Alan Poseners Kolumne: Papst Benedikt und die deutsche Anti-Israel Lobby


Der britisch-deutsche Journalist Alan Posener kommentiert wöchentlich das Zeitgeschehen in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur für HIRAM7 REVIEW.

Von Alan Posener
Die Welt / Welt am Sonntag  / HIRAM7 REVIEW

Robert Spaemann ist nicht irgendjemand. Der Philosoph ist Vordenker und Nachbeter des gegenwärtigen Papstes. Wenn sich also Spaemann zu Israel äußert, sollte man genau hinhören. Am 25. Juli 2009 veröffentlichte Spaemann einen Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ): „Schutz und Gehorsam“. Schon am nächsten Tag war er auf der Website der Deutsch-Arabischen Gesellschaft, der wichtigsten Organisation der deutschen Anti-Israel-Lobby,  nachzulesen.

apbuch

Robert Spaemann beginnt mit der Feststellung: „Dem Staat Israel ist es in dem mehr als einen halben Jahrhundert seiner Existenz nicht gelungen, als bereichernder, selbstregulierender Teil der Region anerkannt zu werden.“

Das ist zweifellos richtig, und dafür gibt es Gründe, vornehmlich die Tatsache, dass die arabischen Führer kein Interesse an der Art Modernität haben, die Israel der Region seit seiner Gründung vorlebt. Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, individuelle Freiheit, intellektuelle Lebendigkeit. (Das Interesse des Vatikans an diesen Errungenschaften der Moderne ist übrigens auch nicht stark ausgeprägt, aber das nur nebenbei.)  Spaemann macht aber Israel dafür verantwortlich, dass die meisten arabischen Staaten bis heute sein Existenzrecht nicht anerkennen: „(Israel) ist immer als Herr aufgetreten.“

Sagen wir es so: eine solche Schuldzuweisung ist zumindest einseitig.

Spaemann geht aber weiter: Israel habe sich nur deshalb ständig als Herr aufspielen können, weil es von den USA eine Schutzgarantie besitze. Wer auch nur elementare Kenntnisse der Geschichte des Nahostkonflikts besitzt, weiß zwar, das dies bis nach dem Sechstagekrieg 1967 keineswegs der Fall war; und dass die Schutzgarantie, die etwa die Bundesrepublik dank Besatzungsstatut und Nato genoss und genießt, viel stärker ist als die völkerrechtlich und militärisch unverbindlichen Erklärungen amerikanischer Präsidenten gegenüber Israel. Aber egal.

Aus dieser angeblichen Schutzfunktion der USA lautet Spaemann eine „Gehorsamspflicht“ Israels ab. Es sei nun einmal ein „Grundgesetz des politischen Lebens“: „Wer Schutz gewährt, muss die Bedingungen diktieren können.“ Und das täten die USA nicht, so dass sich Israel beständig „wie ein Halbwüchsiger handeln“ könne, der „nie die Suppe auslöffeln“ müsse, die er sich eingebrockt hat, weil „Papa es schon richten wird.“

Unsereiner dachte naiverweise, zum „Grundgesetz“ des Westens gehöre die Souveränität der Staaten, anders als im Ostblock unseligen Angedenkens. Wir dachten, über Israels Außenpolitik hätten Israels Regierungen zu entscheiden, und über Israels Regierungen die Wähler. Wir dachten, der „Zusammenhang von Schutz und Gehorsam“ sei mit dem Mittelalter verschwunden; und wir fragen uns, ob der Vatikan wirklich jemals bereit gewesen wäre, den Schutz, den ihm Italien und die Nato – also letztlich auch die USA – während des ganzen Kalten Kriegs gewährt haben, mit irgendeiner Form des „Gehorsams“ zu beantworten. Das war zwar der beständige Vorwurf der Kommunisten, die im Papst lediglich eine Propagandapuppe des US-Imperialismus sahen, aber gegen solche Anwürfe hat unsereiner die Päpste stets in Schutz genommen.

Und es ließe sich ohne weiteres nachweisen, dass der Vatikan seine Politik nie von den Interessen Italiens, der Nato oder des Westens diktieren ließ. Aber quod licet Jovi, non licet bovi, so mag Spaemann denken: natürlich gelten „politische Grundgesetze“ nicht für den Stellvertreter Gottes auf Erden. Sondern allenfalls für jene, die durch ihre bloße Existenz jenen Anspruch des Papstes, Gottes Stellvertreter und alleinbevollmächtigter Ausleger seines Willens zu sein, in Frage stellen: sein Volk – die Juden.

