Bettina Röhls Interview von Ignatz Bubis


Auszüge aus einem bisher unveröffentlichten Gespräch vom 9. Juli 1999 mit dem damaligen Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland Ignatz Bubis über den Antisemitismus der Linken, die Frankfurter Häuserbesetzerszene und ihren Angriff auf den sogenannten „jüdischen Spekulanten” und ihre Verwicklung mit dem palästinensischen Terrorismus, die FDP und das Verhältnis der Deutschen zu den Juden.

Das Gespräch führte Bettina Röhl, Publizistin und Tochter von Ulrike Meinhof.

Bettina Röhl: Was sagen Sie zu dem doch auch stark antisemitischen Element in der Hausbesetzerszene der Siebziger Jahre ?

Ignatz Bubis: Dass es auch einen linken Antisemitismus gibt, steht für mich schon lange fest, nicht erst seit heute. Die haben sich schnell gewandelt damals. Von einem Tag auf den anderen. Im Juni 1967 sind sie auf die Straße gegangen für Israel – es hieß damals die Israelis sollen ins Meer geworfen werden und dagegen gab es vom Frankfurter Asta Demonstrationen – im September 1967 haben sie dagegen den israelischen Botschafter hier an der Uni – die gleichen Leute – mit Tomaten und Eiern beworfen. Und da haben sie die armen Palästinenser entdeckt.

Da hatten sie wieder einen, für den sie sich einsetzen konnten……( ) und noch etwas passierte, nämlich, dass die Israelis sich selber geholfen haben, ohne die Hilfe der deutschen Linken oder der französischen Linken. Und da erkennen Sie das Wesen der Sorte Gutmenschen: Die sind nur dann für jemanden da, wenn Du ganz tief in der Scheiße sitzt oder wenn sie glauben, dass Du tief drin sitzt und sie glauben, man müsse Dir helfen. Aber jemand, der sich selber helfen kann, für den interessiert sich dieser Typ Gutmensch nicht mehr.

Bettina Röhl: Wie meinen Sie dies genau?

Ignatz Bubis: Die Israelis wissen sich selbst zu helfen, sie sind eine Macht. Sie haben eine hervorragende Armee, eine Armee, die in der Lage war zu siegen.

Ich habe nur gesagt, Gott sei Dank hat Israel es damals und später vorgezogen, sich selbst zu helfen und nicht zu warten, bis die deutsche oder die französische Linke ihnen hilft, denn dann wäre nur ein Bedauern dabei heraus gekommen. Diese Gutmenschen wären auf die Straße gegangen zu Hunderttausenden und hätten geweint um die Juden, die man ins Meer geworfen hat.

Aber nachdem die Juden sich selbst verteidigt haben und sich nicht ins Meer werfen ließen, da sind die Juden für dieselben Linken plötzlich die bösen Geister, da sind sie plötzlich die „Aggressoren”.

Bettina Röhl: Herr Bubis, für die Frankfurter linke Spontiszene waren Sie der „Spekulant”, der „Kapitalist”, das „Schwein”. Ist das nicht auch eine Form des Antisemitismus gewesen?

Ignatz Bubis: Aber natürlich, natürlich, sehen sie, und dieser Antisemitismus, der ging quer durch alle Parteien.

Da kam auf mich zum Beispiel die Frau Balser, eine sehr ehrenwerte Frau, ich weiß nicht, ob Sie sie kennen, aus Frankfurt, zu. Sie war bei der Aktionsgemeinschaft Westend, sie war mal eine kurze Zeit Bundestagsabgeordnete der SPD, sie war viele Jahre Stadtverordneten-Vorsteherin des Frankfurter Stadtparlaments, und die kam mal auf mich zu, zusammen mit einem Parteifreund von mir, Dieter Rudolph, der auch bei der Aktionsgemeinschaft engagiert war, an sich ein Stockkonservativer, aber den hätte man als Joker auch überall reinstecken können- ich war damals stellvertretendes Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde – und dann kamen sie also die beiden und sagten: Herr Bubis, können sie nicht auf ihre Glaubensbrüder einwirken, dass sie von der Spekulation lassen sollen.

