Ansprache zum Gedenken an den 9. November 1938


gehalten am 08.11.2007 in der Frankfurter Westendsynagoge

von Dr. Salomon Korn, Zentralrat der Juden in Deutschland

Vor zwei Jahren fanden allerorten Gedenkfeiern zur 60. Wiederkehr des 8. Mai 1945 statt. Im nächsten Jahr wird des 70. Jahrestages der „Reichskristallnacht” gedacht werden – Anlass für grundsätzliche Überlegungen zum 9. November 1938. Daher möchte ich heute, ein Jahr vor diesem Termin, die Gelegenheit nutzen, den Blick auf die regionale Bedeutung dieses Ereignisses zu richten: auf das, was sich zu jener Zeit in Frankfurt zugetragen hat. Bestärkt zu dieser Betrachtung werde ich zudem durch einen sich in Vorbereitung befindlichen künstlerischen Gestaltungswettbewerb zur Erlangung von Entwürfen für eine Gedenkstätte auf dem früheren Gelände der Großmarkthalle und zukünftigen Grundstück der Europäischen Zentralbank. Von dort wurden zwischen 1941 und 1945 in Zügen der Deutschen Reichsbahn über 10.600 Juden in die Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert.

Der besondere Blick auf Frankfurt bietet sich aus einem weiteren Grund an. Seit über 800 Jahren leben urkundlich belegt Juden in dieser Stadt – trotz dreier Vertreibungen, nach denen sie immer wieder zurückkehrten. Mit Ausnahme vom einstmals zum Deutschen Reich gehörenden Prag war Frankfurt die einzige deutsche Stadt, in der nahezu durchgehend – davon 400 Jahre im Ghetto – Juden vom Mittelalter bis zum nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen lebten. Hatte diese lange gemeinsame christlich-jüdische, später deutsch-jüdische Geschichte Frankfurts nichtjüdische Bürger dazu bewogen, ein Verhalten zu zeigen, das sich von dem in anderen Städten zu beobachtenden Verhalten nichtjüdischer Deutscher unterschied?

Das, was wir inzwischen über die Vorgänge der „Reichskristallnacht” eher bruchstückhaft wissen, stammt zu einem beträchtlichen Teil von jenen Frankfurter Juden, die im Rahmen des jährlich stattfindenden Besuchsprogramms der Stadt Frankfurt für zwei Wochen in ihre frühere Heimatstadt zurückkehren. Aus diesem Anlass wurden deren Erinnerungen an den 9. und 10. November 1938 in Interviews festgehalten – Grund genug, dieses vom früheren OB Walter Wallmann ins Leben gerufene Besuchsprogramm auch in Zukunft fortzusetzen.

Mit dem Zitieren aus den Erinnerungen von Zeitzeugen folge ich jener Sichtweise, die der diesjährige Preisträger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Saul Friedländer, gegenüber den Zeugnissen unmittelbar am Geschehen Beteiligter einnimmt: „Wie ich in meiner Arbeit zu zeigen suchte”, so Friedländer, „sind solche Einblicke in die Vergangenheit einzelner Menschen auch von allgemeiner Bedeutung für die Darstellung von Geschichte.” Diese individuellen Stimmen, so Friedländer weiter, erschüttern uns „infolge der Arglosigkeit der Opfer, die nichts von ihrem Schicksal ahnten, während viele rings um sie das Ergebnis kannten und manchmal an seiner Herbeiführung beteiligt waren.”

Die Ereignisse der „Reichskristallnacht” in Frankfurt am Main beginnen mit Brandschatzungen und Plünderungen von Synagogen, Geschäften und Wohnungen jüdischer Frankfurter, setzen sich fort in der Deportation jüdischer Männer im Alter von 18 bis 60 Jahren in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen und haben schließlich ein Nachspiel in der Enteignung bzw. „Arisierung” des Eigentums der beiden jüdischen Gemeinden Frankfurts und ihrer Mitglieder.

Über den Beginn der Ereignisse des 9. November 1938 berichtet die 1894 geborene Alice Oppenheimer in ihren schriftlich festgehaltenen Erinnerungen:

„Am Morgen des 10. November, es war ein Donnerstag, hörten wir unaufhörlich die Feuerwehr vorbeifahren, von fünf Uhr früh an. Wir wohnten in Frankfurt a. M. in der Friedberger Anlage 22. Die Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft war nicht weit entfernt. Es fiel uns auf, wie langsam die Feuerwehrautos fuhren, während sie doch normalerweise vorbeirasten. Wir hatten den Eindruck, dass die Wagen nur einfach hin und her fuhren.

