Autorenstreit zwischen Henryk M. Broder und Alan Posener: Dionysos gegen den Gekreuzigten?

July 12, 2009

Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können – das macht den Journalisten. (Karl Kraus)

Vorsicht Satire!

Nachdem HIRAM7 REVIEW den Kommentar-Krieg bzw. die Kollegenschelte zwischen dem herausragenden Publizisten und Chefankläger vom Dienst Henryk M. Broder und dem brillanten Enfant terrible des Hauses Springer Alan Posener publik gemacht hat (wir berichteten), sehen wir uns als dilettantisches (im wahrsten Sinne des Wortes: delectare „sich erfreuen“) Qualitätsmedium für die oberen Zehntausend quasi genötigt, die dementsprechende philosophische Allegorie zu diesem recht unterhaltsamen Vorfall zu liefern.

Wer Dionysos und wer der Gekreuzigter ist, überlassen wir aber unseren Lesern.

***

Ecce homo – Wie man wird, was man ist (1889)

von Friedrich Nietzsche

Inhalt
Warum ich so weise bin.
Warum ich so klug bin.
Warum ich so gute Bücher schreibe.
Geburt der Tragödie.
Die Unzeitgemässen.
Menschliches, Allzumenschliches.
Morgenröthe.
La gaya scienza.
Also sprach Zarathustra.
Jenseits von Gut und Böse.
Genealogie der Moral.
Götzen-Dämmerung.
Der Fall Wagner.
Warum ich ein Schicksal bin.
Kriegserklärung.
Der Hammer redet.

Vorwort

1. In Voraussicht, dass ich über Kurzem mit der schwersten Forderung an die Menschheit herantreten muss, die je an sie gestellt wurde, scheint es mir unerlässlich, zu sagen, wer ich bin. Im Grunde dürfte man’s wissen: denn ich habe mich nicht “unbezeugt gelassen”. Das Missverhältniss aber zwischen der Grösse meiner Aufgabe und der Kleinheit meiner Zeitgenossen ist darin zum Ausdruck gekommen, dass man mich weder gehört, noch auch nur gesehn hat. Ich lebe auf meinen eignen Credit hin, es ist vielleicht bloss ein Vorurtheil, daß ich lebe?…

Ich brauche nur irgend einen “Gebildeten” zu sprechen, der im Sommer ins Oberengadin kommt, um mich zu überzeugen, dass ich nicht lebe …

Unter diesen Umständen giebt es eine Pflicht, gegen die im Grunde meine Gewohnheit, noch mehr der Stolz meiner Instinkte revoltirt, nämlich zu sagen: Hört mich! denn ich bin der und der. Verwechselt mich vor Allem nicht!

2. Ich bin zum Beispiel durchaus kein Popanz, kein Moral-Ungeheuer, ich bin sogar eine Gegensatz-Natur zu der Art Mensch, die man bisher als tugendhaft verehrt hat. Unter uns, es scheint mir, dass gerade Das zu meinem Stolz gehört. Ich bin ein jünger des Philosophen Dionysos, ich zöge vor, eher noch ein Satyr zu sein als ein Heiliger. Aber man lese nur diese Schrift. Vielleicht gelang es mir, vielleicht hatte diese Schrift gar keinen andren Sinn, als diesen Gegensatz in einer heitren und menschenfreundlichen Weise zum Ausdruck zu bringen. Das Letzte, was ich versprechen würde, wäre, die Menschheit zu “verbessern”. Von mir werden keine neuen Götzen aufgerichtet; die alten mögen lernen, was es mit thönernen Beinen auf sich hat. Götzen (mein Wort für “Ideale”) umwerfen – das gehört schon eher zu meinem Handwerk. Man hat die Realität in dem Grade um ihren Werth, ihren Sinn, ihre Wahrhaftigkeit gebracht, als man eine ideale Welt erlog… Die “wahre Welt” und die “scheinbare Welt” – auf deutsch: die erlogne Welt und die Realität …

Die Lüge des Ideals war bisher der Fluch über der Realität, die Menschheit selbst ist durch sie bis in ihre untersten Instinkte hinein verlogen und falsch geworden bis zur Anbetung der umgekehrten Werthe, als die sind, mit denen ihr erst das Gedeihen, die Zukunft, das hohe Recht auf Zukunft verbürgt wäre.

3. Wer die Luft meiner Schriften zu athmen weiss, weiss, dass es eine Luft der Höhe ist, eine starke Luft. Man muss für sie geschaffen sein, sonst ist die Gefahr keine kleine, sich in ihr zu erkälten. Das Eis ist nahe, die Einsamkeit ist ungeheuer – aber wie ruhig alle Dinge im Lichte liegen! wie frei man athmet! wie Viel man unter sich fühlt!

Philosophie, wie ich sie bisher verstanden und gelebt habe, ist das freiwillige Leben in Eis und Hochgebirge – das Aufsuchen alles Fremden und Fragwürdigen im Dasein, alles dessen, was durch die Moral bisher in Bann gethan war. Aus einer langen Erfahrung, welche eine solche Wanderung im Verbotenen gab, lernte ich die Ursachen, aus denen bisher moralisirt und idealisirt wurde, sehr anders ansehn als es erwünscht sein mag: die verborgene Geschichte der Philosophen, die Psychologie ihrer grossen Namen kam für mich an’s Licht.

Wie viel Wahrheit erträgt, wie viel Wahrheit wagt ein Geist? das wurde für mich immer mehr der eigentliche Werthmesser. Irrthum (der Glaube an‘s Ideal) ist nicht Blindheit, Irrthum ist Feigheit… Jede Errungenschaft, jeder Schritt vorwärts in der Erkenntniss folgt aus dem Muth, aus der Härte gegen sich, aus der Sauberkeit gegen sich … Ich widerlege die Ideale nicht, ich ziehe bloss Handschuhe vor ihnen an … Nitimur in vetitum: in diesem Zeichen siegt einmal meine Philosophie, denn man verbot bisher grundsätzlich immer nur die Wahrheit.

4. Innerhalb meiner Schriften steht für sich mein Zarathustra. Ich habe mit ihm der Menschheit das grösste Geschenk gemacht, das ihr bisher gemacht worden ist. Dies Buch, mit einer Stimme über Jahrtausende hinweg, ist nicht nur das höchste Buch, das es giebt, das eigentliche Höhenluft-Buch – die ganze Thatsache Mensch liegt in ungeheurer Ferne unter ihm, es ist auch das tiefste, das aus dem innersten Reichthum der Wahrheit heraus geborene, ein unerschöpflicher Brunnen, in den kein Eimer hinabsteigt, ohne mit Gold und Güte gefüllt heraufzukommen.

Hier redet kein “Prophet”, keiner jener schauerlichen Zwitter von Krankheit und Willen zur Macht, die man Religionsstifter nennt. Man muss vor Allem den Ton, der aus diesem Munde kommt, diesen halkyonischen Ton richtig hören, um dem Sinn seiner Weisheit nicht erbarmungswürdig Unrecht zu thun. “Die stillsten Worte sind es, welche den Sturm bringen, Gedanken, die mit Taubenfüssen kommen, lenken die Welt “

Die Feigen fallen von den Bäumen, sie sind gut und süss: und indem sie fallen, reisst ihnen die rothe Haut. Ein Nordwind bin ich reifen Feigen.

Also, gleich Feigen, fallen euch diese Lehren zu, meine Freunde: nun trinkt ihren Saft und ihr süsses Fleisch! Herbst ist es umher und reiner Himmel und Nachmittag.

Hier redet kein Fanatiker, hier wird nicht “gepredigt”, hier wird nicht Glauben verlangt: aus einer unendlichen Lichtfülle und Glückstiefe fällt Tropfen für Tropfen, Wort für Wort, eine zärtliche Langsamkeit ist das tempo dieser Reden. Dergleichen gelangt nur zu den Auserwähltesten; es ist ein Vorrecht ohne Gleichen hier Hörer zu sein; es steht Niemandem frei, für Zarathustra Ohren zu haben… Ist Zarathustra mit Alledem nicht ein Verführer?

Aber was sagt er doch selbst, als er zum ersten Male wieder in seine Einsamkeit zurückkehrt? Genau das Gegentheil von dem, was irgend ein “Weiser”, “Heiliger”, “Welt-Erlöser” und andrer décadent in einem solchen Falle sagen würde… Er redet nicht nur anders, er ist auch anders.. .

Allein gehe ich nun, meine Jünger! Auch ihr geht nun davon und allein! So will ich es.

Geht fort von mir und wehrt euch gegen Zarathustra! Und besser noch: schämt euch seiner! Vielleicht betrog er euch.

Der Mensch der Erkenntniss muss nicht nur seine Feinde lieben, er muss auch seine Freunde hassen können.

Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schüler bleibt. Und warum wollt ihr nicht an meinem Kranze rupfen?

Ihr verehrt mich: aber wie, wenn eure Verehrung eines Tages umfällt? Hütet euch, dass euch nicht eine Bildsäule erschlage!

Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an Zarathustra! Ihr seid meine Gläubigen, aber was liegt an allen Gläubigen!

Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So thun alle Gläubigen; darum ist es so wenig mit allem Glauben.

Nun heisse ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn ihr mich Alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren…

Friedrich Nietzsche.

***

An diesem vollkommnen Tage, wo Alles reift und nicht nur die Traube braun wird, fiel mir eben ein Sonnenblick auf mein Leben: ich sah rückwärts, ich sah hinaus, ich sah nie so viel und so gute Dinge auf einmal. Nicht umsonst begrub ich heute mein vierundvierzigstes Jahr, ich durfte es begraben, was in ihm Leben war, ist gerettet, ist unsterblich. Die Umwerthung aller Werthe, die Dionysos-Dithyramben und, zur Erholung, die Götzen-Dämmerung.

Alles Geschenke dieses Jahrs, sogar seines letzten Vierteljahrs! Wie sollte ich nicht meinem ganzen Leben dankbar sein? Und so erzähle ich mir mein Leben.

Warum ich so weise bin.
1. Das Glück meines Daseins, seine Einzigkeit vielleicht, liegt in seinem Verhängniss: ich bin, um es in Räthselform auszudrücken, als mein Vater bereits gestorben, als meine Mutter lebe ich noch und werde alt. Diese doppelte Herkunft, gleichsam aus der obersten und der untersten Sprosse an der Leiter des Lebens, décadent zugleich und Anfang – dies, wenn irgend Etwas, erklärt jene Neutralität, jene Freiheit von Partei im Verhältniss zum Gesammtprobleme des Lebens, die mich vielleicht auszeichnet. Ich habe für die Zeichen von Aufgang und Niedergang eine feinere Witterung als je ein Mensch gehabt hat, ich bin der Lehrer par excellence hierfür, – ich kenne Beides, ich bin Beides. – Mein Vater starb mit sechsunddreissig Jahren: er war zart, liebenswürdig und morbid, wie ein nur zum Vorübergehn bestimmtes Wesen, – eher eine gütige Erinnerung an das Leben, als das Leben selbst. Im gleichen Jahre, wo sein Leben abwärts gieng, gieng auch das meine abwärts: im sechsunddreissigsten Lebensjahre kam ich auf den niedrigsten Punkt meiner Vitalität, – ich lebte noch, doch ohne drei Schritt weit vor mich zu sehn. Damals – es war 1879 – legte ich meine Basler Professur nieder, lebte den Sommer über wie ein Schatten in St. Moritz und den nächsten Winter, den sonnenärmsten meines Lebens, als Schatten in Naumburg. Dies war mein Minimum: “Der Wanderer und sein Schatten” entstand währenddem. Unzweifelhaft, ich verstand mich damals auf Schatten … Im Winter darauf, meinem ersten Genueser Winter, brachte jene Versüssung und Vergeistigung, die mit einer extremen Armuth an Blut und Muskel beinahe bedingt ist, die “Morgenröthe” hervor. Die vollkommne Helle und Heiterkeit, selbst Exuberanz des Geistes, welche das genannte Werk wiederspiegelt, verträgt sich bei mir nicht nur mit der tiefsten physiologischen Schwäche, sondern sogar mit einem Excess von Schmerzgefühl. Mitten in Martern, die ein ununterbrochner dreitägiger Gehirn-Schmerz sammt mühseligem Schleimerbrechen mit sich bringt, – besass ich eine Dialektiker-Klarheit par excellence und dachte Dinge sehr kaltblütig durch, zu denen ich in gesünderen Verhältnissen nicht Kletterer, nicht raffinirt, nicht kalt genug bin. Meine Leser wissen vielleicht, in wie fern ich Dialektik als Décadence-Symptom betrachte, zum Beispiel im allerberühmtesten Fall: im Fall des Sokrates. – Alle krankhaften Störungen des Intellekts, selbst jene Halbbetäubung, die das Fieber im Gefolge hat, sind mir bis heute gänzlich fremde Dinge geblieben, über deren Natur und Häufigkeit ich mich erst auf gelehrtem Wege zu unterrichten hatte. Mein Blut läuft langsam. Niemand hat je an mir Fieber constatiren können. Ein Arzt, der mich länger als Nervenkranken behandelte, sagte schliesslich: “nein! an Ihren Nerven liegt’s nicht, ich selber bin nur nervös.” Schlechterdings unnachweisbar irgend eine lokale Entartung; kein organisch bedingtes Magenleiden, wie sehr auch immer, als Folge der Gesammterschöpfung, die tiefste Schwäche des gastrischen Systems. Auch das Augenleiden, dem Blindwerden zeitweilig sich gefährlich annähernd, nur Folge, nicht ursächlich: so dass mit jeder Zunahme an Lebenskraft auch die Sehkraft wieder zugenommen hat. – Eine lange, allzulange Reihe von Jahren bedeutet bei mir Genesung, – sie bedeutet leider auch zugleich Rückfall, Verfall, Periodik einer Art décadence. Brauche ich, nach alledem, zu sagen, dass ich in Fragen der décadence erfahren bin? Ich habe sie vorwärts und rückwärts buchstabirt. Selbst jene Filigran-Kunst des Greifens und Begreifens überhaupt, jene Finger für nuances, jene Psychologie des “Um-die-Ecke-sehns” und was sonst mir eignet, ward damals erst erlernt, ist das eigentliche Geschenk jener Zeit, in der Alles sich bei mir verfeinerte, die Beobachtung selbst wie alle Organe der Beobachtung. Von der Kranken-Optik aus nach gesünderen Begriffen und Werthen, und wiederum umgekehrt aus der Fülle und Selbstgewissheit des reichen Lebens hinuntersehn in die heimliche Arbeit des Décadence-Instinkts – das war meine längste Übung, meine eigentliche Erfahrung, wenn irgend worin wurde ich darin Meister. Ich habe es jetzt in der Hand, ich habe die Hand dafür, Perspektiven umzustellen: erster Grund, weshalb für mich allein vielleicht eine “Umwerthung der Werthe” überhaupt möglich ist.

2. Abgerechnet nämlich, dass ich ein décadent bin, bin ich auch dessen Gegensatz. Mein Beweis dafür ist, unter Anderem, dass ich instinktiv gegen die schlimmen Zustände immer die rechten Mittel wählte: während der décadent an sich immer die ihm nachtheiligen Mittel wählt. Als summa summarum war ich gesund, als Winkel, als Specialität war ich décadent. Jene Energie zur absoluten Vereinsamung und Herauslösung aus gewohnten Verhältnissen, der Zwang gegen mich, mich nicht mehr besorgen, bedienen, beärzteln zu lassen – das verräth die unbedingte Instinkt-Gewissheit darüber, was damals vor Allem noth that. Ich nahm mich selbst in die Hand, ich machte mich selbst wieder gesund: die Bedingung dazu – jeder Physiologe wird das zugeben – ist, dass man im Grunde gesund ist. Ein typisch morbides Wesen kann nicht gesund werden, noch weniger sich selbst gesund machen; für einen typisch Gesunden kann umgekehrt Kranksein sogar ein energisches Stimulans zum Leben, zum Mehr-leben sein. So in der That erscheint mir jetzt jene lange Krankheits-Zeit: ich entdeckte das Leben gleichsam neu, mich selber eingerechnet, ich schmeckte alle guten und selbst kleinen Dinge, wie sie Andre nicht leicht schmecken könnten, – ich machte aus meinem Willen zur; Gesundheit, zum Leben, meine Philosophie … Denn man gebe Acht darauf: die Jahre meiner niedrigsten Vitalität waren es, wo ich aufhörte, Pessimist zu sein: der Instinkt der Selbst-Wiederherstellung verbot mir eine Philosophie der Armuth und Entmuthigung … Und woran erkennt man im Grunde die Wohlgerathenheit! Dass ein wohlgerathner Mensch unsern Sinnen wohlthut: dass er aus einem Holze geschnitzt ist, das hart, zart und wohlriechend zugleich ist. Ihm schmeckt nur, was ihm zuträglich ist; sein Gefallen, seine Lust hört auf, wo das Maass des Zuträglichen überschritten wird. Er erräth Heilmittel gegen Schädigungen, er nützt schlimme Zufälle zu seinem Vortheil aus; was ihn nicht umbringt, macht ihn stärker. Er sammelt instinktiv aus Allem, was er sieht, hört, erlebt, seine Summe: er ist ein auswählendes Princip, er lässt Viel durchfallen. Er ist immer in seiner Gesellschaft, ob er mit Büchern, Menschen oder Landschaften verkehrt: er ehrt, indem er wählt, indem er zulässt, indem er vertraut. Er reagirt auf alle Art Reize langsam, mit jener Langsamkeit, die eine lange Vorsicht und ein gewollter Stolz ihm angezüchtet haben, – er prüft den Reiz, der herankommt, er ist fern davon, ihm entgegenzugehn. Er glaubt weder an “Unglück”, noch an “Schuld”: er wird fertig, mit sich, mit Anderen, er weiss zu vergessen, – er ist stark genug, dass ihm Alles zum Besten gereichen muss. – Wohlan, ich bin das Gegenstück eines décadent: denn ich beschrieb eben mich.

3. Ich betrachte es als ein grosses Vorrecht, einen solchen Vater gehabt zu haben: die Bauern, vor denen er predigte – denn er war, nachdem er einige Jahre am Altenburger Hofe gelebt hatte, die letzten Jahre Prediger – sagten, so müsse wohl ein Engel aussehn. – Und hiermit berühre ich die Frage der Rasse. ich bin ein polnischer Edelmann pur sang, dem auch nicht ein Tropfen schlechtes Blut beigemischt ist, am wenigsten deutsches. Wenn ich den tiefsten Gegensatz zu mir suche, die unausrechenbare Gemeinheit der Instinkte, so finde ich immer meine Mutter und Schwester, – mit solcher canaille mich verwandt zu glauben wäre eine Lästerung auf meine Göttlichkeit. Die Behandlung, die ich von Seiten meiner Mutter und Schwester erfahre, bis auf diesen Augenblick, flösst mir ein unsägliches Grauen ein: hier arbeitet eine vollkommene Höllenmaschine, mit unfehlbarer Sicherheit über den Augenblick, wo man mich blutig verwunden kann – in meinen höchsten Augenblicken, … denn da fehlt jede Kraft, sich gegen giftiges Gewürm zu wehren … Die physiologische Contiguität ermöglicht eine solche disharmonia praestabilita … Aber ich bekenne, dass der tiefste Einwand gegen die “ewige Wiederkunft”, mein eigentlich abgründlicher Gedanke, immer Mutter und Schwester sind. – Aber auch als Pole bin ich ein ungeheurer Atavismus. Man würde Jahrhunderte zurückzugehn haben, um diese vornehmste Rasse, die es auf Erden gab, in dem Masse instinktrein zu finden, wie ich sie darstelle. Ich habe gegen Alles, was heute noblesse heisst, ein souveraines Gefühl von Distinktion, – ich würde dem jungen deutschen Kaiser nicht die Ehre zugestehn, mein Kutscher zu sein. Es giebt einen einzigen Fall, wo ich meines Gleichen anerkenne ich bekenne es mit tiefer Dankbarkeit. Frau Cosima Wagner ist bei Weitem die vornehmste Natur; und, damit ich kein Wort zu wenig sage, sage ich, dass Richard Wagner der mir bei Weitem verwandteste Mann war … Der Rest ist Schweigen … Alle herrschenden Begriffe über Verwandtschafts-Grade sind ein physiologischer Widersinn, der nicht überboten werden kann. Der Papst treibt heute noch Handel mit diesem Widersinn. Man ist am wenigsten mit seinen Eltern verwandt: es wäre das äusserste Zeichen von Gemeinheit, seinen Eltern verwandt zu sein. Die höheren Naturen haben ihren Ursprung unendlich weiter zurück, auf sie hin hat am längsten gesammelt, gespart, gehäuft werden müssen. Die grossen Individuen sind die ältesten: ich verstehe es nicht, aber Julius Cäsar könnte mein Vater sein – oder Alexander, dieser leibhafte Dionysos … In diesem Augenblick, wo ich dies schreibe, bringt die Post mir einen Dionysos-Kopf …

4. Ich habe nie die Kunst verstanden, gegen mich einzunehmen auch das verdanke ich meinem unvergleichlichen Vater – und selbst noch, wenn es mir von grossem Werthe schien. Ich bin sogar, wie sehr immer das unchristlich scheinen mag, nicht einmal gegen mich eingenommen. Man mag mein Leben hin- und herwenden, man wird darin, jenen Einen Fall abgerechnet, keine Spuren davon entdecken, dass jemand bösen Willen gegen mich gehabt hätte, – vielleicht aber etwas zu viel Spuren von gutem Willen … Meine Erfahrungen selbst mit Solchen, an denen Jedermann schlechte Erfahrungen macht, sprechen ohne Ausnahme zu deren Gunsten; ich zähme jeden Bär, ich mache die Hanswürste noch sittsam. In den sieben Jahren, wo ich an der obersten Klasse des Basler Pädagogiums Griechisch lehrte, habe ich keinen Anlass gehabt, eine Strafe zu verhängen; die Faulsten waren bei mir fleissig. Dem Zufall bin ich immer gewachsen; ich muss unvorbereitet sein, um meiner Herr zu sein. Das Instrument, es sei, welches es wolle, es sei so verstimmt, wie nur das Instrument “Mensch” verstimmt werden kann – ich müsste krank sein, wenn es mir nicht gelingen sollte, ihm etwas Anhörbares abzugewinnen. Und wie oft habe ich das von den “Instrumenten” selber gehört, dass sie sich noch nie so gehört hätten… Am schönsten vielleicht von jenem unverzeihlich jung gestorbenen Heinrich von Stein, der einmal, nach sorgsam eingeholter Erlaubniss, auf drei Tage in Sils-Maria erschien, Jedermann erklärend, dass er nicht wegen des Engadins komme. Dieser ausgezeichnete Mensch, der mit der ganzen ungestümen Einfalt eines preussischen Junkers in den Wagner’schen Sumpf hineingewatet war (- und ausserdem noch in den Dühring’schen!) war diese drei Tage wie umgewandelt durch einen Sturmwind der Freiheit, gleich Einem, der plötzlich in seine Höhe gehoben wird und Flügel bekommt. Ich sagte ihm immer, das mache die gute Luft hier oben, so gehe es jedem, man sei nicht umsonst 6000 Fuss über Bayreuth, – aber er wollte mir’s nicht glauben … Wenn trotzdem an mir manche kleine und grosse Missethat verübt worden ist, so war nicht “der Wille”, am wenigsten der böse Wille Grund davon: eher schon hätte ich mich – ich deutete es eben an – über den guten Willen zu beklagen, der keinen kleinen Unfug in meinem Leben angerichtet hat. Meine Erfahrungen geben mir ein Anrecht auf Misstrauen überhaupt hinsichtlich der sogenannten “selbstlosen” Triebe, der gesammten zu Rath und That bereiten “Nächstenliebe”. Sie gilt mir an sich als Schwäche, als Einzelfall der Widerstands-Unfähigkeit gegen Reize, – das Mitleiden heisst nur bei décadents eine Tugend. Ich werfe den Mitleidigen vor, dass ihnen die Scham, die Ehrfurcht, das Zartgefühl vor Distanzen leicht abhanden kommt, dass Mitleiden im Handumdrehn nach Pöbel riecht und schlechten Manieren zum Verwechseln ähnlich sieht, – dass mitleidige Hände unter Umständen geradezu zerstörerisch in ein grosses Schicksal in eine Vereinsamung unter Wunden, in ein Vorrecht auf schwere Schuld hineingreifen können. Die Überwindung des Mitleids rechne ich unter die vornehmen Tugenden: ich habe als “Versuchung Zarathustra’s” einen Fall gedichtet, wo ein grosser Nothschrei an ihn kommt, wo das Mitleiden wie eine letzte Sünde ihn überfallen, ihn von sich abspenstig machen will. Hier Herr bleiben, hier die Höhe seiner Aufgabe rein halten von den viel niedrigeren und kurzsichtigeren Antrieben, welche in den sogenannten selbstlosen Handlungen thätig sind, das ist die Probe, die letzte Probe vielleicht, die ein Zarathustra abzulegen hat – sein eigentlicher Beweis von Kraft…

5. Auch noch in einem anderen Punkte bin ich bloss mein Vater noch einmal und gleichsam sein Fortleben nach einem allzufrühen Tode. Gleich jedem, der nie unter seines Gleichen lebte und dem der Begriff “Vergeltung” so unzugänglich ist wie etwa der Begriff “gleiche Rechte”, verbiete ich mir in Fällen, wo eine kleine oder sehr grosse Thorheit an mir begangen wird, jede Gegenmaassregel, jede Schutzmaassregel, – wie billig, auch jede Vertheidigung, jede “Rechtfertigung”. Meine Art Vergeltung besteht darin, der Dummheit so schnell wie möglich eine Klugheit nachzuschicken: so holt man sie vielleicht noch ein. Im Gleichniss geredet: ich schicke einen Topf mit Confitüren, um eine sauere Geschichte loszuwerden … Man hat nur Etwas an mir schlimm zu machen, ich “vergelte” es, dessen sei man sicher: ich finde über Kurzem eine Gelegenheit, dem “Missethäter” meinen Dank auszudrücken (mitunter sogar für die Missethat) – oder ihn um Etwas zu bitten, was verbindlicher sein kann als Etwas geben… Auch scheint es mir, dass das gröbste Wort, der gröbste Brief noch gutartiger, noch honnetter sind als Schweigen. Solchen, die schweigen, fehlt es fast immer an Feinheit und Höflichkeit des Herzens; Schweigen ist ein Einwand, Hinunterschlucken macht nothwendig einen schlechten Charakter, – es verdirbt selbst den Magen. Alle Schweiger sind dyspeptisch. – Man sieht, ich möchte die Grobheit nicht unterschätzt wissen, sie ist bei weitem die humanste Form des Widerspruchs und, inmitten der modernen Verzärtelung, eine unsrer ersten Tugenden. – Wenn man reich genug dazu ist, ist es selbst ein Glück, Unrecht zu haben. Ein Gott, der auf die Erde käme, dürfte gar nichts Andres thun als Unrecht, – nicht die Strafe, sondern die Schuld auf sich zu nehmen wäre erst göttlich.

6. Die Freiheit vom Ressentiment, die Aufklärung über das Ressentiment – wer weiss, wie sehr ich zuletzt auch darin meiner langen Krankheit zu Dank verpflichtet bin! Das Problem ist nicht gerade einfach: man muss es aus der Kraft heraus und aus der Schwäche heraus erlebt haben. Wenn irgend Etwas überhaupt gegen Kranksein, gegen Schwachsein geltend gemacht werden muss, so ist es, dass in ihm der eigentliche Heilinstinkt, das ist der Wehr- und Waffen-Instinkt im Menschen mürbe wird. Man weiss von Nichts loszukommen, man weiss mit Nichts fertig zu werden, man weiss Nichts zurückzustossen, – Alles verletzt. Mensch und Ding kommen zudringlich nahe, die Erlebnisse treffen zu tief, die Erinnerung ist eine eiternde Wunde. Kranksein ist eine Art Ressentiment selbst. – Hiergegen hat der Kranke nur Ein grosses Heilmittel – ich nenne es den russischen Fatalismus, jenen Fatalismus ohne Revolte, mit dem sich ein russischer Soldat, dem der Feldzug zu hart wird, zuletzt in den Schnee legt. Nichts überhaupt mehr annehmen, an sich nehmen, in sich hineinnehmen, – überhaupt nicht mehr reagiren … Die grosse Vernunft dieses Fatalismus, der nicht immer nur der Muth zum Tode ist, als lebenerhaltend unter den lebensgefährlichsten Umständen, ist die Herabsetzung des Stoffwechsels, dessen Verlangsamung, eine Art Wille zum Winterschlaf. Ein paar Schritte weiter in dieser Logik, und man hat den Fakir, der wochenlang in einem Grabe schläft … Weil man zu schnell sich verbrauchen würde, wenn man überhaupt reagirte, reagirt man gar nicht mehr: dies ist die Logik. Und mit Nichts brennt man rascher ab, als mit den Ressentiments-Affekten. Der Ärger, die krankhafte Verletzlichkeit, die Ohnmacht zur Rache, die Lust, der Durst nach der Rache, das Giftmischen in jedem Sinne – das ist für Erschöpfte sicherlich die nachtheiligste Art zu reagiren: ein rapider Verbrauch von Nervenkraft, eine krankhafte Steigerung schädlicher Ausleerungen, zum Beispiel der Galle in den Magen, ist damit bedingt. Das Ressentiment ist das Verbotene an sich für den Kranken – sein Böses: leider auch sein natürlichster Hang. – Das begriff jener tiefe Physiolog Buddha. Seine “Religion”, die man besser als eine Hygiene bezeichnen dürfte, um sie nicht mit so erbarmungswürdigen Dingen wie das Christenthum ist, zu vermischen, machte ihre Wirkung abhängig von dem Sieg über das Ressentiment: die Seele davon frei machen – erster Schritt zur Genesung. “Nicht durch Feindschaft kommt Feindschaft zu Ende, durch Freundschaft kommt Feindschaft zu Ende”: das steht am Anfang der Lehre Buddha‘s – so redet nicht die Moral, so redet die Physiologie. – Das Ressentiment, aus der Schwäche geboren, Niemandem schädlicher als dem Schwachen selbst, – im andern Falle, wo eine reiche Natur die Voraussetzung ist, ein überflüssiges Gefühl, ein Gefühl, über das Herr zu bleiben beinahe der Beweis des Reichthums ist. Wer den Ernst kennt, mit dem meine Philosophie den Kampf mit den Rach- und Nachgefühlen bis in die Lehre vom “freien Willen” hinein aufgenommen hat – der Kampf mit dem Christenthum ist nur ein Einzelfall daraus – wird verstehn, weshalb ich mein persönliches Verhalten, meine instinktsicherheit in der Praxis hier gerade an’s Licht stelle. In den Zeiten der décadence verbot ich sie mir als schädlich; sobald das Leben wieder reich und stolz genug dazu war, verbot ich sie mir als unter mir. Jener “russische Fatalismus”, von dem ich sprach, trat darin bei mir hervor, dass ich beinahe unerträgliche Lagen, Orte, Wohnungen, Gesellschaften, nachdem sie einmal, durch Zufall, gegeben waren, Jahre lang zäh festhielt, – es war besser, als sie ändern, als sie veränderbar zu fühlen, – als sich gegen sie aufzulehnen … Mich in diesem Fatalismus stören, mich gewaltsam aufwecken nahm ich damals tödtlich übel: – in Wahrheit war es auch jedes Mal tödtlich gefährlich. – Sich selbst wie ein Fatum nehmen, nicht sich “anders” wollen – das ist in solchen Zuständen die grosse Vernunft selbst.

7. Ein ander Ding ist der Krieg. Ich bin meiner Art nach kriegerisch. Angreifen gehört zu meinen Instinkten. Feind sein können, Feind sein – das setzt vielleicht eine starke Natur voraus, jedenfalls ist es bedingt in jeder starken Natur. Sie braucht Widerstände, folglich sucht sie Widerstand: das aggressive Pathos gehört ebenso nothwendig zur Stärke als das Rach- und Nachgefühl zur Schwäche. Das Weib zum Beispiel ist rachsüchtig: das ist in seiner Schwäche bedingt, so gut wie seine Reizbarkeit für fremde Noth. – Die Stärke des Angreifenden hat in der Gegnerschaft, die er nöthig hat, eine Art Maass; jedes Wachsthum verräth sich im Aufsuchen eines gewaltigeren Gegners – oder Problems: denn ein Philosoph, der kriegerisch ist, fordert auch Probleme zum Zweikampf heraus. Die Aufgabe ist nicht, überhaupt über Widerstände Herr zu werden, sondern über solche, an denen man seine ganze Kraft, Geschmeidigkeit und Waffen-Meisterschaft einzusetzen hat, – über gleiche Gegner… Gleichheit vor dem Feinde – erste Voraussetzung zu einem rechtschaffnen Duell. Wo man verachtet, kann man nicht Krieg führen; wo man befiehlt, wo man Etwas unter sich sieht, hat man nicht Krieg zu führen. Meine Kriegs-Praxis ist in vier Sätze zu fassen. Erstens: ich greife nur Sachen an, die siegreich sind, – ich warte unter Umständen, bis sie siegreich sind. Zweitens: ich greife nur Sachen an, wo ich keine Bundesgenossen finden würde, wo ich allein stehe, – wo ich mich allein compromittire … Ich habe nie einen Schritt öffentlich gethan, der nicht compromittirte: das ist mein Kriterium des rechten Handelns. Drittens: ich greife nie Personen an, – ich bediene mich der Person nur wie eines starken Vergrösserungsglases, mit dem man einen allgemeinen, aber schleichenden, aber wenig greifbaren Nothstand sichtbar machen kann. So griff ich David Strauss an, genauer den Erfolg eines altersschwachen Buchs bei der deutschen “Bildung”, – ich ertappte diese Bildung dabei auf der That… So griff ich Wagnern an, genauer die Falschheit, die Instinkt-Halbschlächtigkeit unsrer “Cultur”, welche die Raffinirten mit den Reichen, die Späten mit den Grossen verwechselt. Viertens: ich greife nur Dinge an, wo jedwede Personen-Differenz ausgeschlossen ist, wo jeder Hintergrund schlimmer Erfahrungen fehlt. Im Gegentheil, angreifen ist bei mir ein Beweis des Wohlwollens, unter Umständen der Dankbarkeit. Ich ehre, ich zeichne aus damit, dass ich meinen Namen mit dem einer Sache, einer Person verbinde: für oder wider – das gilt mir darin gleich. Wenn ich dem Christenthum den Krieg mache, so steht dies mir zu, weil ich von dieser Seite aus keine Fatalitäten und Hemmungen erlebt habe, – die ernstesten Christen sind mir immer gewogen gewesen. Ich selber, ein Gegner des Christenthums de rigueur, bin ferne davon, es dem Einzelnen nachzutragen, was das Verhängniss von Jahrtausenden ist.

8. Darf ich noch einen letzten Zug meiner Natur anzudeuten wagen, der mir im Umgang mit Menschen keine kleine Schwierigkeit macht? Mir eignet eine vollkommen unheimliche Reizbarkeit des Reinlichkeits-Instinkts, so dass ich die Nähe oder – was sage ich? – das Innerlichste, die “Eingeweide” jeder Seele physiologisch wahrnehme – rieche… Ich habe an dieser Reizbarkeit psychologische Fühlhörner, mit denen ich jedes Geheimniss betaste und in die Hand bekomme: der viele verborgene Schmutz auf dem Grunde mancher Natur, vielleicht in schlechtem Blut bedingt, aber durch Erziehung übertüncht, wird mir fast bei der ersten Berührung schon bewusst. Wenn ich recht beobachtet habe, empfinden solche meiner Reinlichkeit unzuträgliche Naturen die Vorsicht meines Ekels auch ihrerseits: sie werden damit nicht wohlriechender … So wie ich mich immer gewöhnt habe – eine extreme Lauterkeit gegen mich ist meine Daseins-Voraussetzung, ich komme um unter unreinen Bedingungen, schwimme und bade und plätschere ich gleichsam beständig im Wasser, in irgend einem vollkommen durchsichtigen und glänzenden Elemente. Das macht mir aus dem Verkehr mit Menschen keine kleine Gedulds-Probe; meine Humanität besteht nicht darin, mitzufühlen, wie der Mensch ist, sondern es auszuhalten, dass ich ihn mitfühle … Meine Humanität ist eine beständige Selbstüberwindung. – Aber ich habe Einsamkeit nöthig, will sagen, Genesung, Rückkehr zu mir, den Athem einer freien leichten spielenden Luft … Mein ganzer Zarathustra ist ein Dithyrambus auf die Einsamkeit, oder, wenn man mich verstanden hat, auf die Reinheit… Zum Glück nicht auf die reine Thorheit. – Wer Augen für Farben hat, wird ihn diamanten nennen. – Der Ekel am Menschen, am “Gesindel” war immer meine grösste Gefahr … Will man die Worte hören, in denen Zarathustra von der Erlösung vom Ekel redet?

Was geschah mir doch? Wie erlöste ich mich vom Ekel? Wer verjüngte mein Auge? Wie erflog ich die Höhe, wo kein Gesindel mehr am Brunnen sitzt?

Schuf mein Ekel selber mir Flügel und quellenahnende Kräfte? Wahrlich, in’s Höchste musste ich fliegen, dass ich den Born der Lust wiederfände!-

Oh ich fand ihn, meine Brüder! Hier im Höchsten quillt mir der Born der Lust! Und es giebt ein Leben, an dem kein Gesindel mittrinkt!

Fast zu heftig strömst du mir, Quell der Lust! Und oft leerst du den Becher wieder, dadurch, dass du ihn füllen willst.

Und noch muss ich lernen, bescheidener dir zu nahen: allzuheftig strömt dir noch mein Herz entgegen:

- mein Herz, auf dem mein Sommer brennt, der kurze, heisse, schwermüthige, überselige: wie verlangt mein Sommer-Herz nach deiner Kühle!

Vorbei die zögernde Trübsal meines Frühlings! Vorüber die Schneeflocken meiner Bosheit im Juni! Sommer wurde ich ganz und Sommer-Mittag,

- ein Sommer im Höchsten mit kalten Quellen und seliger Stille: oh kommt, meine Freunde, dass die Stille noch seliger werde!

Denn dies ist unsre Höhe und unsre Heimat: zu hoch und steil wohnen wir hier allen Unreinen und ihrem Durste.

Werft nur eure reinen Augen in den Born meiner Lust, ihr Freunde! Wie sollte er darob trübe werden? Entgegenlachen soll er euch mit seiner Reinheit.

Auf dem Baume Zukunft bauen wir unser Nest; Adler sollen uns Einsamen Speise bringen in ihren Schnäbeln!

Wahrlich, keine Speise, an der Unsaubere mitessen dürften! Feuer würden sie zu fressen wähnen und sich die Mäuler verbrennen.

Wahrlich, keine Heimstätten halten wir hier bereit für Unsaubere! Eishöhle würde ihren Leibern unser Glück heissen und ihren Geistern!

Und wie starke Winde wollen wir über ihnen leben, Nachbarn den Adlern, Nachbarn dem Schnee, Nachbarn der Sonne: also leben starke Winde.

Und einem Winde gleich will ich einst noch zwischen sie blasen und mit meinem Geiste ihrem Geiste den Athem nehmen: so will es meine Zukunft.