Und da hab ich zu denen gesagt: ich kenne zufällig einen anderen Häuserbesitzer- wie hieß der noch, der hat hier mehrere Bordells gehabt- Schütz glaube ich oder so ähnlich, und ich sage: es tut mir leid, dass ich nicht weiß, ob er katholisch oder evangelisch ist, vielleicht ist er ja auch Buddhist, ich weiß es nicht. Was ich zufällig weiß, ist, dass er kein Jude ist. Und dann frage ich, der hat da im Westend Häuser auch gekauft, Bordells gemacht usw.: Haben sie versucht, sich mal zu informieren, ob sie darüber mit Bischof Lehmann oder mit Bischof Engelhardt sprechen sollen? Wäre ihnen diese Idee gekommen? Aber die würden nie sagen, dass sie etwa antisemitisch seien, dann heißt es gleich, um Gotteswillen, sie täten das, weil es dabei um die Verhinderung des Antisemitismus ging, deshalb tun sie das. Heuchlerischer geht es nicht mehr – aber es ist vielleicht auch nicht mal heuchlerisch, sie kapieren es nicht.

Bettina Röhl: Wie hat man in Israel damals auf die plötzlich propalästinensische Linke, reagiert?

Ignatz Bubis: Der israelische Geheimdienst hat immer gewusst, wer wo ist – eigentlich. Ob es jetzt von der rechten Szene – da gab es die Zeit mit den Briefbomben – oder von der linken Szene Unterstützungen, Ausbildungen gegeben hat – das hat man in Israel nicht als bedeutsam angesehen, auch politisch nicht als bedeutsam gesehen.

Aus zweierlei Gründen: 1. weil die Bundesregierung jederzeit Unterstützung gewährt hat, wenn die Israelis in dieser Richtung Informationen haben wollten und das ging auf Gegenseitigkeit. Auch was Mogadischu und Schleyer anging, gab es den ständigen Kontakt zwischen Helmut Schmidt und der israelischen Regierung. Es gab immer diese Zusammenarbeit auf Geheimdienstebene. So dass man diese Dinge nicht überbewertet hat, sondern als das gesehen hat, was es wirklich war: Romantik, Abenteurertum.

Bettina Röhl: Aber es hat auch Anschläge gegeben, die revolutionären Zellen und die Zusammenarbeit mit dem Terroristen Carlos.

Ignatz Bubis: Ich habe das Schicksal und die Motive dieser Linken, die sich in den Terrorismus verstrickt haben, nicht verfolg. Mit den revolutionären Zellen habe ich mich beschäftigt, ich weiß, dass es auch in den besetzten Häusern revolutionäre Zellen gegeben hat, die mit den Palästinensern alliiert waren. Carlos war ein Top-Terrorist, bei dem gab es keinen Idealismus, vielleicht bei den Deutschen ja, die konnte man am besten mit Idealismus einfangen. Ich habe das alles im Grunde genommen immer als Terrorgruppe bezeichnet. Ich sehe da keinen Unterschied zwischen den heutigen DVU- und NPD-Schlägern, ich sehe da kaum irgendwelche Unterschiede.

Bettina Röhl: Wussten Sie damals etwas von einer ganz massiven, palästinensischen, logistischen Unterstützung für den deutschen Terror?

Ignatz Bubis: Es hat natürlich diese palästinensische Unterstützung gegeben, auch mit Geld, das hat es immer gegeben, dass es diesen Austausch gegeben hat, das wusste ich. Nicht nur vom Hörensagen, nicht vom Hörensagen. Da hat der israelische Geheimdienst auch die jüdischen Gemeinden gewarnt, dass es diese Zusammenarbeit zwischen den Linken und den Palästinensern gibt und dass man damit rechnen muss, dass es auch Anschläge gegen jüdische Einrichtungen geben würde. Davor haben sie gewarnt. Auch hier in Frankfurt. Ich weiß, dass auch ein paar Mal Razzien mit Waffenfunden durchgeführt worden sind, ich weiß, dass die Hinweise von Israelis gekommen sind.

Bettina Röhl: Es hat wahrscheinlich Agenten gegeben, die sich in der Szene aufgehalten haben..

