Wort des Rabbi zu Purim 2008


Kurz nach der Machtergreifung von Adolf Hitler kommt Herr Grünstein mit dem “Völkischen Beobachter” nach Hause. Seine Frau ist wütend, hält ihn für meschugge. Grünstein verteidigt sich: “Schau, in unserem Gemeindeblatt stehen wieder nur schlechte Nachrichten: Goebbels hat gegen uns gehetzt – unsere Geschäfte werden boykottiert – von den Universitäten werden wir ausgeschlossen. Alles ganz furchtbar! Und was lese ich im ‘Völkischen Beobachter’? Wir besitzen Wall Street, wir stehen hinter dem sowjetischen Regime, wir kontrollieren die Weltpresse, und der Vatikan soll uns auch bald gehören. Ist das nicht phantastisch?”

Unterscheiden und nicht unterscheiden können

von Landesrabbiner Dr. Walter Rothschild

Bei einem Bet Din (Rabbinergericht) stelle ich gern diese Scherzfrage: “Wie haben Sie letztes Jahr Purim gefeiert?” Natürlich kramen die Kandidaten sofort ihr Wissen zusammen und berichten von Megilla (Schriftrolle), Hamantaschen (Purim-Gebäck), Lärm oder Masken. Die richtige Antwort aber lautet anders: “Ich kann mich nicht erinnern, ich war total betrunken!”

Und tatsächlich, es gibt diese merkwürdige Mitzwa, dieses rabbinische Gebot, sich an diesem Fest zu betrinken. Zugegeben, für alkoholkranke oder labile Menschen und ihre Familien ist das weder lustig noch ratsam, und das muss man unbedingt respektieren! Aber im Prinzip gilt: An Purim ist nahezu alles gestattet, was man üblicherweise nicht machen sollte: Autoritäten verspotten, Krach in der Synagoge veranstalten, sich albern verkleiden, und sich betrinken.

Nun ja: Eigentlich ist es eher ein Minhag (ein Brauch) und weniger eine Mitzwa. Trotzdem: Die Rabbinen sagen, dass man sich betrinken soll bis man den Unterschied nicht mehr erkennen kann, zwischen „Gesegnet sei Mordechai” und „Verflucht sei Haman” (“Ad lo yadah bejn Baruch Mordechau y‚Arur Haman)”. Fällt Ihnen etwas auf? Es wird alles auf den Kopf gestellt. Warum?

Versuchen wir eine andere Überlegung. Sie werden es auch schon bemerkt haben: Es gibt immer noch Menschen die nicht unterscheiden können …

– zwischen einer pluralistischen, streitbaren Demokratie und einem Regime aus fanatischen Fundamentalisten, die zu Terror erziehen, ihn predigen und fördern, oder

– zwischen Verhandlungen, die beiden Seiten Frieden, Entwicklungsmöglichkeiten und Sicherheit bringen sollen, und dem Ansinnen, nationalen Selbstmord zu betreiben.

Dafür sind sie überzeugt, …

– dass der Nationalismus der Palästinenser eine gute Sache ist, während sie der jüdischen Selbstbehauptung in einem eigenen Staat ‘Imperialismus’ vorwerfen und diesen deshalb verachten und bekämpfen,

– dass Israel unschuldige, unbewaffnete Palästinenser kollektiv bestraft, nur weil es gezielt jene Wohngebiete und Häuser attackiert, aus denen bereits mehrere Tausend Raketen auf israelische Städte und Gemeinden geschossen wurden,

– dass es angemessen ist, israelische Produkte, israelische Akademiker und israelische Politiker zu boykottieren und überdies jeden Juden in Deutschland auch noch für die Innen-, Außen- und Verteidigungspolitik Israels verantwortlich machen.

Auch unter denen, die überall auf der Welt laut Freiheitsparolen rufen und sich gegen Ausgrenzung und ‘Apartheid’ engagieren, gibt es eine Menge dummer Menschen, die den Unterschied zwischen Gut und Böse oder zwischen Segen und Fluch nicht zu erkennen vermögen. Es wäre schön, man könnte sagen, “Es ist nur so, weil sie besoffen sind”. Aber leider ist es nicht so.

Um sie verstehen zu können, müssen wir uns auf ihr Niveau begeben. Dafür braucht man Hilfe. Alkohol ist ein solches Hilfsmittel. Den Rest des Jahres braucht man einen klaren Kopf, um solch gefährlichen Menschen begegnen zu können und ihnen Paroli zu bieten. Aber einmal im Jahr darf man ausnahmsweise eine andere Methode probieren. Immerhin, man lebt noch!

Chag Purim sameach!

Über den Autor: geboren 1954 in Bradford, England, hat Walter Rothschild in Cambridge Theologie studiert. Danach machte er einen postgraduierten Abschluss in Religionspädagogik. Später studierte er am Leo-Bäck-College in London. Seit 1984 ist er Rabbiner. In dieser Eigenschaft war er elf Jahre in Leeds und danach zwei Jahre in Mitteleuropa als “Entwicklungsrabbiner” für den WUPJ tätig, dann ein Jahr in der Karibik (Aruba). Anschließend war Walter Rothschild liberaler Gemeinderabbiner in Berlin. Jetzt ist er liberaler Rabbiner für München, Köln, Halle an der Saale, Freiburg im Breisgau, sowie Landesrabbiner für Schleswig-Holstein – “nicht ‘liberal’ sondern ‘überall'” – Rabbiner Rothschild hat “99 Fragen zum Judentum” veröffentlicht sowie “Tales of the Chutzper Rebbe” und “A History of the Jews of Aruba”.

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