Der Dalai Lama: Bewußtsein ohne Gehirn?


Der neue Popstar des Mainstreams, der Dalai Lama, weilte in Deutschland. Colin Goldner schrieb in der Zeitschrift konkret (Ausgabe 09/2000) über den speziellen Freund alter Nazis.

Zugegeben, der Mann ist ein Phänomen. Dutzende von Büchern sind über ihn geschrieben und Filme gedreht worden, ganzen Generationen und Kontinenten gilt er als Inbegriff von Friedfertigkeit, Güte und in stoischem Gleichmut ruhender Erkenntnis.

Er rage, wie es in einer der zahllosen Hymnen über ihn heißt, über die Menschheit hinaus “wie der Himalaya über alle anderen Gipfel unseres Planeten: zeitlos, gigantisch, respektvoll, tolerant, geduldig, bescheiden, schlicht, humorvoll, herzlich, sanft, geschmeidig, erdhaft, harmonisch, transparent, rein und immer wieder lachend und lächelnd”.

Die Rede geht, unschwer zu raten, um den Dalai Lama, Gottkönig Tibets, der, wie es weiter heißt, “in einer Welt der Böswilligkeit, des Materialismus und der Korruption den guten Willen, die Sphäre des Geistes und die Lotosblume der Reinheit” repräsentiere, “im Wirbel der Nichtigkeiten und der Hektik den Sinn und die Ruhe und die Festigkeit”. Und so fort, ohne Ende. Ein Phänomen ist der Mann, weil er all das eben gerade nicht ist.

Und weil, wie weiland in Andersens Märchen von den neuen Kleidern des Kaisers, niemand sich zu sagen traut, daß Seine Heiligkeit, Oberhaupt der Gelbmützen und ozeanischen Weistums gepriesen, parbleu!, einen Stuß daherschwatzt, daß die Lichter ausgehen. Kaum ein Satz, den er zum besten gibt – sieht man von jener Handvoll Spruchblasen ab, die Petra Kelly ihm eintrichterte – , enthält auch nur ein Gran Sinn:

“Daß Erscheinungen unter letztgültiger Analyse nicht gefunden werden können, zeigt an, daß sie nicht wirklich existieren. Da sie leer sind in bezug auf die konkrete Existenzweise, in der sie erscheinen, ist klar, daß sie im Kontext und Wesen der Leere in bezug auf inhärente Existenz existieren. Daß etwas nicht gefunden werden kann, heißt also, daß es nicht nicht existiert, sondern daß es nicht wirklich existiert.”

Derlei Erkenntnis, so die große Leuchte der Weisheit, sei freilich nicht innerhalb eines einzelnen Menschenlebens zu gewinnen. Es bedürfe Tausender aufeinanderfolgender Leben über eine Spanne von “Trillionen und aber Trillionen von Jahren”, um in solch schwindelnde Höhen des Geistes vorzudringen.

Aber er, Jamphel Yeshe Ngawang Lobsang Yeshe Tenzin Gyatso, 14. Dalai Lama, Herrscher über das Land des Schnees und Bewahrer des rechten Glaubens; Wiedergeburt seiner dreizehn Vorgänger im Amte und zugleich Emanation der höchsten Gottheit auf dem Dache der Welt, des elf-, gelegentlich auch sechzehnköpfigen und tausendarmigen Chenrezig, der in grauer Vorzeit und in Gestalt eines Affen die weibliche Gottheit Tara bestiegen und so das Volk der Tibeter gezeugt haben soll – er glaubt wirklich daran.

Zwei Warzen unterhalb seiner Schulterblätter, so Seine Heiligkeit und wiederum allen Ernstes, seien der Beweis, daß er tatsächlich niemand anderer sei als Chenrezig selbst: Diese small bumps of flesh stellten unzweifelhaft Überbleibsel von dessen zusätzlichen neunhundertachtundneunzig Armen dar. Außerdem verfüge er über Ohren von einer Größe, wie sie allen göttlichen Wesen eigen sei.

Nein, Tenzin Gyatso ist keineswegs ein Komiker, obwohl seine enorme Popularität im Westen vor allem den Hanswurstiaden zuzuschreiben ist, die er fortlaufend veranstaltet. Wenn er bei seinen Vorträgen unmotiviert loskichert oder auf seinem Thron hin- und herschaukelt, daß es aussieht, als werde er jeden Augenblick herunterfallen, gerät sein Publikum regelmäßig in Verzückung. Auch wenn er sich – rituell? – beidhändig unter den Achseln kratzt.

Niemand hat bisher die Frage gestellt, ob dieser Mensch noch richtig tickt, eine Frage, die bei Päpsten, Gurus und Ayatollas ansonsten durchaus und berechtigt gestellt wird.