Ignatz Bubis: Da haben es die Israelis leicht gehabt, denn es gibt genügend Israelis, die als Palästinenser auftreten können, weil sie fließend arabisch sprechen aus dem Raum kommen..

Bettina Röhl: Es hat ja auch Frankfurter Spontis gegeben, die plötzlich mit Top-Terrorist Carlos zusammen gearbeitet haben, zum Beispiel die Sache mit dem Bruder des früheren Ministerpräsidenten Benjamin Nettanyao…

Ignatz Bubis: Der ist gefallen in Entebbe…

Bettina Röhl: Die beiden Frankfurter Spontis und Kumpanen von Fischer Winfried Böse und Christiane Kuhlmann hatten diese Flugzeugentführung durchgeführt, die dann in Entebbe blutig endete und bei dem Jonathan Nettanayo erschossen wurde. Hat es da nicht ein größeres Interesse seitens Israel gegeben den deutschen Verwicklungen mit dem palästinensischen Terrorismus nach zu gehen?

Ignatz Bubis: Natürlich hat Nettanayo sich mit dem deutschen Terrorismus beschäftigt, allerdings war ihm der irakische Terrorismus noch wichtiger. Aber er hat ein Forschungsinstitut gegen Terrorismus eingerichtet, dem er den Namen seines Bruders gegeben hat, der war ja der Kommandeur der Einheit, die das entführte Flugzeug in Entebbe befreien sollte.

Ich bin nicht mit Nettanayo befreundet, wie ich mit Barak befreundet bin, wie ich mit Peres befreundet bin, das ist nicht vergleichbar. Aber ich habe keine Probleme mit ihm. Ich habe seine Meinung nicht geteilt, aber ich habe ihn nicht so verteufelt, wie es andere getan haben. Ich habe auch Respekt vor seinen Vorstellungen gehabt, dass für ihn Sicherheit ein ganz wichtiger Faktor war. Ich habe mehr Probleme mit Sharon, nicht weil Sharon der Schärfere ist, sondern weil Sharon der schlimmere Opportunist ist.

Bettina Röhl: Der Terrorist Hans Joachim Klein, ebenfalls ein früherer Freund von Fischer, der mit Top-Terrorist Carlos und anderen deutschen Terroristen das OPEC-Attentat 1975 in Wien verübte, schrieb damals ein Buch, in dem er erwähnte, dass auch Anschläge und Attentate auf jüdische Einrichtungen und Würdenträger geplant waren.

Ignatz Bubis: Es hat eine Rolle gespielt. Sie haben ja nach Symbolfiguren gesucht. Man hat nicht nur morden und umbringen und Terror ausüben wollen, das war nicht das Ziel, sondern es sollte immer eine Symbolfigur sein. Ein Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde. Dabei war damals nicht ich der Vorstandsvorsitzende, sondern Galinsky. Es gab zwar damals eine Situation, da dachte man, ich sei gemeint gewesen, aber bei Klein taucht der Name Galinsky als mögliches Attentatopfer auf, nicht Bubis.

Bettina Röhl: Haben Sie irgendwelche Maßnahme getroffen?

Ignatz Bubis: Nein, nie.

Bettina Röhl: Sie sind also immer normal auf die Straße gegangen.

Ignatz Bubis: Heute habe ich Polizeischutz, aber den habe ich, weil der Staat Angst hat, wenn dem Vorsitzenden des Zentralrates der Juden etwas passiert. Was wird, Gott behüte, das Ausland sagen. Das spielt in Deutschland eine große Rolle.

Bettina Röhl: Der stark antiisraelische Kurs der Linken hat die Politik in Deutschland verändert….

Ignatz Bubis: Natürlich hat sich die Politik dadurch verändert und heute sind es plötzlich die Rechten, die sich der armen Palästinenser annehmen.

Ich habe immer gesagt und ich habe das gesagt zurückgehend bis 1933, bis 1932: es gibt immer eine Gruppe von Menschen, die in den extremen Rändern sitzen, die sich am Ende sehr nah und austauschbar sind. Wir haben es erlebt, 1932/33, da war einer heute bei der SA, morgen bei dem Kommunistischen Bund, mal war bei irgendeinem Ferientrupp dabei und es gab viele Kommunisten, ich sage das – Kommunisten in Anführungszeichen – die plötzlich bei der SA auftauchten, keine Verallgemeinerung.