Wahrlich, ein starker Wind ist Zarathustra allen Niederungen: und solchen Rath räth er seinen Feinden und Allem, was spuckt und speit: hütet euch, gegen den Wind zu speien! …

Warum ich so klug bin.
1. Warum ich Einiges mehr weiss? Warum ich überhaupt so klug bin? Ich habe nie über Fragen nachgedacht, die keine sind, – ich habe mich nicht verschwendet. – Eigentliche religiöse Schwierigkeiten zum Beispiel kenne ich nicht aus Erfahrung. Es ist mir gänzlich entgangen, in wiefern ich “sündhaft” sein sollte. Insgleichen fehlt mir ein zuverlässiges Kriterium dafür, was ein Gewissensbiss ist: nach dem, was man darüber hört, scheint mir ein Gewissensbiss nichts Achtbares … Ich möchte nicht eine Handlung hinterdrein in Stich lassen, ich würde vorziehn, den schlimmen Ausgang, die Folgen grundsätzlich aus der Werthfrage wegzulassen. Man verliert beim schlimmen Ausgang gar zu leicht den richtigen Blick für Das, was man that: ein Gewissensbiss scheint mir eine Art “böser Blick”. Etwas, das fehlschlägt, um so mehr bei sich in Ehren halten, weil es fehlschlug – das gehört eher schon zu meiner Moral. – “Gott”, “Unsterblichkeit der Seele”, “Erlösung”, “Jenseits” lauter Begriffe, denen ich keine Aufmerksamkeit, auch keine Zeit geschenkt habe, selbst als Kind nicht, – ich war vielleicht nie kindlich genug dazu? – Ich kenne den Atheismus durchaus nicht als Ergebniss, noch weniger als Ereigniss: er versteht sich bei mir aus Instinkt. Ich bin zu neugierig, zu fragwürdig, zu übermüthig, um mir eine faustgrobe Antwort gefallen zu lassen. Gott ist eine faustgrobe Antwort, eine Undelicatesse gegen uns Denker -, im Grunde sogar bloss ein faustgrobes Verbot an uns: ihr sollt nicht denken! … Ganz anders interessirt mich eine Frage, an der mehr das “Heil der Menschheit” hängt, als an irgend einer Theologen-Curiosität: die Frage der Ernährung. Man kann sie sich, zum Handgebrauch, so formuliren: “wie hast gerade du dich zu ernähren, um zu deinem Maximum von Kraft, von Virtù im Renaissance-Stile, von moralinfreier Tugend zu kommen?” – Meine Erfahrungen sind hier so schlimm als möglich; ich bin erstaunt, diese Frage so spät gehört, aus diesen Erfahrungen so spät “Vernunft” gelernt zu haben. Nur die vollkommne Nichtswürdigkeit unsrer deutschen Bildung – ihr “Idealismus” – erklärt mir einigermaassen, weshalb ich gerade hier rückständig bis zur Heiligkeit war. Diese “Bildung”, welche von vornherein die Realitäten aus den Augen verlieren lehrt, um durchaus problematischen, sogenannten “idealen” Zielen nachzujagen, zum Beispiel der “klassischen Bildung”: – als ob es nicht von vornherein verurtheilt wäre, “klassisch”, und “deutsch” in Einen Begriff zu einigen! Mehr noch, es wirkt erheiternd, – man denke sich einmal einen “klassisch gebildeten” Leipziger! – In der That, ich habe bis zu meinen reifsten Jahren immer nur schlecht gegessen, – moralisch ausgedrückt “unpersönlich”, “selbstlos”, “altruistisch”, zum Heil der Köche und andrer Mitchristen. Ich verneinte zum Beispiel durch Leipziger Küche, gleichzeitig mit meinem ersten Studium Schopenhauer’s (1865), sehr ernsthaft meinen “Willen zum Leben”. Sich zum Zweck unzureichender Ernährung auch noch den Magen verderben – dies Problem schien mir die genannte Küche zum Verwundern glücklich zu lösen. (Man sagt, 1866 habe darin eine Wendung hervorgebracht -.) Aber die deutsche Küche überhaupt – was hat sie nicht Alles auf dem Gewissen! Die Suppe vor der Mahlzeit (noch in Venetianischen Kochbüchern des 16. Jahrhunderts alla tedesca genannt); die ausgekochten Fleische, die fett und mehlig gemachten Gemüse; die Entartung der Mehlspeise zum Briefbeschwerer! Rechnet man gar noch die geradezu viehischen Nachguss-Bedürfnisse der alten, durchaus nicht bloss alten Deutschen dazu, so versteht man auch die Herkunft des deutschen Geistes – aus betrübten Eingeweiden … Der deutsche Geist ist eine Indigestion, er wird mit Nichts fertig. – Aber auch die englische Diät, die, im Vergleich mit der deutschen, selbst der französischen, eine Art “Rückkehr zur Natur”, nämlich zum Canibalismus ist, geht meinem eignen Instinkt tief zuwider; es scheint mir, dass sie dem Geist schwere Füsse giebt – Engländerinnen-Füsse … Die beste Küche ist die Piemont’s. – Alkoholika sind mir nachtheilig; ein Glas Wein oder Bier des Tags reicht vollkommen aus, mir aus dem Leben ein “Jammerthal” zu machen, – in München leben meine Antipoden. Gesetzt, dass ich dies ein wenig spät begriff, erlebt habe ich’s eigentlich von Kindesbeinen an. Als Knabe glaubte ich, Weintrinken sei wie Tabakrauchen anfangs nur eine Vanitas junger Männer, später eine schlechte Gewöhnung. Vielleicht, dass an diesem herben Urtheil auch der Naumburger Wein mit schuld ist. Zu glauben, dass der Wein erheitert, dazu müsste ich Christ sein, will sagen glauben, was gerade für mich eine Absurdität ist. Seltsam genug, bei dieser extremen Verstimmbarkeit durch kleine, stark verdünnte Dosen Alkohol, werde ich beinahe zum Seemann, wenn es sich um starke Dosen handelt. Schon als Knabe hatte ich hierin meine Tapferkeit. Eine lange lateinische Abhandlung in Einer Nachtwache niederzuschreiben und auch noch abzuschreiben, mit dem Ehrgeiz in der Feder, es meinem Vorbilde Sallust in Strenge und Gedrängtheit nachzuthun und einigen Grog von schwerstem Kaliber über mein Latein zu giessen, dies stand schon, als ich Schüler der ehrwürdigen Schulpforta war, durchaus nicht im Widerspruch zu meiner Physiologie, noch vielleicht auch zu der des Sallust wie sehr auch immer zur ehrwürdigen Schulpforta … Später, gegen die Mitte des Lebens hin, entschied ich mich freilich immer strenger gegen jedwedes “geistige” Getränk: ich, ein Gegner des Vegetarierthums aus Erfahrung, ganz wie Richard Wagner, der mich bekehrt hat, weiss nicht ernsthaft genug die unbedingte Enthaltung von Alcoholicis allen geistigeren Naturen anzurathen. Wasser thut’s … Ich ziehe Orte vor, wo man überall Gelegenheit hat, aus fliessenden Brunnen zu schöpfen (Nizza, Turin, Sils); ein kleines Glas läuft mir nach wie ein Hund. In vino veritas: es scheint, dass ich auch hier wieder über den Begriff “Wahrheit” mit aller Welt uneins bin: – bei mir schwebt der Geist über dem Wasser… Ein paar Fingerzeige noch aus meiner Moral. Eine starke Mahlzeit ist leichter zu verdauen als eine zu kleine. Dass der Magen als Ganzes in Thätigkeit tritt, erste Voraussetzung einer guten Verdauung. Man muss die Grösse seines Magens kennen. Aus gleichem Grunde sind jene langwierigen Mahlzeiten zu widerrathen, die ich unterbrochne Opferfeste nenne, die an der table d’hôte. – Keine Zwischenmahlzeiten, keinen Café: Café verdüstert. Thee nur morgens zuträglich. Wenig, aber energisch; Thee sehr nachtheilig und den ganzen Tag ankränkelnd, wenn er nur um einen Grad zu schwach ist. Jeder hat hier sein Maass, oft zwischen den engsten und delikatesten Grenzen. In einem sehr agaçanten Klima ist Thee als Anfang unräthlich: man soll eine Stunde vorher eine Tasse dicken entölten Cacao’s den Anfang machen lassen. – So wenig als möglich sitzen; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung, in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern. Alle Vorurtheile kommen aus den Eingeweiden. – Das Sitzfleisch – ich sagte es schon einmal – die eigentliche Sünde wider den heiligen Geist.

2. Mit der Frage der Ernährung ist nächstverwandt die Frage nach Ort und Klima. Es steht Niemandem frei, überall zu leben; und wer grosse Aufgaben zu lösen hat, die seine ganze Kraft herausfordern, hat hier sogar eine sehr enge Wahl. Der klimatische Einfluss auf den Stoffwechsel, seine Hemmung, seine Beschleunigung, geht so weit, dass ein Fehlgriff in Ort und Klima jemanden nicht nur seiner Aufgabe entfremden, sondern ihm dieselbe überhaupt vorenthalten kann: er bekommt sie nie zu Gesicht. Der animalische vigor ist nie gross genug bei ihm geworden, dass jene ins Geistigste überströmende Freiheit erreicht wird, wo jemand erkennt: das kann ich allein … Eine zur schlechten Gewohnheit gewordne noch so kleine Eingeweide-Trägheit genügt vollständig, um aus einem Genie etwas Mittelmässiges, etwas “Deutsches”, zu machen; das deutsche Klima allein ist ausreichend, um starke und selbst heroisch angelegte Eingeweide zu entmuthigen. Das tempo des Stoffwechsels steht in einem genauen Verhältniss zur Beweglichkeit oder Lahmheit der Füsse des Geistes; der “Geist” selbst ist ja nur eine Art dieses Stoffwechsels. Man stelle sich die Orte zusammen, wo es geistreiche Menschen giebt und gab, wo Witz, Raffinement, Bosheit zum Glück gehörten, wo das Genie fast nothwendig sich heimisch machte: sie haben alle eine ausgezeichnet trockne Luft. Paris, die Provence, Florenz, Jerusalem, Athen – diese Namen beweisen Etwas: das Genie ist bedingt durch trockne Luft, durch reinen Himmel, – das heisst durch rapiden Stoffwechsel, durch die Möglichkeit, grosse, selbst ungeheure Mengen Kraft sich immer wieder zuzuführen. Ich habe einen Fall vor Augen, wo ein bedeutend und frei angelegter Geist bloss durch Mangel an Instinkt-Feinheit im Klimatischen eng, verkrochen, Specialist und Sauertopf wurde. Und ich selber hätte zuletzt dieser Fall werden können, gesetzt, dass mich nicht die Krankheit zur Vernunft, zum Nachdenken über die Vernunft in der Realität gezwungen hätte. Jetzt, wo ich die Wirkungen klimatischen und meteorologischen Ursprungs aus langer Übung an mir als an einem sehr feinen und zuverlässigen Instrumente ablese und bei einer kurzen Reise schon, etwa von Turin nach Mailand, den Wechsel in den Graden der Luftfeuchtigkeit physiologisch bei mir nachrechne, denke ich mit Schrecken an die unheimliche Tatsache, dass mein Leben bis auf die letzten 10 Jahre, die lebensgefährlichen Jahre, immer sich nur in falschen und mir geradezu verbotenen Orten abgespielt hat. Naumburg, Schulpforta, Thüringen überhaupt, Leipzig, Basel – ebenso viele Unglücks-Orte für meine Physiologie. Wenn ich überhaupt von meiner ganzen Kindheit und Jugend keine willkommne Erinnerung habe, so wäre es eine Thorheit, hier sogenannte “moralische” Ursachen geltend zu machen, – etwa den unbestreitbaren Mangel an zureichender Gesellschaft: denn dieser Mangel besteht heute wie er immer bestand, ohne dass er mich hinderte, heiter und tapfer zu sein. Sondern die Unwissenheit in physiologicis – der verfluchte “Idealismus” – ist das eigentliche Verhängniss in meinem Leben, das überflüssige und Dumme darin, Etwas, aus dem nichts Gutes gewachsen, für das es keine Ausgleichung, keine Gegenrechnung giebt. Aus den Folgen dieses “Idealismus” erkläre ich mir alle Fehlgriffe, alle grossen Instinkt-Abirrungen und “Bescheidenheiten” abseits der Aufgabe meines Lebens, zum Beispiel, dass ich Philologe wurde – warum zum Mindesten nicht Arzt oder sonst irgend etwas Augen-Aufschliessendes? In meiner Basler Zeit war meine ganze geistige Diät, die Tages-Eintheilung eingerechnet, ein vollkommen sinnloser Missbrauch ausserordentlicher Kräfte, ohne eine irgendwie den Verbrauch deckende Zufuhr von Kräften, ohne ein Nachdenken selbst über Verbrauch und Ersatz. Es fehlte jede feinere Selbstigkeit, jede Obhut eines gebieterischen Instinkts, es war ein Sich-gleichsetzen mit Irgendwem, eine “Selbstlosigkeit”, ein Vergessen seiner Distanz, – Etwas, das ich mir nie verzeihe. Als ich fast am Ende war, dadurch das sich fast am Ende war, wurde ich nachdenklich über diese Grund-Unvernunft meines Lebens – den “Idealismus”. Die Krankheit brachte mich erst zur Vernunft. -

3. Die Wahl in der Ernährung; die Wahl von Klima und Ort; das Dritte, worin man um keinen Preis einen Fehlgriff thun darf, ist die Wahl seiner Art Erholung. Auch hier sind je nach dem Grade, in dem ein Geist sui generis ist, die Grenzen des ihm Erlaubten, das heisst Nützlichen, eng und enger. In meinem Fall gehört alles Lesen zu meinen Erholungen: folglich zu dem, was mich von mir losmacht, was mich in fremden Wissenschaften und Seelen spazieren gehn lässt, – was ich nicht mehr ernst nehme. Lesen erholt mich eben von meinem Ernste. In tief arbeitsamen Zeiten sieht man keine Bücher bei mir: ich würde mich hüten, jemanden in meiner Nähe reden oder gar denken zu lassen. Und das hiesse ja lesen … Hat man eigentlich beobachtet, dass in jener tiefen Spannung, zu der die Schwangerschaft den Geist und im Grunde den ganzen Organismus verurtheilt, der Zufall, jede Art Reiz von aussen her zu vehement wirkt, zu tief “einschlägt”? Man muss dem Zufall, dem Reiz von aussen her so viel als möglich aus dem Wege gehn; eine Art Selbst-Vermauerung gehört zu den ersten Instinkt-Klugheiten der geistigen Schwangerschaft. Werde ich es erlauben, dass ein fremder Gedanke heimlich über die Mauer steigt? – Und das hiesse ja lesen… Auf die Zeiten der Arbeit und Fruchtbarkeit folgt die Zeit der Erholung: heran mit euch, ihr angenehmen, ihr geistreichen, ihr gescheuten Bücher! – Werden es deutsche Bücher sein? … Ich muss ein Halbjahr zurückrechnen, dass ich mich mit einem Buch in der Hand ertappe. Was war es doch? – Eine ausgezeichnete Studie von Victor Brochard, les Sceptiques Grecs, in der auch meine Laertiana gut benutzt sind. Die Skeptiker, der einzige ehrenwerthe Typus unter dem so zwei- bis fünfdeutigen Volk der Philosophen! … Sonst nehme ich meine Zuflucht fast immer zu den selben Büchern, einer kleinen Zahl im Grunde, den gerade für mich bewiesenen Büchern. Es liegt vielleicht nicht in meiner Art, Viel und Vielerlei zu lesen: ein Lesezimmer macht mich krank. Es liegt auch nicht in meiner Art, Viel oder Vielerlei zu lieben. Vorsicht, selbst Feindseligkeit gegen neue Bücher gehört eher schon zu meinem Instinkte, als “Toleranz”, “largeur du coeur” und andre “Nächstenliebe” … Im Grunde ist es eine kleine Anzahl älterer Franzosen zu denen ich immer wieder zurückkehre: ich glaube nur an französische Bildung und halte Alles, was sich sonst in Europa “Bildung” nennt, für Missverständniss, nicht zu reden von der deutschen Bildung … Die wenigen Fälle hoher Bildung, die ich in Deutschland vorfand, waren alle französischer Herkunft, vor Allem Frau Cosima Wagner, bei weitem die erste Stimme in Fragen des Geschmacks, die ich gehört habe… Dass ich Pascal nicht lese, sondern liebe, als das lehrreichste Opfer des Christenthums, langsam hingemordet, erst leiblich, dann psychologisch, die ganze Logik dieser schauderhaftesten Form unmenschlicher Grausamkeit; dass ich Etwas von Montaigne’s Muthwillen im Geiste, wer weiss? vielleicht auch im Leibe habe; dass mein Artisten-Geschmack die Namen Molière, Corneille und Racine nicht ohne Ingrimm gegen ein wüstes Genie wie Shakespeare in Schutz nimmt: das schliesst zuletzt nicht aus, dass mir nicht auch die allerletzten Franzosen eine charmante Gesellschaft wären. Ich sehe durchaus nicht ab, in welchem Jahrhundert der Geschichte man so neugierige und zugleich so delikate Psychologen zusammenfischen könnte, wie im jetzigen Paris: ich nenne versuchsweise – denn ihre Zahl ist gar nicht klein – die Herrn Paul Bourget, Pierre Loti, Gyp, Meilhac, Anatole France, Jules Lemaître, oder um Einen von der starken Rasse hervorzuheben, einen echten Lateiner, dem ich besonders zugethan bin, Guy de Maupassant. Ich ziehe diese Generation, unter uns gesagt, sogar ihren grossen Lehrern vor, die allesammt durch deutsche Philosophie verdorben sind: Herr Taine zum Beispiel durch Hegel, dem er das Missverständniss grosser Menschen und Zeiten verdankt. So weit Deutschland reicht, verdirbt es die Cultur. Der Krieg erst hat den Geist in Frankreich “erlöst” … Stendhal, einer der schönsten Zufälle meines Lebens – denn Alles, was in ihm Epoche macht, hat der Zufall, niemals eine Empfehlung mir zugetrieben – ist ganz unschätzbar mit seinem vorwegnehmenden Psychologen-Auge, mit seinem Thatsachen-Griff, der an die Nähe des grössten Thatsächlichen erinnert (ex ungue Napoleonem -); endlich nicht am Wenigsten als ehrlicher Atheist, eine in Frankreich spärliche und fast kaum auffindbare species, – Prosper Mérimée in Ehren … Vielleicht bin ich selbst auf Stendhal neidisch? Er hat mir den besten Atheisten-Witz weggenommen, den gerade ich hätte machen können: “die einzige Entschuldigung Gottes ist, dass er nicht existirt” … Ich selbst habe irgendwo gesagt: was war der grösste Einwand gegen das Dasein bisher? Gott…

4. Den höchsten Begriff vom Lyriker hat mir Heinrich Heine gegeben. Ich suche umsonst in allen Reichen der Jahrtausende nach einer gleich süssen und leidenschaftlichen Musik. Er besass jene göttliche Bosheit, ohne die ich mir das Vollkommne nicht zu denken vermag, – ich schätze den Werth von Menschen, von Rassen darnach ab, wie nothwendig sie den Gott nicht abgetrennt vom Satyr zu verstehen wissen. – Und wie er das Deutsche handhabt! Man wird einmal sagen, dass Heine und ich bei weitem die ersten Artisten der deutschen Sprache gewesen sind – in einer unausrechenbaren Entfernung von Allem, was blosse Deutsche mit ihr gemacht haben. – Mit Byrons Manfred muss ich tief verwandt sein: ich fand alle diese Abgründe in mir, – mit dreizehn Jahren war ich für dies Werk reif. Ich habe kein Wort, bloss einen Blick für die, welche in Gegenwart des Manfred das Wort Faust auszusprechen wagen. Die Deutschen sind unfähig jedes Begriffs von Grösse: Beweis Schumann. Ich habe eigens, aus Ingrimm gegen diesen süsslichen Sachsen, eine Gegenouvertüre zum Manfred componirt, von der Hans von Bülow sagte, dergleichen habe er nie auf Notenpapier gesehn: das sei Nothzucht an der Euterpe. – Wenn ich meine höchste Formel für Shakespeare suche, so finde ich immer nur die, dass er den Typus Cäsar concipirt hat. Dergleichen erräth man nicht, – man ist es oder man ist es nicht. Der grosse Dichter schöpft nur aus seiner Realität – bis zu dem Grade, dass er hinterdrein sein Werk nicht mehr aushält… Wenn, ich einen Blick in meinen Zarathustra geworfen habe, gehe ich eine halbe Stunde im Zimmer auf und ab, unfähig, über einen unerträglichen Krampf von Schluchzen Herr zu werden. – Ich kenne keine herzzerreissendere Lektüre als Shakespeare: was muss ein Mensch gelitten haben, um dergestalt es nöthig zu haben, Hanswurst zu sein! – Versteht man den Hamlet? Nicht der Zweifel, die Gewissheit ist das, was wahnsinnig macht … Aber dazu muss man tief, Abgrund, Philosoph sein, um so zu fühlen… Wir fürchten uns Alle vor der Wahrheit … Und, dass ich es bekenne: ich bin dessen instinktiv sicher und gewiss, dass Lord Bacon der Urheber, der Selbstthierquäler dieser unheimlichsten Art Litteratur ist: was geht mich das erbarmungswürdige Geschwätz amerikanischer Wirr- und Flachköpfe an? Aber die Kraft zur mächtigsten Realität der Vision ist nicht nur verträglich mit der mächtigsten Kraft zur That, zum Ungeheuren der That, zum Verbrechen sie setzt sie selbst voraus… Wir wissen lange nicht genug von Lord Bacon, dem ersten Realisten in jedem grossen Sinn des Wortes, um zu wissen, was er Alles gethan, was er gewollt, was er mit sich erlebt hat … Und zum Teufel, mein<e> Herrn Kritiker! Gesetzt, ich hätte meinen Zarathustra auf einen fremden Namen getauft, zum Beispiel auf den von Richard Wagner, der Scharfsinn von zwei Jahrtausenden hätte nicht ausgereicht, zu errathen, dass der Verfasser von “Menschliches, Allzumenschliches” der Visionär des Zarathustra ist …

5. Hier, wo ich von den Erholungen meines Lebens rede, habe ich ein Wort nöthig, um meine Dankbarkeit für das auszudrücken, was mich in ihm bei weitem am Tiefsten und Herzlichsten erholt hat. Dies ist ohne allen Zweifel der intimere Verkehr mit Richard Wagner gewesen. Ich lasse den Rest meiner menschlichen Beziehungen billig; ich möchte um keinen Preis die Tage von Tribschen aus meinem Leben weggeben, Tage des Vertrauens, der Heiterkeit, der sublimen Zufälle – der tiefen Augenblicke… Ich weiss nicht, was Andre mit Wagner erlebt haben: über unsern Himmel ist nie eine Wolke hinweggegangen. – Und hiermit komme ich nochmals auf Frankreich zurück, – ich habe keine Gründe, ich habe bloss einen verachtenden Mundwinkel gegen Wagnerianer et hoc genus omne übrig, welche Wagner damit zu ehren glauben, dass sie ihn sich ähnlich finden … So wie ich bin, in meinen tiefsten Instinkten Allem, was deutsch ist, fremd, so dass schon die Nähe eines Deutschen meine Verdauung verzögert, war die erste Berührung mit Wagner auch das erste Aufathmen in meinem Leben: ich empfand, ich verehrte ihn als Ausland, als Gegensatz, als leibhaften Protest gegen alle “deutschen Tugenden” – Wir, die wir in der Sumpfluft der Fünfziger Jahre Kinder gewesen sind, sind mit Nothwendigkeit Pessimisten für den Begriff “deutsch”; wir können gar nichts Anderes sein als Revolutionäre, – wir werden keinen Zustand der Dinge zugeben, wo der Mucker obenauf ist. Es ist mir vollkommen gleichgültig, ob er heute in andren Farben spielt, ob er sich in Scharlach kleidet und Husaren-Uniformen anzieht … Wohlan! Wagner war ein Revolutionär – er lief vor den Deutschen davon … Als Artist hat man keine Heimat in Europa ausser in Paris; die délicatesse in allen fünf Kunstsinnen, die Wagner’s Kunst voraussetzt, die Finger für nuances, die psychologische Morbidität, findet sich nur in Paris. Man hat nirgendswo sonst diese Leidenschaft in Fragen der Form, diesen Ernst in der mise en scène – es ist der Pariser Ernst par excellence. Man hat in Deutschland gar keinen Begriff von der ungeheuren Ambition, die in der Seele eines Pariser Künstlers lebt. Der Deutsche ist gutmüthig – Wagner war durchaus nicht gutmüthig … Aber ich habe schon zur Genüge ausgesprochen (in “Jenseits von Gut und Böse” S. 256 f.), wohin Wagner gehört, in wem er seine Nächstverwandten hat: es ist die französische Spät-Romantik, jene hochfliegende und hoch emporreissende Art von Künstlern wie Delacroix, wie Berlioz, mit einem fond von Krankheit, von Unheilbarkeit im Wesen, lauter Fanatiker des Ausdrucks, Virtuosen durch und durch … Wer war der erste intelligente Anhänger Wagner’s überhaupt? Charles Baudelaire, derselbe, der zuerst Delacroix verstand, jener typische décadent, in dem sich ein ganzes Geschlecht von Artisten wiedererkannt hat – er war vielleicht auch der letzte … Was ich Wagnern nie vergeben habe? Dass er zu den Deutschen condescendirte, – dass er reichsdeutsch wurde… Soweit Deutschland reicht, verdirbt es die Cultur. -

6. Alles erwogen, hätte ich meine Jugend nicht ausgehalten ohne Wagnerische Musik. Denn ich war verurtheilt zu Deutschen. Wenn man von einem unerträglichen Druck loskommen will, so hat man Haschisch nöthig. Wohlan, ich hatte Wagner nöthig. Wagner ist das Gegengift gegen alles Deutsche par excellence, – Gift, ich bestreite es nicht … Von dem Augenblick an, wo es einen Klavierauszug des Tristan gab – mein Compliment, Herr von Bülow! -, war ich Wagnerianer. Die älteren Werke Wagner’s sah ich unter mir – noch zu gemein, zu “deutsch” … Aber ich suche heute noch nach einem Werke von gleich gefährlicher Fascination, von einer gleich schauerlichen und süssen Unendlichkeit, wie der Tristan ist, – ich suche in allen Künsten vergebens. Alle Fremdheiten Lionardo da Vinci’s entzaubern sich beim ersten Tone des Tristan. Dies Werk ist durchaus das non plus ultra Wagner’s; er erholte sich von ihm mit den Meistersingern und dem Ring. Gesünder werden – das ist ein Rückschritt bei einer Natur wie Wagner … Ich nehme es als Glück ersten Rangs, zur rechten Zeit gelebt und gerade unter Deutschen gelebt zu haben, um reif für dies Werk zu sein: so weit geht bei mir die Neugierde des Psychologen. Die Welt ist arm für den, der niemals krank genug für diese “Wollust der Hölle” gewesen ist: es ist erlaubt, es ist fast geboten, hier eine Mystiker-Formel anzuwenden. – Ich denke, ich kenne besser als irgend jemand das Ungeheure, das Wagner vermag, die fünfzig Welten fremder Entzückungen, zu denen Niemand ausser ihm Flügel hatte; und so wie ich bin, stark genug, um mir auch das Fragwürdigste und Gefährlichste noch zum Vortheil zu wenden und damit stärker zu werden, nenne ich Wagner den grossen Wohlthäter meines Lebens. Das, worin wir verwandt sind, dass wir tiefer gelitten haben, auch an einander, als Menschen dieses Jahrhunderts zu leiden vermöchten, wird unsre Namen ewig wieder zusammenbringen; und so gewiss Wagner unter Deutschen bloss ein Missverständniss ist, so gewiss bin ich’s und werde es immer sein. – Zwei Jahrhunderte psychologische und artistische Diciplin zu erst, meine Herrn Germanen! … Aber das holt man nicht nach.

7. Ich sage noch ein Wort für die ausgesuchtesten Ohren: was ich eigentlich von der Musik will. Dass sie heiter und tief ist, wie ein Nachmittag im Oktober. Dass sie eigen, ausgelassen, zärtlich, ein kleines süsses Weib von Niedertracht und Anmuth ist … ich werde nie zulassen, dass ein Deutscher wissen könne, was Musik ist. Was man deutsche Musiker nennt, die grössten voran, sind Ausländer, Slaven, Croaten, Italiäner, Niederländer – oder Juden; im andren Falle Deutsche der starken Rasse, ausgestorbene Deutsche, wie Heinrich Schütz, Bach und Händel. Ich selbst bin immer noch Pole genug, um gegen Chopin den Rest der Musik hinzugeben: ich nehme, aus drei Gründen, Wagner’s Siegfried-Idyll aus, vielleicht auch Liszt, der die vornehmen Orchester-Accente vor allen Musikern voraus hat; zuletzt noch Alles, was jenseits der Alpen gewachsen ist – diesseits… Ich würde Rossini nicht zu missen wissen, noch weniger meinen Süden in der Musik, die Musik meines Venediger maëstro Pietro Gasti. Und wenn ich jenseits der Alpen sage, sage ich eigentlich nur Venedig. Wenn ich ein andres Wort für Musik suche, so finde ich immer nur das Wort Venedig. Ich weiss keinen Unterschied zwischen Thränen und Musik zu machen, ich weiss das Glück, den Süden nicht ohne Schauder von Furchtsamkeit zu denken.

An der Brücke stand
jüngst ich in brauner Nacht.
Fernher kam Gesang:
goldener Tropfen quoll’s
über die zitternde Fläche weg.
Gondeln, Lichter, Musik
trunken schwamm’s in die Dämmrung hinaus…

Meine Seele, ein Saitenspiel,
sang sich, unsichtbar berührt,
heimlich ein Gondellied dazu,
zitternd vor bunter Seligkeit.
- Hörte Jemand ihr zu?

8. In Alledem – in der Wahl von Nahrung, von Ort und Klima, von Erholung – gebietet ein Instinkt der Selbsterhaltung, der sich als Instinkt der Selbstvertheidigung am unzweideutigsten ausspricht. Vieles nicht sehn, nicht hören, nicht an sich herankommen lassen – erste Klugheit, erster Beweis dafür, dass man kein Zufall, sondern eine Necessität ist. Das gangbare Wort für diesen Selbstvertheidigungs-Instinkt ist Geschmack. Sein Imperativ befiehlt nicht nur Nein zu sagen, wo das Ja eine “Selbstlosigkeit” sein würde, sondern auch sowenig als möglich Nein zu sagen. Sich trennen, sich abscheiden von dem, wo immer und immer wieder das Nein nöthig werden würde. Die Vernunft darin ist, dass Defensiv-Ausgaben, selbst noch so kleine, zur Regel, zur Gewohnheit werdend, eine ausserordentliche und vollkommen überflüssige Verarmung bedingen. Unsre grossen Ausgaben sind die häufigsten kleinen. Das Abwehren, das Nicht-heran-kommen-lassen ist eine Ausgabe man täusche sich hierüber nicht -, eine zu negativen Zwecken verschwendete Kraft. Man kann, bloss in der beständigen Noth der Abwehr, schwach genug werden, um sich nicht mehr wehren zu können. – Gesetzt, ich trete aus meinem Haus heraus und fände, statt des stillen und aristokratischen Turin, die deutsche Kleinstadt: mein Instinkt würde sich zu sperren haben, um Alles das zurückzudrängen, was aus dieser plattgedrückten und feigen Welt auf ihn eindringt. Oder ich fände die deutsche Grossstadt, dies gebaute Laster, wo nichts wächst, wo jedwedes Ding, Gutes und Schlimmes, eingeschleppt ist. Müsste ich nicht darüber zum Igel werden? – Aber Stacheln zu haben ist eine Vergeudung, ein doppelter Luxus sogar, wenn es freisteht, keine Stacheln zu haben, sondern offne Hände …

Eine andre Klugheit und Selbstvertheidigung besteht darin, dass man so selten als möglich reagirt und dass man sich Lagen und Bedingungen entzieht, wo man verurtheilt wäre, seine “Freiheit”, seine Initiative gleichsam auszuhängen und ein blosses Reagens zu werden. Ich nehme als Gleichniss den Verkehr mit Büchern. Der Gelehrte, der im Grunde nur noch Bücher “wälzt” – der Philologe mit mässigem Ansatz des Tags ungefähr 200 – verliert zuletzt ganz und gar das Vermögen, von sich aus zu denken. Wälzt er nicht, so denkt er nicht. Er antwortet auf einen Reiz (- einen gelesenen Gedanken), wenn er denkt, – er reagirt zuletzt bloss noch. Der Gelehrte giebt seine ganze Kraft im Ja und Neinsagen, in der Kritik von bereits Gedachtem ab, – er selber denkt nicht mehr … Der Instinkt der Selbstvertheidigung ist bei ihm mürbe geworden; im andren Falle würde er sich gegen Bücher wehren. Der Gelehrte – ein décadent. – Das habe ich mit Augen gesehn: begabte, reich und frei angelegte Naturen schon in den dreissiger Jahren “zu Schanden gelesen”, bloss noch Streichhölzer, die man reiben muss, damit sie Funken – “Gedanken” geben. – Frühmorgens beim Anbruch des Tags, in aller Frische, in der Morgenröthe seiner Kraft, ein Buch lesen – das nenne ich lasterhaft! – -

9. An dieser Stelle ist nicht mehr zu umgehn die eigentliche Antwort auf die Frage, wie man wird, was man ist, zu geben. Und damit berühre ich das Meisterstück in der Kunst der Selbsterhaltung – der Selbstsucht … Angenommen nämlich, dass die Aufgabe, die Bestimmung, das Schicksal der Aufgabe über ein durchschnittliches Maass bedeutend hinausliegt, so würde keine Gefahr grösser als sich selbst mit dieser Aufgabe zu Gesicht zu bekommen. Dass man wird, was man ist, setzt voraus, dass man nicht im Entferntesten ahnt, was man ist. Aus diesem Gesichtspunkte haben selbst die Fehlgriffe des Lebens ihren eignen Sinn und Werth, die zeitweiligen Nebenwege und Abwege, die Verzögerungen, die “Bescheidenheiten”,, der Ernst, auf Aufgaben verschwendet, die jenseits der Aufgabe liegen. Darin kann eine grosse Klugheit, sogar die oberste Klugheit zum Ausdruck <kommen>: wo nosce te ipsum das Recept zum Untergang wäre, wird Sich-Vergessen, Sich-Missverstehn, Sich-Verkleinern, -Verengern, -Vermittelmässigen zur Vernunft selber. Moralisch ausgedrückt: Nächstenliebe, Leben für Andere und Anderes kann die Schutzmassregel zur Erhaltung der härtesten Selbstigkeit sein. Dies ist der Ausnahmefall, in welchem ich, gegen meine Regel und Überzeugung, die Partei der “selbstlosen” Triebe nehme: sie arbeiten hier im Dienste der Selbstsucht, Selbstzucht. – Man muss die ganze Oberfläche des Bewusstseins – Bewusstsein ist eine Oberfläche – rein erhalten von irgend einem der grossen Imperative. Vorsicht selbst vor jedem grossen Worte, jeder grossen Attitüde! Lauter Gefahren, dass der Instinkt zu früh “sich versteht” – - Inzwischen wächst und wächst die organisirende, die zur Herrschaft berufne “Idee” in der Tiefe, – sie beginnt zu befehlen, sie leitet langsam aus Nebenwegen und Abwegen zurück, sie bereitet einzelne Qualitäten und Tüchtigkeiten vor, die einmal als Mittel zum Ganzen sich unentbehrlich erweisen werden, – sie bildet der Reihe nach alle dienenden Vermögen aus, bevor sie irgend Etwas von der dominirenden Aufgabe, von “Ziel”, “Zweck”, “Sinn” verlauten lässt. – Nach dieser Seite hin betrachtet ist mein Leben einfach wundervoll. Zur Aufgabe einer Umwerthung der Werthe waren vielleicht mehr Vermögen nöthig, als je in einem Einzelnen bei einander gewohnt haben, vor Allem auch Gegensätze von Vermögen, ohne dass diese sich stören, zerstören durften. Rangordnung der Vermögen; Distanz; die Kunst zu trennen, ohne zu verfeinden; Nichts vermischen, Nichts “versöhnen”; eine ungeheure Vielheit, die trotzdem das Gegenstück des Chaos ist – dies war die Vorbedingung, die lange geheime Arbeit und Künstlerschaft meines Instinkts. Seine höhere Obhut zeigte sich in dem Maasse stark, dass ich in keinem Falle auch nur geahnt habe, was in mir wächst, – dass alle meine Fähigkeiten plötzlich, reif, in ihrer letzten Vollkommenheit eines Tags hervorsprangen. Es fehlt in meiner Erinnerung, dass ich mich je bemüht hätte, – es ist kein Zug von Ringen in meinem Leben nachweisbar, ich bin der Gegensatz einer heroischen Natur. Etwas “wollen”, nach Etwas “streben”, einen “Zweck”, einen “Wunsch” im Auge haben das kenne ich Alles nicht aus Erfahrung. Noch in diesem Augenblick sehe ich auf meine Zukunft – eine weite Zukunft! wie auf ein glattes Meer hinaus: kein Verlangen kräuselt sich auf ihm. Ich will nicht im Geringsten, dass Etwas anders wird als es ist; ich selber will nicht anders werden. Aber so habe ich immer gelebt. Ich habe keinen Wunsch gehabt. Jemand, der nach seinem vierundvierzigsten Jahre sagen kann, dass er sich nie um Ehren, um Weiber, um Geld bemüht hat! Nicht dass sie mir gefehlt hätten … So war ich zum Beispiel eines Tags Universitätsprofessor, – ich hatte nie im Entferntesten an dergleichen gedacht, denn ich war kaum 24 Jahr alt. So war ich zwei Jahr früher eines Tags Philolog: in dem Sinne, dass meine erste philologische Arbeit, mein Anfang in jedem Sinne, von meinem Lehrer Ritschl für sein “Rheinisches Museum” zum Druck verlangt wurde ( Ritschl – ich sage es mit Verehrung – der einzige geniale Gelehrte, den ich bis heute zu Gesicht bekommen habe. Er besass jene angenehme Verdorbenheit, die uns Thüringer auszeichnet und mit der sogar ein Deutscher sympathisch wird: – wir ziehn selbst, um zur Wahrheit zu gelangen, noch die Schleichwege vor. Ich möchte mit diesen Worten meinen näheren Landsmann, den klugen Leopold von Ranke, durchaus nicht unterschätzt haben…)

10. An dieser Stelle thut eine grosse Besinnung Noth. Man wird mich fragen, warum ich eigentlich alle diese kleinen und nach herkömmlichem Urtheil gleichgültigen Dinge erzählt habe; ich schade mir selbst damit, um so mehr, wenn ich grosse Aufgaben zu vertreten bestimmt sei. Antwort: diese kleinen Dinge Ernährung, Ort, Clima, Erholung, die ganze Casuistik der Selbstsucht – sind über alle Begriffe hinaus wichtiger als Alles, was man bisher wichtig nahm. Hier gerade muss man anfangen, umzulernen. Das, was die Menschheit bisher ernsthaft erwogen hat, sind nicht einmal Realitäten, blosse Einbildungen, strenger geredet, Lügen aus den schlechten Instinkten kranker, im tiefsten Sinne schädlicher Naturen heraus alle die Begriffe “Gott”, “Seele”, “Tugend”, “Sünde”, “Jenseits”, “Wahrheit”, “ewiges Leben”… Aber man hat die Grösse der menschlichen Natur, ihre “Göttlichkeit” in ihnen gesucht … Alle Fragen der Politik, der Gesellschafts-Ordnung, der Erziehung sind dadurch bis in Grund und Boden gefälscht, dass man die schädlichsten Menschen für grosse Menschen nahm, – dass man die “kleinen” Dinge, will sagen die Grundangelegenheiten des Lebens selber verachten lehrte … Unsre jetzige Cultur ist im höchsten Grade zweideutig … Der deutsche Kaiser mit dem Papst paktirend, als ob nicht der Papst der Repräsentant der Todfeindschaft gegen das Leben wäre! … Das, was heute gebaut wird, steht in drei Jahren nicht mehr. – Wenn ich mich darnach messe, was ich kann, nicht davon zu reden, was hinter mir drein kommt, ein Umsturz, ein Aufbau ohne Gleichen, so habe ich mehr als irgend ein Sterblicher den Anspruch auf das Wort Grösse. Vergleiche ich mich nun mit den Menschen, die man bisher als erste Menschen ehrte, so ist der Unterschied handgreiflich. Ich rechne diese angeblich “Ersten” nicht einmal zu den Menschen überhaupt, – sie sind für mich Ausschuss der Menschheit, Ausgeburten von Krankheit und rachsüchtigen Instinkten: sie sind lauter unheilvolle, im Grunde unheilbare Unmenschen, die am Leben Rache nehmen … Ich will dazu der Gegensatz sein: mein Vorrecht ist, die höchste Feinheit für alle Zeichen gesunder Instinkte zu haben. Es fehlt jeder krankhafte Zug an mir; ich bin selbst in Zeiten schwerer Krankheit nicht krankhaft geworden; umsonst, dass man in meinem Wesen einen Zug von Fanatismus sucht. Man wird mir aus keinem Augenblick meines Lebens irgend eine anmaassliche oder pathetische Haltung nachweisen können. Das Pathos der Attitüde gehört nicht zur Grösse; wer Attitüden überhaupt nöthig hat, ist falsch… Vorsicht vor allen pittoresken Menschen! – Das Leben ist mir leicht geworden, am leichtesten, wenn es das Schwerste von mir verlangte. Wer mich in den siebzig Tagen dieses Herbstes gesehn hat, wo ich, ohne Unterbrechung, lauter Sachen ersten Ranges gemacht habe die kein Mensch mir nachmacht – oder vormacht, mit einer Verantwortlichkeit für alle Jahrtausende nach mir, wird keinen Zug von Spannung an mir wahrgenommen haben, um so mehr eine überströmende Frische und Heiterkeit. Ich ass nie mit angenehmeren Gefühlen, ich schlief nie besser. – Ich kenne keine andre Art, mit grossen Aufgaben zu verkehren als das Spiel: dies ist, als Anzeichen der Grösse, eine wesentliche Voraussetzung. Der geringste Zwang, die düstre Miene, irgend ein harter Ton im Halse sind alles Einwände gegen einen Menschen, um wie viel mehr gegen sein Werk! … Man darf keine Nerven haben … Auch an der Einsamkeit leiden ist ein Einwand, – ich habe immer nur an der “Vielsamkeit” gelitten … In einer absurd frühen Zeit, mit sieben Jahren, wusste ich bereits, dass mich nie ein menschliches Wort erreichen würde: hat man mich je darüber betrübt gesehn? – Ich habe heute noch die gleiche Leutseligkeit gegen Jedermann, ich bin selbst voller Auszeichnung für die Niedrigsten: in dem Allen ist nicht ein Gran von Hochmuth, von geheimer Verachtung. Wen ich verachte, der erräth, dass er von mir verachtet wird: ich empöre durch mein blosses Dasein Alles, was schlechtes Blut im Leibe hat … Meine Formel für die Grösse am Menschen ist amor fati: dass man Nichts anders haben will, vorwärts nicht, rückwärts nicht, in alle Ewigkeit nicht. Das Nothwendige nicht bloss ertragen, noch weniger verhehlen – aller Idealismus ist Verlogenheit vor dem Nothwendigen -, sondern es lieben…

