Alan Poseners Kolumne: Benedikts Kreuzzug – Der Angriff des Vatikans auf die moderne Gesellschaft


Der britisch-deutsche Journalist Alan Posener kommentiert wöchentlich das Zeitgeschehen in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur für HIRAM7 REVIEW.

Von Alan Posener
Die Welt / Welt am Sonntag  / HIRAM7 REVIEW

Konservative sind stolz darauf, die besseren Menschen zu sein. Andere mögen bessere Ideen haben; sie mögen moralisch anspruchsvoller sein (dann werden sie von den Konservativen verächtlich „Gutmenschen“ genannt), aber weil der Konservative seinen privaten Anstand über die Ideen der Menschheitsbeglücker stellt, ist er am Ende eben der wahre Gutmensch.

In den letzten Tagen hatte ich zwei Mal die Möglichkeit, dieses konservative Selbstbild zu überprüfen. Zwei Konservative, mit denen ich bekannt, ja beinahe befreundet bin, haben mein Buch über Benedikt XVI besprochen: der katholische Arzt, Psychiater und Theologe Dr. Manfred Lütz, und der CDU-nahe Publizist Dr. Alexander Gauland.

Hier sind die Besprechungen:

Dr. Manfred Lütz, Frankfurter Rundschau, 12.10.2009

Dr. Alexander Gauland, Deutschlandradio Kultur, 04.10.2009

Niemand hat sie gezwungen, das Buch zu besprechen – sie wurden von den Redaktionen darum gebeten, und auch Konservative sind nur Menschen. Beiden war ein wenig unwohl bei der Sache. Das weiß ich, weil der eine mich vorher angerufen hat, ums sich sozusagen von vornherein Absolution erteilen zu lassen für den beabsichtigten Verriss; der zweite rief mich danach an und fragte als erstes: „Na, reden Sie überhaupt noch mit mir?“ Beiden war natürlich klar, dass ich die Absolution erteilen würde, dass ich nicht vorhabe, öffentlich ausgetragene Meinungsverschiedenheiten persönlich zu nehmen. Ich heiße ja nicht Henryk M. Broder oder Ingo Langner.

Ich bin meinen konservativen Freunden schon deshalb nicht böse, weil ich von dem Grundsatz des großen Sam Goldwyn überzeugt bin: „There is no such thing as bad publicity.“ Jedenfalls hat mein Buch bei Amazon.de einen Sprung gemacht, der vielleicht auch auf die Intervention der beiden zurückzuführen ist. Ein weiterer Grund ist: ich bin eben ein netter Mensch.

Wie gesagt, ich bin nicht böse über böse Kritiken; verstört bin ich darüber, dass beide Kritiker es nötig fanden, ad hominem zu argumentieren, also ein Mittel zu verwenden, das sie selbst zu verabscheuen vorgeben, und das nach konservativem Selbstverständnis auch nicht statthaft ist. Nein, Quatsch, ich bin nicht verstört; denn ich habe selten erlebt, dass sich Konservative an ihre eigenen Grundsätze gehalten hätten. Die größten Vertreter von Familienwerten sind notorische Ehebrecher, die größten Schwulenfeinde sind heimliche Schwule, und so könnte man den Katalog konservativer Werte durchdeklinieren, einschließlich des Faktums, dass die drei größten „Konservativen“ der Nachkriegszeit – Adenauer, Reagan und Thatcher – ja nicht konservativ waren, sondern revolutionär. Was mich mit ihnen versöhnt. Aber nun zu unseren Autoren.

Beide müssen mich unbedingt als eifernden Konvertiten hinstellen: Lütz stellt mich als „Jünger“ Richard Dawkins’ hin, als hätte ich Dawkins’ „Gotteswahn“ gebraucht, um Atheist zu werden; Gauland kommt „leider nicht umhin, auf die linksradikale Vergangenheit des Autors hinzuweisen“, die er zwar überwunden habe, aber „wie so oft bei großen Konversionen“ leider „im Sinne des leidenschaftlichen Umarmens von Kapitalismus, Liberalismus, Demokratie und Marktwirtschaft“. Diese seien dessen „neue Götter“.