Ich benutze nicht gerne den Begriff Faschismus, das ist für mich ein verbrauchter Begriff, denn das war schon damals eine Mischung, wo sich alles gegen alles verstecken konnte. Wir haben es erlebt, dass plötzlich gute Nationalsozialisten 1935 bei der KPD oder bei der SED auftauchten, das hat es alles gegeben und deshalb sage ich, für mich sind die extremen Leute… die kann man irgendwo hin stecken, sie werden sich wiederfinden. Wer heute bei den extremen Linken war, von dem ist nicht auszuschließen, dass er morgen bei der NPD auftaucht oder auch umgekehrt.

Bettina Röhl: Wie zum Beispiel der frühere RAF-Terrorist Horst Mahler, der heute bei der NPD ist..

Ignatz Bubis: Wie Horst Mahler. Dabei hat sowohl bei den Rechten wie bei den Linken noch etwas eine Rolle gespielt: Die deutsche Schuld ist nicht einmalig, die Juden sind auch nicht besser, spielt unterschwellig die ganze Zeit eine Rolle, bei den Linken wie bei den Rechten. Und es gibt ja noch einen zweiten Spruch: Die Deutschen können den Juden Auschwitz nicht verzeihen. Dadurch sind sie schuldig geworden.

Bettina Röhl: Wie haben Sie die Zeit der Häuserbesetzungen unter der Ägide von Fischer und Cohn-Bendit erlebt?

Ignatz Bubis: Ich wurde zum Buhmann. Ich hatte im Frankfurter Westend ein einziges Haus gebaut, das mir zu 50 % gehörte, in der Ulmenstraße – und ich habe ein einziges geplant in dieser Ecke, die Bockenheimer, die zu 25 % mir gehörte, aber der Name Bubis war sozusagen ein Buhmann. Eine Zeitlang gab es einen Buhmann Selmi. An Selmi haben sie das Interesse verloren, als sich herausstellte, dass er kein Jude sei.

Bettina Röhl: Sondern Perser.

Ignatz Bubis: Ich habe keine Angst, wenn mich jemand „Spekulant” nennt. Dann frage ich zurück: haben Sie schon mal drei Aktien besessen? Sozialspekulant, Oder: warum haben Sie die Aktien gekauft, die verkaufen Sie doch wieder, wenn sie entsprechend hoch sind. Und nur, weil es dann hieß „jüdischer Spekulant”, da habe ich ein Problem.

Bettina Röhl: Welchen Eindruck hatten Sie von der Frankfurter Szene um die Häuserbesetzer herum?

Ignatz Bubis: Da gab es den Kern der RAF, die eigentlich einen anderen Staat wollten, dann gab es eine Gruppe, die über den Häuserkampf dasselbe ausdrückten, wobei sie über den Häuserkampf, ich sag das in Anführungszeichen, auf Sympathien bei der Bevölkerung gehofft haben, auch bei der konservativen Bevölkerung, denn wenn sie sich zum Beispiel die später gegründete Aktionsgemeinschaft Westend, die sich so stark engagiert hat, das waren zur Hälfte konservative Leute, die erstmal ihre Villa für teures Geld verkauft haben, um sie dann erhalten zu wollen, aber erhalten soll es der andere – und dann setzte sich der Begriff mit dem Spekulantentum durch und es war ein Sammelsurium von allem möglichen, dazu hat sich eine ganze Reihe Berufskrawallmacher gesellt.

Bettina Röhl: Sie haben eben gesagt, Häuserkampf in Anführungsstrichen, wie meinen Sie das?

Ignatz Bubis: Häuserkampf in Anführungszeichen, weil die meisten, die in den besetzten Häusern saßen, hatten auch ihre Wohnungen – oder sie saßen gleichzeitig in mehreren Häusern.

Nehmen sie mal dieses Haus, es war auch ein besetztes Haus, ich hatte die Abbruchgenehmigung für dieses Haus und für das Nachbarhaus, die 67 und die 69, für beide Häuser hatte ich die Abbruchgenehmigung – nur, die Planung sollte noch ein, zwei Jahre dauern, und die Stadt hatte auch immer wieder andere Vorstellungen, ich soll noch das dazukaufen, ich soll noch vis-à-vis dazukaufen, denn die Stadt war damals auf Prunkhäuser aus.