Warum ich so gute Bücher schreibe.
1. Das Eine bin ich, das Andre sind meine Schriften. – Hier werde, bevor ich von ihnen selber rede, die Frage nach dem Verstanden- oder Nicht-verstanden-werden dieser Schriften berührt. Ich thue es so nachlässig, als es sich irgendwie schickt: denn diese Frage ist durchaus noch nicht an der Zeit. Ich selber bin noch nicht an der Zeit, Einige werden posthum geboren — Irgend wann wird man Institutionen nöthig haben, in denen man lebt und lehrt, wie ich leben und lehren verstehe; vielleicht selbst, dass man dann auch eigene Lehrstühle zur Interpretation des Zarathustra errichtet. Aber es wäre ein vollkommner Widerspruch zu mir, wenn ich heute bereits Ohren und Hände für meine Wahrheiten erwartete: dass man heute nicht hört, dass man heute nicht von mir zu nehmen weiss, ist nicht nur begreiflich, es scheint mir selbst das Rechte. Ich will nicht verwechselt werden, – dazu gehört, dass ich mich selber nicht verwechsele. – Nochmals gesagt, es ist wenig in meinem Leben nachweisbar von “bösem Willen”; auch von litterarischem “bösen Willen” wüsste ich kaum einen Fall zu erzählen. Dagegen zu viel von reiner Thorheit … Es scheint mir eine der seltensten Auszeichnungen, die Jemand sich erweisen kann, wenn er ein Buch von mir in die Hand nimmt, – ich nehme selbst an, er zieht dazu die Schuhe aus, – nicht von Stiefeln zu reden … Als sich einmal der Doktor Heinrich von Stein ehrlich darüber beklagte, kein Wort aus meinem Zarathustra zu verstehn, sagte ich ihm, das sei in Ordnung: sechs Sätze daraus verstanden, das heisst: erlebt haben, hebe auf eine höhere Stufe der Sterblichen hinauf als “moderne” Menschen erreichen könnten. Wie könnte ich, mit diesem Gefühle der Distanz, auch nur wünschen, von den “Modernen”, die ich kenne -, gelesen zu werden! – Mein Triumph ist gerade der umgekehrte, als der Schopenhauer’s war, – ich sage ” non legor, non legar”. – Nicht, dass ich das Vergnügen unterschätzen möchte, das mir mehrmals die Unschuld im Neinsagen zu meinen Schriften gemacht hat. Noch in diesem Sommer, zu einer Zeit, wo ich vielleicht mit meiner schwerwiegenden, zu schwer wiegenden Litteratur den ganzen Rest von Litteratur aus dem Gleichgewicht zu bringen vermöchte, gab mir ein Professor der Berliner Universität wohlwollend zu verstehn, ich sollte mich doch einer andren Form bedienen: so Etwas lese Niemand. – Zuletzt war es nicht Deutschland, sondern die Schweiz, die die zwei extremen Fälle geliefert hat. Ein Aufsatz des Dr. V. Widmann im “Bund”, über “Jenseits von Gut und Böse”, unter dem Titel “Nietzsche’s gefährliches Buch”, und ein Gesammt-Bericht über meine Bücher überhaupt seitens des Herrn Karl Spitteler, gleichfalls im Bund, sind ein Maximum in meinem Leben – ich hüte mich zu sagen wovon … Letzterer behandelte zum Beispiel meinen Zarathustra als “höhere Stilübung”, mit dem Wunsche, ich möchte später doch auch für Inhalt sorgen; Dr. Widmann drückte mir seine Achtung vor dem Muth aus, mit dem ich mich um Abschaffung aller anständigen Gefühle bemühe. – Durch eine kleine Tücke von Zufall war hier jeder Satz, mit einer Folgerichtigkeit, die ich bewundert habe, eine auf den Kopf gestellte Wahrheit: man hatte im Grunde Nichts zu thun, als alle “Werthe umzuwerthen”, um, auf eine sogar bemerkenswerthe Weise, über mich den Nagel auf den Kopf zu treffen – statt meinen Kopf mit einem Nagel zu treffen … Um so mehr versuche ich eine Erklärung. – Zuletzt kann Niemand aus den Dingen, die Bücher eingerechnet, mehr heraushören, als er bereits weiss. Wofür man vom Erlebnisse her keinen Zugang hat, dafür hat man kein Ohr. Denken wir uns nun einen äussersten Fall, dass ein Buch von lauter Erlebnissen redet, die gänzlich ausserhalb der Möglichkeit einer häufigen oder auch nur seltneren Erfahrung liegen, – dass es die erste Sprache für eine neue Reihe von Erfahrungen ist. In diesem Falle wird einfach Nichts gehört, mit der akustischen Täuschung, dass wo Nichts gehört wird, auch Nichts da ist – . Dies ist zuletzt meine durchschnittliche Erfahrung und, wenn man will, die Originalität meiner Erfahrung. Wer Etwas von mir verstanden zu haben glaubte, hat sich Etwas aus mir zurecht gemacht, nach seinem Bilde, – nicht selten einen Gegensatz von mir, zum Beispiel einen “Idealisten”; wer Nichts von mir verstanden hatte, leugnete, dass ich überhaupt in Betracht käme. – Das Wort “Übermensch” zur Bezeichnung eines Typus höchster Wohlgerathenheit, im Gegensatz zu “modernen” Menschen, zu “guten” Menschen, zu Christen und andren Nihilisten – ein Wort, das im Munde eines Zarathustra, des Vernichters der Moral, ein sehr nachdenkliches Wort wird, ist fast überall mit voller Unschuld im Sinn derjenigen Werthe verstanden worden, deren Gegensatz in der Figur Zarathustra‘s zur Erscheinung gebracht worden ist, will sagen als “idealistischer” Typus einer höheren Art Mensch, halb “Heiliger”, halb “Genie” … Andres gelehrtes Hornvieh hat mich seinethalben des Darwinismus verdächtigt; selbst der von mir so boshaft abgelehnte “Heroen-Cultus”, jenes grossen Falschmünzers wider Wissen und Willen, Carlyle’s, ist darin wiedererkannt worden. Wem ich ins Ohr flüsterte, er solle sich eher noch nach einem Cesare Borgia als nach einem Parsifal umsehn, der traute seinen Ohren nicht. – Dass ich gegen Besprechungen meiner Bücher, in Sonderheit durch Zeitungen, ohne jedwede Neugierde bin, wird man mir verzeihn müssen. Meine Freunde, meine Verleger wissen das und sprechen mir nicht von dergleichen. In einem besondren Falle bekam ich einmal Alles zu Gesicht, was über ein einzelnes Buch – es war “Jenseits von Gut und Böse” – gesündigt worden ist; ich hätte einen artigen Bericht darüber abzustatten. Sollte man es glauben, dass die Nationalzeitung – eine preussische Zeitung, für meine ausländischen Leser bemerkt, ich selbst lese, mit Verlaub, nur das Journal des Débats – allen Ernstes das Buch als ein “Zeichen der Zeit” zu verstehn wusste, als die echte rechte Junker-Philosophie, zu der es der Kreuzzeitung nur an Muth gebreche?

2. Dies war für Deutsche gesagt: denn überall sonst habe ich Leser – lauter ausgesuchte Intelligenzen, bewährte, in hohen Stellungen und Pflichten erzogene Charaktere; ich habe sogar wirkliche Genies unter meinen Lesern. In Wien, in St. Petersburg, in Stockholm, in Kopenhagen, in Paris und New-York – überall bin ich entdeckt: ich bin es nicht in Europa’s Flachland Deutschland … Und, dass ich es bekenne, ich freue mich noch mehr über meine Nicht-Leser, solche, die weder meinen Namen, noch das Wort Philosophie je gehört haben; aber wohin ich komme, hier in Turin zum Beispiel, erheitert und vergütigt sich bei meinem Anblick jedes Gesicht. Was mir bisher am meisten geschmeichelt hat, das ist, dass alte Hökerinnen nicht Ruhe haben, bevor sie mir nicht das Süsseste aus ihren Trauben zusammengesucht haben. Soweit muss man Philosoph sein. – . Man nennt nicht umsonst die Polen die Franzosen unter den Slaven. Eine charmante Russin wird sich nicht einen Augenblick darüber vergreifen, wohin ich gehöre. Es gelingt mir nicht, feierlich zu werden, ich bringe es höchstens bis zur Verlegenheit … Deutsch denken, deutsch fühlen – ich kann Alles, aber das geht über meine Kräfte … Mein alter Lehrer Ritschl behauptete sogar, ich concipirte selbst noch meine philologischen Abhandlungen wie ein Pariser romancier – absurd spannend. In Paris selbst ist man erstaunt über “toutes mes audaces et finesses” – der Ausdruck ist von Monsieur Taine -; ich fürchte, bis in die höchsten Formen des Dithyrambus findet man bei mir von jenem Salze beigemischt, das niemals dumm – “deutsch” – wird, esprit … Ich kann nicht anders. Gott helfe mir! Amen. – Wir wissen Alle, Einige wissen es sogar aus Erfahrung, was ein Langohr ist. Wohlan, ich wage zu behaupten, dass ich die kleinsten Ohren habe. Dies interessirt gar nicht wenig die Weiblein -, es scheint mir, sie fühlen sich besser von mir verstanden? … Ich bin der Antiesel par excellence und damit ein welthistorisches Unthier, – ich bin, auf griechisch, und nicht nur auf griechisch, der Antichrist…

3. Ich kenne einigermassen meine Vorrechte als Schriftsteller; in einzelnen Fällen ist es mir auch bezeugt, wie sehr die Gewöhnung an meine Schriften den Geschmack “verdirbt”. Man hält einfach andre Bücher nicht mehr aus, am wenigsten philosophische. Es ist eine Auszeichnung ohne Gleichen, in diese vornehme und delikate Welt einzutreten, – man darf dazu durchaus kein Deutscher sein; es ist zuletzt eine Auszeichnung, die man sich verdient haben muss. Wer mir aber durch Höhe des Wollens verwandt ist, erlebt dabei wahre Ekstasen des Lernens: denn ich komme aus Höhen, die kein Vogel je erflog, ich kenne Abgründe, in die noch kein Fuss sich verirrt hat. Man hat mir gesagt, es sei nicht möglich, ein Buch von mir aus der Hand zu legen, – ich störte selbst die Nachtruhe … Es giebt durchaus keine stolzere und zugleich raffinirtere Art von Büchern: sie erreichen hier und da das Höchste, was auf Erden erreicht werden kann, den Cynismus; man muss sie sich ebenso mit den zartesten Fingern wie mit den tapfersten Fäusten erobern. Jede Gebrechlichkeit der Seele schliesst aus davon, ein für alle Male, selbst jede Dyspepsie: man muss keine Nerven haben, man muss einen fröhlichen Unterleib haben. Nicht nur die Armut, die Winkel-Luft einer Seele schliesst davon aus, noch viel mehr das Feige, das Unsaubere, das Heimlich-Rachsüchtige in den Eingeweiden: ein Wort von mir treibt alle schlechten Instinkte ins Gesicht. Ich habe an meinen Bekannten mehrere Versuchsthiere, an denen ich mir die verschiedene, sehr lehrreich verschiedene Reaktion auf meine Schriften zu Gemüthe führe. Wer nichts mit ihrem Inhalte zu thun haben will, meine sogenannten Freunde zum Beispiel, wird dabei “unpersönlich”: man wünscht mir Glück, wieder “so weit” zu sein, – auch ergäbe sich ein Fortschritt in einer grösseren Heiterkeit des Tons … Die vollkommen lasterhaften “Geister”, die “schönen Seelen”, die in Grund und Boden Verlognen, wissen schlechterdings nicht, was sie mit diesen Büchern anfangen sollen, – folglich sehn sie dieselben unter sich, die schöne Folgerichtigkeit aller “schönen Seelen”,. Das Hornvieh unter meinen Bekannten, blosse Deutsche, mit Verlaub, giebt zu verstehn, man sei nicht immer meiner Meinung, aber doch mitunter, zum Beispiel … Ich habe dies selbst über den Zarathustra gehört … Insgleichen ist jeder “Femininismus” im Menschen, auch im Manne, ein Thorschluss für mich: man wird niemals in dies Labyrinth verwegener Erkenntnisse eintreten. Man muss sich selbst nie geschont haben, man muss die Härte in seinen Gewohnheiten haben, um unter lauter harten Wahrheiten wohlgemuth und heiter zu sein. Wenn ich mir das Bild eines vollkommnen Lesers ausdenke, so wird immer ein Unthier von Muth und Neugierde daraus, ausserdem noch etwas Biegsames, Listiges, Vorsichtiges, ein geborner Abenteurer und Entdecker. Zuletzt: ich wüsste es nicht besser zu sagen, zu wem ich im Grunde allein rede, als es Zarathustra gesagt hat: wem allein will er sein Räthsel erzählen?

Euch, den kühnen Suchern, Versuchern, und wer je sich mit listigen Segeln auf furchtbare Meere einschiffte, -

euch, den Räthsel-Trunkenen, den Zwielicht-Frohen, deren Seele mit Flöten zu jedem Irrschlunde gelockt wird:

- denn nicht wollt ihr mit feiger Hand einem Faden nachtasten; und wo ihr errathen könnt, da hasst ihr es, zu erschliessen …

4. Ich sage zugleich noch ein allgemeines Wort über meine Kunst des Stils. Einen Zustand, eine innere Spannung von Pathos durch Zeichen, eingerechnet das tempo dieser Zeichen, mitzutheilen – das ist der Sinn jedes Stils; und in Anbetracht, dass die Vielheit innerer Zustände bei mir ausserordentlich ist, giebt es bei mir viele Möglichkeiten des Stils – die vielfachste Kunst des Stils überhaupt, über die je ein Mensch verfügt hat. Gut ist jeder Stil, der einen inneren Zustand wirklich mittheilt, der sich über die Zeichen, über das tempo der Zeichen, über die Gebärden – alle Gesetze der Periode sind Kunst der Gebärde – nicht vergreift. Mein Instinkt ist hier unfehlbar. – Guter Stil an sich – eine reine Thorheit, blosser “Idealismus”, etwa, wie das “Schöne an sich”, wie das “Gute an sich”, wie das “Ding an sich”… Immer noch vorausgesetzt, dass es Ohren giebt – dass es Solche giebt, die eines gleichen Pathos fähig und würdig sind, dass die nicht fehlen, denen man sich mittheilen darf. – Mein Zarathustra zum Beispiel sucht einstweilen noch nach Solchen – ach! er wird noch lange zu suchen haben! – Man muss dessen werth sein, ihn zu hören … Und bis dahin wird es Niemanden geben, der die Kunst, die hier verschwendet worden ist, begreift: es hat nie jemand mehr von neuen, von unerhörten, von wirklich erst dazu geschaffnen Kunstmitteln zu verschwenden gehabt. Dass dergleichen gerade in deutscher Sprache möglich war, blieb zu beweisen: ich selbst hätte es vorher am härtesten abgelehnt. Man weiss vor mir nicht, was man mit der deutschen Sprache kann, – was man überhaupt mit der Sprache kann. – Die Kunst des grossen Rhythmus, der grosse Stil der Periodik zum Ausdruck eines ungeheuren Auf und Nieder von sublimer, von übermenschlicher, Leidenschaft ist erst von mir entdeckt; mit einem Dithyrambus wie dem letzten des dritten Zarathustra, “die sieben Siegel”, überschrieben, flog ich tausend Meilen über das hinaus, was bisher Poesie hiess.

5. Dass aus meinen Schriften ein Psychologe redet, der nicht seines Gleichen hat, das ist vielleicht die erste Einsicht, zu der ein guter Leser gelangt – ein Leser, wie ich ihn verdiene, der mich liest, wie gute alte Philologen ihren Horaz lasen. Die Sätze, über die im Grunde alle Welt einig ist, gar nicht zu reden von den Allerwelts-Philosophen, den Moralisten und andren Hohltöpfen, Kohlköpfen – erscheinen bei mir als Naivetäten des Fehlgriffs: zum Beispiel jener Glaube, dass “unegoistisch” und egoistisch” Gegensätze sind, während das ego selbst bloss ein “höherer Schwindel”, ein “Ideal” ist … Es giebt weder egoistische, noch unegoistische Handlungen: beide Begriffe sind psychologischer Widersinn. Oder der Satz “der Mensch strebt nach Glück” … Oder der Satz “das Glück ist der Lohn der Tugend”… Oder der Satz “Lust und Unlust sind Gegensätze”… Die Circe der Menschheit, die Moral, hat alle psychologica in Grund und Boden gefälscht – vermoralisirt – bis zu jenem schauderhaften Unsinn, dass die Liebe etwas “Unegoistisches” sein soll … Man muss fest auf sich sitzen, man muss tapfer auf seinen beiden Beinen stehn, sonst kann man gar nicht lieben. Das wissen zuletzt die Weiblein nur zu gut: sie machen sich den Teufel was aus selbstlosen, aus bloss objektiven Männern … Darf ich anbei die Vermuthung wagen, dass ich die Weiblein kenne? Das gehört zu meiner dionysischen Mitgift. Wer weiss? vielleicht bin ich der erste Psycholog des Ewig-Weiblichen. Sie lieben mich Alle – eine alte Geschichte: die verunglückten Weiblein abgerechnet, die “Emancipirten”, denen das Zeug zu Kindern abgeht. – Zum Glück bin ich nicht Willens mich zerreissen zu lassen: das vollkommne Weib zerreisst, wenn es liebt … Ich kenne diese liebenswürdigen Mänaden … Ah, was für ein gefährliches, schleichendes, unterirdisches kleines Raubthier! Und so angenehm dabei! … Ein kleines Weib, das seiner Rache nachrennt, würde das Schicksal selbst über den Haufen rennen. – Das Weib ist unsäglich viel böser als der Mann, auch klüger; Güte am Weibe ist schon eine Form der Entartung … Bei allen sogenannten “schönen Seelen” giebt es einen physiologischen Übelstand auf dem Grunde, – ich sage nicht Alles, ich würde sonst medicynisch werden. Der Kampf um gleiche Rechte ist sogar ein Symptom von Krankheit: jeder Arzt weiss das. – Das Weib, je mehr Weib es ist, wehrt sich ja mit Händen und Füssen gegen Rechte überhaupt: der Naturzustand, der ewige Krieg zwischen den Geschlechtern giebt ihm ja bei weitem den ersten Rang. – Hat man Ohren für meine Definition der Liebe gehabt? es ist die einzige, die eines Philosophen würdig ist. Liebe – in ihren Mitteln der Krieg, in ihrem Grunde der Todhass der Geschlechter. – Hat man meine Antwort auf die Frage gehört, wie man ein Weib kurirt – “erlöst”? Man macht ihm ein Kind. Das Weib hat Kinder nöthig, der Mann ist immer nur Mittel: also sprach Zarathustra. – “Emancipation des Weibes” – das ist der Instinkthass des missrathenen, das heisst gebäruntüchtigen Weibes gegen das wohlgerathene, – der Kampf gegen den “Mann” ist immer nur Mittel, Vorwand, Taktik. Sie wollen, indem sie sich hinaufheben, als “Weib an sich”, als “höheres Weib”, als “Idealistin” von Weib, das allgemeine Rang-Niveau des Weibes herunterbringen; kein sichereres Mittel dazu als Gymnasial-Bildung, Hosen und politische Stimmvieh-Rechte. Im Grunde sind die Emancipirten die Anarchisten in der Welt des “Ewig-Weiblichen”, die Schlechtweggekommenen, deren unterster Instinkt Rache ist … Eine ganze Gattung des bösartigsten “Idealismus” – der übrigens auch bei Männern vorkommt, zum Beispiel bei Henrik Ibsen, dieser typischen alten Jungfrau – hat als Ziel das gute Gewissen, die Natur in der Geschlechtsliebe zu vergiften … Und damit ich über meine in diesem Betracht ebenso honnette als strenge Gesinnung keinen Zweifel lasse, will ich noch einen Satz aus meinem Moral-Codex gegen das Laster mittheilen: mit dem Wort Laster bekämpfe ich jede Art Widernatur oder wenn man schöne Worte liebt, Idealismus. Der Satz heisst: “die Predigt der Keuschheit ist eine öffentliche Aufreizung zur Widernatur. Jede Verachtung des geschlechtlichen Lebens, jede Verunreinigung desselben durch den Begriff “unrein” ist das Verbrechen selbst am Leben, – ist die eigentliche Sünde wider den heiligen Geist des Lebens.”

6. Um einen Begriff von mir als Psychologen zu geben, nehme ich ein curioses Stück Psychologie, das in “Jenseits von Gut und Böse” vorkommt, – ich verbiete übrigens jede Muthmassung darüber, wen ich an dieser Stelle beschreibe. “Das Genie des Herzens, wie es jener grosse Verborgene hat, der Versucher-Gott und geborne Rattenfänger der Gewissen, dessen Stimme bis in die Unterwelt jeder Seele hinabzusteigen weiss, welcher nicht ein Wort sagt, nicht einen Blick blickt, in dem nicht eine Rücksicht und Falte der Lockung läge, zu dessen Meisterschaft es gehört, dass er zu scheinen versteht – und nicht das, was er ist, sondern was denen, die ihm folgen, ein Zwang mehr ist, um sich immer näher an ihn zu drängen, um ihm immer innerlicher und gründlicher zu folgen … Das Genie des Herzens, das alles Laute und Selbstgefällige verstummen macht und horchen lehrt, das die rauhen Seelen glättet und ihnen ein neues Verlangen zu kosten giebt, – still zu liegen, wie ein Spiegel, dass sich der tiefe Himmel auf ihnen spiegele … Das Genie des Herzens, das die tölpische und überrasche Hand zögern und zierlicher greifen lehrt; das den verborgenen und vergessenen Schatz, den Tropfen Güte und süsser Geistigkeit unter trübem dickem Eise erräth und eine Wünschelruthe für jedes Korn Goldes ist, welches lange im Kerker vielen Schlammes und Sandes begraben lag … Das Genie des Herzens, von dessen Berührung jeder reicher fortgeht, nicht begnadet und überrascht, nicht wie von fremdem Gute beglückt und bedrückt, sondern reicher an sich selber, sich neuer als zuvor, aufgebrochen, von einem Thauwinde angeweht und ausgehorcht, unsicherer vielleicht, zärtlicher zerbrechlicher zerbrochener, aber voll Hoffnungen, die noch keinen Namen haben, voll neuen Willens und Strömens, voll neuen Unwillens und Zurückströmens … “

Die Geburt der Tragödie.
1. Um gegen die “Geburt der Tragödie” (1872) gerecht zu sein, wird man Einiges vergessen müssen. Sie hat mit dem gewirkt und selbst fascinirt, was an ihr verfehlt war – mit ihrer Nutzanwendung auf die Wagnerei, als ob dieselbe ein Aufgangs-Symptom sei. Diese Schrift war eben damit im Leben Wagner’s ein Ereigniss: von da an gab es erst grosse Hoffnungen bei dem Namen Wagner. Noch heute erinnert man mich daran, unter Umständen mitten aus dem Parsifal heraus: wie ich es eigentlich auf dem Gewissen habe, dass eine so hohe Meinung über den Cultur-Werth dieser Bewegung obenauf gekommen sei . – Ich fand die Schrift mehrmals citirt als “die Wiedergeburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik”: man hat nur Ohren für eine neue Formel der Kunst, der Absicht, der Aufgabe Wagner’s gehabt, – darüber wurde überhört, was die Schrift im Grunde Werthvolles barg. “Griechenthum und Pessimismus”: das wäre ein unzweideutigerer Titel gewesen: nämlich als erste Belehrung darüber, wie die Griechen fertig wurden mit dem Pessimismus, – womit sie ihn überwanden… Die Tragödie gerade ist der Beweis dafür, dass die Griechen keine Pessimisten waren: Schopenhauer vergriff sich hier, wie er sich in Allem vergriffen hat. – Mit einiger Neutralität in die Hand genommen, sieht die “Geburt der Tragödie” sehr unzeitgemäss aus: man würde sich nicht träumen lassen, dass sie unter den Donnern der Schlacht bei Wörth begonnen wurde. Ich habe diese Probleme vor den Mauern von Metz, in kalten September-Nächten, mitten im Dienste der Krankenpflege, durchgedacht; man könnte eher schon glauben, dass die Schrift fünfzig Jahre älter sei. Sie ist politisch indifferent, – “undeutsch”, wird man heute sagen – sie riecht anstössig Hegelisch, sie ist nur in einigen Formeln mit dem Leichenbitter-parfum Schopenhauer’s behaftet. Eine “Idee” – der Gegensatz dionysisch und apollinisch – ins Metaphysische übersetzt; die Geschichte selbst als die Entwicklung dieser “Idee”; in der Tragödie der Gegensatz zur Einheit aufgehoben; unter dieser Optik Dinge, die noch nie einander ins Gesicht gesehn hatten, plötzlich gegenüber gestellt, aus einander beleuchtet und begriffen… Die Oper zum Beispiel und die Revolution. – . Die zwei entscheidenden Neuerungen des Buchs sind einmal das Verständniss des dionysischen Phänomens bei den Griechen: es giebt dessen erste Psychologie, es sieht in ihm die Eine Wurzel der ganzen griechischen Kunst. Das Andre ist das Verständniss des Sokratismus: Sokrates als Werkzeug der griechischen Auflösung, als typischer décadent zum ersten Male erkannt. “Vernünftigkeit”, gegen Instinkt. Die “Vernünftigkeit” um jeden Preis als gefährliche, als leben-untergrabende Gewalt! – Tiefes feindseliges Schweigen über das Christenthum im ganzen Buche. Es ist weder apollinisch, noch dionysisch; es negirt alle ästhetischen Werthe – die einzigen Werthe, die die “Geburt der Tragödie” anerkennt: es ist im tiefsten Sinne nihilistisch, während im dionysischen Symbol die äusserste Grenze der Bejahung erreicht ist. Einmal wird auf die christlichen Priester wie auf eine “tückische Art von Zwergen”, von “Unterirdischen” angespielt …

2. Dieser Anfang ist über alle Maassen merkwürdig. Ich hatte zu meiner innersten Erfahrung das einzige Gleichniss und Seitenstück, das die Geschichte hat, entdeckt, – ich hatte ebendamit das wundervolle Phänomen des Dionysischen als der Erste begriffen. Insgleichen war damit, dass ich Sokrates als décadent erkannte, ein völlig unzweideutiger Beweis dafür gegeben, wie wenig die Sicherheit meines psychologischen Griffs von Seiten irgend einer Moral-Idiosynkrasie Gefahr laufen werde: – die Moral selbst als décadence-Symptom ist eine Neuerung, eine Einzigkeit ersten Rangs in der Geschichte der Erkenntniss. Wie hoch war ich mit Beidem über das erbärmliche Flachkopf-Geschwätz von Optimismus contra Pessimismus hinweggesprungen! – Ich sah zuerst den eigentlichen Gegensatz: – den entartenden Instinkt, der sich gegen das Leben mit unterirdischer Rachsucht wendet (- Christenthum, die Philosophie Schopenhauers, in gewissem Sinne schon die Philosophie Platos, der ganze Idealismus als typische Formen) und eine aus der Fülle, der Überfülle geborene Formel der höchsten Bejahung, ein Jasagen ohne Vorbehalt, zum Leiden selbst, zur Schuld selbst, zu allem Fragwürdigen und Fremden des Daseins selbst … Dieses letzte, freudigste, überschwänglich-übermüthigste Ja zum Leben ist nicht nur die höchste Einsicht, es ist auch die tiefste, die von Wahrheit und Wissenschaft am strengsten bestätigte und aufrecht erhaltene. Es ist Nichts, was ist, abzurechnen, es ist Nichts entbehrlich – die von den Christen und andren Nihilisten abgelehnten Seiten des Daseins sind sogar von unendlich höherer Ordnung in der Rangordnung der Werthe als das, was der Décadence-Instinkt gutheissen, gutheissen durfte. Dies zu begreifen, dazu gehört Muth und, als dessen Bedingung, ein Überschuss von Kraft: denn genau so weit als der Muth sich vorwärts wagen darf, genau nach dem Maass von Kraft nähert man sich der Wahrheit. Die Erkenntniss, das Jasagen zur Realität ist für den Starken eine ebensolche Nothwendigkeit als für den Schwachen, unter der Inspiration der Schwäche, die Feigheit und Flucht vor der Realität – das “Ideal” … Es steht ihnen nicht frei, zu erkennen: die décadents haben die Lüge nöthig, sie ist eine ihrer Erhaltungs-Bedingungen. – Wer das Wort “Dionysisch” nicht nur begreift, sondern sich in dem Wort “dionysisch” begreift, hat keine Widerlegung Platos oder des Christenthums oder Schopenhauers nöthig – er riecht die Verwesung …

3. In wiefern ich ebendamit den Begriff “tragisch”, die endliche Erkenntniss darüber, was die Psychologie der Tragödie ist, gefunden hatte, habe ich zuletzt noch in der Götzen-Dämmerung Seite 139 zum Ausdruck gebracht. “Das Jasagen zum Leben selbst noch in seinen fremdesten und härtesten Problemen; der Wille zum Leben im Opfer seiner höchsten Typen der eignen Unerschöpflichkeit frohwerdend – das nannte ich dionysisch, das verstand ich als Brücke zur Psychologie des tragischen Dichters. Nicht um von Schrecken und Mitleiden loszukommen, nicht um sich von einem gefährlichen Affekt durch eine vehemente Entladung zu reinigen so missverstand es Aristoteles: sondern um, über Schrecken und Mitleiden hinaus, die ewige Lust des Werdens selbst Zusein, jene Lust, die auch noch die Lust am Vernichten in sich schliesst.. .” In diesem Sinne habe ich das Recht, mich selber als den ersten tragischen Philosophen zu verstehn – das heisst den äussersten Gegensatz und Antipoden eines pessimistischen Philosophen. Vor mir giebt es diese Umsetzung des Dionysischen in ein philosophisches Pathos nicht: es fehlt die tragische Weisheit, – ich habe vergebens nach Anzeichen davon selbst bei den grossen Griechen der Philosophie, denen der zwei Jahrhunderte vor Sokrates, gesucht. Ein Zweifel blieb mir zurück bei Heraklit, in dessen Nähe überhaupt mir wärmer, mir wohler zu Muthe wird als irgendwo sonst. Die Bejahung des Vergehens und Vernichtens, das Entscheidende in einer dionysischen Philosophie, das Jasagen zu Gegensatz und Krieg, das Wer den, mit radikaler Ablehnung auch selbst des Begriffs “Sein” – darin muss ich unter allen Umständen das mir Verwandteste anerkennen, was bisher gedacht worden ist. Die Lehre von der “ewigen Wiederkunft”, das heisst vom unbedingten und unendlich wiederholten Kreislauf aller Dinge – diese Lehre Zarathustra’s könnte zuletzt auch schon von Heraklit gelehrt worden sein. Zum Mindesten hat die Stoa, die fast alle ihre grundsätzlichen Vorstellungen von Heraklit geerbt hat, Spuren davon.

4. Aus dieser Schrift redet eine ungeheure Hoffnung. Zuletzt fehlt mir jeder Grund, die Hoffnung auf eine dionysische Zukunft der Musik zurückzunehmen. Werfen wir einen Blick ein Jahrhundert voraus, setzen wir den Fall, dass mein Attentat auf zwei Jahrtausende Widernatur und Menschenschändung gelingt. Jene neue Partei des Lebens, welche die grösste aller Aufgaben, die Höherzüchtung der Menschheit in die Hände nimmt, eingerechnet die schonungslose Vernichtung alles Entartenden und Parasitischen, wird jenes Zuviel von Leben auf Erden wieder möglich machen, aus dem auch der dionysische Zustand wieder erwachsen muss. Ich verspreche ein tragisches Zeitalter: die höchste Kunst im Jasagen zum Leben, die Tragödie, wird wiedergeboren werden, wenn die Menschheit das Bewusstsein der härtesten, aber nothwendigsten Kriege hinter sich hat, ohne daran zu leiden … Ein Psychologe dürfte noch hinzufügen, dass was ich in jungen Jahren bei Wagnerischer Musik gehört habe, Nichts überhaupt mit Wagner zu thun hat; dass wenn ich die dionysische Musik beschrieb, ich das beschrieb, was ich gehört hatte, – dass ich instinktiv Alles in den neuen Geist übersetzen und transfiguriren musste, den ich in mir trug. Der Beweis dafür, so stark als nur ein Beweis sein kann, ist meine Schrift “Wagner in Bayreuth”: an allen psychologisch entscheidenden Stellen ist nur von mir die Rede, man darf rücksichtslos meinen Namen oder das Wort “Zarathustra” hinstellen, wo der Text das Wort Wagner giebt. Das ganze Bild des dithyrambischen Künstlers ist das Bild des präexistenten Dichters des Zarathustra, mit abgründlicher Tiefe hingezeichnet und ohne einen Augenblick die Wagnersche Realität auch nur zu berühren. Wagner selbst hatte einen Begriff davon; er erkannte sich in der Schrift nicht wieder. – Insgleichen hatte sich “der Gedanke von Bayreuth” in Etwas verwandelt, das den Kennern meines Zarathustra kein Räthsel-Begriff sein wird: in jenen grossen Mittag, wo sich die Auserwähltesten zur grössten aller Aufgaben weihen – wer weiss? die Vision eines Festes, das ich noch erleben werde … Das Pathos der ersten Seiten ist welthistorisch; der Blick, von dem auf der siebenten Seite die Rede ist, ist der eigentliche Zarathustra-Blick; Wagner, Bayreuth, die ganze kleine deutsche Erbärmlichkeit ist eine Wolke, in der eine unendliche fata morgana der Zukunft sich spiegelt. Selbst psychologisch sind alle entscheidenden Züge meiner eignen Natur in die Wagners eingetragen das Nebeneinander der lichtesten und verhängnissvollsten Kräfte, der Wille zur Macht, wie ihn nie ein Mensch besessen hat, die rücksichtslose Tapferkeit im Geistigen, die unbegrenzte Kraft zu lernen, ohne dass der Wille zur That damit erdrückt würde. Es ist Alles an dieser Schrift vorherverkündend: die Nähe der Wiederkunft des griechischen Geistes, die Nothwendigkeit von Gegen-Alexandern, welche den gordischen Knoten der griechischen Cultur wieder binden, nachdem er gelöst war … Man höre den welthistorischen Accent, mit dem auf Seite 30 der Begriff “tragische Gesinnung” eingeführt wird: es sind lauter welthistorische Accente in dieser Schrift. Dies ist die fremdartigste “Objektivität”, die es geben kann: die absolute Gewissheit darüber, was ich bin, projicirte sich auf irgend eine zufällige Realität, – die Wahrheit über mich redete aus einer schauervollen Tiefe. Auf Seite 71 wird der Stil des Zarathustra mit einschneidender Sicherheit beschrieben und vorweggenommen; und niemals wird man einen grossartigeren Ausdruck für das Ereigniss Zarathustra, den Akt einer ungeheuren Reinigung und Weihung der Menschheit, finden, als er in den Seiten 43-46 gefunden ist. -

Die Unzeitgemässen.
1. Die vier Unzeitgemässen sind durchaus kriegerisch. Sie beweisen, dass ich kein “Hans der Träumer” war, dass es mir Vergnügen macht, den Degen zu ziehn, – vielleicht auch, dass ich das Handgelenk gefährlich frei habe. Der erste Angriff (1873) galt der deutschen Bildung, auf die ich damals schon mit schonungsloser Verachtung hinabblickte. Ohne Sinn, ohne Substanz, ohne Ziel: eine blosse “öffentliche Meinung”. Kein bösartigeres Missverständniss als zu glauben, der grosse Waffen-Erfolg der Deutschen beweise irgend Etwas zu Gunsten dieser Bildung – oder gar ihren Sieg über Frankreich … Die zweite Unzeitgemässe (1874) bringt das Gefährliche, das Leben-Annagende und -Vergiftende in unsrer Art des Wissenschafts-Betriebs an’s Licht -: das Leben krank an diesem entmenschten Räderwerk und Mechanismus, an der ” Unpersönlichkeit” des Arbeiters, an der falschen Ökonomie der “Theilung der Arbeit”. Der Zweck geht verloren, die Cultur: – das Mittel, der moderne Wissenschafts-Betrieb, barbarisirt… In dieser Abhandlung wurde der “historische Sinn”, auf den dies Jahrhundert stolz ist, zum ersten Mal als Krankheit erkannt, als typisches Zeichen des Verfalls. – In der dritten und vierten Unzeitgemässen werden, als Fingerzeige zu einem höheren Begriff der Cultur, zur Wiederherstellung des Begriffs “Cultur”, zwei Bilder der härtesten Selbstsucht, Selbstzucht dagegen aufgestellt, unzeitgemässe Typen par excellence, voll souverainer Verachtung gegen Alles, was um sie herum “Reich”, “Bildung”, “Christenthum”, “Bismarck”, “Erfolg” hiess, – Schopenhauer und Wagner oder, mit Einem Wort, Nietzsche …

2. Von diesen vier Attentaten hatte das erste einen ausserordentlichen Erfolg. Der Lärm, den es hervorrief, war in jedem Sinne prachtvoll. Ich hatte einer siegreichen Nation an ihre wunde Stelle gerührt, – dass ihr Sieg nicht ein Cultur-Ereigniss sei, sondern vielleicht, vielleicht etwas ganz Anderes… Die Antwort kam von allen Seiten und durchaus nicht bloss von den alten Freunden David Straussens, den ich als Typus eines deutschen Bildungsphilisters und satisfait, kurz als Verfasser seines Bierbank-Evangeliums vom “alten und neuen Glauben” lächerlich gemacht hatte (- das Wort Bildungsphilister ist von meiner Schrift her in der Sprache übrig geblieben). Diese alten Freunde, denen ich als Würtembergern und Schwaben einen tiefen Stich versetzt hatte, als ich ihr Wunderthier, ihren Strauss komisch fand, antworteten so bieder und grob, als ich’s irgendwie wünschen konnte; – die preussischen Entgegnungen waren klüger, – sie hatten mehr “Berliner Blau” in sich. Das Unanständigste leistete ein Leipziger Blatt, die berüchtigten “Grenzboten”; ich hatte mühe, die entrüsteten Basler von Schritten abzuhalten. Unbedingt für mich entschieden sich nur einige alte Herrn, aus gemischten und zum Theil unausfindlichen Gründen. Darunter Ewald in Göttingen, der zu verstehn gab, mein Attentat sei für Strauss tödtlich abgelaufen. Insgleichen der alte Hegelianer Bruno Bauer, an dem ich von da an einen meiner aufmerksamsten Leser gehabt habe. Er liebte es, in seinen letzten Jahren, auf mich zu verweisen, zum Beispiel Herrn von Treitschke, dem preussischen Historiographen, einen Wink zu geben, bei wem er sich Auskunft über den ihm verloren gegangnen Begriff “Cultur” holen könne. Das Nachdenklichste, auch das Längste über die Schrift und ihren Autor wurde von einem alten Schüler des Philosophen von Baader gesagt, einem Professor Hoffmann in Würzburg. Er sah aus der Schrift eine grosse Bestimmung für mich voraus, – eine Art Krisis und höchste Entscheidung im Problem des Atheismus herbeizuführen, als dessen instinktivsten und rücksichtslosesten Typus er mich errieth. Der Atheismus war das, was mich zu Schopenhauer führte. – Bei weitem am besten gehört, am bittersten empfunden wurde eine ausserordentlich starke und tapfere Fürsprache des sonst so milden Karl Hillebrand, dieses letzten humanen Deutschen, der die Feder zu führen wusste. Man las seinen Aufsatz in der “Augsburger Zeitung”; man kann ihn heute, in einer etwas vorsichtigeren Form, in seinen gesammelten Schriften lesen. Hier war die Schrift als Ereigniss, Wendepunkt, erste Selbstbesinnung, allerbestes Zeichen dargestellt, als eine wirkliche Wiederkehr des deutschen Ernstes und der deutschen Leidenschaft in geistigen Dingen. Hillebrand war voll hoher Auszeichnung für die Form der Schrift, für ihren reifen Geschmack, für ihren vollkommnen Takt in der Unterscheidung von Person und Sache: er zeichnete sie als die beste polemische Schrift aus, die deutsch geschrieben sei, – in der gerade für Deutsche so gefährlichen, so widerrathbaren Kunst der Polemik. Unbedingt jasagend, mich sogar in dem verschärfend, was ich über die Sprach-Verlumpung in Deutschland zu sagen gewagt hatte (- heute spielen sie die Puristen und können keinen Satz mehr bauen -), in gleicher Verachtung gegen die “ersten Schriftsteller” dieser Nation, endete er damit, seine Bewunderung für meinen Muth auszudrücken – jenen “höchsten Muth, der gerade die Lieblinge eines Volks auf die Anklagebank bringt”.. . Die Nachwirkung dieser Schrift ist geradezu unschätzbar in meinem Leben. Niemand hat bisher mit mir Händel gesucht. Man schweigt, man behandelt mich in Deutschland mit einer düstern Vorsicht: ich habe seit Jahren von einer unbedingten Redefreiheit Gebrauch gemacht, zu der Niemand heute, am wenigsten im “Reich”, die Hand frei genug hat. Mein Paradies ist “unter dem Schatten meines Schwertes” … Im Grunde hatte ich eine Maxime Stendhals prakticirt: er räth an, seinen Eintritt in die Gesellschaft mit einem Duell zu machen. Und wie ich mir meinen Gegner gewählt hatte! den ersten deutschen Freigeist! … In der That, eine ganz neue Art Freigeisterei kam damit zum ersten Ausdruck: bis heute ist mir Nichts fremder und unverwandter als die ganze europäische und amerikanische Species von “libres penseurs”. Mit ihnen als mit unverbesserlichen Flachköpfen und Hanswürsten der “modernen Ideen” befinde ich mich sogar in einem tieferen Zwiespalt als mit Irgendwem von ihren Gegnern. Sie wollen auch, auf ihre Art, die Menschheit “verbessern”, nach ihrem Bilde, sie würden gegen das, was ich bin, was ich will, einen unversöhnlichen Krieg machen, gesetzt dass sie es verstünden, – sie glauben allesammt noch ans “Ideal” … Ich bin der erste Immoralist

3. Dass die mit den Namen Schopenhauer und Wagner abgezeichneten Unzeitgemässen sonderlich zum Verständniss oder auch nur zur psychologischen Fragestellung beider Fälle dienen könnten, möchte ich nicht behaupten, Einzelnes, wie billig, ausgenommen. So wird zum Beispiel mit tiefer Instinkt-Sicherheit bereits hier das Elementarische in der Natur Wagners als eine Schauspieler-Begabung bezeichnet, die in seinen Mitteln und Absichten nur ihre Folgerungen zieht. Im Grunde wollte ich mit diesen Schriften Etwas ganz Andres als Psychologie treiben: – ein Problem der Erziehung ohne Gleichen, ein neuer Begriff der Selbst-Zucht, Selbst-Vertheidigung bis zur Härte, ein Weg zur Grösse und zu welthistorischen Aufgaben verlangte nach seinem ersten Ausdruck. Ins Grosse gerechnet nahm ich zwei berühmte und ganz und <gar> noch unfestgestellte Typen beim Schopf, wie man eine Gelegenheit beim Schopf nimmt, um Etwas auszusprechen, um ein Paar Formeln, Zeichen, Sprachmittel mehr in der Hand zu haben. Dies ist zuletzt, mit vollkommen unheimlicher Sagacität, auf S. 93 der dritten Unzeitgemässen auch angedeutet. Dergestalt hat sich Plato des Sokrates bedient, als einer Semiotik für Plato. – Jetzt, wo ich aus einiger Ferne auf jene Zustände zurückblicke, deren Zeugniss diese Schriften sind, möchte ich nicht verleugnen, dass sie im Grunde bloss von mir reden. Die Schrift “Wagner in Bayreuth” ist eine Vision meiner Zukunft; dagegen ist in “Schopenhauer als Erzieher” meine innerste Geschichte, mein Werden eingeschrieben. Vor Allem mein Gelöbniss! … Was ich heute bin, wo ich heute bin – in einer Höhe, wo ich nicht mehr Mit Worten, sondern mit Blitzen rede -, oh wie fern davon war ich damals noch! – Aber ich sah das Land, – ich betrog mich nicht einen Augenblick über Weg, Meer, Gefahr – und Erfolg! Die grosse Ruhe im Versprechen, dies glückliche Hinausschaun in eine Zukunft, welche nicht nur eine Verheissung bleiben soll! – Hier ist jedes Wort erlebt, tief, innerlich; es fehlt nicht am Schmerzlichsten, es sind Worte darin, die geradezu blutrünstig sind. Aber ein Wind der grossen Freiheit bläst über Alles weg; die Wunde selbst wirkt nicht als Einwand. – Wie ich den Philosophen verstehe, als einen furchtbaren Explosionsstoff, vor dem Alles in Gefahr ist, wie ich meinen Begriff “Philosoph” meilenweit abtrenne von einem Begriff, der sogar noch einen Kant in sich schliesst, nicht zu reden von den akademischen “Wiederkäuern” und andren Professoren der Philosophie: darüber giebt diese Schrift eine unschätzbare Belehrung, zugegeben selbst, dass hier im Grunde nicht “Schopenhauer als Erzieher”, sondern sein Gegensatz, “Nietzsche als Erzieher”, zu Worte kommt. – In Anbetracht, dass damals mein Handwerk das eines Gelehrten war, und, vielleicht auch, dass ich mein Handwerk verstand, ist ein herbes Stück Psychologie des Gelehrten nicht ohne Bedeutung, das in dieser Schrift plötzlich zum Vorschein kommt: es drückt das Distanz-Gefühl aus, die tiefe Sicherheit darüber, was bei mir Aufgabe, was bloss Mittel, Zwischenakt und Nebenwerk sein kann. Es ist meine Klugheit, Vieles und vielerorts gewesen zu sein, um Eins werden zu können, – um zu Einem kommen zu können. Ich musste eine Zeit lang auch Gelehrter sein. -

Menschliches, Allzumenschliches.
Mit zwei Fortsetzungen.

