Frankreich entdeckt(e) Kleist


Theater-Legende Gérard Philipe in Der Prinz von Homburg

Theater-Legende Gérard Philipe in Der Prinz von Homburg

Ein Kommentar von David Berger

Die Tageszeitung Die Welt bespricht Pariser Inszenierungen von Heinrich von Kleists Penthesilea und Das Käthchen von Heilbronn oder die Feuerprobe, vergisst aber dabei zu erwähnen, dass die Franzosen den deutschen Dramatiker schon lange kennen.

Bertolt Brecht über Kleists Stück “Der Prinz von Homburg”:

Oh Garten, künstlich in dem märkischen Sand!
Oh Geistersehn in preußisch blauer Nacht!
Oh Held, von Todesfurcht ins Knien gebracht!
Ausbund von Kriegerstolz und Knechtsverstand!

Rückgrat, zerbrochen mit dem Lorbeerstock!
Du hast gesiegt, doch wars dir nicht befohlen.
Ach, da umhalst nicht Nike dich! Dich holen
Des Fürsten Büttel feixend in den Block.

So sehen wir ihn denn, der da gemeutert,
Mit Todesfurcht gereinigt und geläutert,
Mit Todesschweiß kalt unterm Siegeslaub.

Sein Degen ist noch neben ihm: in Stücken.
Tot ist er nicht, doch liegt er auf dem Rücken
Mit allen Feinden Brandenburgs in Staub.

Paris, 15. Juni 1939

Bereits 1966 wurde Das Käthchen von Heilbronn oder die Feuerprobe im Pariser Théâtre Montparnasse aufgeführt (nach einer Inszenierung des Avantgarde-Klassikers Jean Anouilh, u.a. Autor einer herausragenden Fassung des Theaterstücks Antigone, das eine bedeutende Rolle für die französische Widerstandsbewegung im Zweiten Weltkrieg spielte). Datum der ersten Aufführung war der 30. September 1966, Todestag von André Breton, der ein großer Bewunderer des Stücks war: “Das Wunderbare, der mittelalterliche Mythos der wahnsinnigen Leidenschaft, das verfluchte Schicksal Kleists, gibt es etwas Surrealistischeres?” schwärmte er.

Ferner hatte Jean Vilar 1951 den Prinz von Homburg oder die Schlacht bei Fehrbellin mit dem Wunderkind des französischen Theaters Gérard Philipe (ironischerweise oder tragischerweise war sein Vater Kollaborateur des antisemitischen Vichy-Regime im besetzten Frankreich, und er überzeugter Widerständler) in der Hauptrolle auf dem Festival von Avignon inszeniert.

Daher kann von Entdeckung keine Rede sein, allerhöchstens eine Wiederentdeckung Kleists. Der Artikel ist trotzdem lesenswert.

“Frankreich und die Romantik, das passte eigentlich nie zusammen. Hier glaubt das Theater nicht an Mythen und Mysterien, sondern an Denksysteme, an den Körper, an das Liebesleben im Hier und Jetzt. Eine Dramatik wie die Heinrich von Kleists hat sich in Frankreich nicht heraus bilden können. Schon vor der Revolution war hier das Theater laizistisch. Das Verhalten der Theaterfiguren erklärt sich rational.

Heute indes ist man fasziniert von der Romantik, traut ihr aber nicht über den Weg. Zwar schlägt Gérard de Nerval eine Brücke zu Hölderlin, zwar wird ein revolutionärer Geist wie Büchner für seinen Woyzeck geliebt, aber weder Goethe noch Lessing oder Kleist und Schiller sind Stammgäste auf Frankreichs Bühnen.”

Zum Artikel.

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