Man erkennt die Absicht und ist verstimmt: Atheist zu sein, und gar Dawkins zu mögen, gilt in Deutschland – anders als in England, wo es sogar innerhalb der Staatskirche eine agnostische Tradition gibt, und wo Dawkins zu den angesehensten Professoren der Universität Oxford gehört – immer noch als irgendwie anrüchig. Ein „Jünger“ ist jemand, der nicht selbst denkt. Kapitalismus, Liberalismus, Demokratie und Marktwirtschaft zu „umarmen“, ist fast noch schlimmer als Atheist und Darwinist zu sein, und eine „linksradikale Vergangenheit“ – in England Ausweis selbstständigen Denkens, siehe Orwell, Koestler, Berlin, Popper usw. usf. – gilt hier als Beweis von Charakterschwäche und macht einen des Achtundsechzigerturms verdächtig. Nein, man sollte möglichst immer in der Jungen Union gewesen sein, immer irgendwie an den christlichen Gott geglaubt haben, immer irgendwie skeptisch gegenüber „Kapitalismus, Liberalismus, Demokratie und Marktwirtschaft“ gewesen sein (aber nicht linksradikal, gell): sonst ist man irgendwie nicht ganz koscher.

Womit ich bei Alexander Gauland bin, dessen Text mich mehr geärgert hat als jener von Manfred Lütz. Dass mich Gauland mit Heine und Harden vergleich, schmeichelt natürlich. Ist es aber Zufall, dass diese beiden Juden sind? Der Artikel ist illustriert mit einem Bild, auf dem Papst Benedikt XVI dem israelischen Staatspräsidenten Schimon Peres die Hand gibt: Was, bitte sehr, hat das mit meinem Buch zu tun? Es sei denn, man will „dem Juden“ Posener zeigen, dass auch „sein“ Staatspräsident dem Papst wohl gesonnen sei. Nun gut, vermutlich hat Alexander Gauland mit der Illustration nichts zu tun; das war die Redaktion von DeutschlandRadio Kultur. Die jedenfalls auch den Eindruck bekommen haben muss, hier ginge es darum, den deutschen Papst gegen einen jüdischen Angriff zu verteidigen. Und dann: Alexander Gauland und ich kennen uns lange genug, um wenigstens unsere Namen richtig schreiben zu können; er schreibt aber durchweg „Posner“. Immerhin steht „Posener“ auf dem Buchdeckel. Wie genau hat er also gelesen, bevor er seinem Zorn freien Lauf ließ?

Nichts für Ungut. Mit Manfred Lütz bin ich auf der Buchmesse zum Kaffee verabredet; mit Alexander Gauland werde ich sicher bald wieder in der Potsdamer „Ratswaage“ essen gehen. Die andere Wange, nicht wahr. Christen halten sie selten hin, Nichtchristen dafür umso öfter. Und meine Kritik an Benedikt war konservativer – im Sinne des konservativen Anspruchs, anständig zu sein – als diese konservative Kritik jener Kritik.

Link: Der anmaßende Papst, von Alan Posener, Frankfurter Rundschau, 15.10.2009

Die in HIRAM7 REVIEW veröffentlichten Essays und Kommentare geben nicht grundsätzlich den Standpunkt der Redaktion wieder.

7 Responses to Alan Poseners Kolumne: Benedikts Kreuzzug – Der Angriff des Vatikans auf die moderne Gesellschaft

  1. EJ says:

    So ganz schlimm kann ich die Rezensionen nicht finden.

    Lütz mäandert ein bisschen. (Seine Dauer-Empörung vor dem Hintergrund dauernder Papst-Bewunderung langweilt.)

    Gauland trifft aber einen wichtigen Punkt: Gegen Papst, Kirche und Religion stellen Sie die zur universalen enthistorisierte bzw. prinzipiierte (“ehemals westliche”, müsste man eigentlich sagen) Demokratie und tun damit etwas, das Papst, Kirche und Religion ebenfalls tun: Sie destillieren aus historischen Ereignissen bzw. Entwicklungen Wahrheits- bzw. Absolutheitsansprüche.