Ich hatte einen Antrag gestellt über 16 Geschosse, da hat die Stadt gesagt, nein, wir machen 28 Geschosse, aber das Drumherum muss frei sein. Ich soll zwei Häuser gegenüberliegend kaufen und abreißen. Ich soll die 67 kaufen und abreißen, das Gebäude sollte bei mir nur auf der 69, 71 auf der Ecke stehen. Nein, ich soll von der Universität dazukaufen, das soll auch Freigelände bleiben. Und die 65, dieses Haus, sollte abgerissen werden, aber auf diesem Haus soll nichts stehen.

Da hab ich gesagt, bis die Baugenehmigung da ist, haben wir das an Studenten vermietet mit Zeitverträgen. Zum Beispiel eine 7-Zimmerwohnung für 600 DM, aber mit monatlicher Kündigung – für Studenten. Und dann haben, was ich nicht wusste, diese Studenten, die dieses gemietet haben, inzwischen ein eigenes Unternehmen daraus gemacht und die Zimmer mit 200 DM pro Zimmer einzelvermietet.

Und dann gab es mal eine Demonstration, weil ein Haus vom Selmi besetzt war, und sie zogen durch die Bockenheimer Landstraße und da haben die Demonstranten, die zwei Häuser hier, das Haus, indem ich jetzt wohne und das daneben,, haben die Studenten rote Fahnen rausgehängt und haben erklärt, wir erklären diese Häuser für besetzt. Häuserkampf. Nebenbei gesagt, die letzten haben Umzugskosten, Entschädigungskosten usw. eingesackt, denn da wussten sie bereits, wie man zulangt, darunter auch einige Doktoranden der Universität, die mit ihrem Doktorandum fertig waren und die die Wohnungen nicht mehr brauchten, aber die blieben sitzen, weil sie ja dann auch mal eine Abfindung haben wollten. Und sie hatten gültige Mietverträge, insofern gültige, dass sie mit monatlicher Kündigung drin saßen. Aber die haben gesagt: es gibt keine monatlich Kündigung. Wenn da einer drinsitzt, sitzt er drin – das ist ein Mietvertrag.

Bettina Röhl: Dann würden Sie diese Häuserkampfszenerie nicht mehr direkt als politisch bezeichnen ….

Ignatz Bubis: Das hat mit Politik nichts zu tun, aber die Politischen haben das mit dazu benutzt. Der Häuserkampf war nicht der eigentliche Grund. Cohn-Bendit hatte seine Wohnung und Joschka Fischer hatte seine Wohnung und sie saßen alle in diesem Bereich.

Es gab ja eine ganze Reihe von Gutgläubigen, die diese Gewalt, die in Begleitung kam, einfach nicht sehen wollten. Die haben gesagt, die Motive sind lauter. Wir kennen ja eine ganze Reihe von Politikern, die heute zum rechten Flügel der SPD gehören oder sonst wo sitzen, die damals Sympathisanten waren, das war lediglich eine Frage der Vereinnahmung.

Eines ist sicher: Politisch führende Köpfe, die genau gewusst haben, was sie wollen, hat es nicht gegeben. Der Staat hat versucht, das ganze zu kriminalisieren – zu Recht – wenn ich sage, Gewalt ist kriminell, und hat sie in den Augen mancher aufgewertet. Nehmen sie die linken Professoren, die es damals an allen Hochschulen gegeben hat, ein Hochschulprofessor nicht links, ich glaube, da konnte man in der Republik kein Dutzend finden. Und da haben diese Professoren, die gar nicht selbst engagiert waren, aber bei ihnen bekamen sie dadurch, dass man die anderen kriminalisiert hat, die sogenannte klammheimliche Freude, wenn man dem Staat eins auswischt. Das Schlimme ist, dass im Grunde genommen auch die Mitte in die eine oder andere Richtung immer versucht, eine politische Suppe zu kochen.

