Prosa, Polemik und Dynamit


Man verdirbt einen Jüngling am sichersten, wenn man ihn anleitet, den Gleichdenkenden höher zu achten, als den Andersdenkenden. (Nietzsche)

Neben Friedrich Nietzsche, Charles Bukowski und Louis-Ferdinand Céline, wusste auch der fast unbekannte polnische Schriftsteller und KZ-Überlebender Tadeusz Borowski mit Sprengstoff beladener Feder zu schreiben.

Borowskis Erzählungen gehören zu den frühesten Zeugnissen der Vernichtung des europäischen Judentums im Dritten Reich, sie entstanden Ende der 40er Jahre und erschienen 1963 erstmals auf Deutsch unter dem Titel Die steinerne Welt, und 2007 neu übersetzt unter dem Titel Bei uns in Auschwitz. Trotzdem blieb der Pole, der sich 1951, mit 28, das Leben nahm, der unbekannteste Klassiker der Holocaust-Literatur.

Ein alter Mann im Frack mit einer Armbinde wird herbeigeschleift. Sein Kopf schlägt auf den Kies auf, auf den Steinen, er stöhnt und wiederholt monoton: ‘Ich will mit dem Herrn Kommandanten sprechen.’ […] Er wird auf den Wagen geworfen, von jemandem zu Boden getreten, fast erstickt, aber er röchelt noch immer: ‘Ich will mit dem …’ – ‘Mann, sei endlich still’, ruft der junge SS-Mann ihm lachend zu. ‘In einer halben Stunde wirst du mit dem obersten Kommandanten sprechen. Vergiss nur ja nicht, ‘Heil Hitler!’ zu ihm zu sagen.’ Zwei andere tragen ein Mädchen herbei, das nur noch ein Bein hat; sie tragen es an den Armen und dem einen Bein. Tränen laufen ihm über das Gesicht, kläglich flüstert sie: ‘Meine Herren, es tut weh…’ Man wirft sie zu den Leichen. Sie wird mit ihnen verbrannt, bei lebendigem Leibe. (Bei uns in Auschwitz)

“Ich wollte aufschreiben, was ich erlebt habe, aber wer auf der Welt wird einem Schreiber glauben, der eine unbekannte Sprache spricht? Das ist, als wollte ich Bäume und Steine überzeugen”, sagt Tadeusz Borowski nach seiner Befreiung und Rückkehr nach Warschau.

Vorwort der polnischen Ausgabe von Jerzy Andrzejewski:

“Er war der geborene Intellektuelle, aber trotzdem nicht frei von emotionellen Komplikationen. Nur wenige seiner Zeitgenossen verstanden es mit der gleichen Scharfsichtigkeit wie er, das dunkle Chaos menschlicher Schicksale zu erahnen: wahrscheinlich kam ihm niemand gleich in der künstlerischen Wiedergabe der Lagererlebnisse. Schmächtig, kaum mittelgroß, mit dunklem, ewig zerzaustem Haar, mit lebhaften Augen, war er intelligent, aggressiv, beinahe impertinent in der Diskussion, kapriziös im Umgang mit seinen Kollegen, abwechselnd misstrauisch und herzlich, eher geneigt, seine Gefühle zu verbergen, eine schwer zu beschreibende Fremdheit ausstrahlend und dabei doch oft ausgelassen und lustiger Kumpan. Sein kostbarster Besitz war seine Feder, mit ihr wollte er dienen. Über die Grenze des Lebens und des Todes schritt er mit der Gewaltsamkeit, mit der er alles tat!

Diese Erzählungen Borowskis gehören zu den beklemmenden Zeugnissen des 20. Jahrhunderts. Einer, der das Inferno der Konzentrationslager erlebt hat, berichtet über Bedrohung und Versuchung, Angst und Hoffnung. Die Einmaligkeit des Werks besteht nicht nur darin, dass er die Gräuel der Vernichtungslager mit literarischen Mitteln zu beschreiben versucht – ganz und gar eigenständig ist auch die Konzeption der Tragik, die einen Unterton von scheinbaren Zynismus, scheinbarer moralischer Indifferenz bedingt. Die Arroganz der alteingesessenen Häftlinge gegenüber den Neuankömmlingen im Lager wird geschildert: Im Kampf um die nackte Existenz macht sich auch das Opfer mitschuldig, wird der Mensch zum Wolf unter Wölfen.”

Karol Sauerland, Professor für deutsche Literatur und Ästhetik an der Universität von Warschau, schildert in einem Essay die einzigartige Mischung aus Sarkasmus und ohnmächtigem Leiden, die Borowskis Werk beinhaltet.

“So manche Sätze in seinen Auschwitz-Erzählungen erinnern wortwörtlich an Formulierungen Célines. Und auch viele Motive ähneln sich. Wahrscheinlich wollte es Borowski in seiner Einschätzung, wozu Menschen fähig sind, sowie im sprachlichen Ausdruck dem französischen Autor gleichtun. Nur die Realien sind andere: nicht der Krieg, das Galeerendasein oder das Armenhospital, sondern Auschwitz. Wie Céline spitzt Borowski alles zu, und sein Erzähler gibt sich leicht, als würde er kaum leiden.”

Zum Essay.

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