1. “Menschliches, Allzumenschliches” ist das Denkmal einer Krisis. Es heisst sich ein Buch für freie Geister: fast jeder Satz darin drückt einen Sieg aus – ich habe mich mit demselben vom Unzugehörigen in meiner Natur freigemacht. Unzugehörig ist mir der Idealismus: der Titel sagt “wo ihr ideale Dinge seht, sehe ich – Menschliches, ach nur Allzumenschliches!” … Ich kenne den Menschen besser… – In keinem andren Sinne will das Wort “freier Geist” hier verstanden werden: ein frei gewordner Geist, der von sich selber wieder Besitz ergriffen hat. Der Ton, der Stimmklang hat sich völlig verändert: man wird das Buch klug, kühl, unter Umständen hart und spöttisch finden. Eine gewisse Geistigkeit vornehmen Geschmacks scheint sich beständig gegen eine leidenschaftlichere Strömung auf dem Grunde obenauf zu halten. In diesem Zusammenhang hat es Sinn, dass es eigentlich die hundertjährige Todesfeier Voltaire’s ist, womit sich die Herausgabe des Buchs schon für das Jahr 1878 gleichsam entschuldigt. Denn Voltaire ist, im Gegensatz zu allem, was nach ihm schrieb, vor allem ein grandseigneur des Geistes: genau das, was ich auch bin. – Der Name Voltaire auf einer Schrift von mir – das war wirklich ein Fortschritt – zu mir … Sieht man genauer zu, so entdeckt man einen unbarmherzigen Geist, der alle Schlupfwinkel kennt, wo das Ideal heimisch ist, – wo es seine Burgverliesse und gleichsam seine letzte Sicherheit hat. Eine Fackel in den Händen, die durchaus kein “fackelndes” Licht giebt, mit einer schneidenden Helle wird in diese Unterwelt des Ideals hineingeleuchtet. Es ist der Krieg, aber der Krieg ohne Pulver und Dampf, ohne kriegerische Attitüden, ohne Pathos und verrenkte Gliedmaassen – dies Alles selbst wäre noch “Idealismus”. Ein Irrthum nach dem andern wird gelassen aufs Eis gelegt, das Ideal wird nicht widerlegt – es erfriert… Hier zum Beispiel erfriert “das Genie”; eine Ecke weiter erfriert “der Heilige”; unter einem dicken Eiszapfen erfriert “der Held”; am Schluss erfriert “der Glaube”, die sogenannte “Überzeugung”, auch das “Mitleiden” kühlt sich bedeutend ab – fast überall erfriert “das Ding an sich” …

2. Die Anfänge dieses Buchs gehören mitten in die Wochen der ersten Bayreuther Festspiele hinein; eine tiefe Fremdheit gegen Alles, was mich dort umgab, ist eine seiner Voraussetzungen. Wer einen Begriff davon hat, was für Visionen mir schon damals über den Weg gelaufen waren, kann errathen, wie mir zu Muthe war, als ich eines Tags in Bayreuth aufwachte. Ganz als ob ich träumte … Wo war ich doch? Ich erkannte Nichts wieder, ich erkannte kaum Wagner wieder. Umsonst blätterte ich in meinen Erinnerungen. Tribschen – eine ferne Insel der Glückseligen: kein Schatten von Ähnlichkeit. Die unvergleichlichen Tage der Grundsteinlegung, die kleine zugehörige Gesellschaft, die sie feierte und der man nicht erst Finger für zarte Dinge zu wünschen hatte: kein Schatten von Ähnlichkeit. Was war geschehn? – Man hatte Wagner ins Deutsche übersetzt! Der Wagnerianer war Herr über Wagner geworden! – Die deutsche Kunst! der deutsche Meister! das deutsche Bier! … Wir Andern, die wir nur zu gut wissen, zu was für raffinirten Artisten, zu welchem Cosmopolitismus des Geschmacks Wagners Kunst allein redet, waren ausser uns, Wagnern mit deutschen “Tugenden” behängt wiederzufinden. – Ich denke, ich kenne den Wagnerianer, ich habe drei Generationen “erlebt”, vom seligen Brendel an, der Wagner mit Hegel verwechselte, bis zu den “Idealisten” der Bayreuther Blätter, die Wagner mit sich selbst verwechseln, – ich habe alle Art Bekenntnisse “schöner Seelen” über Wagner gehört. Ein Königreich für Ein gescheidtes Wort! – In Wahrheit, eine haarsträubende Gesellschaft! Nohl, Pohl, Kohl mit Grazie in infinitum! Keine Missgeburt fehlt darunter, nicht einmal der Antisemit. – Der arme Wagner! Wohin war er gerathen! – Wäre er doch wenigstens unter die Säue gefahren! Aber unter Deutsche! … Zuletzt sollte man, zur Belehrung der Nachwelt, einen echten Bayreuther ausstopfen, besser noch in Spiritus setzen, denn an Spiritus fehlt es -, mit der Unterschrift: so sah der “Geist” aus, auf den hin man das “Reich” gründete … Genug, ich reiste mitten drin für ein paar Wochen ab, sehr plötzlich, trotzdem dass eine charmante Pariserin mich zu trösten suchte; ich entschuldigte mich bei Wagner bloss mit einem fatalistischen Telegramm. In einem tief in Wäldern verborgnen Ort des Böhmerwalds, Klingenbrunn, trug ich meine Melancholie und Deutschen-Verachtung wie eine Krankheit mit mir herum und schrieb von Zeit zu Zeit, unter dem Gesammttitel “die Pflugschar”, einen Satz in mein Taschenbuch, lauter harte Psychologica, die sich vielleicht in “Menschliches, Allzumenschliches” noch wiederfinden lassen.

3. Was sich damals bei mir entschied, war nicht etwa ein Bruch mit Wagner – ich empfand eine Gesammt-Abirrung meines Instinkts, von der der einzelne Fehlgriff, heisse er nun Wagner oder Basler Professur, bloss ein Zeichen war. Eine Ungeduld mit mir überfiel mich; ich sah ein, dass es die höchste Zeit war, mich auf mich zurückzubesinnen. Mit Einem Male war mir auf eine schreckliche Weise klar, wie viel Zeit bereits verschwendet sei, – wie nutzlos, wie willkürlich sich meine ganze Philologen-Existenz an meiner Aufgabe ausnehme. Ich schämte mich dieser falschen Bescheidenheit … Zehn Jahre hinter mir, wo ganz eigentlich die Ernährung des Geistes bei mir stillgestanden hatte, wo ich nichts Brauchbares hinzugelernt hatte, wo ich unsinnig Viel über einem Krimskrams verstaubter Gelehrsamkeit vergessen hatte. Antike Metriker mit Akribie und schlechten Augen durchkriechen – dahin war es mit mir gekommen! – Ich sah mit Erbarmen mich ganz mager, ganz abgehungert: die Realitäten fehlten geradezu innerhalb meines Wissens und die “Idealitäten” taugten den Teufel was! – Ein geradezu brennender Durst ergriff mich: von da an habe ich in der That nichts mehr getrieben als Physiologie, Medizin und Naturwissenschaften, – selbst zu eigentlichen historischen Studien bin ich erst wieder zurückgekehrt, als die Aufgabe mich gebieterisch dazu zwang. Damals errieth ich auch zuerst den Zusammenhang zwischen einer, instinktwidrig gewählten Thätigkeit, einem sogenannten “Beruf”, zu dem man am letzten berufen ist und jenem Bedürfniss nach einer Betäubung des Öde- und Hungergefühls durch eine narkotische Kunst, – zum Beispiel durch die Wagnerische Kunst. Bei einem vorsichtigeren Umblick habe ich entdeckt, dass für eine grosse Anzahl junger Männer der gleiche Nothstand besteht: Eine Widernatur erzwingt förmlich eine zweite. In Deutschland, im “Reich”, um unzweideutig zu reden, sind nur zu Viele verurtheilt, sich unzeitig zu entscheiden und dann, unter einer unabwerfbar gewordnen Last, hinzusiechen… Diese verlangen nach Wagner als nach einem Opiat, – sie vergessen sich, sie werden sich einen Augenblick los … Was sage ich! fünf bis sechs Stunden!

4. Damals entschied sich mein Instinkt unerbittlich gegen ein noch längeres Nachgeben, Mitgehn, Mich-selbst-verwechseln. Jede Art Leben, die ungünstigsten Bedingungen, Krankheit, Armut – Alles schien mir jener unwürdigen “Selbstlosigkeit” vorziehenswerth, in die ich zuerst aus Unwissenheit, aus Jugend gerathen war, in der ich später aus Trägheit, aus sogenanntem “Pflichtgefühl” hängen geblieben war. – Hier kam mir, auf eine Weise, die ich nicht genug bewundern kann, und gerade zur rechten Zeit jene schlimme Erbschaft von Seiten meines Vaters her zu Hülfe, – im Grunde eine Vorbestimmung zu einem frühen Tode. Die Krankheit löste mich langsam heraus: sie ersparte mir jeden Bruch, jeden gewaltthätigen und anstössigen Schritt. Ich habe kein Wohlwollen damals eingebüsst und viel noch hinzugewonnen. Die Krankheit gab mir insgleichen ein Recht zu einer vollkommnen Umkehr aller meiner Gewohnheiten; sie erlaubte, sie gebot mir Vergessen; sie beschenkte mich mit der Nöthigung zum Stillliegen, zum Müssiggang, zum Warten und Geduldigsein … Aber das heisst ja denken! … Meine Augen allein machten ein Ende mit aller Bücherwürmerei, auf deutsch: Philologie: ich war vom “Buch” erlöst, ich las jahrelang Nichts mehr – die grösste Wohlthat, die ich mir je erwiesen habe! – Jenes unterste Selbst, gleichsam verschüttet, gleichsam still geworden unter einem beständigen Hören-Müssen auf andre Selbste (- und das heisst ja lesen!) erwachte langsam, schüchtern, zweifelhaft, – aber endlich redete es wieder. Nie habe ich so viel Glück an mir gehabt, als in den kränksten und schmerzhaftesten Zeiten meines Lebens: man hat nur die “Morgenröthe” oder etwa den “Wanderer und seinen Schatten” sich anzusehn, um zu begreifen, was diese “Rückkehr zu mir” war: eine höchste Art von Genesung selbst! … Die andre folgte bloss daraus.

5. Menschliches, Allzumenschliches, dies Denkmal einer rigorösen Selbstzucht, mit der ich bei mir allem eingeschleppten “höheren Schwindel”, “Idealismus”, “schönen Gefühl”, und andren Weiblichkeiten ein jähes Ende bereitete, wurde in allen Hauptsachen in Sorrent niedergeschrieben; es bekam seinen Schluss, seine endgültige Form in einem Basler Winter, unter ungleich ungünstigeren Verhältnissen als denen in Sorrent. Im Grunde hat Herr Peter Gast, damals an der Basler Universität studirend und mir sehr zugethan, das Buch auf dem Gewissen. Ich diktirte, den Kopf verbunden und schmerzhaft, er schrieb ab, er corrigirte auch, – er war im Grunde der eigentliche Schriftsteller, während ich bloss der Autor war. Als das Buch endlich fertig mir zu Händen kam – zur tiefen Verwunderung eines Schwerkranken -, sandte ich, unter Anderem, auch nach Bayreuth zwei Exemplare. Durch ein Wunder von Sinn im Zufall kam gleichzeitig bei mir ein schönes Exemplar des Parsifal-Textes an, mit Wagners Widmung an mich “seinem theuren Freunde Friedrich Nietzsche, Richard Wagner, Kirchenrath”. – Diese Kreuzung der zwei Bücher – mir war’s, als ob ich einen ominösen Ton dabei hörte. Klang es nicht, als ob sich Degen kreuzten? … Jedenfalls empfanden wir es beide so: denn wir schwiegen beide. – Um diese Zeit erschienen die ersten Bayreuther Blätter: ich begriff, wozu es höchste Zeit gewesen war. – Unglaublich! Wagner war fromm geworden …

6. Wie ich damals (1876) über mich dachte, mit welcher ungeheuren Sicherheit ich meine Aufgabe und das Welthistorische an ihr in der Hand hielt, davon legt das ganze Buch, vor Allem aber eine sehr ausdrückliche Stelle Zeugniss ab: nur dass ich, mit der bei mir instinktiven Arglist, auch hier wieder das Wörtchen “ich” umgieng und dies Mal nicht Schopenhauer oder Wagner, sondern einen meiner Freunde, den ausgezeichneten Dr. Paul Rée, mit einer welthistorischen Glorie überstrahlte – zum Glück ein viel zu feines Thier, als dass … Andre waren weniger fein: ich habe die Hoffnungslosen unter meinen Lesern, zum Beispiel den typischen deutschen Professor, immer daran erkannt, dass sie, auf diese Stelle hin, das ganze Buch als höheren Réealismus verstehn zu müssen glaubten … In Wahrheit enthielt es den Widerspruch gegen fünf, sechs Sätze meines Freundes: man möge darüber die Vorrede zur Genealogie der Moral nachlesen. – Die Stelle lautet: welches ist doch der Hauptsatz, zu dem einer der kühnsten und kältesten Denker, der Verfasser des Buchs “über den Ursprung der moralischen Empfindungen” (lisez: Nietzsche, der erste Immoralist) vermöge seiner ein- und durchschneidenden Analysen des menschlichen Handelns gelangt ist? “Der moralische Mensch steht der intelligiblen Welt nicht näher als der physische – denn es giebt keine intelligible Welt… ” Dieser Satz, hart und schneidig geworden unter dem Hammerschlag der historischen Erkenntniss (lisez: Umwerthung aller Werthe) kann vielleicht einmal, in irgend welcher Zukunft – 1890! – als die Axt dienen, welche dem “metaphysischen Bedürfniss” der Menschheit an die Wurzel gelegt wird, – ob mehr zum Segen oder zum Fluche der Menschheit, wer wüsste das zu sagen? Aber jedenfalls als ein Satz der erheblichsten Folgen, fruchtbar und furchtbar zugleich und mit jenem Doppelblick in die Welt sehend, welchen alle grossen Erkenntnisse haben …

Morgenröthe.
Gedanken über die Moral als Vorurtheil.

1. Mit diesem Buche beginnt mein Feldzug gegen die Moral. Nicht dass es den geringsten Pulvergeruch an sich hätte: – man wird ganz andre und viel lieblichere Gerüche an ihm wahrnehmen, gesetzt, dass man einige Feinheit in den Nüstern hat. Weder grosses, noch auch kleines Geschütz: ist die Wirkung des Buchs negativ, so sind es seine Mittel um so weniger, diese Mittel, aus denen die Wirkung wie ein Schluss, nicht wie ein Kanonenschuss folgt. Dass man von dem Buche Abschied nimmt mit einer scheuen Vorsicht vor Allem, was bisher unter dem Namen Moral zu Ehren und selbst zur Anbetung gekommen ist, steht nicht im Widerspruch damit, dass im ganzen Buch kein negatives Wort vorkommt, kein Angriff, keine Bosheit, – dass es vielmehr in der Sonne liegt, rund, glücklich, einem Seegethier gleich, das zwischen Felsen sich sonnt. Zuletzt war ich’s selbst, dieses Seegethier: fast jeder Satz des Buchs ist erdacht, er schlüpft in jenem Felsen-Wirrwarr nahe bei Genua, wo ich allein war und noch mit dem Meere Heimlichkeiten hatte. Noch jetzt wird mir, bei einer zufälligen Berührung dieses Buchs, fast jeder Satz zum Zipfel, an dem ich irgend etwas Unvergleichliches wieder aus der Tiefe ziehe: seine ganze Haut zittert von zarten Schaudern der Erinnerung. Die Kunst, die es voraus hat, ist keine kleine darin, Dinge, die leicht und ohne Geräusch vorbeihuschen, Augenblicke, die ich göttliche Eidechsen nenne, ein wenig fest zu machen – nicht etwa mit der Grausamkeit jenes jungen Griechengottes, der das arme Eidechslein einfach anspiesste, aber immerhin doch mit etwas Spitzem, mit der Feder… “Es giebt so viele Morgenröthen, die noch nicht geleuchtet haben” – diese indische Inschrift steht auf der Thür zu diesem Buche. Wo sucht sein Urheber jenen neuen Morgen, jenes bisher noch unentdeckte zarte Roth, mit dem wieder ein Tag – ah, eine ganze Reihe, eine ganze Welt neuer Tage! – anhebt? In einer Umwerthung aller Werthe, in einem Loskommen von allen Moralwerthen, in einem Jasagen und Vertrauen-haben zu Alledem, was bisher verboten, verachtet, verflucht worden ist. Dies jasagende Buch strömt sein Licht, seine Liebe, seine Zärtlichkeit auf lauter schlimme Dinge aus, es giebt ihnen “die Seele”, das gute Gewissen, das hohe Recht und Vorrecht auf Dasein wieder zurück. Die Moral wird nicht angegriffen, sie kommt nur nicht mehr in Betracht … Dies Buch schliesst mit einem “Oder?”, – es ist das einzige Buch, das mit einem “Oder?” schliesst …

2. Meine Aufgabe, einen Augenblick höchster Selbstbesinnung der Menschheit vorzubereiten, einen grossen Mittag, wo sie zurückschaut und hinausschaut, wo sie aus der Herrschaft des Zufalls und der Priester heraustritt und die Frage des warum?, des wozu? zum ersten Male als Ganzes stellt -, diese Aufgabe folgt mit Nothwendigkeit aus der Einsicht, dass die Menschheit nicht von selber auf dem rechten Wege ist, dass sie durchaus nicht göttlich regiert wird, dass vielmehr gerade unter ihren heiligsten Werthbegriffen der Instinkt der Verneinung, der Verderbniss, der décadence-Instinkt verführerisch gewaltet hat. Die Frage nach der Herkunft der moralischen Werthe ist deshalb für mich eine Frage ersten Ranges, weil sie die Zukunft der Menschheit bedingt. Die Forderung, man solle glauben, dass Alles im Grunde in den besten Händen ist, dass ein Buch, die Bibel, eine endgültige Beruhigung über die göttliche Lenkung und Weisheit im Geschick der Menschheit giebt, ist, zurückübersetzt in die Realität, der Wille, die Wahrheit über das erbarmungswürdige Gegentheil davon nicht aufkommen zu lassen, nämlich, dass die Menschheit bisher in den schlechtesten Händen war, dass sie von den Schlechtweggekommenen, den Arglistig-Rachsüchtigen, den sogenannten “Heiligen”, diesen Weltverleumdern und Menschenschändern, regiert worden ist. Das entscheidende Zeichen, an dem sich ergiebt, dass der Priester (- eingerechnet die versteckten Priester, die Philosophen) nicht nur innerhalb einer bestimmten religiösen Gemeinschaft, sondern überhaupt Herr geworden ist, dass die décadence-Moral, der Wille zum Ende, als Moral an sich gilt, ist der unbedingte Werth, der dem Unegoistischen und die Feindschaft, die dem Egoistischen überall zu Theil wird. Wer über diesen Punkt mit mir uneins ist, den halte ich für inficirt … Aber alle Welt ist mit mir uneins … Für einen Physiologen lässt ein solcher Werth-Gegensatz gar keinen Zweifel. Wenn innerhalb des Organismus das geringste Organ in noch so kleinem Maasse nachlässt, seine Selbsterhaltung, seinen Kraftersatz, seinen, “Egoismus” mit vollkommner Sicherheit durchzusetzen, so entartet das Ganze. Der Physiologe verlangt Ausschneidung des entartenden Theils, er verneint jede Solidarität mit dem Entartenden, er ist am fernsten vom Mitleiden mit ihm. Aber der Priester will gerade die Entartung des Ganzen, der Menschheit: darum conservirt er das Entartende – um diesen Preis beherrscht er sie … Welchen Sinn haben jene Lügenbegriffe, die Hülfsbegriffe der Moral, “Seele”, “Geist”, “freier Wille”, “Gott”, wenn nicht den, die Menschheit physiologisch zu ruiniren? … Wenn man den Ernst von der Selbsterhaltung, Kraftsteigerung des Leibes, das heisst des Lebens ablenkt, wenn man aus der Bleichsucht ein Ideal, aus der Verachtung des Leibes “das Heil der Seele” construirt, was ist das Anderes, als ein Recept zur décadence? – Der Verlust an Schwergewicht, der Widerstand gegen die natürlichen Instinkte, die “Selbstlosigkeit” mit Einem Worte – das hiess bisher Moral… Mit der “Morgenröthe” nahm ich zuerst den Kampf gegen die Entselbstungs-Moral auf. –

Die fröhliche Wissenschaft.

Die “Morgenröthe” ist ein jasagendes Buch, tief, aber hell und gütig. Dasselbe gilt noch einmal und im höchsten Grade von der gaya scienza: fast in jedem Satz derselben halten sich Tiefsinn und Muthwillen zärtlich an der Hand. Ein Vers, welcher die Dankbarkeit für den wunderbarsten Monat Januar ausdrückt, den ich erlebt habe – das ganze Buch ist sein Geschenk – verräth zur Genüge, aus welcher Tiefe heraus hier die “Wissenschaft” fröhlich geworden ist:

Der du mit dem Flammenspeere
Meiner Seele Eis zertheilt,
Dass sie brausend nun zum Meere
Ihrer höchsten Hoffnung eilt:
Heller stets und stets gesunder,
Frei im liebevollsten Muss
Also preist sie deine Wunder,
Schönster Januarius!

Was hier “höchste Hoffnung” heisst, wer kann darüber im Zweifel sein, der als Schluss des vierten Buchs die diamantene Schönheit der ersten Worte des Zarathustra aufglänzen sieht? – Oder der die granitnen Sätze am Ende des dritten Buchs liest, mit denen sich ein Schicksal für alle Zeiten zum ersten Male in Formeln fasst? – Die Lieder des Prinzen Vogelfrei, zum besten Theil in Sicilien gedichtet, erinnern ganz ausdrücklich an den provencialischen Begriff der “gaya scienza”, an jene Einheit von Sänger, Ritter und Freigeist, mit der sich jene wunderbare Frühkultur der Provencalen gegen alle zweideutigen Culturen abhebt; das allerletzte Gedicht zumal, “anden Mistral”, ein ausgelassenes Tanzlied, in dem, mit Verlaub! über die Moral hinweggetanzt wird, ist ein vollkommner Provençalismus. –

Also sprach Zarathustra.
Ein Buch für Alle und Keinen.

1. Ich erzähle nunmehr die Geschichte des Zarathustra. Die Grundconception des Werks, der Ewige-Wiederkunfts-Gedanke, diese höchste Formel der Bejahung, die überhaupt erreicht werden kann -, gehört in den August des Jahres 1881: er ist auf ein Blatt hingeworfen, mit der Unterschrift: “6000 Fuss jenseits von Mensch und Zeit”. Ich gieng an jenem Tage am See von Silvaplana durch die Wälder; bei einem mächtigen pyramidal aufgethürmten Block unweit Surlei machte ich Halt. Da kam mir dieser Gedanke. – Rechne ich von diesem Tage ein paar Monate zurück, so finde ich, als Vorzeichen, eine plötzliche und im Tiefsten entscheidende Veränderung meines Geschmacks, vor Allem in der Musik. Man darf vielleicht den ganzen Zarathustra unter die Musik rechnen; – sicherlich war eine Wiedergeburt in der Kunst zu hören, eine Vorausbedingung dazu. In einem kleinen Gebirgsbade unweit Vicenza, Recoaro, wo ich den Frühling des Jahrs 1881 verbrachte, entdeckte ich, zusammen mit meinem maëstro und Freunde Peter Gast, einem gleichfalls “Wiedergebornen”, dass der Phönix Musik mit leichterem und leuchtenderem Gefieder, als er je gezeigt, an uns vorüberflog. Rechne ich dagegen von jenem Tage an vorwärts, bis zur plötzlichen und unter den unwahrscheinlichsten Verhältnissen eintretenden Niederkunft im Februar 1883 – die Schlusspartie, dieselbe, aus der ich im Vorwort ein paar Sätze citirt habe, wurde genau in der heiligen Stunde fertig gemacht, in der Richard Wagner in Venedig starb – so ergeben sich achtzehn Monate für die Schwangerschaft. Diese Zahl gerade von achtzehn Monaten dürfte den Gedanken nahelegen, unter Buddhisten wenigstens, dass ich im Grunde ein Elephanten-Weibchen bin. – In die Zwischenzeit gehört die “gaya scienza”, die hundert Anzeichen der Nähe von etwas Unvergleichlichem hat; zuletzt giebt sie den Anfang des Zarathustra selbst noch, sie giebt im vorletzten Stück des vierten Buchs den Grundgedanken des Zarathustra. – Insgleichen gehört in diese Zwischenzeit jener Hymnus auf das Leben (für gemischten Chor und Orchester), dessen Partitur vor zwei Jahren bei E. W. Fritzsch in Leipzig erschienen ist: ein vielleicht nicht unbedeutendes Symptom für den Zustand dieses Jahres, wo das ja sagende Pathos par excellence, von mir das tragische Pathos genannt, im höchsten Grade mir innewohnte. Man wird ihn später einmal zu meinem Gedächtniss singen. – Der Text, ausdrücklich bemerkt, weil ein Missverständniss darüber im Umlauf ist, ist nicht von mir: er ist die erstaunliche Inspiration einer jungen Russin, mit der ich damals befreundet war, des Fräulein Lou von Salomé. Wer den letzten Worten des Gedichts überhaupt einen Sinn zu entnehmen weiss, wird errathen, warum ich es vorzog und bewunderte: sie haben Grösse. Der Schmerz gilt nicht als Einwand gegen das Leben: “Hast du kein Glück mehr übrig mir zu geben, wohlan! noch hast du deine Pein… ” Vielleicht hat auch meine Musik an dieser Stelle Grösse. (Letzte Note der Oboe cis nicht c. Druckfehler.) – Den darauf folgenden Winter lebte ich in jener anmuthig stillen Bucht von Rapallo unweit Genua, die sich zwischen Chiavari und dem Vorgebirge Porto fino einschneidet. Meine Gesundheit war nicht die beste; der Winter kalt und über die Maassen regnerisch; ein kleines Albergo, unmittelbar am Meer gelegen, so dass die hohe See nachts den Schlaf unmöglich machte, bot ungefähr in Allem das Gegentheil vom Wünschenswerthen. Trotzdem und beinahe zum Beweis meines Satzes, dass alles Entscheidende “trotzdem”, entsteht, war es dieser Winter und diese Ungunst der Verhältnisse, unter denen mein Zarathustra entstand. – Den Vormittag stieg ich in südlicher Richtung auf der herrlichen Strasse nach Zoagli hin in die Höhe, an Pinien vorbei und weitaus das Meer überschauend; des Nachmittags, so oft es nur die Gesundheit erlaubte, umgieng ich die ganze Bucht von Santa Margherita bis hinter nach Porto fino. Dieser Ort und diese Landschaft ist durch die grosse Liebe, welche der unvergessliche deutsche Kaiser Friedrich der Dritte für sie fühlte, meinem Herzen noch näher gerückt; ich war zufällig im Herbst 1886 wieder an dieser Küste, als er zum letzten Mal diese kleine vergessne Welt von Glück besuchte. – Auf diesen beiden Wegen fiel mir der ganze erste Zarathustra ein, vor Allem Zarathustra selber, als Typus: richtiger, er überfiel mich…

2. Um diesen Typus zu verstehn, muss man sich zuerst seine physiologische Voraussetzung klar machen: sie ist das, was ich die grosse Gesundheit nenne. Ich weiss diesen Begriff nicht besser, nicht persönlicher zu erläutern, als ich es schon gethan habe, in einem der Schlussabschnitte des fünften Buchs der “gaya scienza”. “Wir Neuen, Namenlosen, Schlechtverständlichen – heisst es daselbst – wir Frühgeburten einer noch unbewiesenen Zukunft, wir bedürfen zu einem neuen Zwecke auch eines neuen Mittels, nämlich einer neuen Gesundheit, einer stärkeren gewitzteren zäheren verwegneren lustigeren, als alle Gesundheiten bisher waren. Wessen Seele darnach dürstet, den ganzen Umfang der bisherigen Werthe und Wünschbarkeiten erlebt und alle Küsten dieses idealischen “Mittelmeers” umschifft zu haben, wer aus den Abenteuern der eigensten Erfahrung wissen will, wie es einem Eroberer und Entdecker des Ideals zu Muthe ist, insgleichen einem Künstler, einem Heiligen, einem Gesetzgeber, einem Weisen, einem Gelehrten, einem Frommen, einem Göttlich-Abseitigen alten Stils: der hat dazu zu allererst Eins nöthig, die grosse Gesundheit – eine solche, welche man nicht nur hat, sondern auch beständig noch erwirbt und erwerben muss, weil man sie immer wieder preisgiebt, preisgeben muss … Und nun, nachdem wir lange dergestalt unterwegs waren, wir Argonauten des Ideals, muthiger vielleicht als klug ist und Oft genug schiffbrüchig und zu Schaden gekommen, aber, wie gesagt, gesünder als man es uns erlauben möchte, gefährlich gesund, immer wieder gesund, – will es. uns scheinen, als ob wir, zum Lohn dafür, ein noch unentdecktes Land vor uns haben, dessen Grenzen noch Niemand abgesehn hat, ein jenseits aller bisherigen Länder und Winkel des Ideals, eine Welt so überreich an Schönem, Fremdem, Fragwürdigem, Furchtbarem und Göttlichem, dass unsre Neugierde sowohl als unser Besitzdurst ausser sich gerathen sind – ach, dass wir nunmehr durch Nichts mehr zu ersättigen sind! … Wie könnten wir uns, nach solchen Ausblicken und mit einem solchen Heisshunger in Wissen und Gewissen, noch am gegenwärtigen Menschen. genügen lassen? Schlimm genug, aber es ist unvermeidlich, dass wir seinen würdigsten Zielen und Hoffnungen nun mit einem übel aufrecht erhaltenen Ernste zusehn und vielleicht nicht einmal mehr zusehn … Ein andres Ideal läuft vor uns her, ein wunderliches, versucherisches, gefahrenreiches Ideal, zu dem wir Niemanden überreden möchten, weil wir Niemandem so leicht das Recht darauf zugestehn: das Ideal eines Geistes, der naiv, das heisst ungewollt und aus überströmender Fülle und Mächtigkeit mit Allem spielt, was bisher heilig, gut, unberührbar, göttlich hiess; für den das Höchste, woran das Volk billigerweise sein Werthmaass hat, bereits so viel wie Gefahr, Verfall, Erniedrigung oder, mindestens, wie Erholung, Blindheit, zeitweiliges Selbstvergessen bedeuten würde; das Ideal eines menschlich-übermenschlichen Wohlseins und Wohlwollens, welches oft genug unmenschlich erscheinen wird, zum Beispiel, wenn es sich neben den ganzen bisherigen Erdenernst, neben alle bisherige Feierlichkeit in Gebärde, Wort, Klang, Blick, Moral und Aufgabe wie deren leibhafteste unfreiwillige Parodie hinstellt – und mit dem, trotzalledem, vielleicht der grosse Ernst erst anhebt, das eigentliche Fragezeichen erst gesetzt wird, das Schicksal der Seele sich wendet, der Zeiger rückt, die Tragödie beginnt

3. Hat jemand, Ende des neunzehnten Jahrhunderts, einen deutlichen Begriff davon, was Dichter starker Zeitalter Inspiration nannten? Im andren Falle will ich’s beschreiben. Mit dem geringsten Rest von Aberglauben in sich würde man in der That die Vorstellung, bloss Incarnation, bloss Mundstück, bloss medium übermächtiger Gewalten zu sein, kaum abzuweisen wissen. Der Begriff Offenbarung, in dem Sinn, dass plötzlich, mit unsäglicher Sicherheit und Feinheit, Etwas sichtbar, hörbar wird, Etwas, das Einen im Tiefsten erschüttert und umwirft, beschreibt einfach den Thatbestand. Man hört, man sucht nicht; man nimmt, man fragt nicht, wer da giebt; wie ein Blitz leuchtet ein Gedanke auf, mit Nothwendigkeit, in der Form ohne Zögern, – ich habe nie eine Wahl gehabt. Eine Entzükkung, deren ungeheure Spannung sich mitunter in einen Thränenstrom auslöst, bei der der Schritt unwillkürlich bald stürmt, bald langsam wird; ein vollkommnes Ausser-sich-sein mit dem distinktesten Bewusstsein einer Unzahl feiner Schauder und Überrieselungen bis in die Fusszehen; eine Glückstiefe, in der das Schmerzlichste und Düsterste nicht als Gegensatz wirkt, sondern als bedingt, als herausgefordert, sondern als eine nothwendige Farbe innerhalb eines solchen Lichtüberflusses; ein Instinkt rhythmischer Verhältnisse, der weite Räume von Formen überspannt – die Länge, das Bedürfniss nach einem weitgespannten Rhythmus ist beinahe das Maass für die Gewalt der Inspiration, eine Art Ausgleich gegen deren Druck und Spannung … Alles geschieht im höchsten Grade unfreiwillig, aber wie in einem Sturme von Freiheits-Gefühl, von Unbedingtsein, von Macht, von Göttlichkeit … Die Unfreiwilligkeit des Bildes, des Gleichnisses ist das Merkwürdigste; man hat keinen Begriff mehr, was Bild, was Gleichniss ist, Alles bietet sich als der nächste, der richtigste, der einfachste Ausdruck. Es scheint wirklich, um an ein Wort Zarathustra‘s zu erinnern, als ob die Dinge selber herankämen und sich zum Gleichnisse anböten (- “hier kommen alle Dinge liebkosend zu deiner Rede und schmeicheln dir: denn sie wollen auf deinem Rücken reiten. Auf jedem Gleichniss reitest du hier zu jeder Wahrheit. Hier springen dir alles Seins Worte und Wort-Schreine auf; alles Sein will hier Wort werden, alles Werden will von dir reden lernen –”). Dies ist meine Erfahrung von Inspiration; ich zweifle nicht, dass man Jahrtausende zurückgehn muss, um jemanden zu finden, der mir sagen darf “es ist auch die meine”.

4. Ich lag ein Paar Wochen hinterdrein in Genua krank. Dann folgte ein schwermüthiger Frühling in Rom, wo ich das Leben hinnahm – es war nicht leicht. Im Grunde verdross mich dieser für den Dichter des Zarathustra unanständigste Ort der Erde, den ich nicht freiwillig gewählt hatte, über die Maassen; ich versuchte loszukommen, – ich wollte nach Aquila, dem Gegenbegriff von Rom, aus Feindschaft gegen Rom gegründet, wie ich einen Ort dereinst gründen werde, die Erinnerung an einen Atheisten und Kirchenfeind comme il faut, an einen meiner Nächstverwandten, den grossen Hohenstaufen-Kaiser Friedrich den Zweiten. Aber es war ein Verhängniss bei dem Allen: ich musste wieder zurück. Zuletzt gab ich mich mit der piazza Barberini zufrieden, nachdem mich meine Mühe um eine anti-christliche Gegend müde gemacht hatte. Ich fürchte, ich habe einmal, um schlechten Gerüchen möglichst aus dem Wege zu gehn, im palazzo del Quirinale selbst nachgefragt, ob man nicht ein stilles Zimmer für einen Philosophen habe. – Auf einer loggia hoch über der genannten piazza, von der aus man Rom übersieht und tief unten die fontana rauschen hört, wurde jenes einsamste Lied gedichtet, das je gedichtet worden ist, das Nachtlied; um diese Zeit gieng immer eine Melodie von unsäglicher Schwermuth um mich herum, deren Refrain ich in den Worten wiederfand “todt vor Unsterblichkeit…” Im Sommer, heimgekehrt zur heiligen Stelle, wo der erste Blitz des Zarathustra-Gedankens mir geleuchtet hatte, fand ich den zweiten Zarathustra. Zehn Tage genügten; ich habe in keinem Falle, weder beim ersten, noch beim dritten und letzten mehr gebraucht. Im Winter darauf, unter dem halkyonischen Himmel Nizza’s, der damals zum ersten Male in mein Leben hineinglänzte, fand ich den dritten Zarathustra – und war fertig. Kaum ein Jahr, für’s Ganze gerechnet. Viele verborgne Flecke und Höhen aus der Landschaft Nizza’s sind mir durch unvergessliche Augenblicke geweiht; jene entscheidende Partie, welche den Titel “von alten und neuen Tafeln” trägt, wurde im beschwerlichsten Aufsteigen von der Station zu dem wunderbaren maurischen Felsenneste Eza gedichtet, – die Muskel-Behendheit war bei mir immer am grössten, wenn die schöpferische Kraft am reichsten floss. Der Leib ist begeistert: lassen wir die “Seele” aus dem Spiele … Man hat mich oft tanzen sehn können; ich konnte damals, ohne einen Begriff von Ermüdung, sieben, acht Stunden auf Bergen unterwegs sein. Ich schlief gut, ich lachte viel -, ich war von einer vollkomm<n>en Rüstigkeit und Geduld.

