal deficits, financed by cheap credit and unsustainable monetary and fiscal policies used to finance wars and colonial ambitions eventually led to the pound sinking (read current U.S. economic situation), Spanish and Dutch empires, whose economics were based on colonial assets, and the fall of the Austrian-Hungarian entity. The USA had united independent states which then exist on cash injections of the Treasury and the Federal Reserve via dollar printing and the issue of now unsellable state bonds, e.g., the state of California, which has now a budget deficit of $42B, while the overall national debt per American household is now $35.000, to rise to $75.000 due to President Obama’s financial policy. Economic crisis in America happened a number of times, albeit dollar was the world reserve currency guaranteed by gold.

In post World-War II, the US dollar took over the sterling’s dominant position and became the world’s newest reserve currency. The Bretton Woods Accord, the first major economic transformation toward the end of World War II, established the International Monetary Fund (IMF) and a way to value the various currencies of the world relative to each other. All foreign currencies would trade in relationship to the US Dollar and only the US dollar (as the reserve currency) would be tied to a gold standard (meaning the value of dollars circulating must be backed by gold reserves). The Roosevelt dollar was a schizoid, two-tier dollar, whose purchasing power at home did not match its gold parity abroad. At home, it was a fiat monetary unit, not convertible to gold; abroad, it was convertible to gold at $35 per ounce.

Americans of that era learned rather quickly that the maintenance of wealth in tangible form was preferable to paper wealth, so as bank runs became more pronounced, they rushed into and hoarded gold, since a growing distrust of banks meant an equal distrust of paper money.

Executive Order 6102 of April, 1933 and the United States Gold Reserve Act of January, 1934 changed all that. The 1934 Act raised the official price of gold to 35$ per ounce from the 20.67$ paid to Americans who, under the threat of a 10,000$ fine and/or 10 years imprisonment, had been forced to turn in their gold a few months earlier.

The gold standard caused major problems in the 1960’s when France (under the London Gold Pool) called America’s bluff and demanded gold for payment of debt, rather than US dollars (they understood that USA were printing more money, to finance the Vietnam conflict and fund new social programs, than we had available in gold reserves).

Due to the rapid loss of US gold reserves, President Nixon had no choice but to abolish the Bretton Woods accord in August of 1971 and he took the US dollar off the gold standard (it was $35 per ounce then).

Ruble of the Imperial Russia had also been guaranteed by gold, but that colonial and agrarian country, notwithstanding its industrial output of the 1913, existed due to wars and foreign loans. The crash of that economically poor, on bayonets unified empire was inevitable, as well as the crash of the following Soviet empire due to its domestic and international aggression and annexation, failed Communist ”planed” economy, fifteen fictitious republics on Moscow’s payroll,  one-side introduced fake ruble-dollar parity, purchases of grain abroad for dollars, arms race and non-repaid foreign loans, paid-off by Russia only recently.

And nothing have come up of  the idea of the  Belarus-Russia economic union and  unified currency, and  Belarus now lobbies the EU.

With regard to Euro, it had lost  30% of its value at the issue, and that issue and the annulment of the former European currencies has cost tens billions of dollars. The economy of the leading EU states had thereby been undermined due to the incompatibility of the different economic systems and internal state protectionism of the EU members. The economy of minor states had been damaged due to sharp discrepancies  between the low wages and 2-3 times higher prices due to joining the EU where wages are 10-20 times higher. Example: Bulgaria, Czech Republic, and Baltic States which are virtually bankrupt.

Euro keeps its mark due to free circulation of the paper money in a monetary spread now affecting the UK and Switzerland, but  Euro can fall to a critical point due to reduced  consumption and production,  credit crunch and the strengthening dollar.

EU Central Bank and the Bank of Israel (BOI) had followed suit by emulating FED’s actions applicable in USA only, i.e., by zeroing all interest earning saving deposits and to buying-in own state bonds. In  Israel, the American-led BOI had unreasonably devalued the strong shekel by 30% in favor of  weak dollar and Euro due to threats of total strike and extortion  by the leftist subversive Israeli Labor Union (so-called New Histadrut), albeit the Israeli import is 3-4 times larger then export, and BOI had bought-in the Israeli state bonds, albeit there was no huge foreign debt as in USA, had depleted the Treasury of its large  tax income of 15% on now non-existing shekel saving deposits of the bank customers, had reduced the interest rate to 0.5% thus depriving the bank clients and the banks of their earnings, and made thereby poorer  the consumers. Said erroneous and highly damaging actions had deflated the Israeli economy with no official inflation, caused mass unemployment, closed companies and factories, and caused the 20%-50% rise in travel expenses, food, gas and RE prices due to actual inflation concealed by the BOI, since  its actions are in contradiction to all written and unwritten free market rules, with negative results for Israeli economy, for the reduced money supply wasn’t compensated by a $750B stimulus  package and capital infusion in banks and companies, as in USA.

In Russia, on the contrary, its Central Bank had opted for inflation vs. deflation, and had allowed large interest rates at falling consumer and RE prices, with now value appreciating ruble, thus saving the consumer market, its money circulation and earnings on saving deposits.

Paradox but fact: dollar had appreciated against foreign currencies despite the collapse  of the U.S. economy, since all countries buy up dollars for currency reserves and support of their U.S. market dependent economies.

Hence, it is obvious in my opinion that the U.S. and EU economies and monetary expansions were based quasi on the Einstein’s formula Е = мс2, i.e. energy of the economy is equal to the money mass  multiplied by the speed of its circulation in the quadrature of the given monetary territory. But in case of  the  reduced  circulation of money, as occurs now everywhere, the economy of a state shrinks and is subject to a gravitational collapse due to a  financial black hole.

I would elaborate and picture the economic model in geometric terms of universal macroeconomics, i.e. a circle within a square. Central Bank and the SE of any state are the gravitational monetary bodies in the center of the circle of thereby attracted  economy, and distribute financial energy – the money mass and securitized wealth within the boundaries of given economic universe, whose revolving circle represents the circulation of capital. The ”square” of the GDP, cornering the circle of the economy forms four corners – fields of the given financial space, representing respectively the banks, the RE market, consumption and production.

This represents my Unified Field Theory in Economics, as per Einstein’s theory in Physics, applicable to macroeconomics where accordingly monetary forces between the objects of  economy are not transmitted directly between them, but instead go through intermediary financial fields whose  interactions should be unified  (from strongest to weakest) to prevent the crisis of economy.

To substantiate: when too much monies are pumped into that system as in USA prior to the crisis, the ill fetched economy expands and depresses said fields – cornered banks, RE market, consumers and companies,  constituting the depression with corporate bankruptcies where macroeconomics enter into the conflict with the microeconomics (strongest vs. weakest). To rebound, the economy must contract to relieve the tension from said affected segments of the economy and that had happened recently in USA, proving my assumption.

 Here I also introduce the terms of the “spot” money, “intangible” money with delayed transaction and repayment, and “remote” money, the discrepancies in which had led to enormous consumers’ debt and credit crunch in USA. The matter is that the US economy and financial market were erroneously oriented toward assumed  wealth of the consumers, i.e.,  their unsecured credit cards and loans (intangible money with delayed transaction and repayment), but the actual wealth of the consumer is the real money in his pocket (spot money) and remote money in his bank saving account, so if the US credit report companies and lenders would have had checked and calculated the actual cash status of the consumers/debtors using my money terms above prior to issuing  a mortgage or a loan, the monetary and economic crisis in USA could have been avoided.

It means that apart from the usual state and corporate credit rating, the new gross consumer credit rating (GCCR) should be introduced and used to constitute the essential part of the advanced modern macroeconomics, and that is particularly applicable to REITs, Fannie and Freddie in USA. Here, my term of the General Growth Personal Income (GGPI) should be introduced (as previously applied to RE properties), and calculated by the FED or any Central Bank via IRS and Tax Authorities to keep the economy in check and prevent any crisis.

Nota bene: the problem of common macroeconomics is that it is not based on the Rule of Golden Section and the Fibonacci sequence, albeit all universal systems from the human body, plants and up to the universe are based and develop on this very same principle. To elaborate, I would define the monetary correlation between various states and economic systems in the  following approximate ratio, applying Fibonacci figures: USA to the EU as 1:2, USA - UK as 2:3, to China, Japan, India, Mexico respectively as 3:5, 5:8, 8:13, 13: 21, and so on, showing the dilution of capital, having in mind the relevant buying potential of the consumers  which is low in China and India,  in relation to  the billions of people in said states.

The expanding global economy also reflects the geometry of the Fibonacci spiral that approximates the golden spiral of the universal macroeconomics and globalization based on irrational constant of economic dynamics.

This is all because the GDP based common economy is assumed to be closed, no imports or exports occur.

So my opinion  is that any economy should be based  on  the financial pillars consolidated under one roof, i.e., the real estate market, the stock exchange and the gold trade should constitute a uniform, self-containing system, as the project developed by me, namely the Alternative Int. Stock Exchange, to include the Real Estate SE  and the Gold SE, constituting my Integrated Macroeconomic Theory.

I suggest therefore that apart from the GDP, modern economy should be linked to the Gross Foreign Product  (GFP), as termed by me, including foreign revenues of domestic companies and the offshore assets. This implies the repatriation and reinvestment of the foreign gained income and fled capital as the amortization of the domestic corporate and private assets that constitute thereby  the Cumulative Gain Product (СGP), a term  formulated by me. Said new measure  can mitigate the domestic economic crisis and attract foreign capital due to adjusted financial parameters and upgraded credit rating of the given state.

In re: Concerning the collapse of major U.S. and EU investment banks, with heavy losses at the NYSE,  Russian, EU and Asian stock exchanges and monetary systems and to mitigate the economic and financial situation, I have devised the  project  of the innovative Alternative  Int. Stock Exchange  (AISE), to be established in Jerusalem, to include the Real Estate Stock Exchange and the Gold Exchange to secure investors’ assets and gains. Said project is based on my previous project and bylaws of the Tel Aviv Alternative Stock Exchange solicited by the Israeli Finance Ministry.

Said uniquely integrated three-tier financial system would attract large capital due to innovative self-compensating triple index which is not entirely GDP oriented, as the world economies are based  erroneously upon, leading to collapses, so the Israeli economic and financial system would thereby be based on our introduced GFP as well, thus securing the stability of capital and market and bringing the economy out of recession.

Reprinted with kindly permission of Solomon Budnik. (C) 2009 by Solomon Budnik. All Rights Reserved.


The Geopolitics of Emotion: How Cultures of Fear, Humiliation, and Hope are Reshaping the World

May 9, 2009

geopolitics of emotion

Dominique Moïsi, a founder of the Institut Français des Relations Internationales (IFRI – French Institute of International Affairs), professor at the Institut d’études politiques (Sciences Po Paris) and Harvard University, and one of Europe’s leading geo-strategic thinkers, discusses in his new book how cultures of fear, humiliation, and hope are reshaping global politics.

“Fear, Humiliation, Hope, and the New World Order

Thirteen years ago, Samuel Huntington argued that a “clash of civilizations” was about to dominate world politics, with culture, along with national interests and political ideology, becoming a geopolitical fault line (”The Clash of Civilizations?” Summer 1993). Events since then have proved Huntington’s vision more right than wrong. Yet what has not been recognized sufficiently is that today the world faces what might be called a “clash of emotions” as well. The Western world displays a culture of fear, the Arab and Muslim worlds are trapped in a culture of humiliation, and much of Asia displays a culture of hope.

Instead of being united by their fears, the twin pillars of the West, the United States and Europe, are more often divided by them – or rather, divided by how best to confront or transcend them. The culture of humiliation, in contrast, helps unite the Muslim world around its most radical forces and has led to a culture of hatred. The chief beneficiaries of the deadly encounter between the forces of fear and the forces of humiliation are the bystanders in the culture of hope, who have been able to concentrate on creating a better future for themselves.

These moods, of course, are not universal within each region, and there are some areas, such as Russia and parts of Latin America, that seem to display all of them simultaneously. But their dynamics and interactions will help shape the world for years to come.

THE CULTURE OF FEAR

The United States and Europe are divided by a common culture of fear. On both sides, one encounters, in varying degrees, a fear of the other, a fear of the future, and a fundamental anxiety about the loss of identity in an increasingly complex world.

In the case of Europe, there are layers of fear. There is the fear of being invaded by the poor, primarily from the South – a fear driven by demography and geography. Images of Africans being killed recently as they tried to scale barbed wire to enter a Spanish enclave in Morocco evoked images of another time not so long ago, when East Germans were shot at as they tried to reach freedom in the West. Back then, Germans were killed because they wanted to escape oppression. Today, Africans are being killed because they want to escape absolute poverty.”

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How Obama’s America Might Threaten Israel

May 3, 2009

Obama’s foreign policy in the Middle East is very distressing: several coldness to Israeli diplomats by the Obama administration already; the appointment of senior officials who hate Israel (e.g. Chas Freeman); repeated expressions of hostility to the elected Likud government of Israel; considerable favouring to Arab tyrants and anti-American autocrats around the world; pressure on Israel not to pre-empt Iran; re-naming the war on terror “overseas contingency operations” against “man made disasters;“ budget cutting on missile defense and other projects.

Commentary magazine has a new, powerful piece by lifetime pro-Israel American writer Norman Podhoretz, entitled How Obama’s America Might Threaten Israel, raising many of these concerns.

