Alan Poseners Kolumne: Dienstwagen und Diners


Der britisch-deutsche Journalist Alan Posener startet heute eine neue Kolumne. Er wird  wöchentlich das Zeitgeschehen in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur für HIRAM7 REVIEW unter die Lupe nehmen.

Von Alan Posener
Die Welt / Welt am Sonntag  / HIRAM7 REVIEW

Es ist schon komisch: Milliarden und Abermilliarden gibt die Regierung aus, um Banken zu retten, Firmen vor den Folgen unternehmerischer Fehlentscheidungen zu schützen oder dem Volk vor der Wahl zu neuen Autos zu verhelfen. Und worüber regt sich der Wähler auf?

Über die paar tausend Euro Steuergelder, die Ulla Schmidt verpulvert hat, um ihr Dienstauto und ihren Chauffeur in den Urlaub zu nehmen. Oder über Angela Merkels Geburtstagsessen für Josef Ackermann.

Eine solche Personalisierung der Politik ist Ausdruck einer Infantilisierung. Einer Kapitulation vor der Komplexität. Wer kann aus dem Kopf sagen, worin die Gesundheitsreform eigentlich besteht? Aber es sagt einem doch der gesunde Menschenverstand – also der Neid, dieser verlässlichste aller Sozialinstinkte, dass die Ministerin in Spanien keinen gepanzerten Dienstwagen mitsamt Chauffeur braucht. Unsereiner fährt doch auch Fiat Panda.

Und wer vermag schon zu beurteilen, ob die Banken, die ihrerseits gnadenlos jeden vor die Hunde gehen lassen, der seine Raten nicht zahlen kann, wirklich so systemisch relevant sind, dass sie ihrerseits nicht pleite gehen dürfen?

Aber es sagt einem doch der gesunde Bürgerneid, dass die Kanzlerin unsere Steuergelder nicht verpulvern darf, um  Herrn Ackermann ein Geburtstagsessen auszurichten. Vielleicht schweigt aber auch der Neid. Denn wir mögen die Kanzlerin.

Die Gesundheitsministerin hingegen können wir nicht leiden. Neulich mussten wir für die Zahnfüllung zuzahlen, und der Zahnarzt sagte, das sei wegen der Gesundheitsreform. Und dann fährt sie auch noch mit dem Dienstauto in den Urlaub!

Zwei Drittel aller neu zugelassenen Autos in Deutschland sind Dienstwagen. Man darf annehmen, dass damit auch privat gefahren wird, und dass nicht jede private Fahrt abgerechnet wird. Und wer private Essen als Geschäftsessen abrechnen kann, tut es. Wir haben die Politiker, die wir verdienen. Und gerade das nervt uns.

Natürlich nervt auch die Patzigkeit, mit der die ehemalige Genossin des Kommunistischen Bundes Westdeutschland und heutige Sozialdemokratin Ulla Schmidt ihr Recht auf einen Dienstwagen verteidigt. Ein bisschen Zerknirschtheit wäre angebracht. Deutsche Politiker sollten wenigstens so tun, als gehörten sie zu uns.

Was man Ulla Schmidt vorwerfen kann, ja muss, ist dies: sie hat dieses Grundgesetz der deutschen Politik vergessen. Das ist eher ein intellektuelles als ein moralisches Versagen. Umso schlimmer übrigens. Wie konnte sie glauben, das käme nicht raus? Oder dass sie damit durchkäme? Es kommt immer raus.

Und man kommt damit nicht durch. Es sei denn, man ist französischer Präsident. Aber das ist eine andere Geschichte. 

Die in HIRAM7 REVIEW veröffentlichten Essays und Kommentare geben nicht grundsätzlich den Standpunkt der Redaktion wieder.

One Response to Alan Poseners Kolumne: Dienstwagen und Diners

  1. EJ says:

    Deutsche Politiker sollten wenigstens so tun, als gehörten sie zu uns.

    Aber nein.

    Eigentlich möchte man sich mit den Fällen gar nicht beschäftigen. Sie bringen uns in Verlegenheit. Sie sind für die Betroffenen mit einem für uns peinlichen Gesichtsverlust verbunden. Ulla Schmidt outet sich als ebenso selbstherrlich wie kleinlich auf ihren Vorteil bedacht: Mir steht das zu! Angela Merkel lässt sich eine Versammlung von Reichtum und Ruhm einladen und demonstriert, die ihr geliehene politische Position peinlich verkennend: Ich mit meiner Macht gehöre dazu!

    Ob Ulla Schmid Vorteile im Gegenwert von ein paar hundert oder tausend Euro rechtmäßig oder unrechtmäßig eingestrichen hat, interessiert die Bürger eher wenig. Auf welcher gesellschaftlichen Ebene Frau Merkel privaten Umgang pflegen möchte, dürfte den meisten Bürger herzlich gleichgültig sein. Es ist nicht Neid, der die Bürger solches Gebaren mit einer Mischung aus Scham und Empörung sehen lässt. Der entblößte Egoismus oder die entblößte Eitelkeit der Amtspersonen ist ein Politikum. Der Mehrzahl der Bürger, ob sie das so benennen oder nicht, geht es mit sicherem Gespür um Stilfragen.

    In der politischen Auseinandersetzung mögen wir streiten wie die sprichwörtlichen Kesselflicker. In der politischen Auseinandersetzung mögen wir hechelnd noch in der letzten Ecke nach dem letzten auch noch fressbaren Brocken suchen. In der politischen Auseinandersetzung mögen wir uns schwanzwedelnd winselnd jedem großen Hund anbiedern. Das mag nicht immer schön anzuschauen sein, ist aber in Ordnung so. Von unseren Politikern, sofern sie uns im Amt repräsentieren, erwarten wir jedoch mit jedem Recht demokratischen Takt.

    Das politische Amt repräsentiert uns jenseits aller politischen Mehr- und Minderheiten, jenseits aller politischen Differenzen. Im politischen Amt, das uns repräsentiert, begegnen wir uns als Bürger. Und als Bürger sind wir nicht kleinlich gierig und eitel und auf jeglichen Vorteil bedacht, sondern, gerade umgekehrt, auf freundlich höflich entspannte Koexistenz mit unseren Mitbürgern. In der Begegnung der Bürger hat das neoliberale street fighting, der Kampf um die Wurst, ein Ende, lieber Herr Posener. So egoistisch und eitel wir sein mögen, als Bürger denken wir für unseren Mitbürger mit. Wer und was der Andere auch sein mag, ob groß, ob klein, ob gerade oder schräg, als Bürger lassen wir ihm sein Gesicht. Wie wir unseres wahren.

    Und nur so geht’s.

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