5. Abgesehn von diesen Zehn-Tage-Werken waren die Jahre während und vor Allem nach dem Zarathustra ein Nothstand ohne Gleichen. Man büsst es theuer, unsterblich zu sein: man stirbt dafür mehrere Male bei Lebzeiten. – Es giebt Etwas, das ich die rancune des Grossen nenne: alles Grosse, ein Werk, eine That, wendet sich, einmal vollbracht, unverzüglich gegen den, der sie that. Ebendamit, dass er sie that, ist er nunmehr schwach – er hält seine That nicht mehr aus, er sieht ihr nicht mehr in’s Gesicht. Etwas hinter sich zu haben, das man nie wollen durfte, Etwas, worin der Knoten im Schicksal der Menschheit eingeknüpft ist – und es nunmehr auf sich haben! … Es zerdrückt beinahe.. – Die rancune des Grossen! – Ein Andres ist die schauerliche Stille, die man um sich hört. Die Einsamkeit hat sieben Häute; es geht Nichts mehr hindurch. Man kommt zu Menschen, man begrüsst Freunde: neue Öde, kein Blick grüsst mehr. Im besten Falle eine Art Revolte. Eine solche Revolte erfuhr ich, in sehr verschiednem Grade, aber fast von Jedermann, der mir nahe stand; es scheint, dass Nichts tiefer beleidigt als plötzlich eine Distanz merken zu lassen, – die vornehmen Naturen, die nicht zu leben wissen, ohne zu verehren, sind selten. – Ein Drittes ist die absurde Reizbarkeit der Haut gegen kleine Stiche, eine Art Hülflosigkeit vor allem Kleinen. Diese scheint mir in der ungeheuren Verschwendung aller Defensiv-Kräfte bedingt, die jede schöpferische That, jede That aus dem Eigensten, Innersten, Untersten heraus zur Voraussetzung hat. Die kleinen Defensiv-Vermögen sind damit gleichsam ausgehängt; es fliesst ihnen keine Kraft mehr zu. – Ich wage noch anzudeuten, dass man schlechter verdaut, ungern sich bewegt, den Frostgefühlen, auch dem Misstrauen allzu offen steht, – dem Misstrauen, das in vielen Fällen bloss ein ätiologischer Fehlgriff ist. In einem solchen Zustande empfand ich einmal die Nähe einer Kuhheerde, durch Wiederkehr milderer, menschenfreundlicherer Gedanken, noch bevor ich sie sah: das hat Wärme in sich …

6. Dieses Werk steht durchaus für sich. Lassen wir die Dichter bei Seite: es ist vielleicht überhaupt nie Etwas aus einem gleichen Überfluss von Kraft heraus gethan worden. Mein Begriff “dionysisch” wurde hier höchste That; an ihr gemessen erscheint der ganze Rest von menschlichem Thun als arm und bedingt. Dass ein Goethe, ein Shakespeare nicht einen Augenblick in dieser ungeheuren Leidenschaft und Höhe zu athmen wissen würde, dass Dante, gegen Zarathustra gehalten, bloss ein Gläubiger ist und nicht Einer, der die Wahrheit erst schafft, ein weltregierender Geist, ein Schicksal dass die Dichter des Veda Priester sind und nicht einmal würdig, die Schuhsohlen eines Zarathustra zu lösen, das ist Alles das Wenigste und giebt keinen Begriff von der Distanz, von der azurnen Einsamkeit, in der dies Werk lebt. Zarathustra hat ein ewiges Recht zu sagen: “ich schliesse Kreise um mich und heilige Grenzen; immer Wenigere steigen mit mir auf immer höhere Berge, – ich baue ein Gebirge aus immer heiligeren Bergen.” Man rechne den Geist und die Güte aller grossen Seelen in Eins: alle zusammen wären nicht im Stande, Eine Rede Zarathustras hervorzubringen. Die Leiter ist ungeheuer, auf der er auf und nieder steigt; er hat weiter gesehn, weiter gewollt, weiter gekonnt, als irgend ein Mensch. Er widerspricht mit jedem Wort, dieser jasagendste aller Geister; in ihm sind alle Gegensätze zu einer neuen Einheit gebunden. Die höchsten und die untersten Kräfte der menschlichen Natur, das Süsseste, Leichtfertigste und Furchtbarste strömt aus Einem Born mit unsterblicher Sicherheit hervor. Man weiss bis dahin nicht, was Höhe, was Tiefe ist; man weiss noch weniger, was Wahrheit ist. Es ist kein Augenblick in dieser Offenbarung der Wahrheit, der schon vorweggenommen, von Einem der Grössten errathen worden wäre. Es giebt keine Weisheit, keine Seelen-Erforschung, keine Kunst zu reden vor Zarathustra; das Nächste, das Alltäglichste redet hier von unerhörten Dingen. Die Sentenz von Leidenschaft zitternd; die Beredsamkeit Musik geworden; Blitze vorausgeschleudert nach bisher unerrathenen Zukünften. . Die mächtigste Kraft zum Gleichniss, die bisher da war, ist arm und Spielerei gegen diese Rückkehr der Sprache zur Natur der Bildlichkeit. – Und wie Zarathustra herabsteigt und zu Jedem das Gütigste sagt! Wie er selbst seine Widersacher, die Priester, mit zarten Händen anfasst und mit ihnen an ihnen leidet! – Hier ist in jedem Augenblick der Mensch überwunden, der Begriff “Übermensch” ward hier höchste Realität, – in einer unendlichen Ferne liegt alles das, was bisher gross am Menschen hiess, unter ihm. Das Halkyonische, die leichten Füsse, die Allgegenwart von Bosheit und Übermuth und was sonst Alles typisch ist für den Typus Zarathustra. ist nie geträumt worden als wesentlich zur Grösse. Zarathustra fühlt sich gerade in diesem Umfang an Raum, in dieser Zugänglichkeit zum Entgegengesetzten als die höchste Art alles Seienden; und wenn man hört, wie er diese definirt, so wird man darauf verzichten, nach seinem Gleichniss zu suchen.

- die Seele, welche die längste Leiter hat und am tiefsten hinunter kann,

die umfänglichste Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren und schweifen kann,

die nothwendigste, welche sich mit Lust in den Zufall stürzt,

die seiende Seele, welche ins Werden, die habende, welche ins Wollen und Verlangen will -

die sich selber fliehende, welche sich selber in weitesten Kreisen einholt,

die weiseste Seele, welcher die Narrheit am süssesten zuredet,

die sich selber liebendste, in der alle Dinge ihr Strömen und Wiederströmen und Ebbe und Fluth haben – -

Aber das ist der Begriff des Dionysos selbst. Eben dahin führt eine andre Erwägung. Das psychologische Problem im Typus des Zarathustra ist, wie der, welcher in einem unerhörten Grade Nein sagt, Nein thut, zu Allem, wozu man bisher Ja sagte, trotzdem der Gegensatz eines neinsagenden Geistes sein kann; wie der das Schwerste von Schicksal, ein Verhängniss von Aufgabe tragende Geist trotzdem der leichteste und jenseitigste sein kann – Zarathustra ist ein Tänzer -; wie der, welcher die härteste, die furchtbarste Einsicht in die Realität hat, welcher den “abgründlichsten Gedanken” gedacht hat, trotzdem darin keinen Einwand gegen das Dasein, selbst nicht gegen dessen ewige Wiederkunft findet, – vielmehr einen Grund noch hinzu, das ewige Ja zu allen Dingen selbst zu sein, “das ungeheure unbegrenzte Ja- und Amen-sagen” … “In alle Abgründe trage ich noch mein segnendes Jasagen” … Aber das ist der Begriff des Dionysos noch einmal.

7. Welche Sprache wird ein solcher Geist reden, wenn er mit sich allein redet? Die Sprache des Dithyrambus. Ich bin der Erfinder des Dithyrambus. Man höre, wie Zarathustra vor Sonnenaufgang (III, 18) mit sich redet: ein solches smaragdenes Glück, eine solche göttliche Zärtlichkeit hatte noch keine Zunge vor mir. Auch die tiefste Schwermuth eines solchen Dionysos wird noch Dithyrambus; ich nehme, zum Zeichen, das Nachtlied, die unsterbliche Klage, durch die Überfülle von Licht und Macht, durch seine Sonnen-Natur, verurtheilt zu sein, nicht zu lieben.

Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch meine Seele ist ein springender Brunnen.

Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine Seele ist das Lied eines Liebenden.

Ein Ungestilltes, Unstillbares ist in mir, das will laut werden. Eine Begierde nach Liebe ist in mir, die redet selber die Sprache der Liebe.

Licht bin ich: ach dass ich Nacht wäre! Aber dies ist meine Einsamkeit, dass ich von Licht umgürtet bin.

Ach, dass ich dunkel wäre und nächtig! Wie wollte ich an den Brüsten des Lichts saugen!

Und euch selber wollte ich noch segnen, ihr kleinen Funkelsterne und Leuchtwürmer droben! – und selig sein ob eurer Licht-Geschenke.

Aber ich lebe in meinem eignen Lichte, ich trinke die Flammen in mich zurück, die aus mir brechen.

Ich kenne das Glück des Nehmenden nicht; und oft träumte mir davon, dass Stehlen noch seliger sein müsse als Nehmen.

Das ist meine Armuth, dass meine Hand niemals ausruht vom Schenken; das ist mein Neid, dass ich wartende Augen sehe und die erhellten Nächte der Sehnsucht.

Oh Unseligkeit aller Schenkenden! Oh Verfinsterung meiner Sonne! Oh Begierde nach Begehren! Oh Heisshunger in der Sättigung!

Sie nehmen von mir: aber rühre ich noch an ihre Seele? Eine Kluft ist zwischen Nehmen und Geben; und die kleinste Kluft ist am letzten zu überbrücken.

Ein Hunger wächst aus meiner Schönheit: wehethun möchte ich denen, welchen ich leuchte, berauben möchte ich meine Beschenkten, – also hungere ich nach Bosheit.

Die Hand zurückziehend, wenn sich schon ihr die Hand entgegenstreckt; dem Wasserfall gleich, der noch im Sturze zögert: also hungere ich nach Bosheit.

Solche Rache sinnt meine Fülle aus, solche Tücke quillt aus meiner Einsamkeit.

Mein Glück im Schenken erstarb im Schenken, meine Tugend wurde ihrer selber müde an ihrem Überflusse!

Wer immer schenkt, dessen Gefahr ist, dass er die Scham verliere; wer immer austheilt, dessen Hand und Herz hat Schwielen vor lauter Austheilen.

Mein Auge quillt nicht mehr über vor der Scham der Bittenden; meine Hand wurde zu hart für das Zittern gefüllter Hände.

Wohin kam die Thräne meinem Auge und der Flaum meinem Herzen? Oh Einsamkeit aller Schenkenden! Oh Schweigsamkeit aller Leuchtenden!

Viel Sonnen kreisen im öden Raume: zu Allem, was dunkel ist, reden sie mit ihrem Lichte – mir schweigen sie.

Oh dies ist die Feindschaft des Lichts gegen Leuchtendes: erbarmungslos wandelt es seine Bahnen.

Unbillig gegen Leuchtendes im tiefsten Herzen, kalt gegen Sonnen – also wandelt jede Sonne.

Einem Sturme gleich wandeln die Sonnen ihre Bahnen, ihrem unerbittlichen Willen folgen sie, das ist ihre Kälte.

Oh ihr erst seid es, ihr Dunklen, ihr Nächtigen, die ihr Wärme schafft aus Leuchtendem! Oh ihr erst trinkt euch Milch und Labsal aus des Lichtes Eutern!

Ach, Eis ist um mich, meine Hand verbrennt sich an Eisigem! Ach, Durst ist in mir, der schmachtet nach eurem Durste.

Nacht ist es: ach dass ich Licht sein muss! Und Durst nach Nächtigem! Und Einsamkeit!

Nacht ist es: nun bricht wie ein Born aus mir mein Verlangen, – nach Rede verlangt mich.

Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch meine Seele ist ein springender Brunnen.

Nacht ist es: nun erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine Seele ist das Lied eines Liebenden. -

8. Dergleichen ist nie gedichtet, nie gefühlt, nie gelitten worden: so leidet ein Gott, ein Dionysos. Die Antwort auf einen solchen Dithyrambus der Sonnen-Vereinsamung im Lichte wäre Ariadne … Wer weiss ausser mir, was Ariadne ist! … Von allen solchen Räthseln hatte Niemand bisher die Lösung, ich zweifle, dass je jemand auch hier nur Räthsel sah. – Zarathustra bestimmt einmal, mit Strenge, seine Aufgabe – es ist auch die meine -, dass man sich über den Sinn nicht vergreifen kann: er ist ja sagend bis zur Rechtfertigung, bis zur Erlösung auch alles Vergangenen.

Ich wandle unter Menschen als unter Bruchstücken der Zukunft: jener Zukunft, die ich schaue.

Und das ist all mein Dichten und Trachten, dass ich in Eins dichte und zusammentrage, was Bruchstück ist und Räthsel und grauser Zufall.

Und wie ertrüge ich es Mensch zu sein, wenn der Mensch nicht auch Dichter und Räthselrather und Erlöser des Zufalls wäre?

Die Vergangnen zu erlösen und alles “Es war” umzuschaffen in ein “So wollte ich es!” das hiesse mir erst Erlösung.

An einer andren Stelle bestimmt er so streng als möglich, was für ihn allein “der Mensch” sein kann – kein Gegenstand der Liebe oder gar des Mitleidens – auch über den grossen Ekel am Menschen ist Zarathustra Herr geworden: der Mensch ist ihm eine Unform, ein Stoff, ein hässlicher Stein, der des Bildners bedarf.

Nicht-mehr-wollen und Nicht-mehr-schätzen und Nicht-mehr-schaffen: oh dass diese grosse Müdigkeit mir stets ferne bleibe!

Auch im Erkennen fühle ich nur meines Willens Zeuge- und Werdelust; und wenn Unschuld in meiner Erkenntniss ist, so geschieht dies, weil Wille zur Zeugung in ihr ist.

Hinweg von Gott und Göttern lockte mich dieser Wille: was wäre denn zu schaffen, wenn Götter – da wären?

Aber zum Menschen treibt er mich stets von Neuem, mein inbrünstiger Schaffens-Wille; so treibt’s den Hammer hin zum Steine.

Ach, ihr Menschen, im Steine schläft mir ein Bild, das Bild der Bilder! Ach, dass es im härtesten, hässlichsten Steine schlafen muss!

Nun wüthet mein Hammer grausam gegen sein Gefängniss. Vom Steine stäuben Stücke: was schiert mich das!

Vollenden will ich’s, denn ein Schatten kam zu mir, – aller Dinge Stillstes und Leichtestes kam einst zu mir!

Des Übermenschen Schönheit kam zu mir als Schatten: was gehen mich noch – die Götter an! …

Ich hebe einen letzten Gesichtspunkt hervor: der unterstrichne Vers giebt den Anlass hierzu. Für eine dionysische Aufgabe gehört die Härte des Hammers, die Lust selbstam Vernichten in entscheidender Weise zu den Vorbedingungen. Der Imperativ “werdet hart!”, die unterste Gewissheit darüber, dass alle Schaffenden hart sind, ist das eigentliche Abzeichen einer dionysischen Natur. -

Jenseits von Gut und Böse.
Vorspiel einer Philosophie der Zukunft.

1. Die Aufgabe für die nunmehr folgenden Jahre war so streng als möglich vorgezeichnet. Nachdem der jasagende Theil meiner Aufgabe gelöst war, kam die neinsagende, neinthuende Hälfte derselben an die Reihe: die Umwerthung der bisherigen Werthe selbst, der grosse Krieg, – die Heraufbeschwörung eines Tags der Entscheidung. Hier ist eingerechnet der langsame Umblick nach Verwandten, nach Solchen, die aus der Stärke heraus Zum Vernichten mir die Hand bieten würden. – Von da an sind alle meine Schriften Angelhaken: vielleicht verstehe ich mich so gut als jemand auf Angeln? … Wenn Nichts sich fieng, so liegt die Schuld nicht an mir. Die Fische fehlten…

2. Dies Buch (1886) ist in allem Wesentlichen eine Kritik der Modernität, die modernen Wissenschaften, die modernen Künste, selbst die moderne Politik nicht ausgeschlossen, nebst Fingerzeigen zu einem Gegensatz-Typus, der so wenig modern als möglich ist, einem vornehmen, einem jasagenden Typus. Im letzteren Sinne ist das Buch eine Schule des gentilhomme, der Begriff geistiger und radikaler genommen als er je genommen worden ist. Man muss Muth im Leibe haben, ihn auch nur auszuhalten, man muss das Fürchten nicht gelernt haben … Alle die Dinge, worauf das Zeitalter stolz ist, werden als Widerspruch zu diesem Typus empfunden, als schlechte Manieren beinahe, die berühmte “Objektivität” zum Beispiel, das “Mitgefühl mit allem Leidenden”, der “historische Sinn” mit seiner Unterwürfigkeit vor fremdem Geschmack, mit seinem Auf-dem-Bauch-liegen vor petits faits, die “Wissenschaftlichkeit”. – Erwägt man, dass das Buch nach dem Zarathustra folgt, so erräth man vielleicht auch das diätetische régime, dem es eine Entstehung verdankt. Das Auge, verwöhnt durch eine ungeheure Nöthigung fern zu sehn – Zarathustra ist weitsichtiger noch als der Czar -, wird hier gezwungen, das Nächste, die Zeit, das Um-uns scharf zu fassen. Man wird in allen Stücken, vor Allem auch in der Form, eine gleiche willkürliche Abkehr von den Instinkten finden, aus denen ein Zarathustra möglich wurde. Das Raffinement in Form, in Absicht, in der Kunst des Schweigens, ist im Vordergrunde, die Psychologie wird mit eingeständlicher Härte und Grausamkeit gehandhabt, – das Buch entbehrt jedes gutmüthigen Worts … Alles das erholt: wer erräth zuletzt, welche Art Erholung eine solche Verschwendung von Güte, wie der Zarathustra ist, nöthig macht? … Theologisch geredet – man höre zu, denn ich rede selten als Theologe – war es Gott selber, der sich als Schlange am Ende seines Tagewerks unter den Baum der Erkenntniss legte: er erholte sich so davon, Gott zu sein… Er hatte Alles zu schön gemacht … Der Teufel ist bloss der Müssiggang Gottes an jedem siebenten Tage …

Genealogie der Moral.
Eine Streitschrift.

Die drei Abhandlungen, aus denen diese Genealogie besteht, sind vielleicht in Hinsicht auf Ausdruck, Absicht und Kunst der Überraschung, das Unheimlichste, was bisher geschrieben worden ist. Dionysos ist, man weiss es, auch der Gott der Finsterniss. – Jedes Mal ein Anfang, der irre führen soll, kühl, wissenschaftlich, ironisch selbst, absichtlich Vordergrund, absichtlich hinhaltend. Allmählich mehr Unruhe; vereinzeltes Wetterleuchten; sehr unangenehme Wahrheiten aus der Ferne her mit dumpfem Gebrumm laut werdend, – bis endlich ein tempo feroce erreicht ist, wo Alles mit ungeheurer Spannung vorwärts treibt. Am Schluss jedes Mal, unter vollkommen schauerlichen Detonationen, eine neue Wahrheit zwischen dicken Wolken sichtbar. – Die Wahrheit der ersten Abhandlung ist die Psychologie des Christenthums: die Geburt des Christenthums aus dem Geiste des Ressentiment, nicht, wie wohl geglaubt, wird, aus dem “Geiste”, – eine Gegenbewegung ihrem Wesen nach, der grosse Aufstand gegen die Herrschaft vornehmer Werthe. Die zweite Abhandlung giebt die Psychologie des Gewissens: dasselbe ist nicht, wie wohl geglaubt wird, “die Stimme Gottes im Menschen”, – es ist der Instinkt der Grausamkeit, der sich rückwärts wendet, nachdem er nicht mehr nach aussen hin sich entladen kann. Die Grausamkeit als einer der ältesten und unwegdenkbarsten Cultur-Untergründe hier zum ersten Male ans Licht gebracht. Die dritte Abhandlung giebt die Antwort auf die Frage, woher die ungeheure Macht des asketischen Ideals, des Priester-Ideals, stammt, obwohl dasselbe das schädliche Ideal par excellence, ein Wille zum Ende, ein décadence-Ideal ist. Antwort: nicht, weil Gott hinter den Priestern thätig ist, was wohl geglaubt wird, sondern faute de mieux, – weil es das einzige Ideal bisher war, weil es keinen Concurrenten hatte. “Denn der Mensch will lieber noch das Nichts wollen als nicht wollen”… Vor allem fehlte ein Gegen-Ideal – bis auf Zarathustra. – Man hat mich verstanden. Drei entscheidende Vorarbeiten eines Psychologen für eine Umwerthung aller Werthe. – Dies Buch enthält die erste Psychologie des Priesters.

Götzen-Dämmerung.
Wie man mit dem Hammer philosophirt.

1. Diese Schrift von noch nicht 150 Seiten, heiter und verhängnissvoll im Ton, ein Dämon, welcher lacht -, das Werk von so wenig Tagen, dass ich Anstand nehme, ihre Zahl zu nennen, ist unter Büchern überhaupt die Ausnahme: es giebt nichts Substanzenreicheres, Unabhängigeres, Umwerfenderes, – Böseres. Will man sich kurz einen Begriff davon geben, wie vor mir Alles auf dem Kopfe stand, so mache man den Anfang mit dieser Schrift. Das, was Götze auf dem Titelblatt heisst, ist ganz einfach das, was bisher Wahrheit genannt wurde. Götzen- Dämmerung – auf deutsch: es geht zu Ende mit der alten Wahrheit …

2. Es giebt keine Realität, keine “Idealität”, die in dieser Schrift nicht berührt würde (- berührt: was für ein vorsichtiger Euphemismus! … ) Nicht bloss die ewigen Götzen, auch die allerjüngsten, folglich altersschwächsten. Die “modernen Ideen” zum Beispiel. Ein grosser Wind bläst zwischen den Bäumen, und überall fallen Früchte nieder – Wahrheiten. Es ist die Verschwendung eines allzureichen Herbstes darin: man stolpert über Wahrheiten, man tritt selbst einige todt, – es sind ihrer zu viele …

Was man aber in die Hände bekommt, das ist nichts Fragwürdiges mehr, das sind Entscheidungen. Ich erst habe den Maassstab für “Wahrheiten” in der Hand, ich kann erst entscheiden. Wie als ob in mir ein zweites Bewusstsein gewachsen wäre, wie als ob sich in mir “der Wille” ein Licht angezündet hätte über die schiefe Bahn, auf der er bisher abwärts lief … Die schiefe Bahn – man nannte sie den Weg zur “Wahrheit”… Es ist zu Ende mit allem “dunklen Drang”, der gute Mensch gerade war sich am wenigsten des rechten Wegs bewusst … Und allen Ernstes, Niemand wusste vor mir den rechten Weg, den Weg aufwärts: erst von mir an giebt es wieder Hoffnungen, Aufgaben, vorzuschreibende Wege der Cultur – ich bin deren froher Botschafter… Eben damit bin ich auch ein Schicksal. – -

3. Unmittelbar nach Beendigung des eben genannten Werks und ohne auch nur einen Tag zu verlieren, griff ich die ungeheure Aufgabe der Umwerthung an, in einem souverainen Gefühl von Stolz, dem Nichts gleichkommt, jeden Augenblick meiner Unsterblichkeit gewiss und Zeichen für Zeichen mit der Sicherheit eines Schicksals in eherne Tafeln grabend. Das Vorwort entstand am 3 . September 1888: als ich Morgens, nach dieser Niederschrift, ins Freie trat, fand ich den schönsten Tag vor mir, den das Oberengadin mir je gezeigt hat – durchsichtig, glühend in den Farben, alle Gegensätze, alle Mitten zwischen Eis und Süden in sich schliessend. – Erst am 20. September verliess ich Sils-Maria, durch Überschwemmungen zurückgehalten, Zuletzt bei weitem der einzige Gast dieses wunderbaren Orts, dem meine Dankbarkeit das Geschenk eines unsterblichen Namens machen will. Nach einer Reise mit Zwischenfällen, sogar mit einer Lebensgefahr im überschwemmten Como, das ich erst tief in der Nacht erreichte, kam ich am Nachmittag des 21. in Turin an, meinem bewiesenen Ort, meiner Residenz von nun an. Ich nahm die gleiche Wohnung wieder, die ich im Frühjahr innegehabt hatte, via Carlo Alberto 6, III, gegenüber dem mächtigen palazzo Carignano, in dem Vittore Emanuele geboren ist, mit dem Blick auf die piazza Carlo Alberto und drüber hinaus aufs Hügelland. Ohne Zögern und ohne mich einen Augenblick abziehn zu lassen, gieng ich wieder an die Arbeit: es war nur das letzte Viertel des Werks noch abzuthun. Am 30, September grosser Sieg; Beendigung der Umwerthung; Müssiggang eines Gottes am Po entlang. Am gleichen Tage schrieb ich noch das Vorwort zur “Götzen-Dämmerung”, deren Druckbogen zu corrigiren meine Erholung im September gewesen war. – Ich habe nie einen solchen Herbst erlebt, auch nie Etwas der Art auf Erden für möglich gehalten, – ein Claude Lorrain ins Unendliche gedacht, jeder Tag von gleicher unbändiger Vollkommenheit.

Der Fall Wagner.
Ein Musikanten-Problem.

1. Um dieser Schrift gerecht zu werden, muss man am Schicksal der Musik wie an einer offnen Wunde leiden. – Woran ich leide, wenn ich am Schicksal der Musik leide? Daran, dass die Musik um ihren weltverklärenden, jasagenden Charakter gebracht worden ist, – dass sie décadence-Musik und nicht mehr die Flöte des Dionysos ist … Gesetzt aber, dass man dergestalt die Sache der Musik wie seine eigene Sache, wie seine eigene Leidensgeschichte fühlt, so wird man diese Schrift voller Rücksichten und über die Maassen mild finden. In solchen Fällen heiter sein und sich gutmüthig mit verspotten – ridendo dicere severum, wo das verum dicere jede Härte rechtfertigen würde – ist die Humanität selbst. Wer zweifelt eigentlich daran, dass ich, als der alte Artillerist, der ich bin, es in der Hand habe, gegen Wagner mein schweres Geschütz aufzufahren? – Ich hielt alles Entscheidende in dieser Sache bei mir zurück, – ich habe Wagner geliebt. – Zuletzt liegt ein Angriff auf einen feineren “Unbekannten”, den nicht leicht ein Anderer erräth, im Sinn und Wege meiner Aufgabe – oh ich habe noch ganz andre “Unbekannte” aufzudecken als einen Cagliostro der Musik – noch mehr freilich ein Angriff auf die in geistigen Dingen immer träger und instinktärmer, immer ehrlicher werdende deutsche Nation, die mit einem beneidenswerthen Appetit fortfährt, sich von Gegensätzen zu nähren und den Glauben” so gut wie die Wissenschaftlichkeit, die “christliche Liebe” so gut wie den Antisemitismus, den Willen zur Macht (zum “Reich”) so gut wie das évangile des humbles ohne Verdauungsbeschwerden hinunterschluckt … Dieser Mangel an Partei zwischen Gegensätzen! diese stomachische Neutralität und “Selbstlosigkeit”! Dieser gerechte Sinn des deutschen Gaumens, der Allem gleiche Rechte giebt, – der Alles schmackhaft findet … Ohne allen Zweifel, die Deutschen sind Idealisten … Als ich das letzte Mal Deutschland besuchte, fand ich den deutschen Geschmack bemüht, Wagnern und dem Trompeter von Säckingen gleiche Rechte zuzugestehn; ich selber war eigenhändig Zeuge, wie man in Leipzig, zu Ehren eines der echtesten und deutschesten Musiker, im alten Sinne des Wortes deutsch, keines blossen Reichsdeutschen, es Meister Heinrich Schütz einen Liszt-Verein gründete, mit dem Zweck der Pflege und Verbreitung listiger Kirchenmusik … Ohne allen Zweifel, die Deutschen sind Idealisten …

2. Aber hier soll mich Nichts hindern, grob zu werden und den Deutschen ein paar harte Wahrheiten zu sagen: wer thut es sonst? – Ich rede von ihrer Unzucht in historicis. Nicht nur, dass den deutschen Historikern der grosse Blick für den Gang, für die Werthe der Cultur gänzlich abhanden gekommen ist, dass sie allesammt Hanswürste der Politik (oder der Kirche -) sind: dieser grosse Blick ist selbst von ihnen in Acht gethan. Man muss vorerst “deutsch” sein, “Rasse” sein, dann kann man über alle Werthe und Unwerthe in historicis entscheiden – man setzt sie fest… “Deutsch” ist ein Argument, “Deutschland, Deutschland über Alles” ein Princip, die Germanen sind die “sittliche Weltordnung” in der Geschichte; im Verhältniss zum imperium romanum die Träger der Freiheit, im Verhältniss zum achtzehnten Jahrhundert die Wiederhersteller der Moral, des “kategorischen Imperativs”, … Es giebt eine reichsdeutsche Geschichtsschreibung, es giebt, fürchte ich, selbst eine antisemitische, – es giebt eine Hof-Geschichtsschreibung und Herr von Treitschke schämt sich nicht … Jüngst machte ein Idioten-Urtheil in historicis, ein Satz des zum Glück verblichenen ästhetischen Schwaben Vischer, die Runde durch die deutschen Zeitungen als eine “Wahrheit”, zu der jeder Deutsche Ja sagen müsse: “Die Renaissance und die Reformation, Beide zusammen machen erst ein Ganzes – die aesthetische Wiedergeburt und die sittliche Wiedergeburt.” – Bei solchen Sätzen geht es mit meiner Geduld zu Ende, und ich spüre Lust, ich fühle es selbst als Pflicht, den Deutschen einmal zu sagen, was sie Alles schon auf dem Gewissen haben. Alle grossen Cultur-Verbrechen von vier Jahrhunderten haben sie auf dem Gewissen! … Und immer aus dem gleichen Grunde, aus ihrer innerlichsten Feigheit vor der Realität, die auch die Feigheit vor der Wahrheit ist, aus ihrer bei ihnen Instinkt gewordnen Unwahrhaftigkeit, aus “Idealismus”… Die Deutschen haben Europa um die Ernte, um den Sinn der letzten grossen Zeit, der Renaissance-Zeit, gebracht, in einem Augenblicke, wo eine höhere Ordnung der Werthe, wo die vornehmen, die zum Leben jasagenden, die Zukunft-verbürgenden Werthe am Sitz der entgegengesetzten, der Niedergangs-Werthe zum Sieg gelangt waren – und bis in die Instinkte der dort Sitzenden hinein! Luther, dies Verhängniss von Mönch, hat die Kirche, und, was tausend Mal schlimmer ist, das Christenthum wiederhergestellt, im Augenblick, wo es unterlag… Das Christenthum, diese Religion gewordne Verneinung des Willens zum Leben! … Luther, ein unmöglicher Mönch, der, aus Gründen seiner “Unmöglichkeit”, die Kirche angriff und sie – folglich! – wiederherstellte … Die Katholiken hätten Gründe, Lutherfeste zu feiern, Lutherspiele zu dichten … Luther – und die “sittliche Wiedergeburt”! Zum Teufel mit aller Psychologie! Ohne Zweifel, die Deutschen sind Idealisten. Die Deutschen haben zwei Mal, als eben mit ungeheurer Tapferkeit und Selbstüberwindung eine rechtschaffne, eine unzweideutige, eine vollkommen wissenschaftliche Denkweise erreicht war, Schleichwege zum alten “Ideal”, Versöhnungen zwischen Wahrheit und “Ideal”, im Grunde Formeln für ein Recht auf Ablehnung der Wissenschaft, für ein Recht auf Lüge zu finden gewusst. Leibniz und Kant – diese zwei grössten Hemmschuhe der intellektuellen Rechtschaffenheit Europa‘s! – Die Deutschen haben endlich, als auf der Brücke zwischen zwei décadence-Jahrhunderten eine force majeure von Genie und Wille sichtbar wurde, stark genug, aus Europa eine Einheit, eine politische und wirtschaftliche Einheit, zum Zweck der Erdregierung zu schaffen, mit ihren “Freiheits-Kriegen” Europa um den Sinn, um das Wunder von Sinn in der Existenz Napoleon’s gebracht, – sie haben damit Alles, was kam, was heute da ist, auf dem Gewissen, diese culturwidrigste Krankheit und Unvernunft, die es giebt, den Nationalismus., diese névrose nationale, an der Europa krank ist, diese Verewigung der Kleinstaaterei Europas, der kleinen Politik: sie haben Europa selbst um seinen Sinn, um seine Vernunft – sie haben es in eine Sackgasse gebracht. – Weiss jemand ausser mir einen Weg aus dieser Sackgasse? … Eine Aufgabe gross genug, die Völker wieder zu binden? …

3. Und zuletzt, warum sollte ich meinem Verdacht nicht Worte geben? Die Deutschen werden auch in meinem Falle wieder Alles versuchen, um aus einem ungeheuren Schicksal eine Maus zu gebären. Sie haben sich bis jetzt an mir compromittirt, ich zweifle, dass sie es in Zukunft besser machen. – Ah was es mich verlangt, hier ein schlechter Prophet zu sein! … Meine natürlichen Leser und Hörer sind jetzt schon Russen, Skandinavier und Franzosen, – werden sie es immer mehr sein? – Die Deutschen sind in die Geschichte der Erkenntniss mit lauter zweideutigen Namen eingeschrieben, sie haben immer nur “unbewusste” Falschmünzer hervorgebracht (- Fichte, Schelling, Schopenhauer, Hegel, Schleiermacher gebührt dies Wort so gut wie Kant und Leibniz, es sind Alles blosse Schleiermacher -): sie sollen nie die Ehre haben, dass der erste rechtschaffne Geist in der Geschichte des Geistes, der Geist, in dem die Wahrheit zu Gericht kommt über die Falschmünzerei von vier Jahrtausenden, mit dem deutschen Geiste in Eins gerechnet wird. Der “deutsche Geist” ist meine schlechte Luft: ich athme schwer in der Nähe dieser Instinkt gewordnen Unsauberkeit in psychologicis, die jedes Wort, jede Miene eines Deutschen verräth. Sie haben nie ein siebzehntes Jahrhundert harter Selbstprüfung durchgemacht wie die Franzosen, ein La Rochefoucauld, ein Descartes sind hundert Mal in Rechtschaffenheit den ersten Deutschen überlegen, – sie haben bis heute keinen Psychologen gehabt. Aber Psychologie ist beinahe der Maassstab der Reinlichkeit oder Unreinlichkeit einer Rasse … Und wenn man nicht einmal reinlich ist, wie sollte man Tiefe haben? Man kommt beim Deutschen, beinahe wie beim Weibe, niemals auf den Grund, er hat keinen: das ist Alles. Aber damit ist man noch nicht einmal flach. – Das, was in Deutschland “tief” heisst, ist genau diese Instinkt-Unsauberkeit gegen sich, von der ich eben rede: man will über sich nicht im Klaren sein. Dürfte ich das Wort “deutsch” nicht als internationale Münze für diese psychologische Verkommenheit in Vorschlag bringen? – In diesem Augenblick zum Beispiel nennt es der deutsche Kaiser seine “christliche Pflicht”, die Sklaven in Afrika zu befreien: unter uns andren Europäern hiesse das dann einfach “deutsch”… Haben die Deutschen auch nur Ein Buch hervorgebracht, das Tiefe hätte? Selbst der Begriff dafür, was tief an einem Buch ist, geht ihnen ab. Ich habe Gelehrte kennen gelernt, die Kant für tief hielten; am preussischen Hofe, fürchte ich, hält man Herrn von Treitschke für tief. Und wenn ich Stendhal gelegentlich als tiefen Psychologen rühme, ist es mir mit deutschen Universitätsprofessoren begegnet, dass sie mich den Namen buchstabieren liessen …

4. Und warum sollte ich nicht bis ans Ende gehn? Ich liebe es, reinen Tisch zu machen. Es gehört selbst zu meinem Ehrgeiz, als Verächter der Deutschen par excellence zu gelten. Mein Misstrauen gegen den deutschen Charakter habe ich schon mit sechsundzwanzig Jahren ausgedrückt (dritte Unzeitgemässe S. 71) – die Deutschen sind für mich unmöglich. Wenn ich mir eine Art Mensch ausdenke, die allen meinen Instinkten zuwiderläuft, so wird immer ein Deutscher daraus. Das Erste, worauf hin ich mir einen Menschen “nierenprüfe”, ist, ob er ein Gefühl für Distanz im Leibe hat, ob er überall Rang, Grad, Ordnung zwischen Mensch und Mensch sieht, ob er distinguirt damit ist man gentilhomme; in jedem andren Fall gehört man rettungslos unter den weitherzigen, ach! so gutmüthigen Begriff der canaille. Aber die Deutschen sind canaille – ach! sie sind so gutmüthig … Man erniedrigt sich durch den Verkehr mit Deutschen: der Deutsche stellt gleich … Rechne ich meinen Verkehr mit einigen Künstlern, vor Allem mit Richard Wagner ab, so habe ich keine gute Stunde mit Deutschen verlebt … Gesetzt, dass der tiefste Geist aller Jahrtausende unter Deutschen erschiene, irgend eine Retterin des Capitols würde wähnen, ihre sehr unschöne Seele käme zum Mindesten ebenso in Betracht … Ich halte diese Rasse nicht aus, mit der man immer in schlechter Gesellschaft ist, die keine Finger für nuances hat – wehe mir! ich bin eine nuance -, die keinen esprit in den Füssen hat und nicht einmal gehen kann … Die Deutschen haben zuletzt gar keine Füsse, sie haben bloss Beine … Den Deutschen geht jeder Begriff davon ab, wie gemein sie sind, aber das ist der Superlativ der Gemeinheit, – sie schämen sich nicht einmal, bloss Deutsche zu sein … Sie reden über Alles mit, sie halten sich selbst für entscheidend, ich fürchte, sie haben selbst über mich entschieden … – Mein ganzes Leben ist der Beweis de rigueur für diese Sätze. Umsonst, dass ich in ihm nach einem Zeichen von Takt, von délicatesse gegen mich suche. Von Juden ja, noch nie von Deutschen. Meine Art will es, dass ich gegen Jedermann mild und wohlwollend bin ich habe ein Recht dazu, keine Unterschiede zu machen dies hindert nicht, dass ich die Augen offen habe. Ich nehme Niemanden aus, am wenigsten meine Freunde, – ich hoffe zuletzt, dass dies meiner Humanität gegen sie keinen Abbruch gethan hat! Es giebt fünf, sechs Dinge, aus denen ich mir immer eine Ehrensache gemacht habe. – Trotzdem bleibt wahr, dass ich fast jeden Brief, der mich seit Jahren erreicht, als einen Cynismus empfinde: es liegt mehr Cynismus im Wohlwollen gegen mich als in irgend welchem Hass … Ich sage es jedem meiner Freunde ins Gesicht, dass er es nie der Mühe für werth genug hielt, irgend eine meiner Schriften zu studieren; ich errathe aus den kleinsten Zeichen, dass sie nicht einmal wissen, was drin steht. Was gar meinen Zarathustra anbetrifft, wer von meinen Freunden hätte mehr darin gesehn als eine unerlaubte, zum Glück vollkommen gleichgültige Anmaassung? … Zehn Jahre: und Niemand in Deutschland hat sich eine Gewissensschuld daraus gemacht, meinen Namen gegen das absurde Stillschweigen zu vertheidigen, unter dem er vergraben lag: ein Ausländer, ein Däne war es, der zuerst dazu genug Feinheit des Instinkts und Muth hatte, der sich über meine angeblichen Freunde empörte … An welcher deutschen Universität wären heute Vorlesungen über meine Philosophie möglich, wie sie letztes Frühjahr der damit noch einmal mehr bewiesene Psycholog Dr. Georg Brandes in Kopenhagen gehalten hat? – Ich selber habe nie an Alledem gelitten; das Nothwendige verletzt mich nicht; amor fati ist meine innerste Natur. Dies schliesst aber nicht aus, dass ich die Ironie liebe, sogar die welthistorische Ironie. Und so habe ich, zwei Jahre ungefähr vor dem zerschmetternden Blitzschlag der Umwerthung, der die Erde in Convulsionen versetzen wird, den “Fall Wagner” in die Welt geschickt: die Deutschen sollten sich noch einmal unsterblich an mir vergreifen und verewigen! es ist gerade noch Zeit dazu! – Ist das erreicht? – Zum Entzücken, meine Herrn Germanen! Ich mache Ihnen mein Compliment … Soeben schreibt mir noch, damit auch die Freunde nicht fehlen, eine alte Freundin, sie lache jetzt über mich … Und dies in einem Augenblicke, wo eine unsägliche Verantwortlichkeit auf mir liegt, – wo kein Wort zu zart, kein Blick ehrfurchtsvoll genug gegen’ mich sein kann. Denn ich trage das Schicksal der Menschheit auf der Schulter. -

Warum ich ein Schicksal bin.
1. Ich kenne mein Loos. Es wird sich einmal an meinen Namen die Erinnerung an etwas Ungeheures anknüpfen, – an eine Krisis, wie es keine auf Erden gab, an die tiefste GewissensCollision, an eine Entscheidung heraufbeschworen gegen Alles, was bis dahin geglaubt, gefordert, geheiligt worden war. Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit. – Und mit Alledem ist Nichts in mir von einem Religionsstifter – Religionen sind Pöbel-Affairen, ich habe nöthig, mir die Hände nach der Berührung mit religiösen Menschen zu waschen … Ich will keine “Gläubigen”, ich denke, ich bin zu boshaft dazu, um an mich selbst zu glauben, ich rede niemals zu Massen … Ich habe eine erschreckliche Angst davor, dass man mich eines Tags heilig spricht: man wird errathen, weshalb ich dies Buch vorher herausgebe, es soll verhüten, dass man Unfug mit mir treibt … Ich will kein Heiliger sein, lieber noch ein Hanswurst … Vielleicht bin ich ein Hanswurst … Und trotzdem oder vielmehr nicht trotzdem denn es gab nichts Verlogneres bisher als Heilige – redet aus mir die Wahrheit. – Aber meine Wahrheit ist furchtbar: denn man hiess bisher die Lüge Wahrheit. – Umwerthung aller Werthe: das ist meine Formel für einen Akt höchster Selbstbesinnung der Menschheit, der in mir Fleisch und Genie geworden ist. Mein Loos will, dass ich der erste anständige Mensch sein muss, dass ich mich gegen die Verlogenheit von Jahrtausenden im Gegensatz weiss… Ich erst habe die Wahrheit entdeckt, dadurch dass ich zuerst die Lüge als Lüge empfand – roch … Mein Genie ist in meinen Nüstern … Ich widerspreche, wie nie widersprochen worden ist und bin trotzdem der Gegensatz eines neinsagenden Geistes. Ich bin ein froher Botschafter, wie es keinen gab ich kenne Aufgaben von einer Höhe, dass der Begriff dafür bisher gefehlt hat; erst von mir an giebt es wieder Hoffnungen. Mit Alledem bin ich nothwendig auch der Mensch des Verhängnisses. Denn wenn die Wahrheit mit der Lüge von Jahrtausenden in Kampf tritt, werden wir Erschütterungen haben, einen Krampf von Erdbeben, eine Versetzung von Berg und Thal, wie dergleichen nie geträumt worden ist. Der Begriff Politik ist dann gänzlich in einen Geisterkrieg aufgegangen, alle Machtgebilde der alten Gesellschaft sind in die Luft gesprengt – sie ruhen allesamt auf der Lüge: es wird Kriege geben, wie es noch keine auf Erden gegeben hat. Erst von mir an giebt es auf Erden grosse Politik.