Millionen gilt er als Hoffnungsträger und Lichtgestalt. Stars und Sternchen sonnen sich in seinem Glanz, von Tina Turner bis Mutter Beimer, kaum ein Politiker, der sich nicht danach drängte, von ihm einen Glückswedel umgehängt zu bekommen.

Vorneweg Otto Graf Lambsdorff, der sich als besonderer Gönner und Förderer des tibetischen Buddhismus geriert, gefolgt von Solms, Gerhard, Westerwelle und wie sie alle heißen, die Bannerträger des freien Geistes. Antje Vollmer, ganz Theologin, schnulzt dem Gottkönig vor, sie höchstpersönlich könne bezeugen, Tibet sei ein Land “mit einer ganz besonderen Aura”. Diese stamme nicht nur aus seiner besonderen Nähe zum Himmel, nein, nie zuvor habe sie in einem Land “so eine tiefe spirituelle Frömmigkeit erlebt.

Wer wissen will, was Religion auch sein kann – was unser alter Kontinent Europa schon gar nicht mehr weiß – , der kann es heute vielleicht nur noch in Tibet so erfahren.” Als Geschenk überreichte sie dem Dalai Lama, der, wie sie voller Rührung anmerkte, von gläubigen Tibetern mit dem Namen “Wunscherfüllendes Juwel” bedacht werde, einen Bergkristall. Erwartungsgemäß ergriff der solchermaßen Geehrte sofort die Gelegenheit, den tieferen Symbolgehalt des Geschenks zu erörtern: “Dieser Stein symbolisiert die spontane Natur unseres Geistes, welcher frei ist von jedweden Verunreinigungen. Wenn von außen auf den Kristall Lichtstrahlen treffen, dann entstehen verschiedene Farben.

Was bedeutet das? Das bedeutet, daß unser klarer makelloser Geist ungeheure Energie freisetzen kann.” Daß im tibetischen Buddhismus der Begriff des “Wunscherfüllenden Juwels” für etwas ganz anderes steht, nämlich für den Phallus (des Lama), verschwieg der “höchste Lehrmeister des Tantra”, der sich im Westen publikumswirksam als zölibatärer Mönch präsentiert, wohlweislich.

Eine Ahnung, worum es dem Gottkönig tatsächlich geht, hat kaum jemand in seiner hiesigen Fangemeinde.

Man will es auch gar nicht wissen. Man interessiert sich nicht wirklich für Tibet, nicht für die Geschichte des Landes, nicht für politische Fragen und Probleme; noch nicht einmal wirklich für den tibetischen Buddhismus. Little Buddha, Kundun, eine Horde fußballspielender Mönchsbuben: mehr als ein paar mystizistisch angehauchte Platitüden und romantisierende Klischees will man gar nicht haben.

Ein Free-Tibet-Aufkleber auf dem Kofferraumdeckel, und schon ist man zum Gutmenschen mutiert.

Konsequent wird alles unterdrückt, was das Bild des Dalai Lama ankratzen, liebgewonnene Projektionen zum Platzen bringen könnte. Um so frenetischer der Applaus, je platter dessen Phrasen, je durchsichtiger seine Selbstdarstellung als Friedensfürst, als heroischer Vorkämpfer für Menschenrechte und demokratische Prinzipien. Selbst der größte Unsinn bleibt unwidersprochen.

Man muß nicht lange kratzen an der Fassade des Gottkönigs, um zu entdecken, was dahintersteckt. Plötzlich erscheint er als das, als was er sich vorkommt: als Vajradhara, Weltenführer und höchster der Buddhas, dem es um nichts anderes geht als um das Erringen unumschränkter und allumfassender Macht; um den zielstrebigen Ausbau von Einfluß und letztlich (auch wenn das noch ein paar Inkarnationen dauern sollte) um die Errichtung einer weltenumspannenden Buddhokratie.

Shoko Asahara läßt grüßen, der japanische Giftgasguru, der mit ganz ähnlichem Anspruch daherkam: Der Sarin-Anschlag auf die Tokioter U-Bahn vom 20. März 1995 war nur der Auftakt zu einem bis ins Detail ausgearbeiteten Plan, mit Hilfe eines gigantischen Arsenals an Waffen und Kampfstoffen (vor allem aus Beständen der ehemaligen Sowjetunion) eine buddho-faschistische Weltherrschaft zu errichten, ein tausendjähriges Reich, mit ihm, Asahara, als Regenten und Meister.

Seine Ideen bezog er aus Mein Kampf sowie dem Shambala-Mythos des tibetischen Buddhismus; seine Legitimation aus zwei Empfehlungsschreiben, mit denen Seine Heiligkeit der 14. Dalai Lama ihn ausgestattet und hochoffiziell zum “kompetenten religiösen Lehrer” erklärt hatte.

