Der Dalai Lama – Sprücheklopfer für den Abreißkalender


    Der Rattenfänger von Hameln

Der Rattenfänger (Goethe)

Ich bin der wohlbekannte Sänger,
Der vielgereis’te Rattenfänger,
Den diese altberühmte Stadt
Gewiß besonders nötig hat;
Und wären’s Ratten noch so viele,
Und wären Wiesel mit im Spiele;
Von allen säubr’ ich diesen Ort
Sie müssen miteinander fort.

Dann ist der gutgelaunte Sänger
Mitunter auch ein Kinderfänger,
Der selbst die wildesten bezwingt,
Wenn er die goldnen Märchen singt.
Und wären Knaben noch so trutzig,
Und wären Mädchen noch so stutzig,
In meine Saiten greif’ ich ein,
Sie müssen alle hinterdrein.

Dann ist der vielgewandte Sänger
Gelegentlich ein Mädchenfänger;
In keinem Städtchen langt er an,
Wo er’s nicht mancher angetan.
Und wären Mädchen noch so blöde,
Und wären Weiber noch so spröde:
Doch allen wird so liebebang
Bei Zaubersaiten und Gesang.

In einem brillanten und scharfsinnigen Essay erschienen in der Süddeutschen Zeitung am Wochenende demontiert Willi Winkler die erbärmliche Massenhysterie um den medienwirksamen Scharlatan Dalai Lama und spottet über seine “windelweiche Religion”, die zur Wellness-Gesellschaft (d.h. gesund und dumm sterben) sehr gut passt, in der das eigene Denken im Sinne der europäischen Tradition der Aufklärung nicht nur ausgeschaltet wurde, sondern auch unerwünscht ist.

“Das aber scheint der eigentliche Appeal dieser windelweichen Religion zu sein: Denken muss keiner mehr, Denken macht alt und faltig (ein Grund, warum Schauspieler damit nicht gern behelligt werden), und außerdem synthetisiert der Dalai Lama praktischerweise alle Religionen in seiner, Islam, Christentum, Kabbala, Taoismus, Buddhismus: Alles ist im Dalailamaismus. […]

Der Deutsche im Jahr 2008 versteht unter seinem Menschenrecht das haufenweise Versenden von Unterstützungs-E-Mails für Tibet (Wieso immer nur Tibet? Wieso nicht Darfur, Russland, Tschetschenien?) an seine Freunde. […] Und ebenso versteht er unter seinem Menschenrecht, dass ein T-Shirt im Schlussverkauf nicht mehr als zehn Euro kosten darf, und so sind dann auch die Arbeitsbedingungen, unter denen diese günstigen Textilien entstehen. Was China im Sudan anstellt, um die Verfügungsgewalt über die dortigen Ölreserven zu behalten, das interessiert weder Lieschen Müller noch Richard Gere noch Madonna noch Roland Koch, der sich schon lange zu den Verehrern des frommen Bruders gesellt hat.”

Zum Essay.

2 Responses to Der Dalai Lama – Sprücheklopfer für den Abreißkalender

  1. bennett3orion says:

    Hallo Hiram7!

    Deine Kritik am Dalai Lama und vor allem an der westlichen bzw. deutschen Gesellschaft mag berechtigt sein. Recht ist allerdings sicherlich nicht, dass hier der Dalai Lama und die Gesellschaft, die angeblich seine Worte so überaus wohlwollend aufnehmen, in einem Atemzug verurteilt werden. Es untergräbt die Würde eines Menschen, ihn wegen derer, die sich vielleicht fälschlich zu ihm bekennen zu verurteilen.
    Abgesehen davon: Hier wird von Grund auf eine gesamte Religion verurteilt, die mindestens so feingliedrig ist wie das Christentum oder der Islam. Desweiteren ist es extrem schwer aus der westlichen Gedankenwelt heraus den Buddhismus als solchen zu verstehen. Aber im Gegensatz zu dem hier behaupteten, ist der Buddhismus in keinem Falle anti-aufklärerisch.
    Buddha war selbst ein “Austeiger”. Er sprach aud seinen eigenen Erfahrunge vom “rechten Forschen” und von der Pflicht eines Buddhisten, insbesondere der Mönche, mit wachem Geist durch die Welt zu gehen.
    Solltest du bestimmte Dinge, die vorrausgesetzt werden, wie Meditation, Karma, Devas etc. als Humbuk ansehen, so muss man auch sehen, auf welchem geschichtlichen und gesellschaftlichen Hintergrund sich die Lehren verbreiteten. Solche Vorstellungen sind und waren in vielen Menschen tief verankert. Insbesondere der Buddhismus bricht mit einigen Traditionen, wie der Trennung der Kasten. Denn jeder Mensch kann nach seinen geistigen Fähigkeiten Mönch oder sogar Buddha werden. Wenn das nicht aufklärerisch ist, was denn bitte dann?

    Grüße, Bennett

  2. “Überall sind es die Mönche, die die Menschen verdorben haben.
    Der weise und gelehrte Leibniz hat es eindeutig nachgewiesen. Er hat gezeigt, daß das 10. Jahrhundert, das man das Jahrhundert der Roheit nennt, viel weniger barbarisch war als das 13. und die folgenden Jahrhunderte, in denen diese Massen von Bettlern entstanden, die das Gelübde ablegten, auf Kosten der Laien zu leben und diese zu bedrücken.”
    (Voltaire)

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