“Is there a threat to Israel from the United States under Barack Obama? The question itself seems perverse. For in spite of the hostility to Israel in certain American quarters, this country has more often than not been the beleaguered Jewish state’s only friend in the face of threats coming from others. Nor has the young Obama administration been any less fervent than its last two predecessors in declaring an undying commitment to the security and survival of Israel.”

Read full story.


War of Necessity, War of Choice: A Memoir of Two Iraq Wars

May 2, 2009

Richard Nathan Haass, former Director of Policy Planning in the U.S. State Department, and current President of the Council on Foreign Relations, was one of a handful of top government officials involved in the decision-making process during both Iraq conflicts.

In his new book, War of Necessity, War of Choice, he explains precisely how and why the two Iraq wars resulted from two very different policymaking processes and two fundamentally different approaches to U.S. foreign policy.

Reviews & Endorsements

“Haass … astutely notes the two presidents’ differing management styles. … A unique perspective on how war policy was formed by two very different presidents.” Kirkus Reviews

“This is not your usual foreign policy tome. It is a vivid, honest account of recent history from the author’s unique vantage points inside the White House and the State Department. Richard Haass is always intelligent. In this book he teaches us a great deal about how American foreign policy should be made, what it should seek to accomplish, and how it should be carried out. The result is a fascinating memoir and a primer for the future.” Fareed Zakaria, editor of Newsweek International and author of The Post-American World

“This important book, written with style and polish, is what history needs more of: first-person testimony on crucial events from those who were there. Haass takes us into the heart of the decision making of the first Gulf War and witnesses the morass that produced the Iraq invasion. But it is also, at bottom, a personal primer on what it is to dissent on policy from the inside, on when to stay in government, and when to go. A narrative that moves forward at a great pace but with real historical and academic ballast.” Peggy Noonan, columnist for the Wall Street Journal and author of Patriotic Grace

“In this compelling and important volume, a world-class scholar and diplomat takes us behind the scenes of both American wars against Saddam Hussein. Richard Haass’s book is full of surprises. It will do much to shape the way historians come to understand the American experience in Iraq. But more crucial, Haass’s story deserves every American’s attention now to make sure that we all learn from both the victories and the tragedies.” Michael Beschloss, author of Presidential Courage

“When a nation faces that gravest of decisions—is it justified in going to war?—abstract moral principles alone don’t suffice. Richard Haass, an insider who participated in the making of two very different wars with Iraq, provides a finely textured account that applies the writings about just and unjust wars to the real world. His blend of conceptual thinking and concrete experience makes for an engrossing tale that educates in every sense.” Peter Steinfels, codirector of the Fordham Center on Religion and Culture and author of A People Adrift

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Lob der Unruhe

May 1, 2009

Im Aufmacher der Süddeutschen Zeitung am Wochenende zieht Dr. Heribert Prantl, gegenwärtiger Ressortleiter Innenpolitik der einzigen Qualitätszeitung der Bundesrepublik – Die Süddeutsche Zeitung - und einst Richter und Staatsanwalt in Bayern, eine nüchterne Bilanz über das Bürgerengagement in Deutschland und hält Ausschau nach einer sterbenden Spezies: die Unruhestifter.

“Unruhe hat einen schlechten Ruf in Deutschland. Zu Unrecht, denn Unruhestifter haben dieses Land verbessert, ihr Unruhegeist ist ein demokratisches Elixier. [...] Nach dem Ende dessen, was Neoliberalismus genannt wurde, geht es gegenwärtig darum, die Finanzwirtschaft neu zu ordnen und zu regeln, wirtschaftliche und soziale Positionen neu zu justieren und auszuhandeln. Sollen die Leute dabei einfach ganz ruhig bleiben? Sollen sie ruhig sein, wenn der Staat mit Hunderten Milliarden Steuergeld für eine verantwortungslose Finanzwirtschaft einstehen muss? Sollen sie dankbar sein für die Sozialisierung der Verluste der Banken?”

Zum Artikel.


Tyrants Get Another U.N. Platform

April 24, 2009

An op-ed on Durban II by Saad Eddin Ibrahim, Egyptian dissident and Harvard scholar

The Wall Street Journal, April 24, 2009

In 1948, the United Nations recognized the “inherent dignity” and “the equal and inalienable rights” of all human beings when it ratified the Universal Declaration of Human Rights. Though this week’s U.N. conference in Geneva claimed to stand for these noble values, the world’s dictators were the real winners.

Too many official country delegates didn’t come to Geneva to stand up for the oppressed. They came to condemn the “colonial powers” of the West and Israel. In so doing, they sought to guard against exposing their own regimes’ human-rights records. While the delegates met in the official conference hall, the true defenders of human rights – civil society organizations and dissidents – gathered at their own conference where they examined today’s most pressing human-rights issues.

The deep divide between those who seek to expose human-rights abuses and those who only use the language of human rights as a shield is not new. It started during Rio’s Earth Summit in 1992, where, for the first time, the U.N. agreed to host two forums: one for government representatives and one for NGOs. The divide between government and NGOs, and between the Third World and the West, reached an apex in Durban, South Africa, in 2001. The central wedge issue was the treatment of the state of Israel.

Eight years ago, the Durban Declaration and Plan of Action (DDPA) singled out Israel for the harshest rebuke of any country. It was not that Israel was totally innocent of charges about its continued occupation of the Palestinians. But the vehemence with which the delegates issued this condemnation, and their manner of voting on it – the delegates cheered “Down With Israel” – led many to conclude that the DPPA bordered on anti-Semitism.

What compounded this sentiment is that most of the governments that pile on to condemn Israel and the so-called “neocolonial” West have terrible human-rights records. These include tyrannical regimes such as Zimbabwe, Myanmar, Libya, Iran, Syria and Egypt (my home country). Their atrocious violations have been widely reported by organizations like Amnesty International and Human Rights Watch.

But members of like-minded voting blocs – such as the Organization of the Islamic Conference, the Organization of African Unity and the League of Arab States – comprise more than two-thirds of the U.N. membership votes. Together, they can railroad through any resolution, no matter how absurd. It was this Afro-Islamic-Arab bloc that made sure Iranian President Mahmoud Ahmadinejad would be the keynote speaker in the opening session of this year’s U.N. World Conference Against Racism, Racial Discrimination, Xenophobia, and Related Intolerance.

Rightly anticipating that the Geneva conference would be a forum for anti-Western and anti-Israel propaganda, the U.S. and a score of Western democracies boycotted the conference entirely. More countries – such as Britain, Germany and Holland – walked out of the conference when Mr. Ahmadinejad delivered his usual anti-Israel tirade, calling the Jewish state a “most cruel and racist regime.”

Unfortunately, lost in this circus were the real victims who suffer at the hands of autocratic and theocratic regimes. The most vulnerable groups – the poor, women, children, migrant and stateless people – were ignored this week in Geneva.

Though the decision to boycott the conference was understandable, I believe it was a mistake. The U.S. and other democracies should have attended and fought back. An overwhelming majority of mankind would have applauded their moral courage.

I spent three years alone in an Egyptian prison for the crime of “tarnishing Egypt’s reputation.” Today, prisoners like Roxana Saberi in Iran languish in jails for crimes they did not commit. It is the job of true human-rights advocates to strengthen such victims by standing up to dictators.

Rather than letting Mr. Ahmadinejad steal the headlines, I would have liked to have seen the universally popular President Barack Obama take on the hypocrites who speak in the name of Islam and want to sacrifice such basic rights as freedom of speech by outlawing “Islamophobia.” Mr. Obama could have rescued the human-rights agenda from those who have hijacked it.

Though it didn’t happen in Geneva, I look forward to a campaign, led by Mr. Obama, to return the cause of human rights to its rightful owners.

Mr. Ibrahim was incarcerated by the Mubarak regime from 2000 to 2003. He is now a visiting professor at Harvard.


Durban II Hatefest

April 17, 2009

A statement by Anne Bayefsky at the Third Substantive Preparatory Meeting of the Durban Review Conference.

April 17, 2009
United Nations, Palais des Nations, Geneva, Switzerland

The eyes of millions of victims of racism, xenophobia and intolerance are upon YOU, the representatives of states and the United Nations. And instead of hope you have given them despair. Instead of truth you have handed them diplomatic double-talk. Instead of combating anti-Semitism you have handed them a reason for Jews to fear UN-driven hatemongering on a global scale.

The Durban conference – allegedly dedicated to combating racism, anti-Semitism and other forms of intolerance – will open April 20th on the anniversary of the birth of Adolf Hitler without agreement on even so much as remembering the Holocaust and the war against the Jews. Your draft words on the Holocaust – the very foundation of the Universal Declaration of Human Rights – have been narrowed to the barest mention from previous versions. And if the minor reference survives at all – it will be a testament to your interest in Jews that died 60 years ago, while tolerating and encouraging the murder of Jews in the here and now.

Furthermore, the draft before you demonizes the Jewish state of Israel and then has the audacity to pretend to care about anti-Semitism in a single word buried among 17 pages. Anti-Semitism means discrimination against the Jewish people. Since it is evident that almost none of you have the courage to say it, the face of modern anti-Semitism IS the UN – your – discrimination against Israel, the embodiment of the Jewish people’s right to self-determination.

Over and over again we have heard a massive misinformation campaign about the content of these proceedings and the draft before you. We have heard the tale that this draft does not single out Israel, that the hate has been removed, that the fault of the anti-Semitism at Durban I was that of NGOs while states and the UN were blameless.

Perhaps you think that journalists and victims will not bother to read for themselves the Durban Declaration adopted by some governments. There is only one state mentioned in it – Israel. There is only one state associated with racist practices in it – Israel. And yet the very first thing that this draft before you does is to reaffirm that abomination, abomination for Jews and Arabs living in Israel’s free and democratic society, and for all the victims of racism ignored therein. Lawyers call it incorporation by reference when they hope nobody reads the small print. The propaganda stops here. We have read it. We understand the game. And we decry the ugly effort to repeat the Durban agenda to isolate and defeat Israel politically, as every effort to do so militarily for decades has failed.

The UN High Commissioner for Human Rights and the Chair of this Preparatory Committee also told us this week that the Durban Declaration in all its aspects is a consensus text. Perhaps they are unfamiliar with the Canadian reservations made in Durban in 2001 which state categorically that the Middle East language was outside the conference’s jurisdiction and not agreed. Perhaps they failed to notice that one of the world’s greatest democracies, the United States, voted with its feet and walked out of the Durban I hatefest. The Durban Declaration has never represented a global consensus among free and democratic nations. When the head of the Islamic conference treats Durban as a bible, in their words, it is more accurately a defamation of religions.

This week you decided which states ought to serve in a leadership role at next week’s conference. Among them are some of the world’s leading practitioners of racism, not those interested in ending it. You have also decided to hand a global megaphone to the President of a state which advocates genocide and denies the Holocaust.

So in a state of shock and dismay we address ourselves not to the human rights abusers that glorify the Durban Declaration or its next incarnation, but to democracies – and we ask: Will Germany sit on Hitler’s birthday and listen to the speech of an advocate of genocide against the Jewish people and grant legitimacy to the forum which tolerates his presence? What about the United Kingdom, the birthplace of the Magna Carta? Or France that helped to ship last generation’s Jews to crematoriums?

You could have fought racism. You chose instead to fight Jews. You could have promoted the universal standards against racism already in existence. You chose instead to diminish their importance in the name of alleged cultural preferences. You could have protected freedom of expression. You chose instead to undermine it by twisted concepts of incitement. You could have brought victims of racism together in a common cause. You chose instead to pit victims against each other in an ugly struggle for meager recognition.

For those democracies that remain under these circumstances you are ultimately responsible for what can only be called an appalling disservice to real victims of racism, xenophobia and related intolerance around the world.

About the author: Anne Bayefsky holds a B.A., M.A. and LL.B. from the University of Toronto and an M.Litt. from Oxford University. She is a barrister and solicitor of the Ontario Bar, and senior fellow at the Hudson Institute as well as professor at Columbia University Law School in New York, where her areas of expertise include international human rights law, equality rights, and constitutional human rights law. Visit her website here.


Le Grand Meaulnes

April 14, 2009

grand-meaulnes

Stefan Zweig aurait pu appeler cet univers enchanteur le monde d’hier (Die Welt von gestern), qui n’était pas seulement celui de l’écrivain bref et tragique d’avant-guerre Alain-Fournier (en réalité Henri-Alban Fournier), auteur légendaire du Grand Meaulnes, mais aussi et surtout de toute une génération d’écoliers rompus aux âpres du devoir et de la droiture…à une époque où l’amitié demeurait une valeur indefectible.

Chapitre premier: Le Pensionnaire.

“Il arriva chez nous un dimanche de novembre 189…

Je continue à dire «chez nous», bien que la maison ne nous appartienne plus. Nous avons quitté le pays depuis bientôt quinze ans et nous n’y reviendrons certainement jamais.

Nous habitions les bâtiments du Cours Supérieur de Sainte-Agathe. Mon père, que j’appelais M. Seurel, comme les autres élèves, y dirigeait à la fois le Cours supérieur, où l’on préparait le brevet d’instituteur, et le Cours moyen. Ma mère faisait la petite classe.

Une longue maison rouge, avec cinq portes vitrées, sous des vignes vierges, à l’extrémité du bourg ; une cour immense avec préaux et buanderie, qui ouvrait en avant sur le village par un grand portail ; sur le côté nord, la route où donnait une petite grille et qui menait vers La Gare, à trois kilomètres ; au sud et par derrière, des champs, des jardins et des prés qui rejoignaient les faubourgs… tel est le plan sommaire de cette demeure où s’écoulèrent les jours les plus tourmentés et les plus chers de ma vie – demeure d’où partirent et où revinrent se briser, comme des vagues sur un rocher désert, nos aventures.