Bestritten wird prinzipiell alles, was die Faschismuskompatibilität des tibetisch-buddhistischen Okkultwesens belegt; mit Nachdruck insbesondere dessen Nähe zur Theosophie Helena Blavatskys, deren Rassenlehre, empfangen angeblich auf übersinnlichem Wege von tibetischen Lamas, zur Grundlagenliteratur alter und neuer Nazis zählt.

Himmlers enormes Interesse an Tibet – er halluzinierte von einer “okkulten Achse Berlin-Lhasa” – basierte wesentlich auf Blavatskys Schriften. Daß der Dalai Lama sich ständig in Theosophenzirkeln aufhält und unlängst erst die Neuherausgabe eines Blavatsky-Bandes mit einem lobenden Vorwort versehen hat, wird einfach ausgeblendet.

1939 erreichte eine von Himmler persönlich protegierte Expedition Lhasa. Zu den Unterredungen, die die Angehörigen dieser Expedition, geleitet von dem Biologen und Ahnenerbeforscher Ernst Schäfer, mit den Regenten des Dalai Lama führten – dieser selbst war zwar schon im Amt, allerdings als kleiner Junge und ohne reale Machtbefugnis – , verweigert der Gottkönig bis heute jegliche Auskunft. Nachgewiesen sind die regen Kontakte, die er nach seiner Exilierung mit den Überlebenden jener SS-Delegation pflegte, etwa mit dem seinerzeitigen Hauptsturmführer Bruno Beger, der 1971 als NS-Kriegsverbrecher (“Rassenspezialist von Auschwitz”) verurteilt wurde, aber nur eine kurze Haftstrafe abzusitzen hatte. Bis in die 90er Jahre hinein traf man einander mehrfach zu herzlichen Gesprächen.

Auf die Frage, in einem Interview von 1997, ob er von der Verstrickung seines Freundes Heinrich Harrer in das Naziregime gewußt habe – Harrer war als SA-Mann (seit 1933!) und späterer SS-Oberscharführer überzeugter Nazi gewesen – , gab der Dalai Lama tiefen Einblick in seine Art von Geschichtsverständnis:

“Natürlich wußte ich, daß Harrer deutscher Abstammung war – und zwar zu einer Zeit, als die Deutschen wegen des Zweiten Weltkrieges weltweit als Buhmänner dastanden. Aber wir Tibeter haben traditionsgemäß schon immer für Underdogs Partei ergriffen und meinten deshalb, daß die Deutschen gegen Ende der vierziger Jahre von den Alliierten genügend gedemütigt worden waren.”

Geleugnet werden auch die Begegnungen mit Miguel Serrano, dem langjährigen Vorsitzenden der “Nationalsozialistischen Partei” Chiles. Serrano, ehedem Botschafter Chiles in Österreich, gilt als Vordenker des “Esoterischen Hitlerismus”; in seinen Publikationen halluziniert er, der “Führer” sei nach wie vor am Leben und plane, von einer unterirdischen Basis in der Antarktis aus mittels einer riesigen Ufo-Flotte das “Dritte Reich” zu vollenden. Auch auf Serranos Œuvre hat tibetisch-buddhistischer Obskurantismus enormen Einfluß ausgeübt.

Von alledem am wenigsten Ahnung haben wollte die Münchner SPD, die sich vor Begeisterung fast überschlug, als es ihr unlängst gelang, den tibetischen Gottkönig zusammen mit Otto Schily auf ein Podium zu setzen. Weltweit ließ sie das Gespräch der beiden via Internet übertragen. Was denn Bewußtsein sei, las Schily seine Stichworte vom Blatt, wie es entstehe und ob es welches geben könne ohne Gehirn. Endlose Schwadronaden, Gekichere, Faxen ins Publikum. Fragen nach den undemokratischen Strukturen und autokratischen Herrschaftsmustern in der exiltibetischen Kommune, nach der Unterdrückung religiöser Minderheiten, der Unterschlagung von Spendengeldern, der bewußten Fälschung tibetischer Geschichte, nach der vorsätzlichen Verschärfung der Konflikte mit Peking kamen ebensowenig vor wie Fragen nach dem Mißbrauch von Kindern bei der Rekrutierung monastischen Nachwuchses, der sexuellen Ausbeutung von Mädchen und Frauen, der Repression gegen Homosexuelle, der Rechtfertigung von Todesstrafe und Euthanasie. Wer solche Fragen stelle, so Otto Schily, habe “Haß im Denken”, mit solchen Leuten gebe er sich grundsätzlich nicht ab.

Mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift konkret.

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