Gespräch mit Rüdiger Safranski: Philosophie macht die Welt geräumig


Ein Gespräch mit Rüdiger Safranski, dem besten Kenner von Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger

Das Gespräch führte Max Lorenzen, Marburger Forum.

Marburger Forum: Beginnen wir vielleicht mit einigen biografischen Fragen: wo und wann wurden Sie geboren? – Wie verlief Ihr Weg zur Philosophie? – Wo und bei wem haben Sie studiert?

Safranski: Geboren am 1.1.1945 in Rottweil, Württemberg. Mein Lehrer im Gymnasium Rottweil machte mich auf Heidegger (Meßkirch liegt in der Nähe) aufmerksam. Ich wollte zuerst protestantische Theologie studieren. Nach einem diakonischen Vorbereitungsjahr kam ich davon ab. Studierte Philosophie, Germanistik und Geschichte zuerst in Frankfurt am Main (dort hörte ich Theodor Wiesengrund Adorno und saß in seinem Seminar) und dann in Berlin (dort hat mich besonders Theunissen beeindruckt, der damals noch Privatdozent war, vor allem aber der Religionsphilosoph Klaus Heinrich. Wegen der Gemeindebildung aber hielt ich mich vom Heinrich-Kreis fern). Der Grundzug meines Interesses: das Kryptotheologische; außerdem liebe ich das Poetische in der Philosophie und das Philosophische in der Poesie. Deshalb kann ich analytische Philosophie nicht lesen, ohne sogleich einzuschlafen. Ich bewundere die einschlägigen Autoren, daß sie beim Schreiben ihrer Bücher wach geblieben sind.

MF: Sie haben promoviert, arbeiten aber als freier Schriftsteller, d. h. Sie haben nicht den Weg der Universitätskarriere eingeschlagen – warum nicht?

Safranski: In den siebziger Jahren war ich Hochschulassistent (bis 1978). Anfang der 80er Jahre mußte ich mich entscheiden, ob ich eine Arbeit über die Romantik zur Habilitationsarbeit oder zu einem Buch ausarbeiten wollte. Ich entschied mich für das Buch. Daraus wurde dann das E.T.A.Hoffmann-Buch. Ich habe mich nicht direkt gegen die Universität entschieden. Es hat sich so ergeben und ich bin jetzt froh, daß mich meine Leidenschaft finanziert.

MF: Leitet sich daraus eine Einschätzung der Hochschulphilosophie ab?

Safranski: Es muß Hochschulphilosophie geben, so wie es auch Leute wie mich geben muß. Allerdings spüre ich meinerseits bei manchen Unileuten Neid und Ressentiment, das sich drapiert. Aber das gilt nur für einzelne Fälle.

MF: Wie schätzen Sie die gegenwärtige Lage der Philosophie insgesamt ein?

Safranski: Gut. Es wächst das philosophische Interesse. Allerdings wünschte ich mir etwas weniger angelsächsische Philosophie im Unibetrieb.

MF: Gibt es Philosophen/Innen, die Ihnen heute, in Deutschland oder anderswo, wichtig sind?

Safranski: Rorty, Spaemann, Sloterdijk, Blumenberg, Starobinski.

MF: Welche Philosophen der Vergangenheit spielen für Sie eine besondere Rolle?

Safranski: Heidegger, Sartre, Schopenhauer, Nietzsche, Pascal, Camus, Merleau-Ponty, Simmel, Leopold Ziegler, Platon, Augustin, Plessner.

MF: Waren die ersten Jahre als freier philosophischer Schriftsteller schwierig? Hat Ihnen das wieder erwachende Interesse an der Philosophie auch außerhalb der Universitäten geholfen?

Safranski: Mein Schopenhauerbuch von 1987 war der persönliche Durchbruch. Von diesem Zeitpunkt an merkte ich, daß ich als philosophierender Schriftsteller bestehen konnte. Vorher war es eine Zitterpartie.

MF: Wonach entscheiden Sie, welchem Thema, bzw. welchem Autor Sie sich widmen werden?