Man versucht, was findet Anklang bei der Gesellschaft. Die CDU-Kampagne, doppelte Staatsbürgerschaft, zu Recht haben sie gespürt, also damit können wir bei dem einfachen Mann Wirkung erzielen, wir erreichen zweierlei, wir zeigen ihm, er braucht dazu die extreme Rechte nicht, binden ihn an uns und wir sagen ihm, wir sorgen schon dafür, bei uns findest du eine Heimat und wir passen für dich schon auf.

Bettina Röhl: Ihnen gehörten ja auch, glaube ich, die 1974 geräumten Häuser Bockenheimer Landstraße 111, 113.

Ignatz Bubis: Ja, 111, 113, die, das hat dem Architekten gehört, der das geplant hat, und der hat’s mir verkauft, mir hat gehört von der 65, ab hier, bis zur Ecke und um die Ecke, wobei das Haus ausschließlich auf der 111, 113 und der 67, 69 stehen sollte. Aber trotzdem sollte die 65 auch abgerissen werden, um die 63 sollte ich auch noch dazukaufen und abreißen, hab ich auch schon dazugekauft gehabt, hab es wieder verkauft. Gegenüberliegend beide Häuser, 64 und 62, auch dazugekauft, auch nur zum Abreißen, und dann kam die Stadt und hat gesagt: nein, es soll alles stehen bleiben.

Und dann kamen sie mit Zweckentfremdung. Das waren ja früher teilweise Büros gewesen und da haben die gesagt, jetzt sind das Wohnungen. Sie müssen, wenn sie die Häuser geräumt haben wollen – und das war die Kutsche, auf die sie mich dann gesetzt haben – dann müssen Sie Ersatzwohnraum schaffen. Da habe ich Ersatzwohnraum angeboten. Ich habe am Ende 56 Wohnungen gebaut als Ersatzwohnraum und das bestand darin, dass zum Beispiel – es gab damals Zuschüsse für den sozialen Wohnungsbau von der Stadt und vom Land, der städtische Anteil war 1020 DM pro qm mit 0,5 % Zinsen. Und diesen Part musste ich übernehmen. Statt der Stadt habe ich die 1020 DM zur Verfügung stellen müssen und also habe ich praktisch den sozialen Wohnungsbau finanziert. Das war ungefähr die Hälfte der Kosten – und die Grundstücke, die ich mit 2000 oder 3000 DM pro qm kaufen musste, wurden nur mit 800 DM angerechnet, weil das der Höchstbetrag für den Sozialen Wohnungsbau war. Ich persönlich kann soviel sagen, die Wohnungen haben mich ungefähr 6 Mio. DM gekostet.

Bettina Röhl: Wie haben Sie da von ihrer Seite aus den Häuserkampf in Anführungsstrichen erlebt, wurden Sie persönlich angegriffen, wurden Sie von der Szene bedroht?

Ignatz Bubis: Abgesehen von einem Angriff auf der Straße, wo die Sponti – Typen mich während eines Häuserabrisses auf der Straße erkannt haben und hinter mir herliefen, wo ich mich aber in ein Haus retten konnte, wurde ich nur verbal angegriffen, abgesehen davon jeden Tag in der Zeitung, Telefonanrufe, nachts Maschinengewehrrattern, und ähnliches mehr. Aber nicht körperlich angegriffen.

Bettina Röhl: Welchen Kontakt hatten sie sozusagen zu den „Anführern” der Sache. Sie haben eben die Namen genannt Cohn-Bendit, Fischer?

Ignatz Bubis: Joschka Fischer kam später mal auf mich zu, da war er schon Minister im Kabinett Börner, da gab es mal eine Veranstaltung im Hessischen Rundfunk, da kam er auf mich zu und sagte: „Herr Bubis, wir wissen, dass wir ihnen Unrecht getan haben Sie sollen wissen, dass wir es wissen.” Kauf dir was dafür.

Bettina Röhl: Haben sie diese Aufwallung geglaubt ?

Ignatz Bubis: Nein, das war – der Häuserkampf war meiner Ansicht nach sozusagen ein Mittel zum Zweck, denn man wollte sich bei der Bevölkerung anbiedern,, man wollte so viel Bevölkerung wie möglich auf seine Seite bringen. Und da war Häuserkampf, Spekulation, Studentenwohnungen, Nichtzerstörung des Westends eben ein großes Thema mit dem man Symphatie-Punkte bekommen konnte. Heute sagt ja Cohn-Bendit, am liebsten fährt er Fahrrad zwischen Hochhausschluchten.