Le hasard des «changements», une décision d’inspecteur ou de préfet nous avaient conduits là. Vers la fin des vacances, il y a bien longtemps, une voiture de paysan, qui précédait notre ménage, nous avait déposés, ma mère et moi, devant la petite grille rouillée. Des gamins qui volaient des pêches dans le jardin s’étaient enfuis silencieusement par les trous de la haie… Ma mère, que nous appelions Millie, et qui était bien la ménagère la plus méthodique que j’aie jamais connue, était entrée aussitôt dans les pièces remplies de paille poussiéreuse, et tout de suite elle avait constaté avec désespoir, comme à chaque «déplacement», que nos meubles ne tiendraient jamais dans une maison si mal construite… Elle était sortie pour me confier sa détresse. Tout en me parlant, elle avait essuyé doucement avec son mouchoir ma figure d’enfant noircie par le voyage. Puis elle était rentrée faire le compte de toutes les ouvertures qu’il allait falloir condamner pour rendre le logement habitable… Quant à moi, coiffé d’un grand chapeau de paille à rubans, j’étais resté là, sur le gravier de cette cour étrangère, à attendre, à fureter petitement autour du puits et sous le hangar.

C’est ainsi, du moins, que j’imagine aujourd’hui notre arrivée.

Car aussitôt que je veux retrouver le lointain souvenir de cette première soirée d’attente dans notre cour de Sainte-Agathe, déjà ce sont d’autres attentes que je me rappelle; déjà, les deux mains appuyées aux barreaux du portail, je me vois épiant avec anxiété quelqu’un qui va descendre la grand’rue. Et si j’essaie d’imaginer la première nuit que je dus passer dans ma mansarde, au milieu des greniers du premier étage, déjà ce sont d’autres nuits que je me rappelle; je ne suis plus seul dans cette chambre; une grande ombre inquiète et amie passe le long des murs et se promène.

Tout ce paysage paisible – l’école, le champ du père Martin, avec ses trois noyers, le jardin dès quatre heures envahi chaque jour par des femmes en visite – est à jamais, dans ma mémoire, agité, transformé par la présence de celui qui bouleversa toute notre adolescence et dont la fuite même ne nous a pas laissé de repos.

Nous étions pourtant depuis dix ans dans ce pays lorsque Meaulnes arriva.”

Lire la suite.


Les Métamorphoses de Jacques Dutronc, enfant terrible de la chanson française

April 11, 2009

Il faut plaisanter sur tout. Il n’y a que les concierges qui disent: “La plaisanterie a des limites”. (Jacques Dutronc, Pensées et répliques)

Nanti d’un regard malicieux, revêche et ironique, auteur et interprète de chansons au vitriol mais néanmoins fantasmagoriques et tendres, flanqué d’un style maintes fois imité mais jamais égalé, Jacques Dutronc demeure, en dépit de ses presque 66 ans, qu’il fêtera le 28 avril prochain, l’archétype même de l’anarchiste de droite, mais aussi et surtout le maître incontesté de l’humour iconoclaste et intelligent de la scène musicale française des quatre dernières décennies. Bravo l’artiste!

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A Question for the Economists

April 7, 2009

In an op-ed in The Weekly Standard, Harvey C. Mansfield, Professor of political science at Harvard University, wrote on the failure of economists to predict crises.

“One group of those involved in the present financial crisis has so far escaped notice – the economists. They are masters in the science of prediction, but as a group, if not to a man, they failed to predict a crisis that has wiped out nearly half the wealth invested in the stock market and elsewhere (measured of course from the peak). The economists did no better than their unscientific rivals, the stock pickers, who are in the business of prediction.

Perhaps we need a second look not merely at the existing models by which economists predict but at the very idea of prediction as the goal of social science. Economists had been in the habit of asserting that they had come a long way since the Depression, that such an event could not happen again. Yet people are now actually speaking of another Depression as possible. Maybe we know how to avoid the Depression we had, but what about a new one with a new character we do not recognize? Isn’t our present crisis new? Isn’t every crisis new – since surprise is the essence of crisis? If prediction were reliable, we would be prepared for every chance, and our lives would be crisis-free and much duller.”

Read full story.


Passover 2009 & four questions for a financial crisis

April 5, 2009
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“The Jews’ Passover”-facsimile of a miniature from a 15th century missal, ornamented with paintings of the School of Van Eyck

No Bread
by Rabbi Benjamin Blech

What insights does Passover provide into our current financial crisis that can help alleviate our collective pain?

A fresh look at the Seder’s traditional four questions offers much food for thought around your Seder table.

1. Why is it that in all other years we eat bread and matzah, but this year we eat only matzah?

Bread is the staff of life. Matzah is the symbol of poverty. To make money, in slang, is to “make some bread.” To be blessed with much is to “have a lot of dough.” But this year as we look at our bank accounts, our retirement plans and our depleted wallets, we are all too often reminded of the “bread of affliction” our ancestors subsisted on in the land of Egypt.

Why did this happen to us? Perhaps it’s because God wants us to understand a biblical truth that we seem to have forgotten. “Man does not live by bread alone” the Torah teaches. We dare not confine the strivings of our lives solely to accumulating money. We must not make material gain our sole priority. There comes a time when we have to learn to negate our overriding emphasis on “making more bread.” While society stresses wealth as the primary measure of personal worth, Judaism insists that once a year on Passover, we demonstrate the moral courage to renounce the power of bread as the ultimate ruler of our lives. Surrounded by our families we declare we can survive without the trappings of luxury.

It’s ironic that one of the wealthiest men in the world didn’t learn this lesson until it was too late. Sam Walton was the multibillionaire CEO of Wal-Mart, the fourth largest US Corporation. As he was lying on his deathbed, he struggled to get out his last three words on earth. He had given his life for his business. In that area, he succeeded beyond anyone’s wildest dreams. Yet, it was at a price. He hardly spent any time with his wife, his children, and his grandchildren. He didn’t allow himself the moments of loving interaction, of playing and laughing with his loved ones. His final three words? “I blew it!” He had the billions, but by his own admission he had failed. Maybe we now should be thinking about and thanking God on Passover for this important reminder.

2. Why is it that in all other years we eat all kinds of vegetables, but this year we eat only bitter herbs?

Why does a good God sometimes make our lives not better, but bitter? The Jews asked it in Egypt with regard to their servitude. We ask it today with regard to our dwindling financial assets. It is a problem that every believer has to face in one form or another.

We can learn a great deal from a story that is told about the saintly rabbi, the Chafetz Chaim. Meeting a former student after many years, the rabbi asked about his welfare. The student, in difficult straits, responded, “Unfortunately things are very bad.”

The rabbi immediately shot back, “God forbid, you are not permitted to say that. Do not ever declare that things are bad. Say instead they are bitter.”

Perplexed, the student asked, “Bad, bitter – what’s the difference? My life is terrible.”

“No, my son,” the rabbi answered, “there is all the difference in the world between them. A medicine may be bitter but it isn’t bad.”

True faith requires an understanding that life often presents us with challenges – bitter moments that temporarily leave us with an acrid taste, but help us to grow, to mature and to eventually become better human beings.

God planned the Egyptian experience for a purpose. In Deuteronomy He refers to it as “a fiery furnace” – the way in which precious metals were purified. As harsh as it seemed at the time, it was all for a reason. The Torah tells us that the Jews who had endured and survived were all the better for it. And that too must be our hope as we confront our contemporary crisis. Yes, it is bitter – just like a medicine that will make us better.

3. Why in all other years do we not dip even once, but in this year dip two times?

The past led many of us to believe that we could expect no dips in the economy. The good times would always roll without interruption.

It was in 1929, just before the Great Depression, that many of the brilliant economists of the time predicted that the “age of cycles” was over. The rules that limited human progress were no longer applicable. The stock market could now only go up and up. They claimed unlimited wealth was inevitable. The hubris of man clearly needed to be humbled. The crash of the 30s silenced those who had previously put all their trust in “my might and my power.”

The prognosticators of our new millennium proved to be just as blind as their predecessors. They, too, assured us the old rules no longer applied, that we could spend without regard to the future, that we need not save because the value of our homes would only keep rising, that in short we were invincible and almighty.

In a striking passage, the Talmud explains why Sarah, Rebecca and Rachel were all barren from birth, requiring divine intervention in order to conceive. It was, the rabbis teach us, because “God desires the prayers of his beloved.” When things come too easily to us we fall victim to a sense of entitlement. We think we no longer have to pray for blessings to come to us if they arrive even without being asked for. Prayers answered before they are spoken deny us the need and the opportunity to express them. Blessings too freely granted can also make us lose sight of our requirement for gratitude.

So we have dips in our fortunes. The good news is that they need not be permanent if we learn from them. All they ask of us is that when times are once again good we don’t forget the source of our blessings.

4. Why is it that in all other years we eat either sitting or reclining, but in this year we eat only reclining?

To recline is to lean. And this year there are many who are forced to lean on others for assistance. The demands placed this year on charitable organizations are unprecedented. No one can simply sit back comfortably in his or her own chair, insensitive to the suffering of those around them.

That, in fact, is the very reason God tells us he forced our ancestors to spend all that time in Egypt before he brought them back to the Promised Land. “Be kind to the poor and to the stranger,” He commands us, “because you yourselves were strangers in the land of Egypt.” The purpose of Egyptian slavery was meant to teach us to empathize with the oppressed in every generation. We know what it means to be poor, to be hungry, to be mistreated. We were schooled in misery precisely so that we would not fail in our mission to be a light to the world, teaching compassion and kindness.

“This is the bread of affliction – let all those who are hungry come and eat with us, let all those who are needy come and share our festive meal with our family.” This is the way we begin our Passover Seder. It is the most fitting introduction to the holiday whose very story took place in order to teach us this lesson.

We all strive to be happy. We search for different ways to achieve this goal. What is the best way to secure it? We have tried so many different ways unsuccessfully. Social scientists have recently come to a remarkable conclusion. A recent issue of the prestigious Science magazine reveals that studies prove helping others is perhaps the most surefire way to gain personal happiness.

Strange then, isn’t it, that we spend so much of our days dedicated to getting, when we would be so much better off if we put more of our efforts into giving. We could all learn much from Michael Bloomberg, the self-made billionaire founder of the Bloomberg financial information firm and New York Mayor, who donated $235 million in 2008, making him the leading individual living donor in the United States, according to The Chronicle of Philanthropy. In explaining his philosophy, he said he intends to give away most of his fortune, because “the best measure of a philanthropist is that the check he leaves to the undertaker bounces.” And that will insure that he dies a very happy man.

These explanations may not resolve our pressing contemporary problems, but they do permit us to realize that there are profound issues implicit in the divine reaction to our difficulties that transcend our understanding. Our struggle for meaning must always be matched with our firm belief that the God who cared enough for us to perform miracles in days of old continues to love us in the same measure to help us overcome our present crises. That is, after all, why we celebrate Passover.

About the author: Rabbi Benjamin Blech is the author of 12 highly acclaimed books, including Understanding Judaism: The basics of Deed and Creed. He is a professor of Talmud at Yeshiva University and the Rabbi Emeritus of Young Israel of Oceanside which he served for 37 years and from which he retired to pursue his interests in writing and lecturing around the globe. He is also the author of If God Is Good, Why Is The World So Bad?

Reprinted with kindly permission of Aish HaTorah International.


Jean Ferrat – La Montagne (1966)

April 4, 2009

Jean Ferrat, alias Jean Tennenbaum, interprète en 1966 La Montagne, une admirable chanson citoyenne et d’avant-garde à l’époque, avant que les faux-culs et arrivistes écologistes s’emparent du thème pour le monopoliser, et ce faisant s’agripper plus tard aux strapontins ministériels…

Paroles

Ils quittent un à un le pays
Pour s’en aller gagner leur vie
Loin de la terre où ils sont nés
Depuis longtemps ils en rêvaient
De la ville et de ses secrets
Du formica et du ciné
Les vieux ça n’était pas original
Quand ils s’essuyaient machinal
D’un revers de manche les lèvres
Mais ils savaient tous à propos
Tuer la caille ou le perdreau
Et manger la tomme de chèvre

Pourtant que la montagne est belle
Comment peut-on s’imaginer
En voyant un vol d’hirondelles
Que l’automne vient d’arriver?

Avec leurs mains dessus leurs têtes
Ils avaient monté des murettes
Jusqu’au sommet de la colline
Qu’importent les jours les années
Ils avaient tous l’âme bien née
Noueuse comme un pied de vigne
Les vignes elles courent dans la forêt
Le vin ne sera plus tiré
C’était une horrible piquette
Mais il faisait des centenaires
A ne plus que savoir en faire
S’il ne vous tournait pas la tête

Pourtant que la montagne est belle
Comment peut-on s’imaginer
En voyant un vol d’hirondelles
Que l’automne vient d’arriver?

Deux chèvres et puis quelques moutons
Une année bonne et l’autre non
Et sans vacances et sans sorties
Les filles veulent aller au bal
Il n’y a rien de plus normal
Que de vouloir vivre sa vie
Leur vie ils seront flics ou fonctionnaires
De quoi attendre sans s’en faire
Que l’heure de la retraite sonne
Il faut savoir ce que l’on aime
Et rentrer dans son H.L.M.
Manger du poulet aux hormones

Pourtant que la montagne est belle
Comment peut-on s’imaginer
En voyant un vol d’hirondelles
Que l’automne vient d’arriver?