2. Will man eine Formel für ein solches Schicksal, das Mensch wird? – Sie steht in meinem Zarathustra.

- und wer ein Schöpfer sein will im Guten und Bösen, der muss ein Vernichter erst sein und Werthe zerbrechen.

Also gehört das höchste Böse zur höchsten Güte: diese aber ist die schöpferische.

Ich bin bei weitem der furchtbarste Mensch, den es bisher gegeben hat; dies schliesst nicht aus, dass ich der wohlthätigste sein werde. Ich kenne die Lust am Vernichten in einem Grade, die meiner Kraft zum Vernichten gemäss ist, – in Beidem gehorche ich meiner dionysischen Natur, welche das Neinthun nicht vom Jasagen zu trennen weiss. Ich bin der erste Immoralist: damit bin ich der Vernichter par excellence. -

3. Man hat mich nicht gefragt, man hätte mich fragen sollen, was gerade in meinem Munde, im Munde des ersten Immoralisten, der Name Zarathustra bedeutet: denn was die ungeheure Einzigkeit jenes Persers in der Geschichte ausmacht, ist gerade dazu das Gegentheil. Zarathustra hat zuerst im Kampf des Guten und des Bösen das eigentliche Rad im Getriebe der Dinge gesehn, – die Übersetzung der Moral in’s Metaphysische, als Kraft, Ursache, Zweck an sich, ist sein Werk. Aber diese Frage wäre im Grunde bereits die Antwort. Zarathustra, schuf diesen verhängnissvollsten Irrthum, die Moral: folglich muss er auch der Erste sein, der ihn erkennt. Nicht nur, dass er hier länger und mehr Erfahrung hat als sonst ein Denker – die ganze Geschichte ist ja die Experimental-Widerlegung vom Satz der sogenannten “sittlichen Weltordnung” -: das Wichtigere ist, Zarathustra ist wahrhaftiger als sonst ein Denker. Seine Lehre und sie allein hat die Wahrhaftigkeit als oberste Tugend – das heisst den Gegensatz zur Feigheit des “Idealisten”, der vor der Realität die Flucht ergreift, Zarathustra hat mehr Tapferkeit im Leibe als alle Denker zusammengenommen. Wahrheit reden und gut mit Pfeilen schiessen, das ist die persische Tugend. – Versteht man mich? … Die Selbstüberwindung der Moral aus Wahrhaftigkeit, die Selbstüberwindung des Moralisten in seinen Gegensatz – in mich – das bedeutet in meinem Munde der Name Zarathustra.

4. Im Grunde sind es zwei Verneinungen, die mein Wort Immoralist in sich schliesst. Ich verneine einmal einen Typus Mensch, der bisher als der höchste galt, die Guten, die Wohlwollenden, Wohltäthigen; ich verneine andrerseits eine Art Moral, welche als Moral an sich in Geltung und Herrschaft gekommen ist, die décadence-Moral, handgreiflicher geredet, die christliche Moral. Es wäre erlaubt, den zweiten Widerspruch als den entscheidenderen anzusehn, da die Überschätzung der Güte und des Wohlwollens, ins Grosse gerechnet, mir bereits als Folge der décadence gilt, als Schwäche-Symptom, als unverträglich mit einem aufsteigenden und jasagenden Leben: im Jasagen ist Verneinen und Vernichten Bedingung. – Ich bleibe zunächst bei der Psychologie des guten Menschen stehn. Um abzuschätzen, was ein Typus Mensch werth ist, muss man den Preis nachrechnen, den seine Erhaltung kostet, – muss man seine Existenzbedingungen kennen. Die Existenz-Bedingung der Guten ist die Lüge -: anders ausgedrückt, das Nicht-sehn-wollen um jeden Preis, wie im Grunde die Realität beschaffen ist, nämlich nicht der Art, um jeder Zeit wohlwollende Instinkte herauszufordern, noch weniger der Art, um sich ein Eingreifen von kurzsichtigen gutmüthigen Händen jeder Zeit gefallen zu lassen. Die Nothstände aller Art überhaupt als Einwand, als Etwas, das man abschaffen muss, betrachten, ist die niaiserie par excellence, ins Grosse gerechnet, ein wahres Unheil in seinen Folgen, ein Schicksal von Dummheit -, beinahe so dumm, als es der Wille wäre, das schlechte Wetter abzuschaffen – aus Mitleiden etwa mit den armen Leuten … In der grossen Ökonomie des Ganzen sind die Furchtbarkeiten der Realität (in den Affekten, in den Begierden, im Willen zur Macht) in einem unausrechenbaren Maasse nothwendiger als jene Form des kleinen Glücks, die sogenannte “Güte”; man muss sogar nachsichtig sein, um der letzteren, da sie in der Instinkt-Verlogenheit bedingt ist, überhaupt einen Platz zu gönnen. Ich werde einen grossen Anlass haben, die über die Maassen unheimlichen Folgen des Optimismus, dieser Ausgeburt der homines optimi, für die ganze Geschichte zu beweisen. Zarathustra, der Erste, der begriff, dass der Optimist ebenso décadent ist wie der Pessimist und vielleicht schädlicher, sagt: gute Menschen reden nie die Wahrheit. Falsche Küsten und Sicherheiten lehrten euch die Guten; in Lügen der Guten wart ihr geboren und geborgen. Alles ist in den Grund hinein verlogen und verbogen durch die Guten. Die Welt ist zum Glück nicht auf Instinkte hin gebaut, dass gerade bloss gutmüthiges Heerdengethier darin sein enges Glück fände; zu fordern, dass Alles “guter Mensch”, Heerdenthier, blauäugig, wohlwollend, “schöne Seele” – oder, wie Herr Herbert Spencer es wünscht, altruistisch werden solle, hiesse dem Dasein seinen grossen Charakter nehmen, hiesse die Menschheit castriren und auf eine armselige Chineserei herunterbringen. – Und dies hat man versucht! .. Dies eben hiess man Moral … In diesem Sinne nennt Zarathustra die Guten bald “die letzten Menschen”, bald den “Anfang vom Ende”; vor Allem empfindet er sie als die schädlichste Art Mensch, weil sie ebenso auf Kosten der Wahrheit als auf Kosten der Zukunft ihre Existenz durchsetzen.

Die Guten – die können nicht schaffen, die sind immer der Anfang vom Ende -

- sie kreuzigen den, der neue Werthe auf neue Tafeln schreibt, sie opfern sich die Zukunft, sie kreuzigen alle Menschen-Zukunft!

Die Guten – die waren immer der Anfang vom Ende …

Und was auch für Schaden die Welt-Verleumder thun mögen, der Schaden der Guten ist der schädlichste Schaden.

5. Zarathustra, der erste Psycholog der Guten, ist – folglich ein Freund der Bösen. Wenn eine décadence-Art Mensch zum Rang der höchsten Art aufgestiegen ist, so konnte dies nur auf Kosten ihrer Gegensatz-Art geschehn, der starken und lebensgewissen Art Mensch. Wenn das Heerdenthier im Glanze der reinsten Tugend strahlt, so muss der Ausnahme-Mensch zum Bösen heruntergewerthet sein. Wenn die Verlogenheit um jeden Preis das Wort “Wahrheit” für ihre Optik in Anspruch nimmt, so muss der eigentlich Wahrhaftige unter den schlimmsten Namen wiederzufinden sein. Zarathustra lässt hier keinen Zweifel: er sagt, die Erkenntniss der Guten, der “Besten” gerade sei es gewesen, was ihm Grausen vor dem Menschen überhaupt gemacht habe; aus diesem Widerwillen seien ihm die Flügel gewachsen, “fortzuschweben in ferne Zukünfte”, – er verbirgt es nicht, dass sein Typus Mensch, ein relativ übermenschlicher Typus, gerade im Verhältniss zu den Guten übermenschlich ist, dass die Guten und Gerechten seinen Übermenschen Teufel nennen würden …

Ihr höchsten Menschen, denen mein Auge begegnete, das ist mein Zweifel an euch und mein heimliches Lachen: ich rathe, ihr würdet meinen Übermenschen – Teufel heissen!

So fremd seid ihr dem Grossen mit eurer Seele, dass euch der Übermensch furchtbar sein würde in seiner Güte …

An dieser Stelle und nirgends wo anders muss man den Ansatz machen, um zu begreifen, was Zarathustra will: diese Art Mensch, die er concipirt, concipirt die Realität, wie sie ist: sie ist stark genug dazu -, sie ist ihr nicht entfremdet, entrückt, sie ist sie selbst, sie hat all deren Furchtbares und Fragwürdiges auch noch in sich, damit erst kann der Mensch Grösse haben …

6. Aber ich habe auch noch in einem andren Sinne das Wort Immoralist zum Abzeichen, zum Ehrenzeichen für mich gewählt; ich bin stolz darauf, dies Wort zu haben, das mich gegen die ganze Menschheit abhebt. Niemand noch hat die christliche Moral als unter sich gefühlt: dazu gehörte eine Höhe, ein Fernblick, eine bisher ganz unerhörte psychologische Tiefe und Abgründlichkeit. Die christliche Moral war bisher die Circe aller Denker, – sie standen in ihrem Dienst. – Wer ist vor mir eingestiegen in die Höhlen, aus denen der Gifthauch dieser Art von Ideal – der Weltverleumdung! – emporquillt? Wer hat auch nur zu ahnen gewagt, dass es Höhlen sind? Wer war überhaupt vor mir unter den Philosophen Psycholog und nicht vielmehr dessen Gegensatz “höherer Schwindler” “Idealist”? Es gab vor mir noch gar keine Psychologie. – Hier der Erste zu sein kann ein Fluch sein, es ist jedenfalls ein Schicksal: denn man verachtet auch als der Erste … Der Ekel am Menschen ist meine Gefahr …

7. Hat man mich verstanden? – Was mich abgrenzt, was mich bei Seite stellt gegen den ganzen Rest der Menschheit, das ist, die christliche Moral entdeckt zu haben. Deshalb war ich eines Worts bedürftig, das den Sinn einer Herausforderung an Jedermann enthält. Hier nicht eher die Augen aufgemacht zu haben gilt mir als die grösste Unsauberkeit, die die Menschheit auf dem Gewissen hat, als Instinkt gewordner Selbstbetrug, als grundsätzlicher Wille, jedes Geschehen, jede Ursächlichkeit, jede Wirklichkeit nicht zu sehen, als Falschmünzerei in psychologicis bis zum Verbrechen. Die Blindheit vor dem Christenthum ist das Verbrechen par excellence – das Verbrechen am Leben … Die Jahrtausende, die Völker, die Ersten und die Letzten, die Philosophen und die alten Weiber – fünf, sechs Augenblicke der Geschichte abgerechnet, mich als siebenten – in diesem Punkte sind sie alle einander würdig. Der Christ war bisher das “moralische Wesen”, ein . Curiosum ohne Gleichen – und, als “moralisches Wesen”, absürder, verlogner, eitler, leichtfertiger, sich selber nachtheiliger als auch der grösste Verächter der Menschheit es sich träumen lassen könnte. Die christliche Moral – die bösartigste Form des Willens zur Lüge, die eigentliche Circe der Menschheit: Das, was sie verdorben hat. Es ist nicht der Irrthum als Irrthum, was Mich bei diesem Anblick entsetzt, nicht der Jahrtausende lange Mangel an “gutem Willen”, an Zucht, an Anstand, an Tapferkeit im Geistigen, der sich in seinem Sieg verräth: – es ist der Mangel an Natur, es ist der vollkommen schauerliche Thatbestand, dass die Widernatur selbst als Moral die höchsten Ehren empfieng und als Gesetz, als kategorischer Imperativ, über der Menschheit hängen blieb! … In diesem Maasse sich vergreifen, nicht als Einzelner, nicht als Volk, sondern als Menschheit! … Dass man die allerersten Instinkte des Leben<s> verachten lehrte; dass man eine “Seele”, einen “Geist” erlog, um den Leib zu Schanden zu machen; dass man in der Voraussetzung des Lebens, in der Geschlechtlichkeit, etwas Unreines empfinden lehrt; dass man in der tiefsten Nothwendigkeit zum Gedeihen, in der strengen Selbstsucht (- das Wort schon ist verleumderisch! -) das böse Princip sucht; dass man umgekehrt in dem typischen Abzeichen des Niedergangs und der Instinkt-Widersprüchlichkeit, im “Selbstlosen”, im Verlust an Schwergewicht, in der “Entpersönlichung” und “Nächstenliebe” (- Nächstensucht!) den höheren Werth, was sage ich! den Werth an sich sieht! … Wie! wäre die Menschheit selber in décadence? war sie es immer? – Was feststeht, ist, dass ihr nur Décadence-Werthe als oberste Werthe gelehrt worden sind. Die Entselbstungs-Moral ist die Niedergangs-Moral par excellence, die Thatsache “ich gehe zu Grunde”, in den Imperativ übersetzt: “ihr sollt alle zu Grunde gehn” – und nicht nur in den Imperativ! … Diese einzige Moral, die bisher gelehrt worden ist, die Entselbstungs-Moral, verräth einen Willen zum Ende, sie verneint im untersten Grunde das Leben. – Hier bliebe die Möglichkeit offen, dass nicht die Menschheit in Entartung sei, sondern nur jene parasitische Art Mensch, die des Priesters, die mit der Moral sich zu ihren Werth-Bestimmern emporgelogen hat, – die in der christlichen Moral ihr Mittel zur Macht errieth … Und in der That, das ist meine Einsicht: die Lehrer, die Führer der Menschheit, Theologen insgesammt, waren insgesammt auch décadents: daher die Umwerthung aller Werthe ins Lebensfeindliche, daher die Moral … Definition der Moral: Moral – die Idiosynkrasie von décadents, mit der Hinterabsicht, sich am Leben zu rächen – und mit Erfolg. Ich lege Werth auf diese Definition. –

8. Hat man mich verstanden? – Ich habe eben kein Wort gesagt, das ich nicht schon vor fünf Jahren durch den Mund Zarathustras gesagt hätte. – Die Entdeckung der christlichen Moral ist ein Ereigniss, das nicht seines Gleichen hat, eine wirkliche Katastrophe. Wer über sie aufklärt, ist eine force majeure, ein Schicksal, – er bricht die Geschichte der Menschheit in zwei Stücke. Man lebt vor ihm, man lebt nach ihm … Der Blitz der Wahrheit traf gerade das, was bisher am Höchsten stand: wer begreift, was da vernichtet wurde, mag zusehn, ob er überhaupt noch Etwas in den Händen hat. Alles, was bisher “Wahrheit” hiess, ist als die schädlichste, tückischste, unterirdischste Form der Lüge erkannt; der heilige Vorwand, die Menschheit zu “verbessern” als die List, das Leben selbst auszusaugen, blutarm zu machen. Moral als Vampyrismus … Wer die Moral entdeckt, hat den Unwerth aller Werthe mit entdeckt, an die man glaubt oder geglaubt hat; er sieht in den verehrtesten, in den selbst heilig gesprochnen Typen des Menschen nichts Ehrwürdiges mehr, er sieht die verhängnissvollste Art von Missgeburten darin, verhängnissvoll, weil sie fascinirten… Der Begriff “Gott” erfunden als Gegensatz-Begriff zum Leben, – in ihm alles Schädliche, Vergiftende, Verleumderische, die ganze Todfeindschaft gegen das Leben in eine entsetzliche Einheit gebracht! Der Begriff “Jenseits”, “wahre Welt” erfunden, um die einzige Welt zu entwerthen, die es giebt, – um kein Ziel, keine Vernunft, keine Aufgabe für unsre Erden-Realität übrig zu behalten! Der Begriff “Seele”, “Geist”, zuletzt gar noch “unsterbliche Seele”, erfunden, um den Leib zu verachten, um ihn krank – “heilig” – zu machen, um allen Dingen, die Ernst im Leben verdienen, den Fragen von Nahrung, Wohnung, geistiger Diät, Krankenbehandlung, Reinlichkeit, Wetter, einen schauerlichen Leichtsinn entgegenzubringen! Statt der Gesundheit das “Heil der Seele” – will sagen eine folie circulaire zwischen Busskrampf und Erlösungs-Hysterie! Der Begriff “Sünde” erfunden sammt dem zugehörigen Folter-Instrument, dem Begriff “freier Wille”, um die Instinkte zu verwirren, um das Misstrauen gegen die Instinkte zur zweiten Natur zu machen! Im Begriff des “Selbstlosen”, des “Sich-selbst-Verleugnenden” das eigentliche décadence-Abzeichen, das Gelockt-werden vom Schädlichen, das Seinen-Nutzen-nicht-mehr-finden-können, die Selbst-Zerstörung zum Werthzeichen überhaupt gemacht, zur “Pflicht”, zur “Heiligkeit”, zum “Göttlichen” im Menschen! Endlich – es ist das Furchtbarste – im Begriff des guten Menschen die Partei alles Schwachen, Kranken, Missrathnen, An-sich-selber-Leidenden genommen, alles dessen, was zu Grunde gehn soll -, das Gesetz der Selektion gekreuzt, ein Ideal aus dem Widerspruch gegen den stolzen und wohlgerathenen, gegen den jasagenden, gegen den zukunftsgewissen, zukunftverbürgenden Menschen gemacht – dieser heisst nunmehr der Böse… Und das Alles wurde geglaubt als Moral!

Ecrasez l’infâme!

9. Hat man mich verstanden? – Dionysos gegen den Gekreuzigten…


Die Achse der Intoleranz

July 8, 2009
Die Verleumdung ist schnell und die Wahrheit langsam. (Voltaire)

Eine Glosse von Narcisse Caméléon
Ressortleiter Deppologie der HIRAM7 REVIEW

Nachfolgender E-Mail-Wechsel zwischen dem libertären Publizisten Alan Posener auf der einen Seite, und dem Triumvirat Dirk Maxeiner, Henryk M. Broder und Michael Miersch, Herausgeber des ebenso unkonventionellen und polemischen Online-Magazins Die Achse des Guten, auf der anderen Seite, zeigt wie intolerant und unfair Publizisten (und Journalisten) sein können…wenn es darum geht, einen unliebsamen Kollegen aus dem Verkehr zu ziehen.

Alan Posener bat uns darum, diese Korrespondenz publik zu machen, damit die Drahtzieher dieser Kabale Gelegenheit haben, hierzu Stellung zu nehmen, um diese kindergartenähnliche Autorenstreit ein anständiges Ende für alle Beteiligten zu bereiten.

Wir wollen hoffen, dass Konrad Adenauer verallgemeinerte, als er einst sagte: “Mit kleinen Jungen und Journalisten soll man vorsichtig sein. Die schmeißen immer noch einen Stein hinterher.”

***

Mittwoch, 20. Mai 2009 – 15:39

Lieber Alan,

in letzter Zeit wurden wir mehrmals darauf aufmerksam gemacht, dass du die Autoren von achchgut.com unter anderem als “Idioten” und “unter aller Sau” bezeichnest. Wir wollten das zunächst nicht glauben. Aber inzwischen wurden uns Belege zur Kenntnis gegeben, in denen du deiner Verachtung schriftlich Ausdruck gibst.

Warum bist du Mitglied in einem Autorennetzwerk, das du dermaßen geringschätzt? Es steht dir doch frei, nach Freunden zu suchen, für die du mehr Respekt empfindest. Als du im Herbst 2008 zu achgut.com kamst, waren bereits dieselben Autoren dabei wie jetzt.

Nachdem du deinen eigenen Blog aufgegeben hast, nahmst du die Einladung auf achgut.com zu schreiben freudig an. Wir möchten nicht mit jemandem zusammenzuarbeiten, der intrigiert und sich bemüht, den Ruf von achgut.de zu schädigen.

Damit ersparen wir dir die Peinlichkeit, weiterhin mit “Idioten” in Zusammenhang gebracht zu werden.

Grüsse

Dirk Maxeiner, Henryk M. Broder und Michael Miersch

Herausgeber der Achse des Guten

www.achgut.com

***

Hierzu die Antwort von Alan Posener:

Mittwoch, 20. Mai 2009 – 16:58

Lieber Dirk, lieber Michael, lieber Henryk,

Der größte Lump im ganzen Land ist und bleibt der Denunziant. [Das wusste schon Hoffmann von Fallersleben Mitte des 19. Jahrhunderts - Anmerkung der Redaktion.]

Freilich wer auf solche Leute hört, ist selber schuld. Dieser Brief ist geradezu kafkaesk. (Kafkas Roman Der Prozess beginnt mit dem Satz: “Irgendjemand musste K. denunziert haben.)

Wieso sagt ihr nicht, wer euch “darauf aufmerksam gemacht hat”, dass ich so etwas gesagt habe? Um was für “Belege” handelt es sich da? Wieso teilt ihr mir das Ergebnis eures geheimen Tribunals mit, ohne mir vorher eine Chance zur Anhörung zu geben? Ist das euer Verständnis von Fairness.

Für mich riecht es nach Stalinismus. Da ich nicht glauben mag, dass ihr so handelt wie irgendwelche K-Gruppen-Fuzzis, möchte ich dringend um eine Aussprache bitten. Auch mein Humor hat Grenzen.

Beste Grüße

Alan Posener
Korrespondent für Politik und Gesellschaft
Welt am Sonntag


New York financier Bernard Madoff Gets 150-Year Prison Term

June 30, 2009

Bernard Madoff - U.S. Department of Justice

The disgraced New York financier Bernard Lawrence “Bernie” Madoff has been sentenced to 150 years in prison by a court after pleading guilty to a massive Ponzi scheme, which severely impacted, among others, many philanthropies and individuals.

The sentence means that the 71-year-old, once a highly-respected Wall Street figure, will spend the rest of his life in jail.

He took billions of dollars from investors who trusted his reputation for providing spectacular returns and most of it has not been traced. The money was never invested but was put in banks and used to shore up the illusion that his business was trading successfully, as well as financing his luxury lifestyle.

Applause erupted in the courtroom when the sentence was announced, and despite a pubic apology by Madoff, Judge Denny Chin showed no leniency. “I don’t get a sense that Mr. Madoff has done all he could, or told all that he knows,” the judge said.

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Daniel Pearl Freedom of the Press Act

June 9, 2009

U.S. Representatives Adam Schiff (Democrats – California) and Mike Pence (Republicans – Indiana), recently introduced legislation in the U.S. Congress to highlight and promote freedom of the press worldwide.

The legislation will establish an annual State Department report on the status of press freedom in every country in the world and create a grant program aimed at broadening and strengthening the independence of journalists and media organizations.

“I can think of no better way to honor the memory of Daniel Pearl,” Pence said. “This legislation takes valuable steps in highlighting and supporting the critical work of investigative journalism, while putting on notice those countries who choose to ignore the freedom of the press…”

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D-Day – June 6, 1944: The Meaning of the Supreme Sacrifice of Heroes and Guardians of Freedom

June 6, 2009

dday flags D-Day Message to the troops from Dwight D. Eisenhower

Let Our Hearts Be Stout – Roosevelt D-Day Prayer

My Fellow Americans,

Last night, when I spoke with you about the fall of Rome, I knew at that moment that troops of the United States and our Allies were crossing the Channel in another and greater operation. It has come to pass with success thus far.

And so, in this poignant hour, I ask you to join with me in prayer:

Almighty God: Our sons, pride of our nation, this day have set upon a mighty endeavor, a struggle to preserve our Republic, our religion, and our civilization, and to set free a suffering humanity.

Lead them straight and true; give strength to their arms, stoutness to their hearts, steadfastness in their faith.

They will need Thy blessings. Their road will be long and hard. For the enemy is strong. He may hurl back our forces. Success may not come with rushing speed, but we shall return again and again; and we know that by Thy grace, and by the righteousness of our cause, our sons will triumph.

They will be sore tried, by night and by day, without rest – until the victory is won. The darkness will be rent by noise and flame. Men’s souls will be shaken with the violences of war.

For these men are lately drawn from the ways of peace. They fight not for the lust of conquest. They fight to end conquest. They fight to liberate. They fight to let justice arise, and tolerance and goodwill among all Thy people. They yearn but for the end of battle, for their return to the haven of home.

Some will never return. Embrace these, Father, and receive them, Thy heroic servants, into Thy kingdom.

And for us at home – fathers, mothers, children, wives, sisters, and brothers of brave men overseas, whose thoughts and prayers are ever with them – help us, Almighty God, to rededicate ourselves in renewed faith in Thee in this hour of great sacrifice.

Many people have urged that I call the nation into a single day of special prayer. But because the road is long and the desire is great, I ask that our people devote themselves in a continuance of prayer. As we rise to each new day, and again when each day is spent, let words of prayer be on our lips, invoking Thy help to our efforts.

Give us strength, too – strength in our daily tasks, to redouble the contributions we make in the physical and the material support of our armed forces.

And let our hearts be stout, to wait out the long travail, to bear sorrows that may come, to impart our courage unto our sons wheresoever they may be.

And, O Lord, give us faith. Give us faith in Thee; faith in our sons; faith in each other; faith in our united crusade. Let not the keeness of our spirit ever be dulled. Let not the impacts of temporary events, of temporal matters of but fleeting moment – let not these deter us in our unconquerable purpose.

With Thy blessing, we shall prevail over the unholy forces of our enemy. Help us to conquer the apostles of greed and racial arrogances. Lead us to the saving of our country, and with our sister nations into a world unity that will spell a sure peace – a peace invulnerable to the schemings of unworthy men. And a peace that will let all of men live in freedom, reaping the just rewards of their honest toil.

Thy will be done, Almighty God. Amen.

U.S. President Franklin Delano Roosevelt – June 6, 1944


The Debate over Keeping America Safe

May 29, 2009

Cheney

Last week, President Barack Obama and former vice president Dick Cheney presented competing views of how America was kept secure after September 11, 2001 - and how to proceed in the future.

Mr. Cheney, who has rejoined the Board of Trustees of the neoconservative think tank American Enterprise Institute (AEI) since leaving government in January 2009, gave a widely covered speech at AEI on May 21, 2009, just minutes after President Barack Obama spoke. The president defended his ban on enhanced interrogation techniques and his plans to close the terrorist detention facility at Guantanamo Bay.

Mr. Cheney first documented the threats America faced in the wake of the 9/11 attacks and how the Bush administration shaped the nation’s response. The post-9/11 “comprehensive strategy” has “required the commitment of many thousands of troops in two theaters of war, with high points and some low points in both Iraq and Afghanistan – and at every turn, the people of our military carried the heaviest burden,” he said. “Well over seven years into the effort, one thing we know is that the enemy has spent most of this time on the defensive–and every attempt to strike inside the United States has failed.”

Key to the successful post-9/11 strategy, Mr. Cheney said, was “accurate intelligence” – including that received through enhanced interrogation.

Danielle Pletka, foreign policy insider and former staff member for Near East and South Asia at the Committee on Foreign Relations of the U.S. Senate, commented on the Cheney speech in the pages of USA Today

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Abu Ghraib: U.S. criticizes British press over report of abuse photos

May 29, 2009

Five years after photos initially surfaced of prisoner abuse at the Abu Ghraib detention center in Iraq, the photos taken at the camp are again at issue after a former U.S. army major general alleged to the British paper the Telegraph that additional, unreleased photos show U.S. soldiers raping inmates.

Here is the Telegraph article.

The White House press secretary said the story got many details wrong. So too did the Pentagon.

President Barack Obama has reversed his initial position that he would release all remaining photos, saying that the photos are graphic and would put U.S. and British troops in danger.

Editor of The Paris Review and former staff writer of The New Yorker Philip Gourevitch, writing in the New York Times, argues that Obama’s decision not to release the photos should be viewed differently from the George W. Bush administration’s initial denials of torture at Abu Ghraib. 

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Austrian Jewish community concerned over anti-Semitic rhetoric of Jörg Haider’s followers

May 26, 2009

The head of the Austrian Jewish community, Ariel Muzicant, has accused extreme-right politicians in his country of stoking hate in the run up to elections for the European Parliament in June 2009. Muzicant said in an interview that the tone of the campaign by the far-right Austrian Freedom Party (FPÖ) was directly responsible for a recent series of anti-Semitic incidents in the country.

The FPÖ encouraged “right-wing extremism in their own ranks and systematically want to make it socially respectable,” Muzicant said. He also likened the agitation of the party’s general secretary, Herbert Kickl, to those of Nazi Germany’s propaganda minister Joseph Goebbels.

FPÖ leader Norbert Hofer demanded in a statement released Saturday that Austrian president Heinz Fischer and Parliament speaker Barbara Prammer condemn Muzicant’s words, but there has been no official response.

While most Austrians are likely to support the governing Social Democrats (SPÖ) and Austrian People’s Party (ÖVP) in the elections, far-right parties won nearly 29 percent of the vote in last year’s national elections. Recent incidents in Austria include an attack by four right-wing youth on Holocaust survivors in the town of Ebensee; anti-Semitic statements made by Austrian students visiting the Auschwitz memorial; the refusal of a hotel in Tyrol to accept Jewish guests; and an Austrian far-right columnist blaming Jews for the current world financial crisis. An FPÖ campaign ad suggested that not only Turkey but also Israel, which is not a candidate for accession, should be prevented from joining the European Union.

Meanwhile, the Simon Wiesenthal Center warned that voter indifference across Europe could empower anti-Semitic parties in the upcoming European Parliament elections. “In the past, low voter turnout has played into the hands” of European parties and their allies which “are openly anti-Semitic and some include convicted Holocaust deniers,” said a statement released by the center. The Wiesenthal Center is arguing that votes can influence the Israel-Europe relationship and Jewish life in Europe because the EU Parliament will address issues such as anti-Semitism, the Iranian nuclear threat, dialogue with Hamas and Hezbollah, and trade agreements with Israel. Some 736 members of the European Parliament will be elected by proportional representation to represent 500 million Europeans in the 27 member states.


Political Battles Over Guantanamo

May 22, 2009

Yesterday the political battles in Washington D.C. over the closure of Guantanamo detention center heated up. President Barack Obama has reinforced his call to shut down the Guantanamo Bay detention camp, saying its flaws have weakened national security. But opponents say the camp has made the United States safer and predict legislative obstacles on transferring detainees.

President Barack Obama delivered a speech laying out in general terms his plan to close Guantanamo and his argument for balancing transparency with national security. Former Vice President Richard B. Cheney immediately followed up in a speech at the neoconservative think tank American Enterprise Institute (AEI), suggesting one aspect of Obama’s plan – bringing Guantanamo prisoners to U.S. soil – may never pass congressional muster. The speeches came in the wake of a recent decision by Senate Democrats refusing to release funds for the closure of Guantanamo.

***

Here is President Barack Obama’s speech.

THE WHITE HOUSE – Office of the Press Secretary
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For Immediate Release                          May 21, 2009

REMARKS BY THE PRESIDENT ON NATIONAL SECURITY

National Archives, Washington D.C., 10:28 A.M. EDT

THE PRESIDENT: Good morning, everybody. Please be seated. Thank you all for being here. Let me just acknowledge the presence of some of my outstanding Cabinet members and advisors. We’ve got our Secretary of State, Hillary Clinton. We have our CIA Director Leon Panetta. We have our Secretary of Defense William Gates; Secretary Napolitano of Department of Homeland Security; Attorney General Eric Holder; my National Security Advisor Jim Jones. And I want to especially thank our Acting Archivist of the United States, Adrienne Thomas.

I also want to acknowledge several members of the House who have great interest in intelligence matters. I want to thank Congressman Reyes, Congressman Hoekstra, Congressman King, as well as Congressman Thompson, for being here today. Thank you so much.

These are extraordinary times for our country. We’re confronting a historic economic crisis. We’re fighting two wars. We face a range of challenges that will define the way that Americans will live in the 21st century. So there’s no shortage of work to be done, or responsibilities to bear.

And we’ve begun to make progress. Just this week, we’ve taken steps to protect American consumers and homeowners, and to reform our system of government contracting so that we better protect our people while spending our money more wisely. The – it’s a good bill. The engines of our economy are slowly beginning to turn, and we’re working towards historic reform on health care and on energy.  I want to say to the members of Congress, I welcome all the extraordinary work that has been done over these last four months on these and other issues.

In the midst of all these challenges, however, my single most important responsibility as President is to keep the American people safe.  It’s the first thing that I think about when I wake up in the morning.  It’s the last thing that I think about when I go to sleep at night.

And this responsibility is only magnified in an era when an extremist ideology threatens our people, and technology gives a handful of terrorists the potential to do us great harm.  We are less than eight years removed from the deadliest attack on American soil in our history.  We know that al Qaeda is actively planning to attack us again.  We know that this threat will be with us for a long time, and that we must use all elements of our power to defeat it.

Already, we’ve taken several steps to achieve that goal.  For the first time since 2002, we’re providing the necessary resources and strategic direction to take the fight to the extremists who attacked us on 9/11 in Afghanistan and Pakistan. We’re investing in the 21st century military and intelligence capabilities that will allow us to stay one step ahead of a nimble enemy. We have re-energized a global non-proliferation regime to deny the world’s most dangerous people access to the world’s deadliest weapons. And we’ve launched an effort to secure all loose nuclear materials within four years.  We’re better protecting our border, and increasing our preparedness for any future attack or natural disaster. We’re building new partnerships around the world to disrupt, dismantle, and defeat al Qaeda and its affiliates. And we have renewed American diplomacy so that we once again have the strength and standing to truly lead the world.

These steps are all critical to keeping America secure. But I believe with every fiber of my being that in the long run we also cannot keep this country safe unless we enlist the power of our most fundamental values. The documents that we hold in this very hall – the Declaration of Independence, the Constitution, the Bill of Rights – these are not simply words written into aging parchment. They are the foundation of liberty and justice in this country, and a light that shines for all who seek freedom, fairness, equality, and dignity around the world.

I stand here today as someone whose own life was made possible by these documents. My father came to these shores in search of the promise that they offered. My mother made me rise before dawn to learn their truths when I lived as a child in a foreign land. My own American journey was paved by generations of citizens who gave meaning to those simple words – “to form a more perfect union.” I’ve studied the Constitution as a student, I’ve taught it as a teacher, I’ve been bound by it as a lawyer and a legislator. I took an oath to preserve, protect, and defend the Constitution as Commander-in-Chief, and as a citizen, I know that we must never, ever, turn our back on its enduring principles for expedience sake.

I make this claim not simply as a matter of idealism. We uphold our most cherished values not only because doing so is right, but because it strengthens our country and it keeps us safe. Time and again, our values have been our best national security asset – in war and peace; in times of ease and in eras of upheaval.

Fidelity to our values is the reason why the United States of America grew from a small string of colonies under the writ of an empire to the strongest nation in the world.

It’s the reason why enemy soldiers have surrendered to us in battle, knowing they’d receive better treatment from America’s Armed Forces than from their own government.

It’s the reason why America has benefitted from strong alliances that amplified our power, and drawn a sharp, moral contrast with our adversaries.

It’s the reason why we’ve been able to overpower the iron fist of fascism and outlast the iron curtain of communism, and enlist free nations and free peoples everywhere in the common cause and common effort of liberty.

From Europe to the Pacific, we’ve been the nation that has shut down torture chambers and replaced tyranny with the rule of law. That is who we are. And where terrorists offer only the injustice of disorder and destruction, America must demonstrate that our values and our institutions are more resilient than a hateful ideology.

After 9/11, we knew that we had entered a new era – that enemies who did not abide by any law of war would present new challenges to our application of the law; that our government would need new tools to protect the American people, and that these tools would have to allow us to prevent attacks instead of simply prosecuting those who try to carry them out.

Unfortunately, faced with an uncertain threat, our government made a series of hasty decisions. I believe that many of these decisions were motivated by a sincere desire to protect the American people. But I also believe that all too often our government made decisions based on fear rather than foresight; that all too often our government trimmed facts and evidence to fit ideological predispositions.  Instead of strategically applying our power and our principles, too often we set those principles aside as luxuries that we could no longer afford. And during this season of fear, too many of us – Democrats and Republicans, politicians, journalists, and citizens – fell silent.

In other words, we went off course. And this is not my assessment alone. It was an assessment that was shared by the American people who nominated candidates for President from both major parties who, despite our many differences, called for a new approach – one that rejected torture and one that recognized the imperative of closing the prison at Guantanamo Bay.

Now let me be clear:  We are indeed at war with al Qaeda and its affiliates. We do need to update our institutions to deal with this threat. But we must do so with an abiding confidence in the rule of law and due process; in checks and balances and accountability. For reasons that I will explain, the decisions that were made over the last eight years established an ad hoc legal approach for fighting terrorism that was neither effective nor sustainable – a framework that failed to rely on our legal traditions and time-tested institutions, and that failed to use our values as a compass. And that’s why I took several steps upon taking office to better protect the American people.

First, I banned the use of so-called enhanced interrogation techniques by the United States of America.

I know some have argued that brutal methods like waterboarding were necessary to keep us safe. I could not disagree more. As Commander-in-Chief, I see the intelligence.  I bear the responsibility for keeping this country safe. And I categorically reject the assertion that these are the most effective means of interrogation. What’s more, they undermine the rule of law. They alienate us in the world.  They serve as a recruitment tool for terrorists, and increase the will of our enemies to fight us, while decreasing the will of others to work with America. They risk the lives of our troops by making it less likely that others will surrender to them in battle, and more likely that Americans will be mistreated if they are captured. In short, they did not advance our war and counterterrorism efforts – they undermined them, and that is why I ended them once and for all.

Now, I should add, the arguments against these techniques did not originate from my administration. As Senator McCain once said, torture “serves as a great propaganda tool for those who recruit people to fight against us.” And even under President Bush, there was recognition among members of his own administration – including a Secretary of State, other senior officials, and many in the military and intelligence community – that those who argued for these tactics were on the wrong side of the debate, and the wrong side of history. That’s why we must leave these methods where they belong – in the past. They are not who we are, and they are not America.

The second decision that I made was to order the closing of the prison camp at Guantanamo Bay.

For over seven years, we have detained hundreds of people at Guantanamo.  During that time, the system of military commissions that were in place at Guantanamo succeeded in convicting a grand total of three suspected terrorists. Let me repeat that:  three convictions in over seven years. Instead of bringing terrorists to justice, efforts at prosecution met setback after setback, cases lingered on, and in 2006 the Supreme Court invalidated the entire system. Meanwhile, over 525 detainees were released from Guantanamo under not my administration, under the previous administration. Let me repeat that:  Two-thirds of the detainees were released before I took office and ordered the closure of Guantanamo.

There is also no question that Guantanamo set back the moral authority that is America’s strongest currency in the world. Instead of building a durable framework for the struggle against al Qaeda that drew upon our deeply held values and traditions, our government was defending positions that undermined the rule of law. In fact, part of the rationale for establishing Guantanamo in the first place was the misplaced notion that a prison there would be beyond the law – a proposition that the Supreme Court soundly rejected. Meanwhile, instead of serving as a tool to counter terrorism, Guantanamo became a symbol that helped al Qaeda recruit terrorists to its cause.  Indeed, the existence of Guantanamo likely created more terrorists around the world than it ever detained.

So the record is clear: Rather than keeping us safer, the prison at Guantanamo has weakened American national security. It is a rallying cry for our enemies. It sets back the willingness of our allies to work with us in fighting an enemy that operates in scores of countries. By any measure, the costs of keeping it open far exceed the complications involved in closing it. That’s why I argued that it should be closed throughout my campaign, and that is why I ordered it closed within one year.

The third decision that I made was to order a review of all pending cases at Guantanamo. I knew when I ordered Guantanamo closed that it would be difficult and complex. There are 240 people there who have now spent years in legal limbo. In dealing with this situation, we don’t have the luxury of starting from scratch. We’re cleaning up something that is, quite simply, a mess – a misguided experiment that has left in its wake a flood of legal challenges that my administration is forced to deal with on a constant, almost daily basis, and it consumes the time of government officials whose time should be spent on better protecting our country.

Indeed, the legal challenges that have sparked so much debate in recent weeks here in Washington would be taking place whether or not I decided to close Guantanamo. For example, the court order to release 17 Uighurs – 17 Uighur detainees took place last fall, when George Bush was President. The Supreme Court that invalidated the system of prosecution at Guantanamo in 2006 was overwhelmingly appointed by Republican Presidents – not wild -eyed liberals. In other words, the problem of what to do with Guantanamo detainees was not caused by my decision to close the facility; the problem exists because of the decision to open Guantanamo in the first place.

Now let me be blunt. There are no neat or easy answers here. I wish there were. But I can tell you that the wrong answer is to pretend like this problem will go away if we maintain an unsustainable status quo. As President, I refuse to allow this problem to fester. I refuse to pass it on to somebody else. It is my responsibility to solve the problem. Our security interests will not permit us to delay. Our courts won’t allow it. And neither should our conscience.

Now, over the last several weeks, we’ve seen a return of the politicization of these issues that have characterized the last several years. I’m an elected official; I understand these problems arouse passions and concerns. They should. We’re confronting some of the most complicated questions that a democracy can face. But I have no interest in spending all of our time relitigating the policies of the last eight years. I’ll leave that to others. I want to solve these problems, and I want to solve them together as Americans.