Mein Mann, ein Frühaufsteher, der jeden Morgen zum Frühgottesdienst ging, weckte unsere beiden Söhne, zehn und dreizehneinhalb Jahre alt, damit sie ihn begleiteten. Die beiden Töchter und ich drängten meinen Mann, wegen des Tumultes, den man auf der Straße hören konnte, zu Hause zu bleiben – doch wir konnten ihn nicht davon abbringen, zur Synagoge zu gehen. Er und die beiden Jungen eilten davon, wir blieben zurück, ängstlich und besorgt. Ein paar Minuten später kamen sie zurück, und mein Mann rief verzweifelt. „Alice, die Synagoge brennt, Alice, unsere Synagoge brennt!” Mehr konnte er in diesem Augenblick nicht herausbringen. (…) Mein Mann, wir alle, alle deutschen Juden hatten keine Vorstellung, was in deutschen Städten seit fünf Uhr morgens vor sich ging, welche Tragödie uns bevorstand. (…)

Wir armen Juden, wir wußten nichts, einfach gar nichts. Die Blitzbefehle Hitlers und seiner Lakaien stellten uns Juden wieder und wieder vor ein „Fait accompli”. Keiner hatte eine Vorstellung davon, daß alle Synagogen in ganz Deutschland seit dem frühen Morgen brannten, daß die Nazis sie angesteckt hatten und das Feuer brennen ließen. Die Feuerwehrleute sollten nur aufpassen, daß die angrenzenden Häuser nicht auch Feuer fingen. Der Brand in der Synagoge aber durfte nicht verlöschen, ehe noch irgendetwas übrig war.

Die Synagogenbrände ereigneten sich alle am selben Tag, zur selben Stunde, in ganz Deutschland – eine Tatsache, die allen Mitgliedern der NSDAP bekannt war, nur die deutschen Juden standen dem völlig ahnungslos gegenüber. Jeder Jude wußte, daß „seine” Synagoge brannte, aber was anderswo in Hamburg, Berlin, Frankfurt geschah – davon wußten sie nichts. (…) Die Zustände in der Stadt waren unbeschreiblich. Nichts als Klirren, Schlagen, Rufen, Schreien. Wilde, zügellose Haufen füllten die Straßen. Noch heute schaudert mich, wenn ich an den aufgewiegelten Pöbel denke. (…)

Es mag drei oder vier Uhr nachmittags gewesen sein – die genaue Zeit habe ich vergessen -, als wir eine Menschenmenge mit Holzstöcken, Steinen und Äxten kommen sahen. Im Geiste sehe ich immer noch lebhaft das Bild von Käthe Kollwitz „Die aufrührerischen Bauern” vor mir – genauso sah dieser Haufen aus. Wir wohnten in einer breiten Villenstraße. Man konnte die rasenden Leute von fern sehen, wie sie wie Betrunkene durch die Anlagen kamen, denn die Bäume waren kahl und ermöglichten einen guten Blick. Wir standen am Fenster hinter der Gardine und sahen den gewalttätigen Haufen näher und näher kommen. Man konnte ihre Rufe, ihre ständigen Schreie hören: „Nieder mit den Juden!”, gefolgt von scheußlichem Gelächter. Sie kamen quer durch den Park auf unser schönes Haus zu, aber plötzlich schwenkten sie in eine Seitenstraße ein. Kein einziger Stein wurde gegen unser Haus geworfen, keine einzige Fensterscheibe zerbrach. Es blieb völlig unversehrt, wie durch ein Wunder. Aber hinter unserem Haus, in den umliegenden jüdischen Wohnungen, raubten, plünderten, zerstörten sie. Die Synagoge am Hermesweg, in der es bereits gebrannt hatte, wurde noch einmal geschändet. Dann wandte der Haufen sich in die Fichtestraße. Der Lärm sagte uns genau, wo die wilde Horde war. „Oh Gott”, rief ich, „das ist genau da, wo Rabbi Horowitz mit seinen vielen Kindern wohnt. Was wird passieren?” Man konnte hören, wie Glas zersprang und mit Äxten auf Holz eingeschlagen wurde. Plötzlich wurde es still, und die Leute wandten sich einem anderen Viertel zu.