David Harris Remarks at Gorbachev-Shultz Reunion

March 26, 2009

ajcevent

AJC Executive Director David Harris was invited to give substantive opening remarks at this afternoon’s historic reunion between former Soviet President Mikhail Gorbachev and former U.S. Secretary of State George Shultz, moderated by Charlie Rose. Below is the text of what Gorbachev publicly praised as an outstanding speech that, he said, helped him to gain a new understanding of the Jewish community’s view of Russian and Soviet Jewish history.

Opening Remarks by David Harris
Executive Director, American Jewish Committee (AJC)

A the reunion between former Soviet Union President Mikhail Gorbachev and former U.S. Secretary of State George Shultz

American Jewish Historical Society
New York, March 26, 2009

I am grateful to the American Jewish Historical Society for organizing today’s historic lunch and for giving me the privilege to speak.

In 1974, I traveled to the USSR for the first time, part of a U.S.-Soviet teacher’s exchange program. I was sent to School No. 185 in Leningrad.

Shortly after arriving, I was walking in the hallway when a young girl passed by and quietly put a piece of paper in my hand. When I was alone, I read the note. It said: “David Harris, I feel you are a Jew. If I’m right, please know that my family are refuseniks. Won’t you come visit us?”

I did. It was one of several such families I eventually met. Why did they want to leave? Her father, an engineer, explained that his children had no future in the Soviet Union. The barriers were too high, anti-Semitism too endemic.

So why were they denied the right to emigrate?

The father told me a joke which was then making the rounds:

Shapiro was called into KGB headquarters and told he would never be allowed to leave. “But why, comrade major? he pleaded. Because you know state secrets. What state secrets, comrade major? In my field, the Americans are at least ten years ahead of us. Well, said the KGB major, that’s the state secret.”

I asked the girl, who was about 14 at the time, why she thought I was Jewish and risked approaching me.

She told me that in the USSR no one in their right mind would give a boy the first name David unless he was Jewish, or else they had cripple him for life. She assumed it was probably the same in other countries.

It’s why she and other students insisted that Abraham Lincoln was the first Jewish president. Nothing I said could convince them otherwise.

The plight of the engineer’s family was but one episode in a difficult history, involving millions and spanning centuries.

It’s hard to know where the story begins.

Perhaps in 1648, when the Ukrainian Cossacks, led by Bogdan Khmelnitsky, went on a murderous rampage and killed as many as 100,000 Jews.

Or in 1791, when Catherine the Great created the Pale of Settlement, forcing Jews to live in this confined space for well over a century.

Or in 1827, when Czar Nicholas I began conscripting Jewish boys into the army for a 25-year tour, during which every effort was made to convert them to Christianity.

Or in 1881, when the assassination of Czar Alexander II triggered a deadly wave of pogroms, which would recur in the ensuing decades, often led by the Black Hundreds, whose slogan was, “Kill the Yids and save Mother Russia!”

Or that same year, when Konstantin Pobedonostsev, the Procurator of the Holy Synod, argued that the Jewish problem could be solved only if one third of Russia’s Jews emigrated, one third converted, and one third perished.

Or in 1903, when the czarist secret police fabricated the infamous Protocols of the Elders of Zion, which claimed that Jews plotted to control the world.

Or in 1911, when Mendel Beilis was arrested in Kiev and put on trial for the supposed ritual murder of a Christian child’s blood libel.

Or in 1917, when Jews were accorded equal rights, creating the short-lived hope that better times were ahead.

Or in 1918, when that hope was proven illusory, as the Civil War resulted in an estimated 2,000 pogroms and tens of thousands of Jewish deaths.

Or in the 1920s, when emigration was no longer possible, and it became clear that Jewish religious life in the Soviet Union would be proscribed.

Or in the 1930s, the decade of the Great Terror, when many Jews were among the millions purged by Stalin.

Or in the 1940s, when Soviet Jews fought valiantly in the Red Army, losing hundreds of thousands of lives and winning a disproportionate share of medals of valor, only to return home to taunts that they had sat out the war in Tashkent.

Or in 1948, when Solomon Mikhoels, the legendary actor and chair of the wartime Jewish Anti-Fascist Committee, was killed on Stalin’s orders in a feigned traffic accident.

Or the same year, when Golda Meir, as Israel’s first ambassador to the Soviet Union, came to Moscow’s only remaining synagogue, alarming the Kremlin when 50,000 Jews took to the streets to welcome her.

Or in 1952, when Mikhoel’s colleagues, having been charged with “treason, bourgeois nationalism, or other crimes against the state,” were executed in the night of the murdered poets.

Or in those years when the first copies of Leon Uris’s Exodus, the story of Israel’s birth, began circulating in Russian in samizdat, or self-publication, awakening kinship with the Jewish state.

Or in 1967, when Israel, faced with extinction by enemies armed with Soviet weaponry, vanquished the threat in just six days, electrifying Soviet Jews.

Or in 1970, when, to dramatize their plight, nine Jews and two non-Jews sought to hijack a plane in Leningrad and leave the country.

Or perhaps, perhaps, there wasn’t a precise date at all, just a sense for many that, despite Jews’ deep roots and love of Russian culture, something wasn’t right here, and time alone wouldn’t make it any better.

Maybe it was the knowledge that the Soviet internal passport, with its pyataya grafa, fifth line nationality” was a lifelong handicap for any Jew.

Maybe it was the recognition that prestigious universities and institutes were too frequently off-limits to Jews.

Maybe it was the awareness that certain jobs were denied to Jews, and that Jews who had jobs had to work harder to prove that they deserved them.

Maybe it was the fear that Jewish children would be subjected to taunts and jeers in school, and that school officials wouldn’t necessarily defend them.

Maybe it was the anguish that, as Yevgeny Yevtushenko, the legendary poet, reminded us when he spoke of Babi Yar, there were no memorials to the countless Jews slain by the Nazis on Soviet territory during the Holocaust.

Maybe it was the reality that Jews could not satisfy their most basic curiosity about being Jewish history, religion, tradition, language without endangering their families.

Maybe it was the relentless demonization of Israel and vilification of Zionism in Soviet officialdom.

Or maybe it was the recognition that Maxim Gorky’s words in Russian Fairy Tales were applicable for all time: “Once upon a time, in some czardom, in some state, there were Jews, simple Jews” for pogroms, for slander, and for other state needs.

Whatever the cause, by 1971, there was a full-fledged Soviet Jewry movement in the USSR and a growing support network around the world.

For the next two decades, history was written.

Soviet Jews cried out in Russian: “Otpusti narod moy.”

They cried out in the Hebrew they were beginning to learn clandestinely, “Shelach et ami.”

And they cried out in English for the world to hear the famous Biblical words, “Let my people go.”

These Soviet Jews, few in number at first, were extraordinarily brave.

They challenged the power of the state not just of any state, but the might of the Soviet Union.

Couldn’t the Kremlin simply crush them, make examples of them? And hadn’t the word emigration been missing from the Soviet lexicon for decades?

Repatriation to Israel, as the first activists demanded, seemed absurd. After 1967, there weren’t even diplomatic ties.

And yet, and yet, they weren’t crushed. Their numbers grew. The word emigration surfaced. And Israel became the overwhelmingly preferred destination for those who began leaving in 1971.

Many paid a heavy price.

Thousands were not fortunate enough to get permission to leave. Either they ended up in limbo, often for many years, as refuseniks. Or they became Prisoners of Zion, jailed for their activism and beliefs.

But nothing deterred them. And they knew they were not alone.

Jews from around the world, unwilling to sit silently while millions were once again targeted, organized, rallied, petitioned, fasted, lobbied, advocated, and traveled.

Governments responded, most notably the United States and Israel, but others as well.

For our country, the plight of Soviet Jews became a central item on our bilateral agenda and for the Congress.

Israel, despite the absence of direct links with the USSR, found many ways to give hope and support to Jews in the Soviet Union.

The Helsinki Final Act, signed in 1975 by 35 nations, including the USSR and all of Europe, gave the Soviet Jewry movement an additional lever by calling for the protection of human rights.

And countless non-Jews responded.

From Martin Luther King, Jr. to Bayard Rustin, from Sister Ann Gillen to Father Robert Drinan, they represented many races, religions and creeds.

They stood up, their voices were heard, and their message was clear, “Let them live freely as Jews in the Soviet Union, or let them go.”

Try as the Soviet Union might, it could not quell the growing storm of protest.

If the Kremlin relaxed its stance on emigration, as it did in 1973 and 1979, more Jews rushed to seek permission to leave.

If it tightened its stance, as it did after the Moscow Olympics in 1980, then the global outcry intensified.

And so we come at last to the Reagan-Gorbachev era. Few could have predicted its auspicious outcome.

Certainly, when we were asked to organize a mass rally in Washington, on the eve of President Gorbachev’s first visit in 1987, little could we have foreseen the extraordinary events of the next four years.

And little could I have imagined, as the chief organizer for that rally, as the son of one of the last emigrants from the Soviet Union in the Stalin era, and as a person who was expelled from the USSR in 1974 because of my contact with Jews, that I would be here today in the presence of Mikhail Gorbachev.

We had about five weeks to organize the rally from scratch. The largest Jewish rally in Washington till then had only drawn 12-14,000 people, which didn’t give us much hope. Plus, it was slated for December, with its notoriously tricky weather. And, not for the first time, it wasn’t easy to get Jewish groups to put aside differences and unite around a shared goal.

But Natan Sharansky, released from the Gulag the previous year, kept pushing our sights higher. We set a goal of 250,000 people, never really believing we’d reach it. In fact, we exceeded it.

People from all walks of life came. They felt they had to be there. They understood that silence or indifference to human suffering is never an answer.

And they were joined by Vice President Bush and a parade of Washington dignitaries.

Not too long afterwards, President Gorbachev opened the gates, and the Jews came streaming out.

Of course, only President Gorbachev knows the degree to which this and other rallies and protests affected the decision-making of the Kremlin.

I do know that, for the mood and morale of Soviet Jews, they were vitally important.

The knowledge that the United States stood with them in their struggle was extraordinarily powerful. And there are few American officials who embody that support more than George Shultz.

No words are sufficient to describe the central role he played, or the message he sent, when, as secretary of state, he hosted a Passover Seder for Soviet Jewish activists at the American Embassy in Moscow in 1987.

At a moment when the world needs symbols of hope and possibility, today’s lunch couldn’t be better timed.

It’s a perfect reminder of the power of individuals to dream dreams and fulfill them, as Soviet Jews did.

And of the capacity of true statesmen to chart a brighter future and achieve it, as our two distinguished guests did so magnificently


The Charles Freeman Affair

March 19, 2009

It turns out that Charles Freeman is just another version of Mearsheimer and Walt, conjuring up demonic images of Israel policymaking and creating fantasy views of an America where no criticism of Israel is allowed, according to Abraham H. Foxman, Anti-Defamation League (ADL) National Director.

by Abraham H. Foxman

So there it was, “perfect proof” of what John Mearsheimer and Stephen Walt were saying about the Israeli lobby:  the pressure mounted and Charles Freeman, the designated Chairman of the National Intelligence Council, decided to withdraw his name from consideration.

Of course, the incident really has nothing to do with the kind of allegations against the Jewish community that Mearsheimer and Walt and others have been propagating.  Their contention is that the Jews control the discussion and making of Middle East foreign policy in this country and won’t allow for alternative viewpoints to be explored and flourish.

That charge is absurd on its face, particularly when they cite as examples institutions such as the media and campuses.  In both places, there are multitudes of examples of expressions of views critical of Israel.  The notion that there is no diversity of viewpoints is simply false.

How then to view the Freeman saga?  It is undoubtedly true that many in the organized Jewish community were distressed about the pending appointment.  The more his record was revealed — his blaming U.S. support for Israel for the 9/11 attacks; his demonizing of Israel as the responsible party for the Israeli-Palestinian conflict — the more concern there was about the central role he might play in intelligence affairs.  Some on the right who were predicting the Obama Administration would be no friend of Israel saw this as evidence of their fears.  For most, however, the Freeman appointment was disturbing on its own terms without generalizing about where U.S.-Israel relations were heading.

It must be said that to suggest there was anything illegitimate about American Jewish concern about Freeman or that it indicated in any way Jewish control of policy is pure fantasy.  Freeman’s views do not fall into the category of alternative perspectives on the conflict; those kinds of things surface all the time whether in criticism of Israeli settlements or judgments on how to deal with Hamas, Hezbollah, Syria and Iran.

Rather, his views fall far away from mainstream opinion in America vis-à-vis Israel and the region and enter into that area of demonizing Israel and its supporters in the U.S.  Nothing better illustrates where Freeman is coming from than in his statement explaining his withdrawal.  He articulates, in the guise of a victim, the essential conspiracy view of the Israel supporting community which made his appointment so troubling in the first place.  He sees the exposure of his troubling attitudes toward Israel as proof “that there is a powerful lobby determined to prevent any view other than its own from being aired.”

“The aim of this lobby,” he says, “is control of the policy process… and the exclusion of any and all options for decisions.”  And Freeman blames it all on “the inability of the American public to discuss, or the government to consider any option for U.S. policies in the Middle East opposed by the ruling factor in Israel politics.”