And we will be ill-served by some of the fear-mongering that emerges whenever we discuss this issue. Listening to the recent debate, I’ve heard words that, frankly, are calculated to scare people rather than educate them; words that have more to do with politics than protecting our country. So I want to take this opportunity to lay out what we are doing, and how we intend to resolve these outstanding issues. I will explain how each action that we are taking will help build a framework that protects both the American people and the values that we hold most dear. And I’ll focus on two broad areas:  first, issues relating to Guantanamo and our detention policy; but, second, I also want to discuss issues relating to security and transparency.

Now, let me begin by disposing of one argument as plainly as I can: We are not going to release anyone if it would endanger our national security, nor will we release detainees within the United States who endanger the American people. Where demanded by justice and national security, we will seek to transfer some detainees to the same type of facilities in which we hold all manner of dangerous and violent criminals within our borders – namely, highly secure prisons that ensure the public safety. 

As we make these decisions, bear in mind the following face: Nobody has ever escaped from one of our federal, supermax prisons, which hold hundreds of convicted terrorists. As Republican Lindsey Graham said, the idea that we cannot find a place to securely house 250-plus detainees within the United States is not rational.

We are currently in the process of reviewing each of the detainee cases at Guantanamo to determine the appropriate policy for dealing with them. And as we do so, we are acutely aware that under the last administration, detainees were released and, in some cases, returned to the battlefield. That’s why we are doing away with the poorly planned, haphazard approach that let those detainees go in the past. Instead we are treating these cases with the care and attention that the law requires and that our security demands.

Now, going forward, these cases will fall into five distinct categories.

First, whenever feasible, we will try those who have violated American criminal laws in federal courts – courts provided for by the United States Constitution. Some have derided our federal courts as incapable of handling the trials of terrorists. They are wrong. Our courts and our juries, our citizens, are tough enough to convict terrorists. The record makes that clear.  Ramzi Yousef tried to blow up the World Trade Center. He was convicted in our courts and is serving a life sentence in U.S. prisons. Zacarias Moussaoui has been identified as the 20th 9/11 hijacker. He was convicted in our courts, and he too is serving a life sentence in prison. If we can try those terrorists in our courts and hold them in our prisons, then we can do the same with detainees from Guantanamo.

Recently, we prosecuted and received a guilty plea from a detainee, al-Marri, in federal court after years of legal confusion. We’re preparing to transfer another detainee to the Southern District Court of New York, where he will face trial on charges related to the 1998 bombings of our embassies in Kenya and Tanzania – bombings that killed over 200 people. Preventing this detainee from coming to our shores would prevent his trial and conviction. And after over a decade, it is time to finally see that justice is served, and that is what we intend to do.

The second category of cases involves detainees who violate the laws of war and are therefore best tried through military commissions. Military commissions have a history in the United States dating back to George Washington and the Revolutionary War. They are an appropriate venue for trying detainees for violations of the laws of war. They allow for the protection of sensitive sources and methods of intelligence-gathering; they allow for the safety and security of participants; and for the presentation of evidence gathered from the battlefield that cannot always be effectively presented in federal courts.

Now, some have suggested that this represents a reversal on my part. They should look at the record. In 2006, I did strongly oppose legislation proposed by the Bush administration and passed by the Congress because it failed to establish a legitimate legal framework, with the kind of meaningful due process rights for the accused that could stand up on appeal.

I said at that time, however, that I supported the use of military commissions to try detainees, provided there were several reforms, and in fact there were some bipartisan efforts to achieve those reforms. Those are the reforms that we are now making. Instead of using the flawed commissions of the last seven years, my administration is bringing our commissions in line with the rule of law.  We will no longer permit the use of evidence – as evidence statements that have been obtained using cruel, inhuman, or degrading interrogation methods. We will no longer place the burden to prove that hearsay is unreliable on the opponent of the hearsay. And we will give detainees greater latitude in selecting their own counsel, and more protections if they refuse to testify. These reforms, among others, will make our military commissions a more credible and effective means of administering justice, and I will work with Congress and members of both parties, as well as legal authorities across the political spectrum, on legislation to ensure that these commissions are fair, legitimate, and effective.

The third category of detainees includes those who have been ordered released by the courts. Now, let me repeat what I said earlier: This has nothing to do with my decision to close Guantanamo. It has to do with the rule of law. The courts have spoken. They have found that there’s no legitimate reason to hold 21 of the people currently held at Guantanamo. Nineteen of these findings took place before I was sworn into office. I cannot ignore these rulings because as President, I too am bound by the law. The United States is a nation of laws and so we must abide by these rulings.

The fourth category of cases involves detainees who we have determined can be transferred safely to another country. So far, our review team has approved 50 detainees for transfer. And my administration is in ongoing discussions with a number of other countries about the transfer of detainees to their soil for detention and rehabilitation.

Now, finally, there remains the question of detainees at Guantanamo who cannot be prosecuted yet who pose a clear danger to the American people. And I have to be honest here – this is the toughest single issue that we will face. We’re going to exhaust every avenue that we have to prosecute those at Guantanamo who pose a danger to our country. But even when this process is complete, there may be a number of people who cannot be prosecuted for past crimes, in some cases because evidence may be tainted, but who nonetheless pose a threat to the security of the United States. Examples of that threat include people who’ve received extensive explosives training at al Qaeda training camps, or commanded Taliban troops in battle, or expressed their allegiance to Osama bin Laden, or otherwise made it clear that they want to kill Americans. These are people who, in effect, remain at war with the United States.

Let me repeat: I am not going to release individuals who endanger the American people. Al Qaeda terrorists and their affiliates are at war with the United States, and those that we capture – like other prisoners of war – must be prevented from attacking us again. Having said that, we must recognize that these detention policies cannot be unbounded. They can’t be based simply on what I or the executive branch decide alone. That’s why my administration has begun to reshape the standards that apply to ensure that they are in line with the rule of law. We must have clear, defensible, and lawful standards for those who fall into this category. We must have fair procedures so that we don’t make mistakes. We must have a thorough process of periodic review, so that any prolonged detention is carefully evaluated and justified.

I know that creating such a system poses unique challenges. And other countries have grappled with this question; now, so must we. But I want to be very clear that our goal is to construct a legitimate legal framework for the remaining Guantanamo detainees that cannot be transferred. Our goal is not to avoid a legitimate legal framework. In our constitutional system, prolonged detention should not be the decision of any one man. If and when we determine that the United States must hold individuals to keep them from carrying out an act of war, we will do so within a system that involves judicial and congressional oversight. And so, going forward, my administration will work with Congress to develop an appropriate legal regime so that our efforts are consistent with our values and our Constitution.

Now, as our efforts to close Guantanamo move forward, I know that the politics in Congress will be difficult. These are issues that are fodder for 30-second commercials. You can almost picture the direct mail pieces that emerge from any vote on this issue – designed to frighten the population. I get it. But if we continue to make decisions within a climate of fear, we will make more mistakes. And if we refuse to deal with these issues today, then I guarantee you that they will be an albatross around our efforts to combat terrorism in the future. 

I have confidence that the American people are more interested in doing what is right to protect this country than in political posturing. I am not the only person in this city who swore an oath to uphold the Constitution – so did each and every member of Congress. And together we have a responsibility to enlist our values in the effort to secure our people, and to leave behind the legacy that makes it easier for future Presidents to keep this country safe.

Now, let me touch on a second set of issues that relate to security and transparency. 

National security requires a delicate balance. One the one hand, our democracy depends on transparency. On the other hand, some information must be protected from public disclosure for the sake of our security – for instance, the movement of our troops, our intelligence-gathering, or the information we have about a terrorist organization and its affiliates. In these and other cases, lives are at stake.

Now, several weeks ago, as part of an ongoing court case, I released memos issued by the previous administration’s Office of Legal Counsel. I did not do this because I disagreed with the enhanced interrogation techniques that those memos authorized, and I didn’t release the documents because I rejected their legal rationales – although I do on both counts. I released the memos because the existence of that approach to interrogation was already widely known, the Bush administration had acknowledged its existence, and I had already banned those methods. The argument that somehow by releasing those memos we are providing terrorists with information about how they will be interrogated makes no sense. We will not be interrogating terrorists using that approach. That approach is now prohibited.

In short, I released these memos because there was no overriding reason to protect them. And the ensuing debate has helped the American people better understand how these interrogation methods came to be authorized and used.

On the other hand, I recently opposed the release of certain photographs that were taken of detainees by U.S. personnel between 2002 and 2004. Individuals who violated standards of behavior in these photos have been investigated and they have been held accountable. There was and is no debate as to whether what is reflected in those photos is wrong. Nothing has been concealed to absolve perpetrators of crimes. However, it was my judgment – informed by my national security team – that releasing these photos would inflame anti-American opinion and allow our enemies to paint U.S. troops with a broad, damning, and inaccurate brush, thereby endangering them in theaters of war.

In short, there is a clear and compelling reason to not release these particular photos. There are nearly 200,000 Americans who are serving in harm’s way, and I have a solemn responsibility for their safety as Commander-in-Chief. Nothing would be gained by the release of these photos that matters more than the lives of our young men and women serving in harm’s way.

Now, in the press’s mind and in some of the public’s mind, these two cases are contradictory. They are not to me. In each of these cases, I had to strike the right balance between transparency and national security. And this balance brings with it a precious responsibility. There’s no doubt that the American people have seen this balance tested over the last several years. In the images from Abu Ghraib and the brutal interrogation techniques made public long before I was President, the American people learned of actions taken in their name that bear no resemblance to the ideals that generations of Americans have fought for. And whether it was the run-up to the Iraq war or the revelation of secret programs, Americans often felt like part of the story had been unnecessarily withheld from them. And that caused suspicion to build up. And that leads to a thirst for accountability.

I understand that. I ran for President promising transparency, and I meant what I said. And that’s why, whenever possible, my administration will make all information available to the American people so that they can make informed judgments and hold us accountable. But I have never argued – and I never will — that our most sensitive national security matters should simply be an open book.  I will never abandon – and will vigorously defend – the necessity of classification to defend our troops at war, to protect sources and methods, and to safeguard confidential actions that keep the American people safe. Here’s the difference though: Whenever we cannot release certain information to the public for valid national security reasons, I will insist that there is oversight of my actions – by Congress or by the courts.

We’re currently launching a review of current policies by all those agencies responsible for the classification of documents to determine where reforms are possible, and to assure that the other branches of government will be in a position to review executive branch decisions on these matters. Because in our system of checks and balances, someone must always watch over the watchers – especially when it comes to sensitive administration – information.

Now, along these same lines, my administration is also confronting challenges to what is known as the “state secrets” privilege. This is a doctrine that allows the government to challenge legal cases involving secret programs. It’s been used by many past Presidents – Republican and Democrat – for many decades. And while this principle is absolutely necessary in some circumstances to protect national security, I am concerned that it has been over-used. It is also currently the subject of a wide range of lawsuits. So let me lay out some principles here.  We must not protect information merely because it reveals the violation of a law or embarrassment to the government. And that’s why my administration is nearing completion of a thorough review of this practice.

And we plan to embrace several principles for reform. We will apply a stricter legal test to material that can be protected under the state secrets privilege. We will not assert the privilege in court without first following our own formal process, including review by a Justice Department committee and the personal approval of the Attorney General. And each year we will voluntarily report to Congress when we have invoked the privilege and why because, as I said before, there must be proper oversight over our actions.

On all these matters related to the disclosure of sensitive information, I wish I could say that there was some simple formula out there to be had. There is not. These often involve tough calls, involve competing concerns, and they require a surgical approach. But the common thread that runs through all of my decisions is simple: We will safeguard what we must to protect the American people, but we will also ensure the accountability and oversight that is the hallmark of our constitutional system. I will never hide the truth because it’s uncomfortable. I will deal with Congress and the courts as co-equal branches of government. I will tell the American people what I know and don’t know, and when I release something publicly or keep something secret, I will tell you why.

Now, in all the areas that I’ve discussed today, the policies that I’ve proposed represent a new direction from the last eight years. To protect the American people and our values, we’ve banned enhanced interrogation techniques. We are closing the prison at Guantanamo. We are reforming military commissions, and we will pursue a new legal regime to detain terrorists. We are declassifying more information and embracing more oversight of our actions, and we’re narrowing our use of the state secrets privilege. These are dramatic changes that will put our approach to national security on a surer, safer, and more sustainable footing. Their implementation will take time, but they will get done.

There’s a core principle that we will apply to all of our actions. Even as we clean up the mess at Guantanamo, we will constantly reevaluate our approach, subject our decisions to review from other branches of government, as well as the public. We seek the strongest and most sustainable legal framework for addressing these issues in the long term – not to serve immediate politics, but to do what’s right over the long term. By doing that we can leave behind a legacy that outlasts my administration, my presidency, that endures for the next President and the President after that – a legacy that protects the American people and enjoys a broad legitimacy at home and abroad.

Now, this is what I mean when I say that we need to focus on the future. I recognize that many still have a strong desire to focus on the past. When it comes to actions of the last eight years, passions are high. Some Americans are angry; others want to re-fight debates that have been settled, in some cases debates that they have lost. I know that these debates lead directly, in some cases, to a call for a fuller accounting, perhaps through an independent commission.

I’ve opposed the creation of such a commission because I believe that our existing democratic institutions are strong enough to deliver accountability. The Congress can review abuses of our values, and there are ongoing inquiries by the Congress into matters like enhanced interrogation techniques. The Department of Justice and our courts can work through and punish any violations of our laws or miscarriages of justice.

It’s no secret there is a tendency in Washington to spend our time pointing fingers at one another. And it’s no secret that our media culture feeds the impulse that lead to a good fight and good copy. But nothing will contribute more than that than a extended relitigation of the last eight years. Already, we’ve seen how that kind of effort only leads those in Washington to different sides to laying blame. It can distract us from focusing our time, our efforts, and our politics on the challenges of the future.

We see that, above all, in the recent debate – how the recent debate has obscured the truth and sends people into opposite and absolutist ends. On the one side of the spectrum, there are those who make little allowance for the unique challenges posed by terrorism, and would almost never put national security over transparency. And on the other end of the spectrum, there are those who embrace a view that can be summarized in two words:  “Anything goes.” Their arguments suggest that the ends of fighting terrorism can be used to justify any means, and that the President should have blanket authority to do whatever he wants – provided it is a President with whom they agree.

Both sides may be sincere in their views, but neither side is right. The American people are not absolutist, and they don’t elect us to impose a rigid ideology on our problems. They know that we need not sacrifice our security for our values, nor sacrifice our values for our security, so long as we approach difficult questions with honesty and care and a dose of common sense. That, after all, is the unique genius of America. That’s the challenge laid down by our Constitution. That has been the source of our strength through the ages. That’s what makes the United States of America different as a nation.

I can stand here today, as President of the United States, and say without exception or equivocation that we do not torture, and that we will vigorously protect our people while forging a strong and durable framework that allows us to fight terrorism while abiding by the rule of law. Make no mistake: If we fail to turn the page on the approach that was taken over the past several years, then I will not be able to say that as President. And if we cannot stand for our core values, then we are not keeping faith with the documents that are enshrined in this hall.

The Framers who drafted the Constitution could not have foreseen the challenges that have unfolded over the last 222 years. But our Constitution has endured through secession and civil rights, through World War and Cold War, because it provides a foundation of principles that can be applied pragmatically; it provides a compass that can help us find our way. It hasn’t always been easy. We are an imperfect people. Every now and then, there are those who think that America’s safety and success requires us to walk away from the sacred principles enshrined in this building. And we hear such voices today. But over the long haul the American people have resisted that temptation. And though we’ve made our share of mistakes, required some course corrections, ultimately we have held fast to the principles that have been the source of our strength and a beacon to the world.

Now this generation faces a great test in the specter of terrorism. And unlike the Civil War or World War II, we can’t count on a surrender ceremony to bring this journey to an end. Right now, in distant training camps and in crowded cities, there are people plotting to take American lives. That will be the case a year from now, five years from now, and – in all probability – 10 years from now. Neither I nor anyone can stand here today and say that there will not be another terrorist attack that takes American lives. But I can say with certainty that my administration – along with our extraordinary troops and the patriotic men and women who defend our national security – will do everything in our power to keep the American people safe. And I do know with certainty that we can defeat al Qaeda. Because the terrorists can only succeed if they swell their ranks and alienate America from our allies, and they will never be able to do that if we stay true to who we are, if we forge tough and durable approaches to fighting terrorism that are anchored in our timeless ideals. This must be our common purpose.

I ran for President because I believe that we cannot solve the challenges of our time unless we solve them together. We will not be safe if we see national security as a wedge that divides America – it can and must be a cause that unites us as one people and as one nation. We’ve done so before in times that were more perilous than ours. We will do so once again.

Thank you, God bless you, and God bless the United States of America.

END at 11:17 A.M. EDT

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Here is former Vice President Richard B. Cheney’s speech.

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REMARKS BY RICHARD B. CHENEY

by former Vice President Richard B. Cheney
American Enterprise Institute, Washington D.C., May 21, 2009

Thank you all very much, and Arthur, thank you for that introduction. It’s good to be back at AEI, where we have many friends. Lynne is one of your longtime scholars, and I’m looking forward to spending more time here myself as a returning trustee. What happened was, they were looking for a new member of the board of trustees, and they asked me to head up the search committee.

I first came to AEI after serving at the Pentagon, and departed only after a very interesting job offer came along. I had no expectation of returning to public life, but my career worked out a little differently. Those eight years as vice president were quite a journey, and during a time of big events and great decisions, I don’t think I missed much.

Being the first vice president who had also served as secretary of defense, naturally my duties tended toward national security. I focused on those challenges day to day, mostly free from the usual political distractions. I had the advantage of being a vice president content with the responsibilities I had, and going about my work with no higher ambition. Today, I’m an even freer man. Your kind invitation brings me here as a private citizen – a career in politics behind me, no elections to win or lose, and no favor to seek.

The responsibilities we carried belong to others now. And though I’m not here to speak for George W. Bush, I am certain that no one wishes the current administration more success in defending the country than we do. We understand the complexities of national security decisions. We understand the pressures that confront a president and his advisers. Above all, we know what is at stake. And though administrations and policies have changed, the stakes for America have not changed.

Right now there is considerable debate in this city about the measures our administration took to defend the American people. Today I want to set forth the strategic thinking behind our policies. I do so as one who was there every day of the Bush administration who supported the policies when they were made, and without hesitation would do so again in the same circumstances.

When President Obama makes wise decisions, as I believe he has done in some respects on Afghanistan, and in reversing his plan to release incendiary photos, he deserves our support. And when he faults or mischaracterizes the national security decisions we made in the Bush years, he deserves an answer. The point is not to look backward. Now and for years to come, a lot rides on our President’s understanding of the security policies that preceded him. And whatever choices he makes concerning the defense of this country, those choices should not be based on slogans and campaign rhetoric, but on a truthful telling of history.

Our administration always faced its share of criticism, and from some quarters it was always intense. That was especially so in the later years of our term, when the dangers were as serious as ever, but the sense of general alarm after September 11, 2001 was a fading memory. Part of our responsibility, as we saw it, was not to forget the terrible harm that had been done to America . . . and not to let 9/11 become the prelude to something much bigger and far worse.

That attack itself was, of course, the most devastating strike in a series of terrorist plots carried out against Americans at home and abroad. In 1993, terrorists bombed the World Trade Center, hoping to bring down the towers with a blast from below. The attacks continued in 1995, with the bombing of U.S. facilities in Riyadh, Saudi Arabia; the killing of servicemen at Khobar Towers in 1996; the attack on our embassies in East Africa in 1998; the murder of American sailors on the USS Cole in 2000; and then the hijackings of 9/11, and all the grief and loss we suffered on that day.

9/11 caused everyone to take a serious second look at threats that had been gathering for a while, and enemies whose plans were getting bolder and more sophisticated. Throughout the 90s, America had responded to these attacks, if at all, on an ad hoc basis. The first attack on the World Trade Center was treated as a law enforcement problem, with everything handled after the fact–crime scene, arrests, indictments, convictions, prison sentences, case closed.

That’s how it seemed from a law enforcement perspective, at least – but for the terrorists the case was not closed. For them, it was another offensive strike in their ongoing war against the United States. And it turned their minds to even harder strikes with higher casualties. Nine-eleven made necessary a shift of policy, aimed at a clear strategic threat – what the Congress called “an unusual and extraordinary threat to the national security and foreign policy of the United States.” From that moment forward, instead of merely preparing to round up the suspects and count up the victims after the next attack, we were determined to prevent attacks in the first place.

We could count on almost universal support back then, because everyone understood the environment we were in. We’d just been hit by a foreign enemy – leaving 3,000 Americans dead, more than we lost at Pearl Harbor. In Manhattan, we were staring at 16 acres of ashes. The Pentagon took a direct hit, and the Capitol or the White House were spared only by the Americans on Flight 93, who died bravely and defiantly.

Everyone expected a follow-on attack, and our job was to stop it. We didn’t know what was coming next, but everything we did know in that autumn of 2001 looked bad. This was the world in which al-Qaeda was seeking nuclear technology, and A. Q. Khan was selling nuclear technology on the black market. We had the anthrax attack from an unknown source. We had the training camps of Afghanistan, and dictators like Saddam Hussein with known ties to Mideast terrorists.

These are just a few of the problems we had on our hands. And foremost on our minds was the prospect of the very worst coming to pass – a 9/11 with nuclear weapons.

For me, one of the defining experiences was the morning of 9/11 itself. As you might recall, I was in my office in that first hour, when radar caught sight of an airliner heading toward the White House at 500 miles an hour. That was Flight 77, the one that ended up hitting the Pentagon. With the plane still inbound, Secret Service agents came into my office and said we had to leave, now. A few moments later I found myself in a fortified White House command post somewhere down below.

There in the bunker came the reports and images that so many Americans remember from that day – word of the crash in Pennsylvania, the final phone calls from hijacked planes, the final horror for those who jumped to their death to escape burning alive. In the years since, I’ve heard occasional speculation that I’m a different man after 9/11. I wouldn’t say that. But I’ll freely admit that watching a coordinated, devastating attack on our country from an underground bunker at the White House can affect how you view your responsibilities.

To make certain our nation country never again faced such a day of horror, we developed a comprehensive strategy, beginning with far greater homeland security to make the United States a harder target. But since wars cannot be won on the defensive, we moved decisively against the terrorists in their hideouts and sanctuaries, and committed to using every asset to take down their networks. We decided, as well, to confront the regimes that sponsored terrorists, and to go after those who provide sanctuary, funding, and weapons to enemies of the United States. We turned special attention to regimes that had the capacity to build weapons of mass destruction, and might transfer such weapons to terrorists.

We did all of these things, and with bipartisan support put all these policies in place. It has resulted in serious blows against enemy operations: the take-down of the A.Q. Khan network and the dismantling of Libya’s nuclear program. It’s required the commitment of many thousands of troops in two theaters of war, with high points and some low points in both Iraq and Afghanistan – and at every turn, the people of our military carried the heaviest burden. Well over seven years into the effort, one thing we know is that the enemy has spent most of this time on the defensive – and every attempt to strike inside the United States has failed.

So we’re left to draw one of two conclusions – and here is the great dividing line in our current debate over national security. You can look at the facts and conclude that the comprehensive strategy has worked, and therefore needs to be continued as vigilantly as ever. Or you can look at the same set of facts and conclude that 9/11 was a one-off event – coordinated, devastating, but also unique and not sufficient to justify a sustained wartime effort. Whichever conclusion you arrive at, it will shape your entire view of the last seven years, and of the policies necessary to protect America for years to come.

The key to any strategy is accurate intelligence, and skilled professionals to get that information in time to use it. In seeking to guard this nation against the threat of catastrophic violence, our Administration gave intelligence officers the tools and lawful authority they needed to gain vital information. We didn’t invent that authority. It is drawn from Article Two of the Constitution. And it was given specificity by the Congress after 9/11, in a Joint Resolution authorizing “all necessary and appropriate force” to protect the American people.

Our government prevented attacks and saved lives through the Terrorist Surveillance Program, which let us intercept calls and track contacts between al-Qaeda operatives and persons inside the United States. The program was top secret, and for good reason, until the editors of the New York Times got it and put it on the front page. After 9/11, the Times had spent months publishing the pictures and the stories of everyone killed by al-Qaeda on 9/11. Now here was that same newspaper publishing secrets in a way that could only help al-Qaeda. It impressed the Pulitzer committee, but it damn sure didn’t serve the interests of our country, or the safety of our people. 

In the years after 9/11, our government also understood that the safety of the country required collecting information known only to the worst of the terrorists. And in a few cases, that information could be gained only through tough interrogations. 

In top secret meetings about enhanced interrogations, I made my own beliefs clear. I was and remain a strong proponent of our enhanced interrogation program. The interrogations were used on hardened terrorists after other efforts failed. They were legal, essential, justified, successful, and the right thing to do. The intelligence officers who questioned the terrorists can be proud of their work and proud of the results, because they prevented the violent death of thousands, if not hundreds of thousands, of innocent people.

Our successors in office have their own views on all of these matters.

By presidential decision, last month we saw the selective release of documents relating to enhanced interrogations. This is held up as a bold exercise in open government, honoring the public’s right to know. We’re informed, as well, that there was much agonizing over this decision.

Yet somehow, when the soul-searching was done and the veil was lifted on the policies of the Bush administration, the public was given less than half the truth. The released memos were carefully redacted to leave out references to what our government learned through the methods in question. Other memos, laying out specific terrorist plots that were averted, apparently were not even considered for release. For reasons the administration has yet to explain, they believe the public has a right to know the method of the questions, but not the content of the answers.

Over on the left wing of the president’s party, there appears to be little curiosity in finding out what was learned from the terrorists. The kind of answers they’re after would be heard before a so-called “Truth Commission.” Some are even demanding that those who recommended and approved the interrogations be prosecuted, in effect treating political disagreements as a punishable offense, and political opponents as criminals. It’s hard to imagine a worse precedent, filled with more possibilities for trouble and abuse, than to have an incoming administration criminalize the policy decisions of its predecessors.

Apart from doing a serious injustice to intelligence operators and lawyers who deserve far better for their devoted service, the danger here is a loss of focus on national security, and what it requires. I would advise the administration to think very carefully about the course ahead. All the zeal that has been directed at interrogations is utterly misplaced. And staying on that path will only lead our government further away from its duty to protect the American people.

One person who by all accounts objected to the release of the interrogation memos was the Director of Central Intelligence, Leon Panetta. He was joined in that view by at least four of his predecessors. I assume they felt this way because they understand the importance of protecting intelligence sources, methods, and personnel. But now that this once top-secret information is out for all to see – including the enemy – let me draw your attention to some points that are routinely overlooked.

It is a fact that only detainees of the highest intelligence value were ever subjected to enhanced interrogation. You’ve heard endlessly about waterboarding. It happened to three terrorists. One of them was Khalid Sheikh Muhammed – the mastermind of 9/11, who has also boasted about beheading Daniel Pearl.

We had a lot of blind spots after the attacks on our country. We didn’t know about al-Qaeda’s plans, but Khalid Sheikh Muhammed and a few others did know. And with many thousands of innocent lives potentially in the balance, we didn’t think it made sense to let the terrorists answer questions in their own good time, if they answered them at all. 

Maybe you’ve heard that when we captured KSM, he said he would talk as soon as he got to New York City and saw his lawyer. But like many critics of interrogations, he clearly misunderstood the business at hand. American personnel were not there to commence an elaborate legal proceeding, but to extract information from him before al-Qaeda could strike again and kill more of our people.

In public discussion of these matters, there has been a strange and sometimes willful attempt to conflate what happened at Abu Ghraib prison with the top secret program of enhanced interrogations. At Abu Ghraib, a few sadistic prison guards abused inmates in violation of American law, military regulations, and simple decency. For the harm they did, to Iraqi prisoners and to America’s cause, they deserved and received Army justice. And it takes a deeply unfair cast of mind to equate the disgraces of Abu Ghraib with the lawful, skillful, and entirely honorable work of CIA personnel trained to deal with a few malevolent men.

Even before the interrogation program began, and throughout its operation, it was closely reviewed to ensure that every method used was in full compliance with the Constitution, statutes, and treaty obligations. On numerous occasions, leading members of Congress, including the current speaker of the House, were briefed on the program and on the methods. 

Yet for all these exacting efforts to do a hard and necessary job and to do it right, we hear from some quarters nothing but feigned outrage based on a false narrative. In my long experience in Washington, few matters have inspired so much contrived indignation and phony moralizing as the interrogation methods applied to a few captured terrorists.

I might add that people who consistently distort the truth in this way are in no position to lecture anyone about “values.” Intelligence officers of the United States were not trying to rough up some terrorists simply to avenge the dead of 9/11. We know the difference in this country between justice and vengeance. Intelligence officers were not trying to get terrorists to confess to past killings; they were trying to prevent future killings. From the beginning of the program, there was only one focused and all-important purpose. We sought, and we in fact obtained, specific information on terrorist plans.

Those are the basic facts on enhanced interrogations. And to call this a program of torture is to libel the dedicated professionals who have saved American lives, and to cast terrorists and murderers as innocent victims. What’s more, to completely rule out enhanced interrogation methods in the future is unwise in the extreme. It is recklessness cloaked in righteousness, and would make the American people less safe.

The administration seems to pride itself on searching for some kind of middle ground in policies addressing terrorism. They may take comfort in hearing disagreement from opposite ends of the spectrum. If liberals are unhappy about some decisions, and conservatives are unhappy about other decisions, then it may seem to them that the President is on the path of sensible compromise. But in the fight against terrorism, there is no middle ground, and half-measures keep you half exposed. You cannot keep just some nuclear-armed terrorists out of the United States, you must keep every nuclear-armed terrorist out of the United States. Triangulation is a political strategy, not a national security strategy. When just a single clue that goes unlearned, one lead that goes unpursued, can bring on catastrophe – it’s no time for splitting differences. There is never a good time to compromise when the lives and safety of the American people are in the balance.

Behind the overwrought reaction to enhanced interrogations is a broader misconception about the threats that still face our country. You can sense the problem in the emergence of euphemisms that strive to put an imaginary distance between the American people and the terrorist enemy. Apparently using the term “war” where terrorists are concerned is starting to feel a bit dated. So henceforth we’re advised by the administration to think of the fight against terrorists as, quote, “Overseas contingency operations.” In the event of another terrorist attack on America, the Homeland Security Department assures us it will be ready for this, quote, “man-made disaster” – never mind that the whole Department was created for the purpose of protecting Americans from terrorist attack.

And when you hear that there are no more, quote, “enemy combatants,” as there were back in the days of that scary war on terror, at first that sounds like progress. The only problem is that the phrase is gone, but the same assortment of killers and would-be mass murderers are still there. And finding some less judgmental or more pleasant-sounding name for terrorists doesn’t change what they are – or what they would do if we let them loose.

On his second day in office, President Obama announced that he was closing the detention facility at Guantanamo. This step came with little deliberation and no plan. Now the President says some of these terrorists should be brought to American soil for trial in our court system. Others, he says, will be shipped to third countries. But so far, the United States has had little luck getting other countries to take hardened terrorists. So what happens then? Attorney General Holder and others have admitted that the United States will be compelled to accept a number of the terrorists here, in the homeland, and it has even been suggested US taxpayer dollars will be used to support them. On this one, I find myself in complete agreement with many in the President’s own party. Unsure how to explain to their constituents why terrorists might soon be relocating into their states, these Democrats chose instead to strip funding for such a move out of the most recent war supplemental. 

The administration has found that it’s easy to receive applause in Europe for closing Guantanamo. But it’s tricky to come up with an alternative that will serve the interests of justice and America’s national security. Keep in mind that these are hardened terrorists picked up overseas since 9/11. The ones that were considered low-risk were released a long time ago. And among these, we learned yesterday, many were treated too leniently, because 1 in 7 cut a straight path back to their prior line of work and have conducted murderous attacks in the Middle East. I think the President will find, upon reflection, that to bring the worst of the worst terrorists inside the United States would be cause for great danger and regret in the years to come.

In the category of euphemism, the prizewinning entry would be a recent editorial in a familiar newspaper that referred to terrorists we’ve captured as, quote, “abducted.” Here we have ruthless enemies of this country, stopped in their tracks by brave operatives in the service of America, and a major editorial page makes them sound like they were kidnap victims, picked up at random on their way to the movies. 

It’s one thing to adopt the euphemisms that suggest we’re no longer engaged in a war. These are just words, and in the end it’s the policies that matter most. You don’t want to call them enemy combatants? Fine. Call them what you want–just don’t bring them into the United States. Tired of calling it a war? Use any term you prefer. Just remember it is a serious step to begin unraveling some of the very policies that have kept our people safe since 9/11.

Another term out there that slipped into the discussion is the notion that American interrogation practices were a “recruitment tool” for the enemy. On this theory, by the tough questioning of killers, we have supposedly fallen short of our own values. This recruitment-tool theory has become something of a mantra lately, including from the President himself. And after a familiar fashion, it excuses the violent and blames America for the evil that others do. It’s another version of that same old refrain from the Left, “We brought it on ourselves.”

It is much closer to the truth that terrorists hate this country precisely because of the values we profess and seek to live by, not by some alleged failure to do so. Nor are terrorists or those who see them as victims exactly the best judges of America’s moral standards, one way or the other.

Critics of our policies are given to lecturing on the theme of being consistent with American values. But no moral value held dear by the American people obliges public servants ever to sacrifice innocent lives to spare a captured terrorist from unpleasant things. And when an entire population is targeted by a terror network, nothing is more consistent with American values than to stop them.

As a practical matter, too, terrorists may lack much, but they have never lacked for grievances against the United States. Our belief in freedom of speech and religion, our belief in equal rights for women, our support for Israel, our cultural and political influence in the world – these are the true sources of resentment, all mixed in with the lies and conspiracy theories of the radical clerics. These recruitment tools were in vigorous use throughout the 1990s, and they were sufficient to motivate the nineteen recruits who boarded those planes on September 11, 2001.

The United States of America was a good country before 9/11, just as we are today. List all the things that make us a force for good in the world–for liberty, for human rights, for the rational, peaceful resolution of differences–and what you end up with is a list of the reasons why the terrorists hate America. If fine speech-making, appeals to reason, or pleas for compassion had the power to move them, the terrorists would long ago have abandoned the field. And when they see the American government caught up in arguments about interrogations, or whether foreign terrorists have constitutional rights, they don’t stand back in awe of our legal system and wonder whether they had misjudged us all along. Instead the terrorists see just what they were hoping for – our unity gone, our resolve shaken, our leaders distracted. In short, they see weakness and opportunity.

What is equally certain is this: The broad-based strategy set in motion by President Bush obviously had nothing to do with causing the events of 9/11. But the serious way we dealt with terrorists from then on, and all the intelligence we gathered in that time, had everything to do with preventing another 9/11 on our watch. The enhanced interrogations of high-value detainees and the terrorist surveillance program have without question made our country safer. Every senior official who has been briefed on these classified matters knows of specific attacks that were in the planning stages and were stopped by the programs we put in place.

This might explain why President Obama has reserved unto himself the right to order the use of enhanced interrogation should he deem it appropriate. What value remains to that authority is debatable, given that the enemy now knows exactly what interrogation methods to train against, and which ones not to worry about. Yet having reserved for himself the authority to order enhanced interrogation after an emergency, you would think that President Obama would be less disdainful of what his predecessor authorized after 9/11. It’s almost gone unnoticed that the president has retained the power to order the same methods in the same circumstances. When they talk about interrogations, he and his administration speak as if they have resolved some great moral dilemma in how to extract critical information from terrorists. Instead they have put the decision off, while assigning a presumption of moral superiority to any decision they make in the future.

Releasing the interrogation memos was flatly contrary to the national security interest of the United States. The harm done only begins with top secret information now in the hands of the terrorists, who have just received a lengthy insert for their training manual. Across the world, governments that have helped us capture terrorists will fear that sensitive joint operations will be compromised. And at the CIA, operatives are left to wonder if they can depend on the White House or Congress to back them up when the going gets tough. Why should any agency employee take on a difficult assignment when, even though they act lawfully and in good faith, years down the road the press and Congress will treat everything they do with suspicion, outright hostility, and second-guessing? Some members of Congress are notorious for demanding they be briefed into the most sensitive intelligence programs. They support them in private, and then head for the hills at the first sign of controversy.

As far as the interrogations are concerned, all that remains an official secret is the information we gained as a result. Some of his defenders say the unseen memos are inconclusive, which only raises the question why they won’t let the American people decide that for themselves. I saw that information as vice president, and I reviewed some of it again at the National Archives last month. I’ve formally asked that it be declassified so the American people can see the intelligence we obtained, the things we learned, and the consequences for national security. And as you may have heard, last week that request was formally rejected. It’s worth recalling that ultimate power of declassification belongs to the President himself. President Obama has used his declassification power to reveal what happened in the interrogation of terrorists. Now let him use that same power to show Americans what did not happen, thanks to the good work of our intelligence officials.

I believe this information will confirm the value of interrogations–and I am not alone. President Obama’s own Director of National Intelligence, Admiral Blair, has put it this way: “High value information came from interrogations in which those methods were used and provided a deeper understanding of the al-Qaeda organization that was attacking this country.” End quote. Admiral Blair put that conclusion in writing, only to see it mysteriously deleted in a later version released by the administration–the missing twenty-six words that tell an inconvenient truth. But they couldn’t change the words of George Tenet, the CIA Director under Presidents Clinton and Bush, who bluntly said: “I know that this program has saved lives. I know we’ve disrupted plots. I know this program alone is worth more than the FBI, the Central Intelligence Agency, and the National Security Agency put together have been able to tell us.”

If Americans do get the chance to learn what our country was spared, it’ll do more than clarify the urgency and the rightness of enhanced interrogations in the years after 9/11. It may help us to stay focused on dangers that have not gone away. Instead of idly debating which political opponents to prosecute and punish, our attention will return to where it belongs – on the continuing threat of terrorist violence, and on stopping the men who are planning it.

For all the partisan anger that still lingers, our administration will stand up well in history – not despite our actions after 9/11, but because of them. And when I think about all that was to come during our administration and afterward–the recriminations, the second-guessing, the charges of “hubris”–my mind always goes back to that moment.

To put things in perspective, suppose that on the evening of 9/11, President Bush and I had promised that for as long as we held office–which was to be another 2,689 days–there would never be another terrorist attack inside this country. Talk about hubris – it would have seemed a rash and irresponsible thing to say. People would have doubted that we even understood the enormity of what had just happened. Everyone had a very bad feeling about all of this, and felt certain that the Twin Towers, the Pentagon, and Shanksville were only the beginning of the violence.

Of course, we made no such promise. Instead, we promised an all-out effort to protect this country. We said we would marshal all elements of our nation’s power to fight this war and to win it. We said we would never forget what had happened on 9/11, even if the day came when many others did forget. We spoke of a war that would “include dramatic strikes, visible on TV, and covert operations, secret even in success.” We followed through on all of this, and we stayed true to our word.

To the very end of our administration, we kept al-Qaeda terrorists busy with other problems. We focused on getting their secrets, instead of sharing ours with them. And on our watch, they never hit this country again. After the most lethal and devastating terrorist attack ever, seven and a half years without a repeat is not a record to be rebuked and scorned, much less criminalized. It is a record to be continued until the danger has passed.

Along the way there were some hard calls. No decision of national security was ever made lightly, and certainly never made in haste. As in all warfare, there have been costs – none higher than the sacrifices of those killed and wounded in our country’s service. And even the most decisive victories can never take away the sorrow of losing so many of our own – all those innocent victims of 9/11, and the heroic souls who died trying to save them.

For all that we’ve lost in this conflict, the United States has never lost its moral bearings. And when the moral reckoning turns to the men known as high-value terrorists, I can assure you they were neither innocent nor victims. As for those who asked them questions and got answers: they did the right thing, they made our country safer, and a lot of Americans are alive today because of them.

Like so many others who serve America, they are not the kind to insist on a thank-you. But I will always be grateful to each one of them, and proud to have served with them for a time in the same cause. They, and so many others, have given honorable service to our country through all the difficulties and all the dangers. I will always admire them and wish them well. And I am confident that this nation will never take their work, their dedication, or their achievements, for granted.

Thank you very much.


Autonomy, Responsibility, and Health Care. Critical Reflections

May 21, 2009

We come across an era of strong and even more unusual individual claims, while the solution to often conflicting demands becomes increasingly elusive and parochial. One of the most intriguing philosophical questions is how to link human responsibility to those consequences of action which no one can fully foresee but, nevertheless, which no one can afford to neglect. Many biotechnological challenges are of this nature.

This book edited by Bogdan Olaru and published at Zeta Books is meant to give some insights in the mutual justification which ought to regulate the space between autonomy and responsibility by taking up a stance on some dilemmatic issues in the medical field.

Table of Contents

Regine Kather, Autonomy: as Self-determination against, or as Self-transcendence to Others? Anthropological Reflections on the Background of Bioethics

Silke Schicktanz, Why the Way we Consider the Body Matters: Reflections on four Bioethical Perspectives on the Human Body

Karl-Wilhelm Merks, Autonomie als Selbstbestimmung und Fürsorge: aufgezeigt am Beispiel der Sterbehilfe

Volker Lipp, Autonomie und Fürsorge. Die Perspektive des Rechts

Nicolae Morar, The Limits of Discourse Ethics Concerning the Responsibility toward Nature, Nonhuman Animals, and Future Generations

Bogdan Olaru, Toward an Ethics of Species. Is there a Responsibility to Preserve the Integrity of (Human) Species?

Eugen Huzum, The Principle of Responsibility for Illness and its Application in the Allocation of Health Care: A Critical Analysis

Download the book for free.