Als es dämmerte, ging ich hin – das Haus des Rabbis war nur fünf Minuten von uns entfernt. Entsetzen überwältigte mich. Die Mauern des Hauses waren unversehrt, aber kein Fensterrahmen war in den Angeln geblieben. Der Boden war mit Glasscherben übersät. Die Türen waren ausgehängt, zertrümmert, und die Tische in Stücke geschlagen. Eine wertvolle Sammlung geistlicher Bücher war Stück für Stück entzweigerissen. Die Blätter lagen zerfetzt im Vorgarten und wurden vom Wind umhergeweht. In einem der Zimmer sah ich die Frau des Rabbis mit einem Säugling auf dem Schoß; die anderen Kinder standen weinend um sie herum. Der Rabbi selbst war nicht da – die verstörte Frau verriet nichts über seinen Aufenthaltsort. Er mußte sich versteckt halten, aber sie enthüllte das Geheimnis nicht. Alle Nahrungsmittel, sogar das bißchen Milch, das sie hatten, waren ausgeschüttet oder weggeworfen worden.”

So weit Auszüge aus den Aufzeichnungen von Alice Oppenheimer. Elisabeth Bamberger, geboren 1889, erinnert sich:

„Am Morgen dieses 10. November 1938, einem der schwärzesten Tage in der an Tragödien reichen Geschichte der Juden, ging ich morgens auf die Mansarde, um in den dort befindlichen Koffern und Kisten zu kramen. Da stürzte Frau H. herein: „Frau Bamberger, gehen Sie heute nicht in die Stadt, die Synagogen brennen und man demoliert die jüdischen Geschäfte! (…) Die SA tritt mit den Kanonenstiefeln die Schaufenster ein, die Straßen liegen voll mit allen möglichen Waren.” Man warf nicht nur Kleider, Wäsche, Schuhe und dergleichen hinaus, sondern Schreibmaschinen, Radios, sogar Klaviere flogen auf die Straße. Die Berichte überstürzten sich. Die Synagogen brannten lichterloh, und das Schlimmste war, daß alle jüdischen Männer, deren man habhaft werden konnte, in ihren Wohnungen, Geschäften oder auf der Straße verhaftet wurden. Man brachte sie in die Festhalle (…)”

Ephraim Franz Wagner, geboren 1919, zählt zu jenen Männern, die gewaltsam in die Festhalle verschleppt wurden. Er und ein weiterer, namentlich unbekannt gebliebener Augenzeuge berichten:

„Um die Mittagszeit herum klingelte es an unserer Haustür; zwei uniformierte Polizisten erklärten uns, sie kämen, mich und meinen Vater abzuholen. Wir hatten keine Ahnung, was der Grund dieser Verhaftung sein könnte. Man brachte uns in das Gemeindehaus der Synagoge in der Unterlindau, wo schon viele jüdische Männer aller Altersklassen mit verängstigten Gesichtern herumstanden. (…) Nach einiger Zeit fuhren Lastwagen vor, auf die wir aufgeladen wurden, und man brachte uns in die große Festhalle, wo wir von der SS und der Gestapo übernommen wurden. (…) Viele Hunderte von jüdischen Männern befanden sich am 11. November in der Festhalle in Frankfurt. Blaue und Grüne Polizei hatte sie, gleich wilden Tieren, in den Häusern und Straßen aufgespürt, in den Hotels und an den Bahnhöfen verhaftet und sie aus Bahnzügen und Trambahnen herausgeholt.

In kleinen Trupps waren sie von benachbarten Städten und Dörfern eingeliefert worden. Zur selben Zeit, wenn sie sich sonst zum Empfang des Sabbat in die Synagogen begaben, standen sie in langen Reihen in der Halle, mußten ihre Personalien angeben und ihre Taschen ausleeren. (…) Die SS-Leute kamen auf die Idee, die wartenden Juden durch Turnübungen ein wenig zu beschäftigen. Alle, bis hinauf zu den Sechzigjährigen – die Älteren wurden später entlassen – mußten Kniebeugen, Arm- und Beinbewegungen machen oder die Halle im Laufschritt durchqueren. (…) Etwa um 9 Uhr wurden die für das KZ bestimmten Häftlinge in großen Autobussen zum Südbahnhof gebracht. Zivilpersonen, die ihre Ankunft erwartet hatten, überschütteten sie mit einer Flut der übelsten Beschimpfungen. Die dort aufgestellte Grüne Polizei machte sich das Vergnügen, den Gefangenen beim Aussteigen ein Bein zu stellen oder mit einem starken Faustschlag nachzuhelfen, wenn ihnen die Leerung des Fahrzeugs zu langsam vorzugehen schien.