These statements are part of a pattern, most notable being a 2006 comment by Freeman blaming the 9/11 terrorist attacks on America’s close relationship with Israel: “We have paid heavily and often in treasure in the past for our unflinching support unstinting subsidies of Israel’s approach to managing relations with the Arabs,” adding that as of September 11, 2001, “we began to pay with the blood of our citizens here at home.”

So it turns out that Freeman is just another version of Mearsheimer and Walt, conjuring up demonic images of Israel policymaking and creating fantasy views of an America where no criticism of Israel is allowed, where American policy is controlled by Israel and its Jewish allies, where U.S. administration policy never differs from Israeli policy.

The real story here is not one of evidence of Jewish control, but rather that when extremist views surface in mainstream government circles, there still are ways to make sure they don’t become government policy.

As the U.S. enters a critical period with regard to Middle East issues, and as intelligence community findings on a range of issues from Iran to Hamas to Pakistan will become more critical than ever, we should be thankful that good sense has prevailed in the withdrawal of the Freeman appointment at the National Intelligence Center.

Abraham H. Foxman is National Director of the Anti-Defamation League (ADL) and author of “The Deadliest Lies: The Israel Lobby and the Myth of Jewish Control.”


Durban UN-Conference 2009: Show event of bigots and anti-Semites

March 18, 2009

Ronald S. Lauder: Show event of bigots and anti-Semites

German newspaper Süddeutsche Zeitung, March 14, 2009

The United Nations are inviting to a conference which only serves as a platform for those who hate Israel – and all that on Hitler’s birthday.

April 20th this year will be the 120th anniversary of the birth of Hitler, the most notorious mass murderer and racist in the history of mankind. Coincidentally, this year April 20th will also be the opening day of a United Nations conference on racism in Geneva, Switzerland. Its task will be to review the conclusions of the World Conference on Anti-Racism held in Durban, South Africa, in September 2001, and their implementation. It would normally be a positive sign to hold an event like this on such a symbolic day. Alas, the history of the Durban process weighs against this.

Many diplomats and human rights activists will remember with horror the events that occurred in Durban in September 2001. It was turned into a grand show of unity of bigots, despots, anti-Semites and declared enemies of Israel. The Jewish state was denounced as racist and its right to exist – once guaranteed by the United Nations – questioned.

The Durban Review Process has shown that may participating states are not there to discuss ways of combating racism and intolerance but to cover up own failings by launching unfair attacks against Israel and the Jews. Repeatedly, resolutions have been tabled which do not address issues of racism but demonize Israel as racist. Israel is the only country to be singled out for criticism – a unique form of cynicism! If Israel really were the main sponsor of racism and intolerance, wouldn’t we all live in a near-perfect world?

The Durban Review Conference in Geneva will be under the motto ‘Dignity and Justice for All’. One could ask ironically if countries such as Iran, Cuba, Libya, or Pakistan have signed up to this motto. However, irony is lost once you come to realize that it is these very countries that play crucial roles in the run-up to the event. Libya chairs the Preparatory Committee, and the rapporteur is from Cuba.

Given the human rights situation in these countries that makes a mockery of the event. In Pakistan, the Taliban were recently granted the right to introduce Islamic Sharia law in the Swat Valley, which they brought under their control. Once again, women there risk their lives when striving for better education or personal freedom.

Iran’s role is a particularly bad one: the event will provide the preachers of hate in Tehran with another international platform. In Iran, ethnic and religious minorities such as the Bahai suffer from discrimination, and human rights abuses are rife. Iran even executes minors because of their homosexuality, and women are regularly stoned to death for allegedly having committed adultery.

The genocide in Rwanda took place only 15 years ago, and yet there are ominous signs that it could again happen elsewhere in Africa. In Darfur, hundreds of thousands of people were killed in ethnic violence because Sudan’s dictatorial president and the neighboring countries simply didn’t give a damn. The Libyan ruler Kaddafi recently blamed the mass killing in Darfur on Israel. Yet the African Union, whose current president Kaddafi is, doing precious little to solve the conflict.

The country reports on human rights recently published by the US State Department make it crystal clear: the very countries which at the United Nations are supposed act as fighters for human rights and against racism have the worst record when it comes to state-sponsored violations of human rights at home.

The bodies of the United Nations – especially the General Assembly and the Human Rights Council – have been become popular forums for those bigots who like to denounce others in order to deflect from their own failings. In the less than three years of its existence the Human Rights Council has already condemned Israel 15 times. Worse conflicts were not dealt with at all, or diplomatically and discretely dealt with.

There is a danger that the UN anti-racism conference will once again be exploited to pursue aims that have nothing to do with the fight against racism and intolerance. Some Muslim countries event want draconian restrictions of freedom of speech pretending a “defamation of religion.”

Lately, even UN Human Rights Commissioner Navanethem Pillay, who acts as the review conference’s organizer, felt obliged to call on the participating states to be objective and focus on the real aims of the conference. This is honorable, but it also speaks volumes about what to expect from the forum.

As things currently stand, the objectives of the Durban Review Conference cannot be achieved. Before more damage is done, Mrs. Pillay should therefore cancel the event. Otherwise, Western governments must stay away. More than a year ago, the Canadian government announced its boycott. Lately, the US administration and Italy joined them. Unfortunately, others – including the German government – are still hesitant.

Last year, the EU presidency defined clear “red lines”, which, once crossed, would trigger the withdrawal of European governments from the Geneva conference. Although the red lines have been crossed the European governments, except the Italian, are still reluctant to take a decision.

Diplomats always seek to make small progress and find a compromise. However, there are moments when we need political leadership in order to avoid one’s agenda being hijacked by disingenuous actors. Diplomacy is not an end in itself, and the ambition to get some form of consensus on a final declaration must not compromise the respect for liberty and human rights.

This is a test for Europe. It is not too late yet to avoid a repeat of the Durban disaster of 2001. One can only hope that Europe’s leaders do not naively walk into the same trap that was already laid out for them by the self-appointed fighters for human rights. German in particular should make a stand and not attend the Geneva conference on April 20th. Such a decision would be a strong signal.

Ronald S. Lauder, 65, is president of the World Jewish Congress
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Durban UN-Konferenz 2009: Schaulaufen der Heuchler und Antisemiten

March 18, 2009

Außenansicht – Ronald S. Lauder: Schaulaufen der Heuchler und Antisemiten

Süddeutsche Zeitung, 14.03.2009

Die Vereinten Nationen laden zu einer Konferenz, die nur als Bühne der Israel-Hasser dient – und das am Geburtstag Hitlers.

Am 20. April jährt sich zum 120. Mal die Geburt Hitlers, des schlimmsten Massenmörders und Rassisten der Menschheitsgeschichte. Und ausgerechnet am 20. April beginnt nun in Genf eine Konferenz der Vereinten Nationen, bei der die Ergebnisse der Antirassismuskonferenz aus dem Jahr 2001 im südafrikanischen Durban und ihre Umsetzung überprüft werden sollen. Die Veranstaltung an einem symbolträchtigen Datum wie diesem abzuhalten, wäre eigentlich zu begrüßen, wenn nicht die Vorgeschichte dagegen spräche.

An die erste UN-Konferenz gegen Rassismus in Durban, Südafrika, im September 2001 erinnern sich Diplomaten und Menschenrechtsorganisationen mit Grauen. Denn sie entwickelte sich zu einem Schaulaufen der Heuchler, Despoten, der Antisemiten und der Israel-Feinde. Der jüdische Staat wurde als rassistisch gebrandmarkt und sein – von den Vereinten Nationen verbrieftes – Existenzrecht in Frage gestellt.

Es zeigt sich in der Vorbereitung der Konferenz fast täglich aufs Neue, dass es vielen teilnehmenden Staaten nicht um die Bekämpfung von Rassismus und Intoleranz geht, sondern darum, eigene Verfehlungen durch unfaire Attacken auf Israel und die Juden zu kaschieren. Israel wird als Apartheid-Staat diffamiert, in dem Juden angeblich Andersgläubige unterdrücken. Mehrfach sind Resolutionen und Anträge eingebracht worden, die nicht Rassismus bekämpfen, sondern Israel als rassistisch verleumden. Israel ist das einzige Land, das namentlich kritisiert wird – ein Zynismus sondergleichen, denn wäre Israel in puncto Rassismus und Intoleranz wirklich das Hauptproblem, dann würden wir in einer fast perfekten Welt leben.

Die Konferenz in Genf steht unter dem Motto “Würde und Gerechtigkeit für alle”. Man kann ironisch fragen, ob sich auch Länder wie Iran, Libyen, Kuba oder Pakistan dem verpflichtet fühlen. Die Ironie bleibt einem jedoch im Halse stecken, weil man erkennen muss, dass diese Länder bei der Veranstaltung das Wort führen. Libyen sitzt dem Vorbereitungsausschuss vor, der Berichterstatter des Organisationskomitees kommt aus Kuba, und auch Iran spielt eine tragende Rolle. Angesichts der Zustände in diesen Ländern ist dies eine Verhöhnung der Konferenz. In Pakistan wurde unlängst den Taliban in dem von ihnen beanspruchten Swat-Tal zugestanden, die Scharia einzuführen. Frauen riskieren nun wieder viel, wenn sie nach Bildung oder persönlicher Freiheit streben. Irans Rolle ist besonders schlimm: Mit der Veranstaltung erhalten die Hassprediger in Teheran erneut eine internationale Bühne. In Iran werden Minderheiten wie die Bahai diskriminiert und Menschenrechte aufs schlimmste verletzt. Iran lässt sogar homosexuelle Minderjährige öffentlich hinrichten, und Frauen droht bei Ehebruch die Steinigung.

Der Völkermord in Ruanda ist erst 15 Jahre her, und doch gibt es wieder bedrohliche Anzeichen, dass er sich anderswo in Afrika wiederholen könnte. In der Region Darfur mussten Hunderttausende sterben, weil das dem diktatorischen Präsidenten des Sudan und den Nachbarstaaten schlicht gleichgültig war. Der libysche Staatschef Gaddafi macht Israel für Darfur verantwortlich, und die Afrikanische Union, welcher Gaddafi vorsteht, unternimmt recht wenig gegen den Konflikt.

Der jüngste Menschenrechtsbericht des amerikanischen Außenministeriums spricht eine deutliche Sprache: Gerade jene Länder, die sich bei den Vereinten Nationen als Kämpfer gegen Rassismus aufschwingen, sind die größten Sünder, wenn es um die Missachtung der Menschenrechte im eigenen Land geht. Die Gremien der UN – insbesondere die Vollversammlung und der Menschenrechtsrat – sind zu beliebten Foren jener Heuchler geworden, die Verfehlungen anderer anprangern, um von eigenen abzulenken. In den zweieinhalb Jahren seines Bestehens wurde Israel durch den UN-Menschenrechtsrat bereits 15 Mal verurteilt. Andere, wesentlich schlimmere Konflikte wurden dagegen gar nicht behandelt oder mittels diplomatischer Formeln diskret ad acta gelegt.

Es besteht die Gefahr, dass auch die UN-Antirassismuskonferenz erneut instrumentalisiert wird, um ganz andere Ziele zu verfolgen als die Bekämpfung von Rassismus und Intoleranz. Manche islamische Länder wollen eine drakonische Beschränkung der Meinungsfreiheit unter dem Vorwand der “Beleidigung der Religion”.

Zuletzt sah sich sogar UN-Menschenrechtskommissarin Navanethem Pillay, die Ausrichterin der Rassismuskonferenz, genötigt, die teilnehmenden Staaten zur Objektivität aufzufordern und sich auf die eigentlichen Ziele der Konferenz zu konzentrieren. Das ist ehrenwert, lässt aber nichts Gutes erahnen.

Klar ist: Die Ziele der Veranstaltung können nach derzeitigem Stand nicht erreicht werden. Bevor nun noch mehr Schaden angerichtet wird, sollte Frau Pillay die Konferenz absagen. Andernfalls müssen die westlichen Regierungen ihr fernbleiben. Bereits vor gut einem Jahr erklärte die kanadische Regierung ihren Boykott, dieser Tage schlossen sich die US-Regierung und Italien an. Andere, darunter auch die Bundesregierung, zögern leider noch.

Die EU-Ratspräsidentschaft hat im vergangenen Jahr vier “rote Linien” definiert, deren Überschreitung nach sich ziehen würde, dass die europäischen Regierungen bei der Genfer Konferenz nicht teilnehmen. Obwohl diese Linien eindeutig überschritten wurden, zögern die europäischen Regierungen, ausgenommen eben Italien, leider noch.

Diplomaten streben nach kleinen Fortschritten und Kompromissen. Es gibt aber auch Momente, die nach politischer Führung verlangen. Diplomatie ist kein Selbstzweck, und das Streben nach einem Abschlussdokument, auf das sich die Staaten einigen können, darf nicht dazu führen, dass Freiheit und Menschenrechte relativiert werden.

Europa ist gefordert. Noch ist es nicht zu spät, eine Wiederholung des Desasters von 2001 zu verhindern. Die Europäer sollten nicht noch einmal gutmütig in die Falle tappen, die ihnen selbst ernannte Streiter für Menschenrechte gestellt haben. Gerade Deutschland müsste am 20. April der Konferenz in Genf demonstrativ fernbleiben. Noch ist es für die Bundesregierung nicht zu spät, ein starkes Zeichen zu setzen.

Ronald S. Lauder, 65, ist Präsident des Jüdischen Weltkongresses.