Safranski: Eigentlich erzähle ich mit meinen Portraits und den dazwischengestreuten Essaybüchern eine fortlaufende Geschichte. Ich bin dabei, eine Obsession abzuarbeiten. Der rote Faden vielleicht: wie läßt sich – in säkularisierter Zeit – der Absturz in die Banalität verhindern? Wie bringt man behutsam wieder Metaphysik ins Spiel?

MF: Wie lange arbeiten Sie an einem Buch, wie dem “Nietzsche”?

Safranski: Schwer zu sagen. Das Projekt verfolgte mich seit „Schopenhauer”. Die eigentliche Schreibarbeit dauerte ca anderthalb Jahre.

MF: Was kommt als nächstes dran?

Safranski: Sage ich nicht.

MF: Wenden wir uns nun Ihrer Darstellung der Philosophie Nietzsches zu. Was genau meinen Sie mit “Biografie seines Denkens” ? Hat dieses Denken so etwas wie ein eigenes Leben, also auch einen Lebensweg, bzw. eine Biografie?

Safranski: Genauso ist es. Was ich beschreiben und erzählen wollte: die allmähliche Verfertigung Nietzsches durch Nietzsche.

MF: Zitieren wir Safranski: “Man glaubt, das bloße Vorhandensein von etwas sei die einfachste Sache von der Welt. Aber, genau bedacht, ist es das Rätselhafte schlechthin” (Nietzsche, S. 174). Wie erleben Sie diese Rätselhaftigkeit, was denken Sie darüber?

Safranski: Daß Sie diesen Satz zitieren, zeigt mir, daß Sie ein sehr gutes Gespür haben. Er ist für mich selbst einer der wichtigsten Sätze. Das Bewußtseinsähnliche zu erfassen, ist eine gewissermaßen familiäre Angelegenheit. Das opake, undurchdringliche Sein [hingegen], das uns keine Antwort gibt, das aber doch so ist wie ein Stein, „Ist” – das ist das allergrößte Rätsel. Kaum auszuhalten, weshalb auch die Versuche unternommen werden, es uns ähnlich zu machen, es zu beseelen, zu vergeistigen usw. Was wir brauchen: eine Metaphysik der Steine.

MF: Von einem verbürgten Sinn in all dem können wir doch sicherlich nicht ausgehen?

Safranski: Nein. Wir Bewußtseins-Tiere sind die Bühne der Natur: auf dieser Bühne kann die Welt erscheinen. Wir beschenken das Seiende mit dem „da”. Die Natur schlägt, wie Schelling einmal sagte, in uns die Augen auf und bemerkt, daß sie „da” ist.

MF: Sind wir also einsam “inmitten einer erkenntnislosen Natur” (S. 175)? Was heißt das für unser Leben?

Safranski: Irgendwie müssen wir Partner werden. Die Kunst des Wohnens, da hat Heidegger vollkommen recht, ist vielleicht das Wichtigste.

MF: Für Nietzsche gibt es keine Entwicklung ohne Zwang; er spricht zum Beispiel vom “unausgesetzten Zwang, Sitte zu üben” (zit. nach: Nietzsche, S. 192). Sie erläutern: “Die Sitte wirkt als System der Triebmodellierung” (ebda.). Eben diese Ansicht hat ja Philosophen wie Adorno oder Foucault besonders interessiert. Könnte uns heute aber diese Denktendenz Nietzsches (und entsprechend auch diejenige Freuds) nicht überholt anmuten? Beruht denn wirklich jede geschichtliche oder individuelle Entwicklung auf Unterdrückung und Selbstunterdrückung?

Safranski: Ich habe bewußt den Ausdruck „Triebmodellierung” (er stammt von Norbert Elias) gewählt, um den Schematismus der Vorstellung von „Unterdrückung” zu vermeiden. Bei „Unterdrückung” stellt sich nämlich sogleich eine romantische Vorstellung von Spontaneität und Eigentlichkeit ein. Man sollte den Jargon der Wehleidigkeit vermeiden.

MF: Was scheint Ihnen heute noch besonders wichtig an Nietzsche?

Safranski: Darauf wäre vieles zu antworten, wenn ich es mit ein paar Worten versuchen würde, so sage ich: bei Nietzsche kann man erfahren, daß das Denken, egal ob man die ‚Ergebnisse‘ im einzelnen richtig oder falsch findet, ein gesteigerter, glückhafter Zustand ist. Man könnte danach süchtig werden.