    Gauland liegt gar nicht so falsch, wenn er in dem einen und dem anderen eine Glaubensfrage sieht und die naheliegenderweise “personalisiert”: Aus der Geschichte führt kein gangbarer Weg in die Wahrheit. Von “hier” nach “dort” zu kommen, setzt einen Sprung, eine persönliche Glaubensentscheidung voraus. Sie, Alan Posener, sind auch nur Papst, sagt Gauland im Grunde, Gegen-Papst, sozusagen.

    Gauland erklärt damit nicht nur ganz gut Ihren Furor, mit dem Sie Ihren Glaubenskollegen bzw. Glaubenskonkurrenten beharken. Er macht mit der “Personalisierung” (die Sie ihm übel nehmen) auch deutlich genug, worum es geht in Ihrem Buch: um politische Theologie, auf beiden Seiten.

  2. EJ says:

    Bei “politischer Theologie” bzw. dem “Sprung” habe ich, versteht sich, (auch) an Carl Schmitt gedacht. Aber es geht auch weniger hochgeschraubt (und verschroben): Reinhard Marx, seit 2008 Erzbischof von München und Freising, im Interview. Dieser “politische Theologe”, wenig abgehoben wie er ist, ist kein so leichter Gegner wie der Papst, Herr Posener. Oder?

  3. Ivan says:

    Das Philosophische Quartett
    * (Deutschland 2009)
    * ZDF, 23:50-00:55 Uhr

    http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/20/0,1872,7931220,00.html

  4. Oscar Mercator says:

    Lieber Alan Posener,

    das mit der Potsdamer “Ratswaage” und dem die andere Wange hinhalten verstehe ich nicht ganz. Wollen Sie dort eine Backpfeife abholen? Warum wollen Sie christlicher sein als die Christenmenschen? Komisch. Ist das ein Argument?

    Ich freue mich natürlich, dass Sie dort essen. Dieses Lokal hat seine Etablierung 1995 mir zu verdanken. Wenn Sie dort nachfragen, wird man Ihnen noch meine Gründungsdokumentation geben. Keine Angst, ich werde nicht dort sein, höchstens wenn Sie mich zu einem Glas Wein einladen.

    Mit freundlichen Grüssen

    Ihr Mercator

  5. KJN says:

    Vielen Dank, Herr Posener, für Ihr Buch, denn es scheint, mehr, als ich bisher selbst befürchtete, erforderlich zu sein, Erkenntnisse der letzten 300 Jahre zu retten – nämlich vor der “Relativierung” durch Mystiker, wie Benedikt XVI. Ich erkenne in Ihrem Buch einen Beitrag dazu und die Rezensenten vermeiden systematisch – wie die katholische Kirche das immer tut – das zu kommentieren, wo es Ihnen wirklich drum geht:
    Klarstellen, wer die Deutungshohheit über die menschliche Erkenntnis haben will, letztlich also eine Machtfrage.
    Man kritisiert Ihre mangelnde theologische Kompetenz? Mit welcher Penetranz werden naturwissenschaftliche Erkenntnisse von den kirchlichen Scholastikern und Jesuiten, je nach taktischen Zielen, ignoriert, oder umgedeutet – ohne jedes tiefere Verständnis für die Materie.
    In einer – für mich – besten Stellen Ihres Buches zitieren Sie Pater Coyne, den nach 26 Jahren nach der Äußerung von eigenen Gedanken entlassenen Leiter des Observatorium Castel Gandolfo des Vatikan, der “Naturwissenschaft und Religion (als) völlig verschiedene Beschäftigungen..” sieht.
    Das genau bezeichnet nun die seit mindestens 400 Jahren von der (den?) Kirchen verpasste Chance für eine philosophische Fortentwicklung. Wie lange noch vernachlässigt die katholische Kirche diesen zentralen gesellschaftlichen Auftrag in Europa, statt, wie damals “Häretiker” zu verbrennen oder sich heute um die Piusbrüder zu bemühen, die dieses Wort, “Häretiker”, ohne Scham gebrauchen.
    Das klingt verkürzt, ist es auch – aber wenigstens nicht irreführend, wie die Mystik des Benedikt.
    Sie werden als Jünger einer neoliberalen Ideologie stilisiert – typische Ablenkungsstrategien mangels eigener ethischer Substanz, die den Menschen in der jetzigen Welt wirkliche Botschaft sein könnte.
    Sie haben ja so recht mit der Bezeichnung “Aldi-Theologie”, die Menschen hätten Besseres verdient – aber das ist wohl eine Frage des Menschenbildes.
    Stattdessen schlägt Ratzinger auf die Naturwissenschaften und den Machbarkeitswahn ein und schürt Ängste – letzteres wie alle totalitär agierenden Machthaber.
    Mit keinem Wort gehen beide Rezensenten auf die erkenntnistheoretischen Aspekte Ihres Buches (S. 185/186, Diskurs über die merkwürdigen Begriffe “Mikroevolution”, “Makroevolution” und “Intelligent Design”) ein – war wohl zuviel.. (oder gibt’s andere Gründe?)
    In der Tat – Ihr Buch umgeht jeglichen theologischen Diskurs, aber bei der anmaßenden Ignoranz der katholischen Theoretiker gegenüber der Naturwissenschaft, deren philosophischer Aspekte und der Wirklichkeit ist das ja wohl nur gerecht..