Fremd-Sprache

March 14, 2009

In einem Essay erschienen in der heutigen Ausgabe der Neuen Zürcher Zeitung  betrachtet der polyglotte Schriftsteller Literaturwissenschaftler Adolf Muschg das Sprachenerlernen als Schlüssel zur interkulturellen Kompetenz:

“Man lernt ihre Eigenheit würdigen, eingeschlossen die Willkür, die Freiheit, den Zufall, die in ihr am Werk sind. Daraus ergibt sich eine kulturelle Kompetenz über den Spracherwerb hinaus: eine Disposition, immer auch die andere Seite einer Sache zu hören.”

Zum Artikel.


There is no better alternative than capitalism

March 12, 2009

Dr. Allan H. Meltzer, economist and professor of Political Economy at Carnegie Mellon University’s Tepper School of Business in Pittsburgh, delivered the eighth lecture in the 2008-2009 Bradley Lecture series on March 9, 2009, at the American Enterprise Institute in Washington D.C.

meltzer

Why Capitalism?
by Dr. Allan H. Meltzer

Newspaper headlines during the peak of the housing-credit crisis called it “the end of capitalism” or the end of American capitalism. As often, they greatly overstated and misstated by projecting a serious, temporary decline as a permanent loss of wealth. Capitalist systems have weathered many more serious problems.

Capitalism as a guiding system for economic activity has spread over the centuries to now encompass most of the world’s economies. This spread occurred despite almost continuous hostility from many intellectuals and, in recent decades, military threat from avowedly Communist countries.

Capitalist systems are neither rigid nor identical. They differ, change, and adapt. Their common feature is that the means of production are mainly owned by individuals; economic activity takes place in markets, and individuals are free to choose to greater or lesser degree what they do, where they work, and how they allocate their income and wealth. Capitalism is an institutional arrangement for producing goods and services. The success of this arrangement requires a legal foundation based on the rule of law that protects rights to property and in the first instance aligns rewards to values produced. It provides incentives to participants to act in ways that produce desired outcomes. Like any system, it has successes and failures. It is the only system that increases both growth and freedom.

Critics of capitalism emphasize the unequal distribution of income generated by the market system; frequent periods of unemployment and instability; and rewards for selfishness instead of beneficial, cooperative activity. Some favor heavy regulation to achieve social goals. Others favor putting control of resource allocation and ownership of resources under public, or government, control. They talk about equity and fairness, but it is mainly wealth redistribution that they seek. And none has found a path to sustained growth and personal freedom.

Many defenders of capitalism present the system as a moral system. It is morally right for people to use their resources as they choose. The problem with the moral defense of capitalism is that it must neglect or dismiss the venal, often illegal, activity that occurs from time to time as well as expedient, self-serving decisions. All people are not honest all of the time. Greed leads people astray. Further, generally accepted moral principles have not brought agreement about specific decisions. People who share common moral principles often disagree about their application. The death penalty and abortion are among many ever-present examples.

The rule of law is the principal partial substitute for a moral code. To function efficiently or even to function at all, a capitalist system requires rules. The law must protect individuals and property, enforce contracts, sustain belief in systemic stability over time, and respond to political and social pressures.

The great German philosopher Immanuel Kant recognized why we cannot rely on a moral defense of capitalism. Kant (1784) wrote that “out of timber so crooked as that from which man is made, nothing entirely straight can be carved.” Everyone is not honest. Periodic scandals reinforce this point.

Private and public officials often break the law. Kant’s dictum applies as much to public as to private officials. We cannot escape criminality by choosing Socialism. More likely, we increase it. Siemens was convicted of bribing officials in several countries. Enron, Worldcom, and Madoff are recent examples of unethical and illegal corporate behavior. Watergate and Russian takeover of oil companies are examples of public malfeasance. There are too many examples to enumerate.

Capitalism survives and spreads because it recognizes Kant’s principle. People differ. Some give bibles, but some sell pornography. Unlike its alternatives, capitalism does not take a utopian view of economic organization. It does not replace man’s choices with someone’s idea of perfection. It permits choices that bring change and that allow for rejection of changes after experiencing outcomes. It recognizes that all changes are not improvements and are not welcomed by everyone. Differences are accommodated often easily.

Socialism and other utopian systems are more rigid. They represent someone’s belief in the aims that “good people” should embrace. Movies are too violent. They must change. Television is too banal. It must improve. But the change is always from individual choice to an imposed choice. Freedom allows people choices that violate someone’s idea of social norms or right conduct; Socialism restricts choice to those that officials permit. Capitalism accepts that some dislike the outcomes resulting from choice in a market economy. It does not seek utopia because it recognizes that individual tastes and desires differ, as Kant recognized. A good society permits markets to accommodate differences.

Freedom to choose brings more satisfaction to people in many areas, including nonmarket choices. Nothing assures that these choices meet everyone’s idea of good, wholesome, or moral. They do not. Choice in a capitalist system satisfies many; it meets the profits test. The market responds to demand.

Europeans have state-supported churches. Organized religion is weak. Most of the public rejects the religious monopoly by not participating. The United States has many different churches. James Madison believed that competing churches would be stronger than a state church. Each would appeal to its members and attract others. Time proved Madison right. Competition brings choice in religion as in commercial markets. Churches offer services to attract and keep members.

Capitalism does not solve all problems efficiently. Long ago, John Locke recognized that some services call for collective action. His example was police power, and he showed that society was better served if everyone paid taxes to support a public service–the police or night watchman. Thus he created a reason for collective action in place of individual choice for certain types of activity called public goods. This ruled out a complete system of market allocation without intervention.

Once we accept that collective action is the preferred means of allocating part of our resources, we introduce a government with the power to tax. The system becomes a mixed capitalist system.

It is revealing, but odd, that recent criticisms of financial market outcomes blamed unregulated markets and deregulation as a cause of the financial crisis. All financial markets have been regulated for decades. Very little deregulation occurred after 1999, when investment banks and commercial banks were permitted to merge. Separation was mandated in the United States in 1933. No other country followed, and no one explained why ending separation contributed to a crisis. Further, critics overlooked that regulation–the so-called Basel Agreement–required banks to hold more reserves if they increased risk. The banks responded to the regulation by putting risky assets in off-balance sheet entities, thereby avoiding regulation. In practice, the Basel regulation increased financial risk.

A mixed system requires a rule for distributing responsibility and authority between the public and private sectors. Most capitalist countries answer by choosing to have a democratic capitalist system. Voters choose the tax rate and the size of government. Voters choose the activities left to the market system, but they often decide to let governments set rules to regulate market behavior. The capitalist system that we have is democratic capitalism.

Democratic Capitalism

Voters need not, and do not, limit collective action to providing public goods such as defense or protection. In practice, democratic capitalism does not make a clear separation between private and public responsibility and authority. Voters can increase or reduce government’s role. Voters can vote to redistribute income and elect governments that increase regulation of private-sector activities. Elections often require a choice between one party that favors economic growth achieved by lower tax rates and less government regulation and another that emphasizes programs for redistributing income and expanding government’s role and size. Many of these programs create or extend publicly supplied private goods. Some examples are education, health care, or nursery schools. These programs often provide services that the market can supply by offering prices below what the market charges. The cost is shifted to other taxpayers, current and future. The desire to expand access to these services does not require supply by public agencies.

Democratic capitalism allows voters to favor higher growth at some times and more redistribution at others. This responds to the critics of capitalism who emphasize “fairness,” a word that is hard to define precisely. Its meaning varies. Most often it is used to avoid mention of redistribution. Proponents of fairness usually favor increased public supply of private goods paid for by taxes or debt issues and increased spending for welfare.

Democratic capitalism introduces a means of treating the Kantian problem. Excesses by owners or managers of capital assets may be followed by regulations that seek to restrict actions judged to be socially undesirable. Or voters can tax actions or outcomes that they dislike. Recent attacks on smokers and smoking shows how changes in public attitudes affect legislation. Despite past and current failure to outlaw alcohol and narcotics, the public chose to restrict cigarettes.

Regulation to achieve social objectives faces two large problems. The first law of regulation says that lawyers and bureaucrats develop regulations but markets learn to circumvent costly regulations. Outcomes often differ from plans. AEI senior fellow Robert Hahn taught me recently that this is known as the “Peltzman Effect.”

Circumvention occurs in many regulated markets. The Basel Agreement increased risk, as noted above. The object of campaign finance reform was to remove the allegedly noxious influence of money in politics and limit presidential candidates to an amount of spending decided by regulators. As the recent presidential election demonstrated, it failed. The election was more costly, and only one of the major party candidates accepted taxpayer money and a limit on spending. The legislation limited spending by candidates and parties but not by interest groups. One result was to further weaken political parties and increase the influence of single-issue groups. Parties work to harmonize divergent interests. Specialized groups often work to magnify differences, making policy compromise more difficult. This was not the outcome that proponents of McCain-Feingold or similar legislation promised.

Regulation is socially useful if it aligns private and social costs. This is the message of the “night watchman”; collective action can reduce or remove external diseconomies by equating private and social costs. Regulations that do that increase efficiency. But not all regulations are of that kind. If there were a second law of regulation, I believe it would state that the aim of regulation in a market economy should be to equate private and social costs. Failure to do so is an invitation to find ways of circumventing regulation. It is sufficient but not necessary. Many inefficient regulations survive for indefinitely long periods. Often they reward a group powerful enough to sustain them. Think of agricultural subsidies for high-income farmers as one of a multitude of programs that persist and grow. Peltzman (2004) offers another reason. A large literature discusses and documents “capture” of regulatory agencies by the regulated. Under democratic capitalism, costly distortions of this kind seem unavoidable. Regulation may persist by imposing strong penalties against circumvention. More research on the political economy of regulation and persistence is needed.

Democratic capitalism causes countries to alternate between more and less intrusive government. Voters’ central tendency changes as more voters prefer more redistribution or less, higher or slower growth. Often these changes reflect past results. Periods of low growth encourage voters to favor policies that reduce tax rates and regulation. Periods of sustained growth, however, often spread the distribution of income. Voters may elect larger transfers and increased current or future tax rates, as in Meltzer and Richard (1981).

Raising tax rates or regulation shifts control of resource allocation from private to public managers. This does not avoid the Kantian problem. The same general problems arise, though the form differs. Neither the public nor the private sector holds only virtuous people. The many examples of corruption, bribery, and misfeasance cited above are a small sample. Offenses like bribery involve both public and private agents. Bribery is common in many countries.

Public-sector regulators are inclined to be more cautious and more anxious to avoid failure than entrepreneurial capitalists. Decades ago Professor Sam Peltzman showed that the Food and Drug Administration placed excess weight on avoiding drugs and medications that might have harmful effects and gave less than optimal weight to avoiding the loss from restricting drugs that would benefit patients. That bias continues. The political outcome differs from the outcome that people would choose in the marketplace. And like all regulation, rulemaking and rule enforcement is open to pressure from interested groups.

Regulation is the source of several problems. “Capture” by regulated entities occurs frequently. The Federal Reserve often acts as guardian of the New York banks’ interests. The Federal Aviation Administration discourages and even punishes employees who call for strict enforcement of safety rules. There are many other examples.

Well-run companies plan for the long term. Governments typically follow the political cycle, a much shorter term. Private-sector companies make investments that increase employment, productivity and output. Public spending responds to public pressures for redistribution. AIDS receives substantial funding in response to active advocates. Other diseases that lack advocates receive less. Although much spending is defended or promoted as a way to help the poorest citizens, large spending programs transfer especially to the middle class. That’s where most voters are.

Democratic government introduces a separate way to allocate resources. Generally, those who succeed in the marketplace favor market allocation. Those who do not succeed favor allocation at the polling place. They are joined by those who dislike capitalism or prefer more emphasis on “social justice” and less on market efficiency. Actual social outcomes are a compromise between the two aims.

Alternatives to Capitalism

Critics of capitalism emphasize their dislike of greed and self-interest. They talk a great deal about social justice and fairness, but they do not propose an acceptable alternative to achieve their ends. The alternatives that have been tried are types of Socialism or Communism or other types of authoritarian rule.

Anti-capitalist proposals suffer from two crippling drawbacks. First, they ignore the Kantian principle about human imperfection. Second, they ignore individual differences. In place of individual choice under capitalism, they substitute rigid direction done to achieve some proclaimed end such as equality, fairness, or justice. These ends are not precise and, most important, individuals differ about what is fair and just. In practice, the rulers’ choices are enforced, often using fear, terror, prison, or other punishment. The history of the twentieth century illustrates how enforcement of promised ends became the justification for deplorable means. And the ends were not realized.

Transferring resource allocation decisions to government bureaus does not eliminate crime, greed, self-dealing, conflict of interest, and corruption. Experience tells us these problems remain. The form may change, but as Kant recognized, the problems continue. Ludwig von Mises recognized in the 1920s that fixing prices and planning resource use omitted an essential part of the allocation problem. Capitalism allocates by letting relative prices adjust to equal the tradeoffs expressed by buyers’ demands. Fixing prices eliminates the possibility of efficient allocation and replaces consumer choice with official decisions. Some gain, but others lose; the losers want to make choices other than those that are dictated to them.

Not all Socialist societies have been brutal. In the nineteenth century, followers of Robert Owen, the Amana people, and many others chose a Socialist system. Israeli pioneers chose a collectivist system, the kibbutz. None of these arrangements produced sustainable growth. None survived. All faced the problem of imposing allocative decisions that satisfied the decision-making group, sometimes a majority, often not. Capitalism recognizes that where individual wants differ, the market responds to the mass; minorities are free to develop their favored outcome. Walk down the aisles of a modern supermarket. There are products that satisfy many different tastes or beliefs.