Auf dem Gleise wartete schon ein unübersehbar langer Personenzug. Gegen 11 Uhr war er vollkommen gefüllt. (…) Dann rollte der Zug durch die Nacht. Keiner von den Juden wußte wohin. (…) Morgens gegen 6 Uhr rollte der Zug in eine große Station. Es war Weimar. (…) Die Türen wurden aufgerissen. Von der Plattform kam ein scharfer Befehl: „Raus, Ihr Schweinehunde!” Dort standen SS-Leute, Säbel, Stecken und Gewehrkolben zum Schlage erhoben. Wie irrsinnig sprangen die Häftlinge die breite Steintreppe hinunter, die zu einer Unterführung führte. Viele von ihnen stürzten. Die Nachdrängenden traten auf ihre Hände, Füße und Rücken. Jeder versuchte den herabsausenden Schlägen zu entrinnen. (…) Die Schläge fielen in schneller Folge auf ihre bloßen Köpfe und auf ihre Rücken und trafen auch das Gesicht. Die Nazis schlugen mit Gewehrkolben, Säbelscheiden, Peitschen und schweren Stöcken. Herzzerreißende Schreie durchschnitten die Luft. Schreie, wie Tiere sie ausstoßen in ihrer Todesangst. Schreie, die dem Hörer den Atem wegnehmen. Schreie, denen man eher entlaufen möchte als dem Sterben. Wie lange die Marter dauerte? Niemand von den Opfern wußte es. Das Hirn versagte seinen Dienst. (…)

Unterdessen war der Morgen angebrochen. Im Dämmerlicht des unsäglich traurigen Novembermorgens mußten die Gefangenen mit Planen überdeckte Lastkraftwagen besteigen, die sie vor die Tore des Konzentrationslagers Buchenwald brachten. (…) Dort wurden wir an der Rampe vom Lagerpersonal in Empfang genommen. (…) Wie Vieh wurden wir im Laufschritt in Richtung Eingangstor des Lagers getrieben. (…) Auf dem riesigen Vorhof hatten wir uns in Reihen zum Apell aufzustellen. Nach stundenlangem zermürbendem Stehen mußten wir abzählen und wurden dann in die schon vorbereiteten und planmäßig aufgebauten fünf Barackenblöcke gejagt. (…) Aus allen

Ecken hörte man Jammern und Klagen. Vielen schmerzten die Wunden, die man ihnen zugefügt hatte; nicht wenige litten unter totalem Nervenzusammenbruch. (…)

Die Greueltaten dieser Zeit sind zur Genüge beschrieben worden. Ich mußte mit ansehen, wie einige der Häftlinge willkürlich von der Lagermannschaft herausgezerrt wurden, um sie zu ihrem Ergötzen von Hunden zerfleischen zu lassen; ich sah, wie schwächere, ältere Menschen auf der großen, im Freien angebrachten offenen Latrine plötzlich das Gleichgewicht verloren und in die Latrine hineinfielen und dort elendiglich ums Leben kamen. Man ließ uns antreten und zwang uns beim Erhängen von politischen Häftlingen zuzusehen. Als ich ein paar Tage im Lazarett zubrachte, mußte ich zuschauen, wie Menschen, die die Belastung nicht ertragen konnten und tobsüchtig wurden, in nasse Decken eingeschnürt wurden und am nächsten Tag tot waren. Ich hatte bei solchen Erlebnissen nur einen Gedanken: wie kann ich mir das Leben nehmen, um dieser Hölle zu entrinnen.”