    Ja, es gibt sie, große ethischen Fragen in unserer Zeit. Und der Kapitalismus, die Demokratie, Darwin, Sie und ich werden sie nicht lösen können – wurde ja auch nie ernsthaft behauptet! Die Kirche unter Benedikt aber auch nicht – OHNE Aufklärung und Humanismus.
    So wird das nichts mehr mit “Europa als Großmacht”…

    Beste Grüße aus Bonn

    KJN

    PS: Den Versuch eines Ausblicks auf eine “katholische Alternative” jenseits von Benedikt und Piusbrüdern hätte ich mir von Ihnen gewünscht – vielleicht eher, als den psychologischen Exkurs über die Privatperson Ratzinger am Schluß des Buches.. Sie sehen, ja, was man von sowas hat..

  6. KST says:

    Ein glänzend geschriebenes und gut recherchiertes Buch und ein notwendiges dazu. Auch wenn man nicht alle Positionen Poseners teilt, muss man denn wirklich von Dawkins „bekehrt“ worden sein – wie Herr Lütz dem Autor Posener unterstellt, um sich der hoch brisanten Situation der christlichen Kirchen, hier speziell der katholischen Kirche in der europäischen Lebenswirklichkeit des 21. Jahrhunderts bewusst zu werden? Reicht es denn als Entlastung, dass Herr Lütz darauf besteht, dass Papst Benedikt ein genauso liebenswürdiger Zeitgenosse sei, als der Kardinal Ratzinger, der er zuvor war? (Was ist das denn für eine Liebenswürdigkeit?)
    Muss man denn Atheist sein, um die Interpretation der Moderne und den Deutungsanspruch dieses Papstes für ärgerlich und peinlich zu halten? (Siehe „Neufassung des Begriffs Vernunft“) Muss man denn Atheist sein, um sich zu fragen, welche geistesgeschichtlichen Wurzeln z. B. dieses strukturelle Misstrauen hat, das die Kompetenz der Menschen für sich selbst und ihre gesellschaftliche Organisation in Frage stellt und dabei den Kirchenlehrer Augustinus als Schreibtischtäter ausmacht? Will man wirklich bestreiten, dass die katholische Kirche mit ihrer Doktrin über ihre eigene theokratische Organisationsstruktur ein strukturelles Problem mit dem demokratischen Selbstverständnis moderner Gesellschaften hat?
    Sollte Papst Benedikt – so Poseners These, tatsächlich einen „Kreuzzug“ gegen die „Irrlehren der Moderne“ führen wollen, so sollte er sich erinnern, dass Kreuzzüge in der Geschichte zwar allerlei angerichtet haben, aber de facto immer „verloren“ gingen.Und das war wahrscheinlich gut so.

  7. […] meiner Achtung steigt Posener sogar noch, als ich seine Stellungnahme dazu in seiner wöchentlichen Blog-Kolumne “Hiram7 Review” lese. Er schildert uneitel […]

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