Theodor Adorno was a leading critic of postwar capitalism as it developed in his native Germany, in Europe, and in the United States. He found the popular culture vulgar, and he distrusted the workers’ choices. He wanted a Socialism that he hoped would uphold the values he shared with other intellectuals. Capitalism, he said, valued work too highly and true leisure too little. He disliked jazz, so he was not opposed to Hitler’s ban in the 1930s. But Adorno offered no way of achieving the culture he desired other than to impose his tastes on others and ban all choices he disliked. This appealed to people who shared his view. Many preferred American pop culture whenever they had the right to choose.

Capitalism permits choices and the freedom to make them. Some radio stations play jazz, some offer opera and symphonies, and many play pop music. Under capitalism, advertisers choose what they sponsor, and they sponsor programs that people choose to hear or watch. Under Socialism, the public watches and hears what someone chooses for them. The public had little choice. In Western Europe change did not come until boats outside territorial limits offered choice.

The Templeton Foundation recently ran an advertisement reporting the answers several prominent intellectuals gave to the question: “Does the free market corrode moral character?” Several respondents recognized that free markets operate within a political system, a legal framework, and the rule of law. The slave trade and slavery became illegal in the nineteenth century. Before this a majority enslaved a minority. This is a major blot on the morality of democratic choice that public opinion and the law eventually removed. In the United States those who benefitted did not abandon slave owning until forced by a war.

Most respondents to the Templeton question took a mixed stand. The philosopher John Gray recognized that greed and envy are driving forces under capitalism, but they often produce growth and raise living standards so that many benefit. But greed leads to outcomes like Enron and WorldCom that critics take as a characteristic of the system rather than as a characteristic of some individuals that remains under Socialism. Michael Walzer recognized that political activity also corrodes moral character, but he claimed it was regulated more effectively. One of the respondents discussed whether capitalism was more or less likely to foster or sustain moral abuses than other social arrangements. Bernard-Henri Levy maintained that alternatives to the market such as fascism and Communism were far worse.

None of the respondents mentioned Kant’s view that mankind includes a range of individuals who differ in their moral character. Institutional and social arrangements like democracy and capitalism influence the moral choices individuals make or reject. No democratic capitalist country produced any crimes comparable to the murders committed by Hitler’s Germany, Mao’s China, or Lenin and Stalin’s Soviet Union.

As Lord Acton warned, concentrated power corrupts officials. Some use concentrated power to impose their will. Some allow their comrades to act as tyrants. Others proclaim that ends such as equality justify force to control opposition. Communism proclaimed a vision of equality that it never approached. It was unattainable because individuals differ about what is good. And what is good to them and for them is not the same as what is socially desirable to critics of capitalism.

Kant’s principle warns that utopian visions are unattainable. Capitalism does not offer a vision of perfection and harmony. Democratic capitalism combines freedom, opportunity, growth, and progress with restrictions on less desirable behavior. It creates societies that treat men and women as they are, not as in some utopian vision. In The Open Society and Its Enemies, Karl Popper showed why utopian visions become totalitarian. All deviations from the utopian ideal must be prevented.

The Enrons, WorldComs, and others of that kind show that dishonest individuals rise along with honest individuals. Those who use these examples to criticize capitalism do not use the same standard to criticize all governments as failed arrangements when a Watergate or bribery is uncovered. Nor do they criticize government when politicians promise but do not produce or achieve. We live after twenty-five to forty years of talk about energy, education, healthcare, and drugs. Governments promise and propose, but little if any progress is visible on these issues.

In the last year we experienced some major errors by government or its agents. Here are some examples. The Federal Reserve “rescued” American International Group (AIG) by using billions of taxpayer dollars. AIG had three profitable divisions, including a highly successful insurance company. Bankruptcy court would have been a better outcome. Last August, the government lost six nuclear warheads that were later found on B-52 bombers flying over the United States. Congress approved purchases of ethanol made from corn that raised the world price of food but did not reduce pollution. And government loaned money to General Motors and Chrysler followed by loans to an auto finance company that immediately offered zero interest rate loans to borrowers with poor credit ratings. Government promises to spend for old age pensions and health care far exceed any feasible revenues to pay for the promises. Does Congress develop a feasible plan? The estimated present value of the unfunded health care promises is $70 trillion to $80 trillion dollars. No private plan would be allowed to operate this way.

Growth and Progress

After World War II, and especially after 1960, the developed countries led by the United States worked to raise growth rates in poor countries of the world. There were two experiments. The former Soviet Union and its fellow Communist countries controlled property and directed resource use according to plans developed by a central bureaucracy. Capitalist countries relied on opening to the international market and to resource allocation based on market demand and individual choice.

The results are clear. Capitalism and the market system proved much more effective at development and poverty reduction than planning systems, whether by a democratically chosen government, as in India, or by an authoritarian regime, as in the Soviet Union or China. There is not a single example of sustained successful growth under traditional Communism. The contrast was clear at the end of the 1980s in comparison between North and South Korea, East and West Germany, and China compared to the Chinese diasporas in Asia. The Indian government tried to apply the Socialist principles taught to many of its leaders at the London School of Economics.

Recent research compared growth in countries ordered according to an index of freedom. The index had thirty-eight observable components compiled in five categories measuring size of government, legal structure, access to sound money, openness to trade and exchange, and regulation (Gwartney and Larson, 1996). They found that per-capita income rose at a compound rate of 3.44 percent in the freest countries, compared to average growth of 0.37 percent in “not free” countries. Intermediate countries had intermediate growth, 1.67 percent. The authors suggested why these differences persisted. Freer countries had higher rates of investment, higher productivity growth, more foreign direct investment, and stricter adherence to the rule of law.

There can be no better recognition of the failure of these alternatives to capitalism and the market system than their abandonment by their practitioners. India, China, and most of the former Communist countries opened their economies. China and others joined the world trading system. China and India permitted and even encouraged private ownership of resources, including capital.

The result was a dramatic reduction in poverty. Many more people improved their living standards than in fifty years of development under government planning, regulation, foreign aid, and resource allocation. Capitalism and the market proved far better than the state at reducing poverty and raising living standards. Critics of capitalism turned to other reasons for opposition. Margaret Thatcher (1993, 625) described their reaction to her success at reforming the British economy, increasing productivity, and reducing inflation.

Deprived for the moment at least of the opportunity to chastise the Government and blame free enterprise capitalism for failing to create jobs and raise living standards, the left turned their attention to non-economic issues. The idea that the state was the engine of economic progress was discredited–and even more so as the failures of Communism became more widely known. But was the price of capitalist prosperity too high? Was it not resulting in gross and offensive materialism, traffic congestion and pollution? . . . [W]as not the ‘quality of life’ being threatened? . . . I found all this misguided and hypocritical. If Socialism had produced economic success the same critics would have been celebrating in the streets.

Socialism as a development model faces several obstacles. One is the reduced ability to recognize mistakes and act on that knowledge. A venture capitalist knows that all of his investments will not succeed. He must decide whether to advance more capital or close the firm. The capitalist facing the loss of his own investment makes a decision based on his estimate of expected future return. The Socialist uses different criteria. Admitting error is personally costly and requires layoffs. Faced with uncertainty about future outcomes, the Socialist and the capitalist choose different outcomes. There is a risk of shutting down an enterprise that becomes profitable and the risk of supporting a failing enterprise. Workers, voters, lose employment. On average the capitalist is more willing to close. The concentration of successful innovation in capitalist countries suggests that the capitalist strategy produces better results for society as well as for investors.

Capitalism rewards innovators, so it encourages innovation from many people willing to invest in their ideas. Socialism concentrates decision-making in a small group. Fewer new ideas develop. Freedom to fail or to gain drives innovation, change, and progress.

Some of the innovations are inconsistent with religious or moral standards. Critics of capitalism seize upon these changes to condemn the basic choices that capitalism and freedom permit. The critics prefer to impose their preferences in place of market-driven choices. Democratic systems do not sustain for long the rules imposed to control the public’s choices.

When I first moved to Pennsylvania fifty years ago, many rules and prohibitions remained. Most retail stores had to close on Sunday. Bars could not sell drinks on Sunday. Gradually public pressure induced changes to satisfy consumer choice.

These simple examples show a fundamental problem. Many private trade-offs differ from the socially imposed trade-off. Those who wish to impose standards or rules that do not have public support either give way or resort to coercion. The proponents of rules or resource allocation that they favor, whether from religious or Socialist orthodoxy or from some other source, have three choices. Convince a majority to support their direction, resort to coercion, or accept democratic choices and change or remove regulations. Regulation is most likely to last if it equates private and social cost.

Kant does not assure us that any of the three outcomes will always be wise or good. On the contrary, he tells us that we cannot always depend on our leaders to pursue our interests instead of their own.

Socialism, or any system based on an orthodoxy or plan for promoting “good,” inevitably begins with persuasion and ends with coercion. Any deviation from orthodoxy is a step away from “the good.” F. A. Hayek’s Road to Serfdom showed why government planning is inconsistent with democratic choice.

Democratic capitalism is not a rigid orthodoxy. People can choose more redistribution or less. They can change their votes. Some countries choose a larger welfare state with greater redistribution. Others choose a smaller public sector and a higher rate of growth. A remarkable feature of democratic capitalism is that its outcomes are relatively stable. There are always critics who favor more redistribution and express concern for unmet “social needs.” At the same time, some critics want lower tax rates, less current redistribution, and more growth. Major changes are infrequent.

Democratic capitalism persists and spreads because it is not a system of imposed morality. It is the only system we have discovered that offers mankind outcomes not as perfected according to some utopian standard but as adoptable to the mankind Kant described.

Income Distribution

In a democratic capitalist system, the distribution of income is a major policy issue. There are fewer rich than poor or middle class. Fifty percent of the votes decide an election. The income of the median voter lies below the mean income, so a majority of the voters can redistribute income. Early in the history of the American republic, Alexis de Tocqueville warned about the temptation for the voting majority to tax the incomes of those above the mean.

Experience suggests that there are many examples of redistributive policy allegedly carried out to benefit the poor. One problem is that the poor are not the same as the lowest 10 or 20 percent of the statistical income distribution. People can be in the lowest tail temporarily. Also, many of the poor do not vote, but older people and middle-income people do. They get more attention from politicians.

Angus Maddison, the leading researcher on the history of economic growth, found that by the year 1000, Asian countries led all others in per-capita income. By 1820, the capitalist economies of Western Europe and the United States reached twice the Asian average. By 1950, the difference was wider. Several Asian countries adopted capitalist methods. The gap narrowed. After Japan and South Korea showed that growth was a capitalist, not a western, force others followed. Eventually China and India accepted capitalist methods.

Critics complain repeatedly about differences in income between highest and lowest income groups. U.S. data show that since 1975 household income at the ninetieth percentile (in 2003 dollars) rose faster than household income at the tenth highest percentile in every five-year period except 1990-95. Relative (real) income of the ninetieth percentile rose from 10.8 times the tenth percentile to 13.7 times. Comparisons that use median household income are misleading. Many more households have only a single person (earner) or a retired single person.

Sweden is often used as a model of humane capitalism. There is no doubt that Sweden tried hard to redistribute income. In 1975, the top 1 percent of consumer units received 2.8 percent of real disposable income. By 2000, the top 1 percent increased its share to 8.8 percent.
 
A recent comprehensive study of Swedish income distribution during the twentieth century concluded: “Our findings suggest that top income shares in Sweden, like many other Western countries, decreased significantly over the first eighty years of the century. . . . Most of this decrease happened before 1950, that is, before expansion of the Swedish welfare state. As in many other countries, most of the fall was due to decreasing shares in the very top (the top one percent), while the income share of the lower half of the top decile … has been extraordinarily stable. Most of the fall is explained by decreased income from capital.”

Income redistribution is easier to promise than to achieve in practice by activist policies. Many countries have tried, but Roine and Waldenstrom show that the broad contour of the share of the top percentile is very similar in the seven countries they examined. All countries experienced a large decline in the share of the top decile from about 1910 to 1980. The range drops from 20-25 percent to 5-10 percent in 1980. This is followed by a rise. By 2004, major differences appear, perhaps reflecting the importance of new technology and the quality of educational attainment in different countries. The top decile received about 15 percent in the United States and 13 percent in Canada and the United Kingdom but about 8 percent in Sweden and 5 percent in the Netherlands.

Data on income distribution have many flaws. People underreport, and accurate sampling is difficult. The share of income from capital varies across countries. People move within the distribution, so the lowest 10 percent and the highest 10 percent are not the same people over time. The proportion of divorced, separated, or single mothers has increased. The lowest 10 percent includes a disproportionate number of families of this kind. Their relative poverty cannot be blamed on capitalism. On the contrary, capitalist growth facilitated such choices.

Educational attainment increased in importance as a source of income in the latter part of the twentieth century. Low educational attainment and broken family structure are related. Differences in educational attainment work to spread the income distribution. Education as a cause of growth in capitalist countries also contributes to spreading the income distribution.