Ephraim Franz Wagner ist dieser Hölle Mitte Dezember 1938 entkommen. Ihm wurde der Kopf kahl geschoren und er musste, wie alle in KZ verschleppten deutschen Juden, vor seiner Entlassung eidesstattlich erklären, er sei gut behandelt worden. Falls er bis Ende Februar 1939 Deutschland nicht verlassen habe, so wurde ihm unzweideutig erklärt, käme er erneut ins KZ. Am 28. Februar 1939 nahm er Abschied von seinen Eltern und kam am 6. März in Haifa an. Wie über 10.000 jüdischen Frankfurtern gelang es auch seinen Eltern nicht, dem Schicksal der in Deutschland verbliebenen Juden zu entrinnen.

In Frankfurt am Main wurden während des 9. und 10. November 1938 alle vier „großen” Synagogen angezündet und – mit Ausnahme der Westendsynagoge – anschließend abgerissen. Von den etwa vierzig Betstuben fielen mehr als die Hälfte der organisierten Zerstörung zum Opfer; ein Teil entging ihr nur durch Zufall, versteckte Lage oder weil Brandstiftung die unmittelbar angrenzenden Wohnhäuser gefährdet hätte. Die Polizei schritt nicht ein, „verdächtigte” nachträglich die Frankfurter Juden der Brandstiftung und erließ eine dementsprechende Strafanzeige. Die sogenannten Judenverträge vom 3. April 1939 kamen einer in ihren wirtschaftlichen Folgen für die Jüdische Gemeinde bis heute spürbaren Zwangsenteignung gleich. Darin übereigneten die Israelitische Gemeinde und die Israelitische Religionsgesellschaft in zwangslegalisierter Form ihren gesamten bebauten und unbebauten Grundbesitz, nahezu 100.000 qm innerstädtische Grundstücke in bester Lage, für einen geringen Betrag an die Stadt Frankfurt am Main.

Nach heutigem Forschungsstand kann festgehalten werden: Auslösung, Ausbreitung und Verschärfung der „Reichskristallnacht” auf dem Gebiet des früheren Deutschen Reiches waren nicht vorrangig antisemitische Motive, sondern aus der Herrschaftsstruktur des NS-Regimes resultierende Entscheidungsprozesse. Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung stand dem gleichgültig, zum Teil auch ablehnend gegenüber. Die zuschauende Bevölkerung blieb auf Distanz zum Pogrom. Allerdings wurde der Pogrom keineswegs nur von wenigen eingeschworenen „Nazis” durchgeführt. Vielmehr bestand eine stattliche Anzahl aus seit 1933 den NS-Organisationen beigetretenen dreißig- bis fünfzigjährigen Mitläufern aller Gesellschaftsschichten – nicht irgendwelche Außenseiter der Gesellschaft, sondern ganz „normale” deutsche Bürger.

Es gab Ausnahmen: In Großstädten, vor allem in Berlin, gewährten zahlreiche deutsche Nachbarn und Bekannte den aus ihren Wohnungen geflohenen Juden tagelang Unterschlupf, sobald die Verhaftungsaktionen begannen – doch die Zahl solcher Helfer blieb verschwindend gering.

Für Frankfurt kann zunächst festgestellt werden: Nach Kriegsende hat es niemals systematische Ermittlungen gegen die für die Judenverfolgung verantwortlichen Bediensteten des „Judenreferats” der Frankfurter Gestapo gegeben. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass für die Frankfurter Justiz nach der Verurteilung zweier Hauptverantwortlicher des „Judenreferats” die strafrechtliche Ahndung der Gestapoverbrechen an Juden „abgehakt” war. Gegen mehrere Hauptverantwortliche, die damals untergetaucht waren, wurde nicht oder nicht intensiv genug gefahndet.

Verglichen etwa mit Berlin, haben in Frankfurt – nach heutigem Kenntnisstand – nur wenige Hilfs- und Rettungsversuche stattgefunden. In ihrer 2006 erschienenen Untersuchung „Spuren der Menschlichkeit – Hilfe für jüdische Frankfurter im Dritten Reich” versucht Renate Kingma dies mit der Vermutung zu erklären, jüdische Bürger seien lange arglos gewesen, weil sie sich als Deutsche fühlten, nichtjüdische Bürger hätten viel zu lange „weggeschaut” und die Deportationstransporte hätten zu plötzlich begonnen und zu rasch hintereinander stattgefunden, als dass Helfer und Opfer sich mit der Situation hätten vertraut machen können – was zumindest fraglich bleibt. Denn die Deportationen begannen im Oktober 1941 und zogen sich in der ersten Phase immerhin bis September 1942 ein Jahr hin. Ihnen folgten dann Deportationszüge zwischen März 1943 und März 1945, wenngleich mit nur noch wenigen Frankfurter Juden.