Take Action to Stop the Threat of a Nuclear Iran

May 21, 2009

Participate in our Online Statewide Webinar:

Wednesday, May 27, 2009 – 12:30 – 2:00pm(EST)
STOP NUCLEAR IRAN NOW!
Special Guest: Ambassador R. James Woolsey, former CIA Director & United Against Nuclear Iran (UANI) Co-Chair

Moderator: Ambassador Mark D. Wallace, United Against Nuclear Iran, President

Featuring:

William S. Bernstein
Jewish Federation of South Palm Beach County, President & CEO

Florida State Senator Ted Deutch

Honorable Roger Robinson
Conflict Securities Advisory Group, Inc., President

REGISTRATION IS LIMITED.


Guest Editorial by Rabbi Benjamin Blech on Pope’s Visit to Israel

May 17, 2009

Our beloved friend and colleague Rabbi Benjamin Blech took time to serve as guest editor, commenting the Pope’s visit in Israel. In January 2005, Rabbi Blech became one of the first rabbis in history known to confer the priestly blessing on a Pope, when he visited the Pope John Paul II  in the Apostolic Palace.

My Encounter with the Pope

by Rabbi Benjamin Blech

New York, May 17, 2009

blech

Was I wrong at that moment to believe it’s at last possible to cast off centuries of mistrust, misunderstanding and religious intolerance?

How does a rabbi feel when he meets the pope?

As a 10th-generation rabbi who has spent a lifetime teaching Torah to Jews, that’s something I thought was about as likely to happen to me as winning a gold medal at the Olympics. My world is the ivory tower of Jewish academia, not the Vatican. The people I’m used to seeing with yarmulkes on their heads are congregants, not cardinals. The holy city I most often visit isn’t Rome but Jerusalem.

But sometimes truth is stranger than fiction, and Divine providence put me together not just with one pope but with two.

Before I share with you the circumstances of these remarkable meetings, a little personal background is important. My parents came from Poland, and when I was a child they would tell me about their early lives there. On Christmas and Easter they knew they could not dare be out in the street. Their church-going neighbors would search for any of the Jewish “Christ killers” who their priest had impressed upon them in his sermon were guilty of killing their Lord. Anti-Semitic attacks were almost everyday occurrences, the expected price that Jews understood they had to pay for residence in a non-Jewish land. It’s sad to say but for Jews, Christians were the villains – because we were constantly victims.

If my parents ever wondered whether a time might come when this would all change, the Holocaust put an end to whatever optimism they dared to allow themselves. No, they concluded, and constantly reinforced in their admonitions to my siblings and to me. The rift between us and “them,” as they saw it, was unbridgeable. Only a fool, they never failed to tell us, would deny the lesson of so many centuries.

So in my mind, the pope became the general of an opposing army. Nothing personal, mind you, but surely sufficient to make me suspicious of any gesture on his part to improve our relationship.

It was with this mindset that I fortuitously became involved with a gentleman who had connections with the Vatican and offered to help when I informed him that there were many precious Jewish items in the hands of the church that we would love to bring back to their original owners. With his assistance and unbelievable good fortune we were invited to the Vatican Library to view some extremely precious manuscripts and initiate plans to bring some of them out on exhibit in Israel.

And then there was one more remarkable thing that happened. It explains what a nice Jewish septuagenarian like me was doing in the Apostolic Palace standing before the spiritual leader of 1.2 billion Catholics in the week before what proved to be his final illness.

Pope John Paul II was a different kind of pope. With all of my mistrust ingrained since my youth I had to attach significant meaning to the things I learnt about this spiritual leader of others who ironically enough was born in Poland, not far from my ancestors. I discovered that he was someone sensitive enough when he assumed the papacy to make one of his very first acts a visit to Auschwitz to in order express remorse at the fate of the 6 million victims.

More, he became the first pope since Saint Peter to visit a synagogue. He journeyed to the Western Wall in Jerusalem and left an inscribed message within one of its crevices asking for forgiveness for the sins Christianity committed against the Jews throughout the centuries. He denounced anti-Semitism as a “sin against God and humanity.” He normalized diplomatic relations with the State of Israel. He epitomized love, reconciliation and the healing of ancient wounds.

And because he had a profound feeling of affection for Jews, he made an amazing decision. Realizing his advanced age he made a personal and private request that was relayed to me. Pope John Paul II indicated that he would like to receive a blessing – a blessing from the spiritual leaders of the people who had for so long been the victims of its misplaced, virulent hatred. That is how I came to be a part of 150 rabbis and cantors who went to meet with the pope and fulfill his request.

At this historic moment three of us stepped forward to personally recite a blessing. It was then that I uttered the words recorded in the Talmud for a time when a Jew meets a great leader of the nations of the world: “We bless You O Lord for having granted of Your glory to Your creations.”

Was I wrong at that moment to believe it’s at last possible to cast off centuries of mistrust, misunderstanding and religious intolerance?

What went through my mind?

I heard the past speaking to me. I don’t know how it was possible for time to become so compressed that in those few moments, I could clearly make out so many conversations in my mind, all of them vying for my attention, all of them claiming my conviction. Some were filled with anger. Some were disbelieving. Some advised caution. Some were overcome with joyous emotion. All were battling for my agreement. It was simply too difficult for me to decide, too momentous a moment for me to come to any conclusion.

But with all the voices fighting to be heard within me one seemed most recognizable. I could swear that in the Vatican itself I heard my father, of blessed memory, whisper in my ear,” Perhaps. Perhaps.”

Not too long after that I was invited to be a member of the group that accompanied Pope Benedict, newly appointed after the death of John Paul II, when as one of the first acts of his papacy he too went to Auschwitz to pray, to request forgiveness, and to vow that civilized mankind would never again permit an atrocity of this horrendous magnitude to every again occur. I know that this pope is a German whose biography leaves us with some unanswered questions. I know that he has committed some serious errors of judgment in his response to Holocaust deniers within his own faith. And yet I saw him at Auschwitz. I heard his words. I spoke with him. I know that he, too, in his visit to New York last year chose to go to a synagogue to make clear his warm feelings towards Jews.

Pope Benedict was in Israel last week. He too has placed a prayer in the wall. He too has gone to the memorial for those who perished during the Holocaust. For some he didn’t say enough and he didn’t do enough. For others there is still the lingering and strong suspicion that he is the head of an organization that forever stands in opposition to our survival, at the very least theologically.

Only time will tell whether we may place our trust in the sincerity of these new gestures of friendship. But I would like to believe, seeing things with my own eyes that I know my parents and grandparents would never have deemed possible, that it is not too far-fetched and too naive to respond to these apparent attempts at reconciliation, with one word: “Perhaps. Perhaps.”

About the author: Rabbi Benjamin Blech,  is the author of 12 highly acclaimed books, including Understanding Judaism: The basics of Deed and Creed. He is a professor of Talmud at Yeshiva University and the Rabbi Emeritus of Young Israel of Oceanside (California) which he served for 37 years and from which he retired to pursue his interests in writing and lecturing around the globe. He is also the author of If God Is Good, Why Is The World So Bad?

Reprinted with kindly permission of Aish HaTorah International.


Professorenpapst Joseph Ratzinger

May 16, 2009

In einem Kommentar erschienen in der heutigen Ausgabe der Frankfurter Rundschau erläutert Prof. Dr. Micha Brumlik, Mitherausgeber der Monatszeitschrift Blätter für deutsche und internationale Politik, warum der Papst-Besuch in Israel nicht wirklich von Erfolg gekrönt war.

“Diese Aufgaben auch nur halbwegs sinnvoll und erfolgreich miteinander zu verbinden, bedarf es authentischen religiösen Charismas, machiavellistischer Klugheit und eines auf Lebenserfahrung beruhenden und in Krisen gefestigten moralischen Urteils. Joseph Ratzinger verfügt über keine dieser Eigenschaften. Sein Leben ist … das eines sozialen Aufsteigers, der sich mit Fleiß und Intelligenz aus dem Kleine-Leute-Milieu seiner Eltern hochgearbeitet hat, persönlichkeitsbildende Freund- und Liebschaften weitgehend vermieden und sich entschlossen dem gewidmet hat, was Sicherheit verhieß: die als unumstößlich wahr angesehenen Dogmen jener Institution, in der allein er zu dem werden konnte, der er jetzt ist.”

Zum Artikel.


Joining Hands with the Pope in Nazareth

May 14, 2009

Rabbi David Rosen, American Jewish Committee (AJC) international director of interreligious affairs, joined with Pope Benedict XVI and a group of Christian, Jewish, Muslim and Druze religious leaders in Nazareth, Israel, for an oecumenical meeting and to sing a song of peace.

“It illustrated dramatically that religion does not have to be the problem but the solution and that it is up to politicians to engage religious leaders in the search for peace,” Rabbi David Rosen said.


Pope Benedict’s Historic Visit to Israel

May 14, 2009

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Pope Benedict XVI’s trip to Israel is a historic and positive step forward for Vatican-Israel relations and the Catholic-Jewish dialogue. This important trip reaffirms Pope Benedict’s commitment to continue to strengthen relations between the Vatican and the State of Israel, begun under his predecessor Pope John Paul II. 

Benedict XVI’s visit – nine years since the last one by Pope John Paul II – is being hailed both as a reconfirmation of the Vatican’s commitment to meaningful and respectful dialogue and relations with the Jewish people, but also as a missed opportunity to deliver more unambiguous and emotive messages of a German pope’s remorse for the church’s past persecution of Jews. The Pope was criticized by some leaders in Holocaust remembrance, other commentators and Holocaust survivors for not having cited at Yad Vashem the number “six million,” for having used the term “killed” instead of “murdered,” and for not having specifically affirmed remorse for Germans’ or Christians’ actions.

In a op-ed published in the newspaper Jewish Telegraphic Agency (JTA), Abraham Foxman explains the true meaning of Pope’s visit to Israel.

***

The Importance of the Pope’s Visit to Israel

by Abraham H. Foxman
National Director of the Anti-Defamation League (ADL)

Foxman

When his plane touched down at Ben Gurion International Airport, Pope Benedict XVI became only the second pope in the history of the Catholic Church to officially visit the State of Israel.

Israeli, Jewish and Vatican leaders expressed high hopes for a smooth visit that would enhance the Catholic-Jewish and Israel-Vatican relationships.

Yet almost from the minute he got off the plane, Benedict’s actions and words have been severely scrutinized, dissected and criticized from all sides. This extraordinary level of public and media scrutiny has led to a series of controversies, expressions of dismay and failed expectations by some Israeli leaders.

It must be recognized that Benedict is following in the footsteps of his predecessor, the beloved Pope John Paul II, whose groundbreaking pilgrimage in March 2000 hit all the right notes and captured the hearts and minds of Jews and Catholics around the world. From the get-go it was always going to be unfair to measure Benedict’s trip by John Paul’s, especially since Benedict has stepped into a roiling political, religious and social climate that is vastly changed from the more hopeful regional environment just nine years ago.

It is not only the region that is different. The two popes have vastly different personalities and public personas. Where the Polish-born John Paul II was a grand communicator able to project his charm and personal story to a wide audience, Benedict, a native of Germany, is a reserved theologian who conveys a professorial tone.

Beyond style, there are the words themselves. In this there is room for debate.

Prominent officials have sharply criticized Benedict’s much-anticipated speech at the Yad Vashem Holocaust memorial for failing to live up to expectations.

When Pope John Paul II visited Yad Vashem he referenced the Nazis by name, condemned the murder of millions of victims and mourned the loss of his Jewish friends.  He met at length with 30 Polish Jewish survivors.

By contrast, Benedict failed to mention Nazis or Germany, as well as his own personal history in Germany during the war. He did not use the word murder and ignored the issue of Christian responsibility for the Holocaust. A historic opportunity was squandered.

Yet a close examination of Benedict’s text and actions shows that he did deliver an appropriate speech focusing on the concepts of remembrance. He also met briefly with Holocaust survivors. It must be noted also that in recent months, Benedict has made strong statements repudiating Holocaust denial.  And in the past, Benedict has talked about his personal experiences as a member of Hitler Youth and the Germany Army.

Therefore, it would do us well to keep things in perspective and recognize what this pope has said and done.

By coming to Israel at this time, the 82-year-old pontiff is solidifying the Vatican’s formal relationship with the State of Israel, launched when a historic diplomatic agreement was signed in 1993. His trip demonstrates the Church’s commitment to the security and survival of Israel as a Jewish state.

Benedict is also establishing a track record for future popes. No longer will Pope John Paul’s journey be able to be portrayed as an aberration or a personal mission. Indeed, Benedict’s trip will institutionalize that every pope visit Israel and commit the billion-member Roman Catholic Church to the importance of Israel as the Jewish state.

Benedict’s voyage also demonstrates the continuity of the Church’s commitment to enhance relations with the Jewish people. As Cardinal Joseph Ratzinger, he was Pope John Paul’s chief theologian and, therefore, the many positive improvements in Jewish-Catholic relations over the past three decades were done in consultation with him.

To be sure, there are a series of outstanding serious issues challenging the Vatican-Jewish dialogue, including the recent troubling regressions in Catholic theology and liturgy about Judaism. Israel and the Vatican also have complicated property and tax issues to resolve.

However, the focus on this trip should be in recognizing the positive contributions of the current pope. Benedict has pledged to keep strengthening Catholic-Jewish relations and reaffirmed the Church’s unqualified repudiation of anti-Semitism and Holocaust denial. He has taught that Christians should gain a new respect for the Jewish interpretation of the Old Testament. And he has asserted that God’s Covenant and promises to the people of Israel are alive and irrevocable, further demonstrating his belief that the Jewish people “are beloved brothers and sisters.”

While we believe that Jews must remember and honor the past, we cannot change it. What we can do is create a future where Catholics and Jews deepen and expand our dialogue and work together with mutual respect and understanding in the interests of tikkun olam (i.e. Restoration of the World).

***

About the author: Born in Poland in 1940, Abraham Foxman was saved from the Holocaust as an infant by his Polish Catholic nanny who baptized and raised him as a Catholic during the war years. His parents survived the war, but 14 members of his family were lost.

After he arrived in America in 1950 with his parents, Mr. Foxman graduated from the Yeshiva of Flatbush, in Brooklyn, NY, and earned his B.A. in political science from the City College of the City University of New York, graduating with honors in history. Mr. Foxman holds a law degree from New York University School of Law, and did graduate work in Jewish studies at the Jewish Theological Seminary and in international economics at New York’s New School for Social Research.

On October 16, 2006  Foxman was awarded as Knight of the Legion of Honor by Jacques Chirac, the President of France at the time. This award is France’s highest civilian honor.

Abraham Foxman is also author of the bestseller The Deadliest Lies: The Israel Lobby and the Myth of Jewish Control.


Fondation Chirac

May 12, 2009

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Das Scheitern des neureichen Bürgertums

April 27, 2009

Der Erfolg ist eine Folgeerscheinung, niemals darf er zum Ziel werden. (Gustave Flaubert)

Kultur basiert auf einer Vielfalt von  Traditionen, die sich über Jahrtausende hinweg bewahrt haben. Neureichen können da nicht mitspielen; denen fehlt einfach die Grundlage. In einem Essay erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung bestätigt der Soziologe und Mitherausgeber der Zeitschrift für Sozialwissenschaft Leviathan und von WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung Prof. Dr. Sighard Neckel diese Vermutung. Mit der weltweiten Finanzkrise ist die ausschließlich an Geld und Status bemessene kulturlose Erfolgskultur der Neureichen definitiv gescheitert:

“Wenn heute unter den Vermögensbesitzern der Verlust von Renditen als persönliches Problem und psychische Krise ankommt, dann schlägt sich darin auch nieder, wie wirksam sich die Maximen des raschen finanziellen Erfolgs im Habitus des modernen Bürgertums bereits verankern konnten.”

Zum Artikel.


Tyrants Get Another U.N. Platform

April 24, 2009

An op-ed on Durban II by Saad Eddin Ibrahim, Egyptian dissident and Harvard scholar

The Wall Street Journal, April 24, 2009

In 1948, the United Nations recognized the “inherent dignity” and “the equal and inalienable rights” of all human beings when it ratified the Universal Declaration of Human Rights. Though this week’s U.N. conference in Geneva claimed to stand for these noble values, the world’s dictators were the real winners.

Too many official country delegates didn’t come to Geneva to stand up for the oppressed. They came to condemn the “colonial powers” of the West and Israel. In so doing, they sought to guard against exposing their own regimes’ human-rights records. While the delegates met in the official conference hall, the true defenders of human rights – civil society organizations and dissidents – gathered at their own conference where they examined today’s most pressing human-rights issues.

The deep divide between those who seek to expose human-rights abuses and those who only use the language of human rights as a shield is not new. It started during Rio’s Earth Summit in 1992, where, for the first time, the U.N. agreed to host two forums: one for government representatives and one for NGOs. The divide between government and NGOs, and between the Third World and the West, reached an apex in Durban, South Africa, in 2001. The central wedge issue was the treatment of the state of Israel.

Eight years ago, the Durban Declaration and Plan of Action (DDPA) singled out Israel for the harshest rebuke of any country. It was not that Israel was totally innocent of charges about its continued occupation of the Palestinians. But the vehemence with which the delegates issued this condemnation, and their manner of voting on it – the delegates cheered “Down With Israel” – led many to conclude that the DPPA bordered on anti-Semitism.

What compounded this sentiment is that most of the governments that pile on to condemn Israel and the so-called “neocolonial” West have terrible human-rights records. These include tyrannical regimes such as Zimbabwe, Myanmar, Libya, Iran, Syria and Egypt (my home country). Their atrocious violations have been widely reported by organizations like Amnesty International and Human Rights Watch.

But members of like-minded voting blocs – such as the Organization of the Islamic Conference, the Organization of African Unity and the League of Arab States – comprise more than two-thirds of the U.N. membership votes. Together, they can railroad through any resolution, no matter how absurd. It was this Afro-Islamic-Arab bloc that made sure Iranian President Mahmoud Ahmadinejad would be the keynote speaker in the opening session of this year’s U.N. World Conference Against Racism, Racial Discrimination, Xenophobia, and Related Intolerance.

Rightly anticipating that the Geneva conference would be a forum for anti-Western and anti-Israel propaganda, the U.S. and a score of Western democracies boycotted the conference entirely. More countries – such as Britain, Germany and Holland – walked out of the conference when Mr. Ahmadinejad delivered his usual anti-Israel tirade, calling the Jewish state a “most cruel and racist regime.”

Unfortunately, lost in this circus were the real victims who suffer at the hands of autocratic and theocratic regimes. The most vulnerable groups – the poor, women, children, migrant and stateless people – were ignored this week in Geneva.

Though the decision to boycott the conference was understandable, I believe it was a mistake. The U.S. and other democracies should have attended and fought back. An overwhelming majority of mankind would have applauded their moral courage.

I spent three years alone in an Egyptian prison for the crime of “tarnishing Egypt’s reputation.” Today, prisoners like Roxana Saberi in Iran languish in jails for crimes they did not commit. It is the job of true human-rights advocates to strengthen such victims by standing up to dictators.

Rather than letting Mr. Ahmadinejad steal the headlines, I would have liked to have seen the universally popular President Barack Obama take on the hypocrites who speak in the name of Islam and want to sacrifice such basic rights as freedom of speech by outlawing “Islamophobia.” Mr. Obama could have rescued the human-rights agenda from those who have hijacked it.

Though it didn’t happen in Geneva, I look forward to a campaign, led by Mr. Obama, to return the cause of human rights to its rightful owners.

Mr. Ibrahim was incarcerated by the Mubarak regime from 2000 to 2003. He is now a visiting professor at Harvard.


U.N. Durban Review Conference Final Declaration is biased

April 22, 2009

It is highly disappointing, but not surprising, that more than 100 nations attending the Durban II Racism Conference in Geneva overwhelmingly voted to approve a final declaration that is biased. In a replay of the 2001 original United Nations World Conference against Racism, Xenophobia and Related Intolerance, Israel is again the only nation singled out.

The conference, which is a follow-up to the 2001 United Nations World Conference against Racism, Xenophobia and Related Intolerance, was meant to address those human rights issues and their violators. However, both the Durban Review Conference and its predecessor degenerated into anti-Israel summits. The 2009 declaration reaffirms the conclusions from the original Durban conference. That document asserted that Palestinians are subject to Israeli “racism.”

The expectation that this anti-Israel declaration would again be the outcome prompted Israel, Canada, the United States of America, Italy, Germany, Australia, Holland, New Zealand, Czech Republic, and Poland to withdraw.

Libya helped to seal the negative outcome of the conference. Chosen as the chair of the conference, despite a long history of supporting terrorism and violating human rights, Libya yesterday engineered the swift movement of the declaration from the drafting committee and adoption of the preparatory document of last week.

Any hope for a better outcome document was dashed with an address to the conference by one who calls for the destruction of and supports terrorism against the State of Israel, Iranian President Mahmoud Ahmadinejad. Many nations walked out in protest on April 20, 2009, in the face of his hateful, anti-Semitic, anti-Israel tirade.

The 23 European Union nations delegates walked out during Ahmadinejad speech, in which he said that the foundation of the State of Israel rendered “an entire nation homeless under the pretext of Jewish suffering” in order “to establish a totally racist government in occupied Palestine.”

***

Quotes from Ahmadinejad’s speech in Geneva [source: BBC News]

“The victorious powers [of the world wars] call themselves the conquerors of the world, while ignoring or down-treading the rights of other nations by the imposition of oppressive laws and international arrangements.”

“Following World War II, they resorted to making an entire nation homeless on the pretext of Jewish suffering. They sent migrants from Europe, the United States and other parts of the world in order to establish a totally racist government in the occupied Palestine. In compensation for the dire consequences of racism in Europe, they helped bring to power the most cruel and repressive racist regime in Palestine.”

“It is all the more regrettable that a number of Western governments and the United States have committed themselves to defending those racist perpetrators of genocide, whilst the awakened consciences and free-minded people of the world condemn aggression, brutality and the bombardment of civilians of Gaza.”

“[Conflicts in Iraq and Afghanistan were] a clear example of egocentrism, racism, discrimination or infringement upon the dignity and independence of nations. Today, the human community is facing a kind of racism which has tarnished the image of humanity. In the beginning of the third millennium, the word Zionism personifies racism. [It] falsely resorts to religion and abuses religious sentiments to hide hatred.”

“Efforts must be made to put an end to the abuse by Zionists and their supporters of political and international means…Governments must be encouraged and supported in the fight aimed at eradicating this barbaric racism and moving towards reforming the current international mechanisms.”

“You are all aware of the conspiracy of some powers and Zionist circles against the goals and objectives of this conference… It should be recognized that boycotting such a session is a true indication of supporting the blatant example of racism.”


Durban II Hatefest

April 17, 2009

A statement by Anne Bayefsky at the Third Substantive Preparatory Meeting of the Durban Review Conference.

April 17, 2009
United Nations, Palais des Nations, Geneva, Switzerland

The eyes of millions of victims of racism, xenophobia and intolerance are upon YOU, the representatives of states and the United Nations. And instead of hope you have given them despair. Instead of truth you have handed them diplomatic double-talk. Instead of combating anti-Semitism you have handed them a reason for Jews to fear UN-driven hatemongering on a global scale.

The Durban conference – allegedly dedicated to combating racism, anti-Semitism and other forms of intolerance – will open April 20th on the anniversary of the birth of Adolf Hitler without agreement on even so much as remembering the Holocaust and the war against the Jews. Your draft words on the Holocaust – the very foundation of the Universal Declaration of Human Rights – have been narrowed to the barest mention from previous versions. And if the minor reference survives at all – it will be a testament to your interest in Jews that died 60 years ago, while tolerating and encouraging the murder of Jews in the here and now.

Furthermore, the draft before you demonizes the Jewish state of Israel and then has the audacity to pretend to care about anti-Semitism in a single word buried among 17 pages. Anti-Semitism means discrimination against the Jewish people. Since it is evident that almost none of you have the courage to say it, the face of modern anti-Semitism IS the UN – your – discrimination against Israel, the embodiment of the Jewish people’s right to self-determination.

Over and over again we have heard a massive misinformation campaign about the content of these proceedings and the draft before you. We have heard the tale that this draft does not single out Israel, that the hate has been removed, that the fault of the anti-Semitism at Durban I was that of NGOs while states and the UN were blameless.

Perhaps you think that journalists and victims will not bother to read for themselves the Durban Declaration adopted by some governments. There is only one state mentioned in it – Israel. There is only one state associated with racist practices in it – Israel. And yet the very first thing that this draft before you does is to reaffirm that abomination, abomination for Jews and Arabs living in Israel’s free and democratic society, and for all the victims of racism ignored therein. Lawyers call it incorporation by reference when they hope nobody reads the small print. The propaganda stops here. We have read it. We understand the game. And we decry the ugly effort to repeat the Durban agenda to isolate and defeat Israel politically, as every effort to do so militarily for decades has failed.

The UN High Commissioner for Human Rights and the Chair of this Preparatory Committee also told us this week that the Durban Declaration in all its aspects is a consensus text. Perhaps they are unfamiliar with the Canadian reservations made in Durban in 2001 which state categorically that the Middle East language was outside the conference’s jurisdiction and not agreed. Perhaps they failed to notice that one of the world’s greatest democracies, the United States, voted with its feet and walked out of the Durban I hatefest. The Durban Declaration has never represented a global consensus among free and democratic nations. When the head of the Islamic conference treats Durban as a bible, in their words, it is more accurately a defamation of religions.

This week you decided which states ought to serve in a leadership role at next week’s conference. Among them are some of the world’s leading practitioners of racism, not those interested in ending it. You have also decided to hand a global megaphone to the President of a state which advocates genocide and denies the Holocaust.

So in a state of shock and dismay we address ourselves not to the human rights abusers that glorify the Durban Declaration or its next incarnation, but to democracies – and we ask: Will Germany sit on Hitler’s birthday and listen to the speech of an advocate of genocide against the Jewish people and grant legitimacy to the forum which tolerates his presence? What about the United Kingdom, the birthplace of the Magna Carta? Or France that helped to ship last generation’s Jews to crematoriums?

You could have fought racism. You chose instead to fight Jews. You could have promoted the universal standards against racism already in existence. You chose instead to diminish their importance in the name of alleged cultural preferences. You could have protected freedom of expression. You chose instead to undermine it by twisted concepts of incitement. You could have brought victims of racism together in a common cause. You chose instead to pit victims against each other in an ugly struggle for meager recognition.

For those democracies that remain under these circumstances you are ultimately responsible for what can only be called an appalling disservice to real victims of racism, xenophobia and related intolerance around the world.

About the author: Anne Bayefsky holds a B.A., M.A. and LL.B. from the University of Toronto and an M.Litt. from Oxford University. She is a barrister and solicitor of the Ontario Bar, and senior fellow at the Hudson Institute as well as professor at Columbia University Law School in New York, where her areas of expertise include international human rights law, equality rights, and constitutional human rights law. Visit her website here.


The Myths of U.N. Durban Review Conference

April 10, 2009

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The Algerian-chaired United Nations committee is seeking to rewrite international human rights law by definining any criticism of Islamic dogma as a human rights violation, and is endorsed by Article 30 of the current Durban II draft; see UN Watch speech below.

Click also here for New York Times video documenting racist treatment of two million black African migrants by Libyan government of Colonel Muammar Qaddafi, chair of Durban II conference planning committee.

***

Testimony by Hillel Neuer, UN Watch executive director, before the United Nations Human Rights Council

10th session of the Human Rights Council (Geneva, March 2009)

Thank you, Mr. President.

Racism is evil. How can we truly fight it?

For starters, by clearing up three myths about next month’s conference.

Myth Number One: that the new draft removes all pernicious provisions.

The truth is that many were removed – thanks only to the credible threat of an E.U. walk-out – but red lines continue to be breached:

  • Articles 10, 30 and 132 encourage the Islamic states’ campaign to ban any criticism of religion.
  • Articles 60 to 62 demonize the West, addressing only its sins of slavery, yet saying nothing of the massive Arab trade in African slaves, thereby politicizing that which should never be politicized.
  • Article 1 breaches President Obama’s red line by reaffirming what his government called the quote, “flawed 2001 Durban Declaration”, a text that stigmatized Israel with false accusations.

Myth Number Two: that going to the conference means dialogue.

In truth, we’ve been negotiating non-stop since August 2007. Going to the conference means endorsing a particular text, and risks legitimizing the greatest perpetrators of racism.

Ironically, many who now claim to support dialogue, are Mideast states belonging to the Arab Boycott Office in Damascus, or radical left campaigners who call for equally bigoted boycotts in the West.

Myth Number Three: that Durban 2 will help millions of victims.

But can anyone name a single victim of racism who was helped by the 2001 conference and countless follow-up committees?

Did Durban help a single victim of Sudan’s racist campaign of mass killing, rape and displacement against millions in Darfur?

Did it help the women of Saudi Arabia subjected to systematic discrimination?

Did it help gays executed by Iran, even as President Ahmadinejad says there are no gays in Iran?

Did it help the 2 million black African migrants in Libya, who, as we read in last week’s International Herald Tribune, say they are treated like slaves and animals?

To truly fight racism, we need to hold perpetrators to account. Tragically, Durban 2 does the opposite.

Thank you, Mr. President.


CIA announces end of secret prisons

April 10, 2009

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Leon Edward Panetta, the new director of the U.S. Central Intelligence Agency, said yesterday in a message to CIA employees that the agency would shut down its remaining secret prisons overseas, The New York Times reports.

Secret CIA prisons, or “black sites”, had become one of the more controversial tactics used by the George W. Bush administration in its counterterrorism strategy. Three prisoners at CIA prisons were famously subjected to “waterboarding” in 2002 and 2003, and a report by the International Red Cross released this week detailed the treatment of fourteen prisoners at the facilities and called them “inhuman” .

Here is the text of the report.

***

Statement to Employees by Director of the Central Intelligence Agency Leon E. Panetta on the CIA’s Interrogation Policy and Contracts

April 9, 2009

As you know, there is continuing media and congressional interest in reviewing past rendition, detention, and interrogation activities that took place dating back to 2002. I have also been asked about contract interrogators and detention facilities. Today, I sent a letter to our Congressional oversight committees outlining the Agency’s current policy regarding interrogation of captured terrorists, including the policy on the use of contractors in the process.

  • CIA’s aggressive global pursuit of al-Qaida and its affiliates continues undiminished. Agency officers are working tirelessly – and successfully – to disrupt operations in strict accord with the President’s Executive Order of January 22, 2009, concerning detention and interrogation.
  • CIA officers, whose knowledge of terrorist organizations is second to none, will continue to conduct debriefings using a dialog style of questioning that is fully consistent with the interrogation approaches authorized and listed in the Army Field Manual. CIA officers do not tolerate, and will continue to promptly report, any inappropriate behavior or allegations of abuse. That holds true whether a suspect is in the custody of an American partner or a foreign liaison service.
  • Under the Executive Order, the CIA does not employ any of the enhanced interrogation techniques that were authorized by the Department of Justice from 2002 to 2009.
  • No CIA contractors will conduct interrogations.
  • CIA no longer operates detention facilities or black sites and has proposed a plan to decommission the remaining sites. I have directed our Agency personnel to take charge of the decommissioning process and have further directed that the contracts for site security be promptly terminated. It is estimated that our taking over site security will result in savings of up to $4 million.
  • CIA retains the authority to detain individuals on a short-term transitory basis. None have occurred since I have become Director. We anticipate that we would quickly turn over any person in our custody to U.S. military authorities or to their country of jurisdiction, depending on the situation.

CIA’s focus will remain where the American people expect it to be-on the mission of protecting the country today and into the future. We will do that even as we cooperate with Congressional reviews of past interrogation practices. Officers who act on guidance from the Department of Justice – or acted on such guidance previously – should not be investigated, let alone punished. This is what fairness and wisdom require.

CIA will continue to honor the law as we defend the United States as we have done since the beginning of this program. That is what the men and women of this Agency demand. Together, we can, and will, do no less. Thank you for your service and dedication to protecting this nation.

Finally, let me take this opportunity to wish you and your families a Happy Easter and Passover.

Leon E. Panetta


Happy Passover 2009

April 7, 2009

Passover 2009 & four questions for a financial crisis

April 5, 2009
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“The Jews’ Passover”-facsimile of a miniature from a 15th century missal, ornamented with paintings of the School of Van Eyck

No Bread
by Rabbi Benjamin Blech

What insights does Passover provide into our current financial crisis that can help alleviate our collective pain?

A fresh look at the Seder’s traditional four questions offers much food for thought around your Seder table.

1. Why is it that in all other years we eat bread and matzah, but this year we eat only matzah?

Bread is the staff of life. Matzah is the symbol of poverty. To make money, in slang, is to “make some bread.” To be blessed with much is to “have a lot of dough.” But this year as we look at our bank accounts, our retirement plans and our depleted wallets, we are all too often reminded of the “bread of affliction” our ancestors subsisted on in the land of Egypt.

Why did this happen to us? Perhaps it’s because God wants us to understand a biblical truth that we seem to have forgotten. “Man does not live by bread alone” the Torah teaches. We dare not confine the strivings of our lives solely to accumulating money. We must not make material gain our sole priority. There comes a time when we have to learn to negate our overriding emphasis on “making more bread.” While society stresses wealth as the primary measure of personal worth, Judaism insists that once a year on Passover, we demonstrate the moral courage to renounce the power of bread as the ultimate ruler of our lives. Surrounded by our families we declare we can survive without the trappings of luxury.

It’s ironic that one of the wealthiest men in the world didn’t learn this lesson until it was too late. Sam Walton was the multibillionaire CEO of Wal-Mart, the fourth largest US Corporation. As he was lying on his deathbed, he struggled to get out his last three words on earth. He had given his life for his business. In that area, he succeeded beyond anyone’s wildest dreams. Yet, it was at a price. He hardly spent any time with his wife, his children, and his grandchildren. He didn’t allow himself the moments of loving interaction, of playing and laughing with his loved ones. His final three words? “I blew it!” He had the billions, but by his own admission he had failed. Maybe we now should be thinking about and thanking God on Passover for this important reminder.

2. Why is it that in all other years we eat all kinds of vegetables, but this year we eat only bitter herbs?

Why does a good God sometimes make our lives not better, but bitter? The Jews asked it in Egypt with regard to their servitude. We ask it today with regard to our dwindling financial assets. It is a problem that every believer has to face in one form or another.

We can learn a great deal from a story that is told about the saintly rabbi, the Chafetz Chaim. Meeting a former student after many years, the rabbi asked about his welfare. The student, in difficult straits, responded, “Unfortunately things are very bad.”

The rabbi immediately shot back, “God forbid, you are not permitted to say that. Do not ever declare that things are bad. Say instead they are bitter.”

Perplexed, the student asked, “Bad, bitter – what’s the difference? My life is terrible.”

“No, my son,” the rabbi answered, “there is all the difference in the world between them. A medicine may be bitter but it isn’t bad.”

True faith requires an understanding that life often presents us with challenges – bitter moments that temporarily leave us with an acrid taste, but help us to grow, to mature and to eventually become better human beings.

God planned the Egyptian experience for a purpose. In Deuteronomy He refers to it as “a fiery furnace” – the way in which precious metals were purified. As harsh as it seemed at the time, it was all for a reason. The Torah tells us that the Jews who had endured and survived were all the better for it. And that too must be our hope as we confront our contemporary crisis. Yes, it is bitter – just like a medicine that will make us better.

3. Why in all other years do we not dip even once, but in this year dip two times?

The past led many of us to believe that we could expect no dips in the economy. The good times would always roll without interruption.

It was in 1929, just before the Great Depression, that many of the brilliant economists of the time predicted that the “age of cycles” was over. The rules that limited human progress were no longer applicable. The stock market could now only go up and up. They claimed unlimited wealth was inevitable. The hubris of man clearly needed to be humbled. The crash of the 30s silenced those who had previously put all their trust in “my might and my power.”

The prognosticators of our new millennium proved to be just as blind as their predecessors. They, too, assured us the old rules no longer applied, that we could spend without regard to the future, that we need not save because the value of our homes would only keep rising, that in short we were invincible and almighty.

In a striking passage, the Talmud explains why Sarah, Rebecca and Rachel were all barren from birth, requiring divine intervention in order to conceive. It was, the rabbis teach us, because “God desires the prayers of his beloved.” When things come too easily to us we fall victim to a sense of entitlement. We think we no longer have to pray for blessings to come to us if they arrive even without being asked for. Prayers answered before they are spoken deny us the need and the opportunity to express them. Blessings too freely granted can also make us lose sight of our requirement for gratitude.

So we have dips in our fortunes. The good news is that they need not be permanent if we learn from them. All they ask of us is that when times are once again good we don’t forget the source of our blessings.

4. Why is it that in all other years we eat either sitting or reclining, but in this year we eat only reclining?

To recline is to lean. And this year there are many who are forced to lean on others for assistance. The demands placed this year on charitable organizations are unprecedented. No one can simply sit back comfortably in his or her own chair, insensitive to the suffering of those around them.

That, in fact, is the very reason God tells us he forced our ancestors to spend all that time in Egypt before he brought them back to the Promised Land. “Be kind to the poor and to the stranger,” He commands us, “because you yourselves were strangers in the land of Egypt.” The purpose of Egyptian slavery was meant to teach us to empathize with the oppressed in every generation. We know what it means to be poor, to be hungry, to be mistreated. We were schooled in misery precisely so that we would not fail in our mission to be a light to the world, teaching compassion and kindness.

“This is the bread of affliction – let all those who are hungry come and eat with us, let all those who are needy come and share our festive meal with our family.” This is the way we begin our Passover Seder. It is the most fitting introduction to the holiday whose very story took place in order to teach us this lesson.

We all strive to be happy. We search for different ways to achieve this goal. What is the best way to secure it? We have tried so many different ways unsuccessfully. Social scientists have recently come to a remarkable conclusion. A recent issue of the prestigious Science magazine reveals that studies prove helping others is perhaps the most surefire way to gain personal happiness.

Strange then, isn’t it, that we spend so much of our days dedicated to getting, when we would be so much better off if we put more of our efforts into giving. We could all learn much from Michael Bloomberg, the self-made billionaire founder of the Bloomberg financial information firm and New York Mayor, who donated $235 million in 2008, making him the leading individual living donor in the United States, according to The Chronicle of Philanthropy. In explaining his philosophy, he said he intends to give away most of his fortune, because “the best measure of a philanthropist is that the check he leaves to the undertaker bounces.” And that will insure that he dies a very happy man.

These explanations may not resolve our pressing contemporary problems, but they do permit us to realize that there are profound issues implicit in the divine reaction to our difficulties that transcend our understanding. Our struggle for meaning must always be matched with our firm belief that the God who cared enough for us to perform miracles in days of old continues to love us in the same measure to help us overcome our present crises. That is, after all, why we celebrate Passover.

About the author: Rabbi Benjamin Blech is the author of 12 highly acclaimed books, including Understanding Judaism: The basics of Deed and Creed. He is a professor of Talmud at Yeshiva University and the Rabbi Emeritus of Young Israel of Oceanside which he served for 37 years and from which he retired to pursue his interests in writing and lecturing around the globe. He is also the author of If God Is Good, Why Is The World So Bad?

Reprinted with kindly permission of Aish HaTorah International.


Das Versagen der Eliten

April 3, 2009

Nicht wer zuerst nach den Waffen greift, verursacht einen Aufruhr, sondern wer die Ursache dafür geschaffen hat. (Niccolò Machiavelli)

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Demokratien suchen sich Vorbilder, die immer wieder zu wünschen übrig lassen…

Das Versagen der Eliten wiegt inzwischen vermutlich sehr viel schwerer als die Leistungen, die sie erbringen: man denke nur an das miserable Krisenmanagement bei der Bewältigung der Finanzkrise, die unvermeidbar einen Bürgerkrieg hervorrufen wird. Schlechter Führungsstil gekoppelt mit Arroganz und Ignoranz wird am Ende immer bestraft: alte Lektion des Florentiner Meisters der Politik, Niccolò Machiavelli.

Aus gegebenem Anlass: Ein musikalisches Pamphlet im Dreierpack (”Entrez, m’sieur dans l’humanité”, “Qui se soucie de nous?”, “Face à la merde”) von Frankreichs Galionsfigur der geschmackvollen Satire, Jacques Dutronc.


Anti-Semitism: The Ugliest Backlash in Our Lifetime

March 31, 2009

This Pesach, Jews around the world have experienced the ugliest backlash of blatant anti-Semitism many of us have witnessed in our lifetime. We shouldn’t be surprised. When the world faces crisis, Jews are often the scapegoat.

How dangerous is the threat?

  • Dozens of synagogues around the world have been attacked and targeted by extremists
  • Hundreds of demonstrations around the world have heard crowds chant phrases like: Jews “go back to the ovens”
  • Anti-Semites continue to exploit financial Web sites to spread their hate online

Our ability to respond depends on the commitment of people like you. We need your support.

HIRAM7 REVIEW is the only European online magazine specifically dedicated to fighting anti-Semitism, to identifying and exposing extremists and their hate groups.

Now more than ever, we need your support. In these difficult economic times, our ability to respond to these new dangers depends on the commitment from the entire community.

Can we count on you?


MERCI DE GAULLE – Hommage national

March 31, 2009

Grande souscription nationale pour que vive et se transmette l’héritage du général de Gaulle

Plus que jamais, la Fondation Charles de Gaulle a besoin de votre aide pour promouvoir et développer le nouveau Mémorial Charles de Gaulle de Colombey-les-Deux-Églises.

Dans ce but, la Fondation Charles de Gaulle a lancé une grande campagne de souscription nationale “Merci de Gaulle” à laquelle un site est dédié.

Pour accéder au site “Merci de Gaulle”, cliquer ici.