Conclusion

There is no better alternative than capitalism as a social system for providing growth and personal freedom. The alternatives offer less freedom and lower growth. The “better alternatives” that people imagine are almost always someone’s idea of utopia. Libraries are full of books on utopia. Those that have been tried have not survived or flourished. The most common reason for failure is that one person or group’s utopian ideal is unsatisfactory for others who live subject to its rules. Either the rules change or they are enforced by authorities. Capitalism, particularly democratic capitalism, includes the means for orderly change.

Critics of capitalism look for viable alternatives to support. They do not recognize that, unlike Socialism, capitalism is adaptive, not rigid. Private ownership of the means of production flourishes in many different cultures. Recently critics of capitalism discovered the success of Chinese capitalism as an alternative to American capitalism. Its main feature is mercantilist policies supported by rigid controls on capital. China’s progress takes advantage of an American or western model–the open trading system–and the willingness of the United States to run a current account balance. China is surely more authoritarian than Japan or western countries, a political difference that previously occurred in Meiji Japan, Korea, and Taiwan. Growth in these countries produced a middle class followed by demands for political freedom. China is in the early stages of development following the successful path pioneered by Japan, Korea, Taiwan, Hong Kong, and others who chose export-led growth under trade rules. Sustained economic growth led to social and political freedom in Japan, Korea, and Taiwan. Perhaps China will follow.

Capitalism continues to spread. It is the only system humans have found in which personal freedom, progress, and opportunities coexist. Most of the faults and flaws on which critics dwell are human faults, as Kant recognized. Capitalism is the only system that adapts to all manner of cultural and institutional differences. It continues to spread and adapt and will for the foreseeable future.


Security Challenges Arising from the Global Financial Crisis

March 11, 2009
Statement of Richard Nathan Haass, former Director of Policy Planning in the U.S. State Department, current President of the Council on Foreign Relations, before the Committee on Armed Services of the U.S. House of Representatives
Washington DC, March 11, 2009

Mr. Chairman,

Thank you for this opportunity to testify before the House Committee on Armed Services on security challenges arising from the global financial crisis. Let me first commend you and your colleagues for holding this hearing. Most of the analysis and commentary on the global economic crisis has focused on the economic consequences.

This is understandable, but it is not sufficient. The world does not consist of stovepipes, and what happens in the economic realm affects political and strategic policies and realities alike. It is also important to say at the outset that this crisis, which began in the housing sector in the United States, is now more than a financial crisis. It is a full-fledged economic crisis. It is also more than an American crisis. It is truly global.

I would add, too, that the crisis is unlike any challenge we have seen in the past. It is qualitatively different than the sort of cyclical downturn that capitalism produces periodically. This crisis promises to be one of great depth, duration, and consequence. This crisis was not inevitable. It was the result of flawed policies, poor decisions, and questionable behavior.

It is important that this point be fully understood lest the conclusion be widely drawn that market economies are to be avoided. The problem lies with the practice of capitalism, not the model. Nevertheless, the perception is otherwise, and one consequence of the economic crisis is that market economies have lost much of their luster and the United States has lost much of its credibility in this realm.

It is inconceivable in these circumstances to imagine an American official preaching the virtues of the Washington Consensus. This is unfortunate, as open economies continue to have more to offer the developing world than the alternatives. It also adds to the importance that the U.S. economy get back on track lest a lasting casualty of the crisis be modern capitalism itself.

The impact of the economic crisis will be varied and go far beyond the image of capitalism and the reputation of the United States. Director of National Intelligence Dennis Blair was all too correct when he testified recently that the primary near-term security concern of the United States is the global economic crisis and its geopolitical implications. The crisis will have impact on conditions within states, on the policies of states, on relations between states, and on the thinking of those who run states. I have already alluded to this last consideration.

Here I would only add that initial reactions around the world to the crisis appear to have evolved, from some initial gloating at America’s expense to resentment of the United States for having spawned this crisis to, increasingly, hopes that the American recovery arrives sooner and proves to be more robust than is predicted. This change of heart is not due to any change of thinking about the United States but rather to increased understanding that the recovery of others will to a significant extent depend on recovery in the United States. In a global world, what happens here affects developments elsewhere and vice versa. Decoupling in either direction is rarely a serious possibility. The crisis is clearly affecting the developed world, mostly as a result of the centrality of banking-related problems and the high degree of integration that exists among the economies of the developed world. Iceland’s government has fallen; others may over time. Many governments (including several in Central and Eastern Europe but outside the Eurozone) will require substantial loans.

The economies of Japan, much of Europe, and the United States are all contracting. World economic growth, which averaged 4 to 5 percent over the past decade, will be anemic this year even if it manages to be positive, which is increasingly unlikely. It is worth noting that the most recent World Bank projection predicts negative growth for 2009. Change of this sort will have consequences. There will likely be fewer resources available for defense and foreign assistance. Reduced availability of resources for defense makes it even more critical that U.S. planners determine priorities. Preparing to fight a large-scale conventional war is arguably not the highest priority given the enormous gap between the relevant military capabilities of the United States and others and the greater likelihood that security-related challenges will come from terrorism and asymmetric warfare. State-capacity building, the sort of activity the United States is doing in Iraq, Afghanistan, and Pakistan, will continue to place a heavy burden on U.S. military and civilian assets.

Also remaining highly relevant (and deserving to be a funding priority) will be standoff capabilities designed to destroy targets associated with terrorism and weapons of mass destruction. Developing states may appear to be better off than wealthier countries at first glance. Their growth on average is down by half from previous years, but still positive. Appearances, however, can be deceptive. This growth is measured from a low base in absolute and relative terms. The reduction in growth in some instances has been dramatic. Developing country exports are down as demand is down in the developed world.

Also reduced are aid flows and most importantly investment flows to the developing world. Commodity prices are much lower, a boon to those who rely on imports but a major problem for the many who are dependent on the income from one or two exports. A few countries merit specific mention. One is China. China’s economic success over the past few decades constitutes one of history’s great examples of poverty eradication. This process, one that has involved the migration of millions of people every year from poor rural areas to cities, will slow considerably. The already large number of domestic political protests in China over such issues as land confiscation, corruption, environmental degradation, and public health, is likely to grow. Absent renewed robust economic growth, the chances are high that the government will react by clamping down even more on the population lest economic frustration lead to meaningful political unrest.

Russia is in a different position, one characteristic of countries dependent on raw material exports for much of their wealth. The Russian economy is contracting after a period of boom. As is the case with China, this suggests the likely assertion of greater political control. But Russia is not as fully integrated as China is with the world economy. There is thus a greater (although impossible to quantify) chance that Russia’s leaders will turn to the time-honored resort of manufacturing an overseas crisis to divert attention than will China’s.

The same holds true for Iran and Venezuela, two countries that are heavily reliant on energy exports and whose foreign policies have been counterproductive (to say the least) from the U.S. perspective. But at the same time, it is possible that one or both will pull in their horns. Venezuela is already showing some signs of this, with its more welcoming stance toward international oil companies. This may well be simply a tactical adjustment to immediate needs.

And at least in principle, Iran’s government might find it more difficult to make the case to its own people for its continued pursuit of a nuclear weapons option if the Iranian people understood that it was costing them dearly with respect to their standard of living. Iraq is another oil producing country whose wealth is closely associated with the price of oil. Here the effects are sure to be unwanted. There is the danger that disorder will increase as unemployment rises, prospects for sharing revenue shrink, and the ability of the central government to dispense cash to build broad national support diminishes. In light of the multiple challenges already facing the United States, the last thing the Obama administration needs is the specter of an unravelling Iraq.

Two other countries are worth highlighting. One is Pakistan. Pakistan’s economic performance is down sharply for many reasons, including a decrease in both foreign investment in the country and exports from Pakistan to other countries. Pakistan has little margin for error; the possibility that it could fail is all too real. The worsened economic situation makes governing all that much more difficult. The consequences of a failed Pakistan for the global struggle against terrorism, for attempts to prevent further nuclear proliferation, for the effort to promote stability in Afghanistan, and for India’s future are difficult to exaggerate. North Korea is a second nuclear-armed state whose stability is worsened by the economic crisis.

At issue is the extent to which South Korea (along with China and Japan) can provide resources to the North to help stave off collapse. Another serious consequence of the global economic crisis, one that affects both developed and developing countries, is the reality that protectionism is on the rise. One realm is trade; some seventeen of the twenty governments set to meet in London early next month have increased barriers to trade since they met late last year. Negotiated free trade agreements with Colombia, Panama, and South Korea continue to languish in the U.S. Congress. The president lacks the Trade Promotion Authority essential for the negotiation of complex, multilateral trade accords. Prospects for a Doha round global trade pact appear remote. The volume of world trade is down for the first time in decades. The economic but also strategic costs of this trend are high. Trade is a major source of political as well as economic integration; one reason China acts as responsibly as it does in the political sphere is because of its need to export its products lest potentially destabilizing unemployment jump sharply. Trade has other virtues as well. More than anything else, trade is a principal engine of global economic growth. The completion of the Doha round might be worth as much as $500 billion to the world in expanded economic activity. One-fourth of this expanded output would occur in the United States. This is the purest form of stimulus.

For the United States, exports are a source of millions of relatively high-paying jobs; imports are anti-inflationary and spur innovation. Alas, the economic crisis will make it difficult if not impossible to conclude new trade pacts and to gain the requisite domestic support for them. Economic nationalism is on the rise, and when this happens, the will and the ability of political leaders to support policies that are perceived to hurt large numbers of their citizens (but which in reality help many more) invariably goes down. What is more, the economic crisis may also make it more difficult to reach agreement on a global climate change pact when representatives of most of the world’s countries gather in Copenhagen late this year. Developed and developing countries alike will resist commitments that appear to or in fact do sacrifice near-term economic growth for long-term environmental benefit. What, then, should be done to limit the adverse strategic effects of an economic crisis that is certain to get worse and persist for some time?

The United States – the Obama administration and the Congress – should resist protectionism. “Buy America” provisions in the stimulus legislation will increase costs to American consumers and all but make certain that other countries will follow suit, thereby reducing the prospects for American firms to sell abroad. More American jobs are likely to be sacrificed than preserved. Increased protectionism will also dilute the strategic benefits that stem from trade and its ability to contribute to international stability by giving governments a stake in stability. Similar arguments hold as to why “lend national” provisions are counterproductive. Bringing countries into the world trading system (best done through WTO accession) makes strategic sense, too, as it gives them a stake in maintaining order at the same time it opens government decision-making to greater degrees of transparency. Recession cannot become this country’s energy policy or a reason not to decrease U.S. consumption of oil, imported or otherwise. Lower prices will dilute any economic incentive to consume less oil. Regulatory policy will be the principal means of discouraging demand and encouraging the development of alternative energy sources and technologies. Reduced demand is essential for strategic reasons (so as not to leave the United States highly dependent on imports and so that countries such as Russia, Venezuela, and Iran do not benefit from dollar inflows), for environmental reasons, and for economic reasons, i.e., not to increase the U.S. balance of payments deficit. The goal should be to use this moment of temporarily-reduced prices to decrease the chances we as a country again find ourselves in a world of high energy prices once the recession recedes.

The United States should work with other developed and reserve-rich countries to increase the capacity of the IMF to assist governments in need of temporary loans. Current capacity falls short of what is and will be needed. It would be helpful if aid budgets were not victims of the economic crisis. Aid is needed on a large scale not just for humanitarian reasons (to fight disease, etc.) but also to build the human capital that is the foundation of economic development. Aid will also be a necessary substitute in the short and medium run for investment. Absent such flows we are likely to see greater misery and an increased number of failing or failed states. The upcoming G-20 summit in London provides an opportunity to adopt or encourage some useful measures in many of these realms. It is essential that others, including Europe and Japan, take steps to stimulate their economies. It is equally important, though, that guidelines be promulgated so that stimulus programs do not become a convenient mechanism for unwarranted subsidies and “buy national” provisions that are simply protectionist measures by another name.

The London meeting is also an opportunity to increase IMF capacity, to generate commitments to provide aid to developing countries, and to agree on at least some regulatory principles for national banking and financial systems. There is not time, however, to try to rebuild the architecture of the international economic system, solve the problems caused by countries that run chronic surpluses, or revamp the system of exchange rates. Let me close with two final thoughts. Much of this hearing and statement is focused on the question of the consequences of the economic crisis for global security. But it is important to keep in mind that the relationship is not only one way. Developments in the political world can and will have an effect on the global economy.

Imagine for a second the economic consequences of, say, a Taiwan crisis or fighting between India and Pakistan or an armed confrontation with Iran over its nuclear ambitions. This last possibility is the most worrying in the near term and underscores the importance of trying to negotiate limits on Iran’s enrichment program lest the United States be confronted with the unsavory option of either living with an Iranian near or actual nuclear weapons capability or mounting a preventive military strike that, whatever it accomplished, would be sure to trigger a wider crisis that could well lead to energy prices several times their current level.

Finally, getting through this economic crisis should not be confused with restoring prolonged calm in the markets or sustainable growth. Enormous stimulus measures here at home coupled with equally unprecedented increases in the current account deficit and national debt make it all but certain that down the road the United States will confront not just renewed inflation but quite possibly a dollar crisis as well. At some point central banks and other holders of dollars will have secnd thoughts about continuing to add to their dollar holdings, currently larger than ever given the desire for a safe harbor. Ongoing U.S. requirements for debt financing, however, will likely mean that interest rates would need to be raised, something that could choke off a recovery. This underscores the importance of limiting stimulus packages to what is truly essential to reviving economic activity and to taking other measures (such as entitlement reform and the already discussed steps to reduce oil use) lest the current crisis give way to another one.