Verglichen mit anderen Städten, wies das Novemberpogrom in Frankfurt „eine besonders radikale und brutale Färbung” auf (Wolfgang Wippermann), vermutlich weil sowohl Opfer als auch Täter des die „Reichskristallnacht” auslösenden Attentats, Ernst vom Rat und Herschel Grünspan, aus Frankfurt stammten.

Von den mehr als 10.600 aus und über Frankfurt am Main deportierten Bürgern jüdischen Glaubens erlebten weniger als 600 Menschen die Befreiung, über 10.000 waren ermordet worden, etwa 700 Frankfurter Juden begingen in den Jahren nach der „Reichskristallnacht” Selbstmord.

Die Tatsache, dass der Großteil der Frankfurter jener Zeit dem öffentlichen Plündern und Brandschatzen in ihrer Stadt gleichgültig oder ablehnend-schweigend gegenüber stand, die wenigsten Täter nach dem Krieg bestraft wurden und deren vor aller Augen stattgefundenen Verbrechen weitgehend ungesühnt blieb, wirft Fragen nach den daraus zu ziehenden Lehren auf.

Antworten darauf sind viele gegeben und oft wiederholt worden. Alle münden sie in der Aufforderung: „Wehret den Anfängen”. Dazu ist es, vor allem und gerade für Bürger einer im großen und ganzen gefestigten Demokratie, wie sie die Bundesrepublik Deutschland heute darstellt, wichtig, aus der eigenen Geschichte nachwirkende Kristallisationskerne völkischen Denkens, des Rassismus und Antisemitismus rechtzeitig zu erkennen. Im Falle des Nationalsozialismus ist es, ähnlich wie bei allen radikalen Ideologien, die Binnenstruktur eines gegen rationale Argumente abgeschotteten Denkens, das aus Gründen des Machterhalts und der damit notwendigerweise gekoppelten Feindbilder vorrangig ein Ziel hatte und immer noch hat: vor allem Juden als vermeintliche Wurzel allen Übels zu demütigen, zu vertreiben, zu vernichten.

Ein Vergleich mit unserer Gegenwart müsste uns aufrütteln, ja, aufschrecken, denn Ausläufer und Abkömmlinge solch hermetisch in sich geschlossener Denksysteme sind nach wie vor wirksam: sowohl im Gedankengut der rechtsradikal-nationalistischen Szene Deutschlands als auch in der aktuellen islamistischen, antisemitischen und antizionistischen Propaganda.

Wir sollten endlich zur Kenntnis nehmen: im Gedankengut deutscher Neonazis und ihrer Sympathisanten, in der christlich-nationalistischen Weltanschauung, wie sie in manchen osteuropäischen Ländern zu beobachten ist, sowie in der islamistischen Ideologie unserer Tage sind Strukturen wiederzuerkennen, die uns aus dem Nationalsozialismus und seiner mörderischen Politik vertraut sein müssten. Die daraus zu ziehenden Konsequenzen dürfen nicht durch einen falsch verstandenen Kulturrelativismus gleich welcher Art unterhöhlt werden.

Angesichts jener zwölf dunkelsten Jahre der deutschen Geschichte und seiner ideologischen Abkömmlinge ist immer wieder zu fragen, ob Deutschland und Europa nicht aus wirtschaftlichen Interessen und falsch verstandener diplomatischer Rücksichtnahmen eine Tatsache überhaupt zur Kenntnis nehmen wollen: es genügt nicht nur, Gemeinsamkeiten zwischen Nationalsozialismus, christlich-nationalistischer Ideologie osteuropäischer Prägung und Islamismus zu erkennen – für daraus zu ziehende Konsequenzen bleibt im Interesse des uneingeschränkten Fortbestandes unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaftsordnung nicht ewig Zeit.

Die Kräfte, die zum Hass drängen, sind ihrer niederen Natur gemäß stets vehementer und aggressiver als die versöhnlichen. Ihnen gegenüber gilt es unversöhnlich zu bleiben.

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