Was soll also Washington als Schutzmacht von seinem Mündel Israel laut Spaemann verlangen? Nun, zuerst die übliche Litanei einseitiger Vorleistungen: Stopp des Siedlungsbaus und dann „Beseitigung“ aller bisher gebauten Siedlungen und Beendigung der „Besatzung fremden Territoriums“. Gut, über die Sinnfälligkeit und die Erfolgsaussicht solcher Maßnahmen kann man rational unter Israelfreunden diskutieren.

Aber Spaemann verlangt viel mehr, und gilt es, aufzuhorchen: „Ferner: Israel verzichtet auf die ethnische Selbstdefinition, die jeden Nichtjuden in diesem Staat zum Fremden macht.“ Anders gesagt. Der Judenstaat verschwindet. Besser könnte es die Hamas auch nicht formulieren.

Es ist schon bemerkenswert, was herauskommt, wenn „es“ aus führenden Katholiken wieder einmal spricht. Von Papst Benedikt wäre – gemäß dem „Grundgesetz von Schutz und Gehorsam“ eine klare Zurückweisung solcher Gedankenspiele zu verlangen.

Schließlich kann sich Robert Spaemann solche Kindereien in einer großen Zeitung nur leisten, weil man – zu Recht – davon ausgeht, aus seinem Munde das zu hören, was Benedikt klammheimlich denkt.

Links

Alan Poseners Filmkritik über Inglourious Basterds

Alan Poseners neues Buch: Benedikts Kreuzzug – Der Angriff des Vatikans auf die moderne Gesellschaft

Die in HIRAM7 REVIEW veröffentlichten Essays und Kommentare geben nicht grundsätzlich den Standpunkt der Redaktion wieder.

4 Responses to Alan Poseners Kolumne: Papst Benedikt und die deutsche Anti-Israel Lobby

  1. Sehr gut getroffen, danke.

    Und “was Benedikt klammheimlich denkt” sowieso.

    Was machen eigentlich die Pius-Brothers? Na ja, vielleicht sind die mal’ wieder auf der Suche nach einem neuen Server für den katholischen Naziblog kath.net.

  2. Jens says:

    Was bedeutet:”…das dies BIS NACH DEM Sechstagekrieg 1967 keineswegs der Fall war…”?
    Heißt das, dass dies SEIT dem Sechstagekrieg 1967 keineswegs der Fall war? Oder ist etwas anderes gemeint?

    @BD
    Der katholische Naziblog heißt kreuz.net.

  3. @BD
    Der katholische Naziblog heißt kreuz.net.

    @Jens:

    hatte ich verpennt, danke!

    Dabei hatte ich mich über diese komischen Ku-Klux-Klan-Typen schon zweimal aufgeregt:

    http://castollux.blogspot.com/2009/01/kreuznet-cache.html

    http://castollux.blogspot.com/2008/12/salve-maria-keuznet-faschismus.html

  4. TS says:

    Zu Papst Benedikt steht in dem Wikipedia-Artikel zu Spaemann das drin:

    “Papst Benedikt XVI. schätzt ihn als Berater und lud ihn im September 2006 nach Castel Gandolfo ein, um über das Verhältnis von Naturwissenschaft, Philosophie und Glauben zu referieren. Spaemann schreibt zeitkritische Beiträge zu ethischen, politischen und religiösen Fragen für überregionale Zeitungen. Seine Positionen, insbesondere zur Ökologie und zur Bioethik, werden über die Grenzen verschiedener Weltanschauungen und Parteien hinaus beachtet. Wegen seines Engagements für die Bewahrung der Schöpfung bezeichnete ihn die Berliner Tageszeitung als Ökophilosophen. Auf Einladung der Bundestagsfraktion der Grünen referierte er zur Debatte um die Stammzellenforschung.”

    Von Israel ist da nicht die Rede.

    Freilich ist es Herrn Poseners Recht, Vermutungen über den Gedankenaustausch, und darüber hinaus die gedankliche Übereinstimmung, zwischen Spaemann und dem Papst bzgl. Israel anzustellen, mein Recht ist es, solcherlei Spekulationen als “unseriös” zu bezeichnen. Er könnte stattdessen ja z.B. mal die Reden des Papstes vom Israelbesuch heranziehen und herausarbeiten, welches Verhältnis daraus zum Staat Israel deutlich wird, wofür sich der äußerst luzide Blogger “Spengler” z.B. nicht zu schade ist.

    Weiter spekuliere ich, zu Recht, daß Herr Posener in seinem neuen Buch journalistisch genauso sauber arbeitet wie in diesem Artikel.

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