MF: Könnten Sie für unsere Leser erläutern, was Nietzsche meint, wenn er davon spricht, das Leben sei “ein Mittel der Erkenntnis” (S. 250)?

Safranski: Menschliches Leben ist eine spezifische Art der Wachheit. Es gibt ein triumphales Gefühl, wenn die Welt im Medium dieser Wachheit bei einem „ankommt”. Goethe, um daran zu erinnern, hat sich bei seinen Augen bedankt: sie haben ihm das Sehen erlaubt. Und Nietzsche bedankt sich bei seiner physiologischen Wachheit: sie hat ihm das Erkennen erlaubt.

MF: Sie wenden sich auch ausführlich den gefährlichen Seiten Nietzsches zu, also dem, was er zum Beispiel über Züchtung gesagt hat. Wie schätzen Sie vor diesem Hintergrund ein, was Sloterdijk zu diesem Themenkomplex geäußert hat?

Safranski: Sloterdijk hat im Wald gepfiffen. Wir alle müssen ziemliche Angst haben, was das künftige Menschen-Machen betrifft. Er wollte, auf eine halb ernste halb frivole Weise, aus der Defensive herauskommen, in dem Sinne: nun gut, wir sind schon mitten darin im Prozeß der Züchtung, also kommt es darauf an, auf Augenhöhe mit dem zu kommen, was sowieso geschieht – ganz nach dem Wort von Nietzsche: „Nur im Angriff ist klingendes Spiel”.

MF: “Für Nietzsche lauert an der äußersten Grenze des Horizontes immer ein Gorgonenhaupt” (S. 300), sagen Sie. Warum aber? Hat das auch etwas mit seinem Drang zum Pathos zu tun, der so mit zu dieser Biografie des Denkens gehörte?

Safranski: So ist es. Nietzsche will sich heroisch fühlen. Also muß der Grund ein Abgrund sein.

MF: Vielleicht nun noch einige allgemeinere Fragen: Was macht für Sie Ihr innerstes Interesse an der Philosophie aus? (Entschuldigung – das ist schwer zu beantworten – aber wichtig!)

Safranski: Philosophie macht die Welt geräumig. Sie ist Raumgewinn. Bei vielen Sparten des Wissens bekomme ich Gefühle der Platzangst. Es gibt allzuviele Knisterkrebse, die alles, was sie berühren, mit ihrer Engherzigkeit infizieren.

MF: Welchen Aufgaben sollte sich die Philosophie heute besonders zuwenden?

Safranski: Dem Tod, dem Leben, der Liebe. Und wem das zu wenig ist , der kann sich beschäftigen mit dem tendenziellen Fall der Profitrate und der simultanen Absenkung der reziproken Relevanzschwelle.

MF: Wäre es, um solche Themen angehen zu können, nicht notwendig, eine außeruniversitäre Form (oder viele) des Philosophierens zu schaffen? (Eigentlich wirken Sie mit Ihren Büchern doch schon daran mit.)

Safranski: So ist es. Philosophische Gedanken und Leidenschaften müssen zirkulieren und die abgezirkelten Departements der Öffentlichkeit überfluten. Wenn zu viele Gedanken ins Spiel kommen, empfehle ich das Auswahlkriterium: nur jene Gedanken lohnen sich, die sich auch gut formulieren lassen. Die Philosophie sollte mehr auf den Sprachleib achten. Schlecht geschrieben ist auch schlecht gedacht.

MF: Und zum Schluss: wohin verreisen Sie gerne?

Safranski: Nach Südamerika.

MF: Welche Bilder sind Ihnen wichtig?

Safranski: Caspar David Friedrich, Goya, Max Neumann

MF: …und welche literarischen Autoren/Innen der Vergangenheit und Gegenwart?

Safranski: Gottfried Benn, Proust, Goethe, Henry James, Kafka, Eichendorff.

MF: Und schließlich eine für Philosophen äußerst bedeutsame Frage: Wie entspannen Sie sich nach der Arbeit?

Safranski: Pfeife rauchen, einen guten Bordeaux trinken, Musik hören, Unsinn reden.

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