Bettina Röhl: Das hört man von all diesen Leuten…

Ignatz Bubis: Ach und der Daniel Wiener, gehörte damals zu der Szene, der hat sich mit Arafat in der schlimmsten Zeit umarmt und geküsst und auch mit Frangi. Oder auch Martin Wendt, damals war er Vorsitzender der Jusos immer mit den Linken vorne weg und heute ein Yuppie. Es ist erstaunlich, welche Wandlungen die teilweise durchgemacht haben. Und, welche Wandlung hat der Herr Carsten Vogt mitgemacht? Carsten Vogt! Welche Wandlungen! Auch die Heidi Wieczorek, auch mal als die Rote Heidi verschrien.

Bettina Röhl: Wenn man mal so die Schickeria trifft in Frankfurt trifft, wenn man in Bars geht, dann trifft man die Typen von damals alle wieder.

Ignatz Bubis: Natürlich, die finden sie alle immer wieder in dieser Tigerpalastbar von diesem Klinke.

Bettina Röhl: Sind Sie jemals in Johnny Klinkes Tigerpalast gewesen?

Ignatz Bubis: Ja, ich war mehrmals eingeladen, aber einmal bin ich hingegangen in den Tigerpalast in so eine Vorstellung Aber ich hab gemerkt, also ich musste dort doch grinsen, wie sich Frau Petra Roth mit Cohn-Bendit so zusammenfinden und wie sich beide köstlich amüsieren und sich zuprosten, das alles find ich schon manchmal sehr seltsam.

Bettina Röhl: Wie kamen Sie eigentlich zur FDP?

Ignatz Bubis: Als ich noch in Pforzheim lebte, habe ich schon FDP gewählt, dort gab es den Bürgermeister Brandenburg, ein waschechter Liberaler und obwohl mein Bruder Kommunist war, habe ich den gewählt, aber in der Einstellung war meine Familie immer liberal. Und die Erststimme für den Bundestag habe ich Fritz Erler gegeben. Immer. Ich habe mit der Zweitstimme vielleicht in den damaligen Jahren ein, zwei Mal SPD gewählt. Vielleicht habe ich in den letzten Jahren auch 2 Mal CDU mit der Zweitstimme gewählt, aber die Erststimme habe ich der FDP gegeben. Fritz Erler hatte gegen Wolfgang nie eine Chance, aber ich gehe nicht nach Chancen, sondern nach Überzeugung. Es kommt schon vor, dass ich sage, ich erreiche was mit meiner Chance, ich wäge ab.

Als ich dann ins Frankfurt Westend gekommen bin, da lernte ich Kohut kennen, ich weiß nicht, ob der Name ihnen etwas sagt, ein waschechter Liberaler, dagegen hatte ich mit Maihofer meine Probleme. Aber mit wem hat man nicht Probleme gehabt? Die Schuchardt mochte ich, mit ihr bin ich befreundet

Allerdings, wen ich noch nie gewählt habe, das war mein Freund Möllemann, weil ich ihn menschlich nicht mag. Ich weiß auch nicht, warum. Aber er hat oft Recht.

Ignatz Bubis wurde am 12. Januar 1927 in Breslau geboren. Nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager lebte er in Frankfurt am Main, wo er seit 1983 den Vorsitz der jüdischen Gemeinde innehatte. Von Bubis stammt der legendär gewordene Satz: “Ich bin deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens”. Als der Schriftsteller Martin Walser bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels ein Ende der Holocaust-Debatte forderte und von der “Moralkeule Auschwitz” sprach, erhob als einer von wenigen Ignatz Bubis seine Stimme und warf Walser vor, mit seiner Rede betreibe er “geistige Brandstiftung” und plädiere für eine “Kultur des Wegschauens und Wegdenkens”. Ignatz Bubis starb am 13. August 1999 in Frankfurt am Main.

Mit freundlicher Genehmigung von Bettina Röhl.

© 1999, Bettina Röhl.

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