Ein Leben für Frankreich: die bewegte Abschiedsrede von Jacques Chirac an die Franzosen


“Größe entsteht zunächst – und immer – aus einem Ziel, das außerhalb des eigenen Ichs gelegen ist.” Antoine de Saint-Exupéry

Jacques Chirac, 74, der brillanteste Politiker Europas seit De Gaulle, tritt nach 45 Jahren beispielloser Karriere ab: Er werde nicht mehr für eine dritte Amtszeit kandidieren, sagte Jacques Chirac sechs Wochen vor den Präsidentschaftswahlen 2007 in einer sehr bewegten Fernsehansprache.

Wortlaut:

Frankreich und der Friede: “Frankreich dienen, dem Frieden dienen, das ist das Engagement meines ganzen Lebens gewesen. Natürlich hätte ich gern mehr Konservatismen und Egoismen umgestoßen, um schneller auf die Probleme zu reagieren, die einige von Ihnen erfahren. Doch ich bin stolz auf die Arbeit, die wir zusammen geschafft haben.”

Gerechtigkeit: “Am Ende des Mandats, das Sie mir anvertraut haben, wird der Moment für mich gekommen sein, Ihnen auf andere Weise zu dienen. Ich werde nicht um Ihre Stimmen für ein neues Mandat ersuchen. Auf andere Weise, doch mit unversehrtem Enthusiasmus und derselben Leidenschaft zum Handeln für Sie werde ich weiter die Kämpfe führen, die unsere sind, die Kämpfe meines ganzen Lebens – für Gerechtigkeit, für Fortschritt, für Frieden, für Frankreichs Größe.”

Nein zum Extremismus: “Lassen Sie sich niemals mit dem Extremismus, dem Rassimus, dem Antisemitismus oder der Zurückweisung des anderen ein. In unserer Geschichte hätte der Extremismus uns schon fast in den Abgrund geführt. Er ist ein Gift. Er spaltet. Er pervertiert, er zerstört. Alles in Frankreichs Seele sagt Nein zum Extremismus. Der wahre Kampf Frankreichs, der schöne Kampf Frankreichs, ist jener der Einheit, jener des Zusammenhalts. Ja, unsere Werte haben einen Sinn! Ja, Frankreich ist reich in seiner Vielfalt! Ja, die Ehre der Politik ist es, zuerst für die Gleichheit der Chancen zu handeln!”

Frankreich hat Trumpf: “Meine zweite Botschaft ist, dass Sie immer an sich und an Frankreich glauben müssen. Wir haben so viele Trümpfe. Wir dürfen die Entwicklungen der Welt nicht fürchten.”

Europa als Chance: “Meine dritte Botschaft ist Europa. Beim Referendum zur EU-Verfassung im Mai 2005 haben Sie Ihre Zweifel, Ihre Sorgen, Ihre Erwartungen ausgedrückt. Es ist lebenswichtig, die europäische Konstruktion fortzusetzen. Die Nationalismen, die unserem Kontinent so viel Böses zugefügt haben, können jederzeit wieder aufkeimen. Und allein werden wir den wirtschaftlichen Umwälzungen der Welt nicht die Stirn bieten. Frankreich muss den Anspruch einer Macht Europa bestätigen. Eines politischen Europas. Eines Europas, das unser Sozialmodell garantiert. Unsere Zukunft steht auf dem Spiel. Wir wollen stets dieses Ideal und diesen Willen tragen.”

Dialog: “Meine vierte Botschaft ist, dass Frankreich kein Land wie die anderen ist. Es hat besondere, aus seiner Geschichte geerbte Verantwortungen und die universellen Werte, die zu schmieden es beitragen hat. Angesichts des Risikos eines Zusammenpralls der Zivilisationen, angesichts der Zunahme vor allem religiöser Extremismen muss Frankreich die Toleranz, den Dialog zwischen Menschen und Kulturen verteidigen. Es geht um den Frieden, die Sicherheit der Welt. (…) Frankreich hat auch die Pflicht, sein ganzes Gewicht dafür einzusetzen, das die Weltwirtschaft die Notwendigkeit der Entwicklung für alle integriert.”

Lust zum Handeln: “Nicht einen Augenblick sind Sie nicht in meinen Herz und in meinen Geist gewesen. Nicht eine Minute habe ich aufgehört, diesem wunderbaren Frankreich zu dienen. Diesem Frankreich, das ich so sehr liebe, wie ich Sie liebe. Diesem Frankreich, reich durch seine Jugend, stark durch seine Geschichte, dürstend nach Gerechtigkeit und Lust zum Handeln, diesem Frankreich, das – glauben Sie mir – die Welt noch weiter erstaunen wird.”

Biografie:

29.11.1932: Geburt in Paris

1951 – 1953: Hochschule für Politik, Institut d’Études Politiques de Paris

1954 – 1959: Verwaltungshochschule ENA

1962: Erster Berater von Premierminister Georges Pompidou

1967: Parlamentsabgeordneter in der Nationalversammlung

1967 – 1971: Arbeitsminister

1972 – 1974: Landwirtschaftsminister

1974: Innenminister

1976: Premierminister unter Präsident Valéry Giscard d’Estaing

1976: Gründer der neogaullistischen Partei RPR

1979: Zusammen mit seiner Frau Bernadette Chodron de Courcel adoptiert er die 21-jährige vietnamesische Flüchtlinge Anh Dao Traxel bei deren Ankunft in Frankreich (ohne rechtlichen Beschluss).

1977 – 1995: Bürgermeister von Paris

1981: Erste Präsidentschaftskandidatur (17,7 Prozent im ersten Wahlgang)

1986 – 1988: Premierminister unter François Mitterrand (Kohabitation)

1988: Zweite Präsidentschaftskandidatur (19,9 Prozent  im ersten, 45,9 Prozent im zweiten Wahlgang gegen Mitterrand)

1992: Jacques Chirac wirbt für das Maastricht-Referendum

7. Mai 1995: Sieg bei dritter Präsidentschaftskandidatur (20,9 Prozent im ersten, 52,6 Prozent im zweiten Wahlgang gegen Lionel Jospin)

Mai 2002: Wiederwahl als Staatspräsident (19,9 Prozent im ersten, 82,21 Prozent im zweiten Wahlgang gegen Jean-Marie Le Pen)

März 2003: Jacques Chirac droht mit Veto gegen Irak-Krieg

11. März 2007: Jacques Chirac gibt bekannt, dass er sich nicht noch einmal um die Präsidentschaft bewirbt

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s