Udo Jürgens (1934-2014), großer Meister der deutschsprachigen Chanson

December 21, 2014

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HIRAM7 REVIEW’s 7th Anniversary: The Background on The News since 2007

February 21, 2014

Dear Reader,

Today marks the seventh anniversary of HIRAM7 REVIEW, who started on February 21st, 2007.

So on this anniversary, we want to say: THANKS.

Over the past 7 years our site has received hundreds of comments and more than 700.000 visits..

Since 2007, HIRAM7 REVIEW has been the definitive ad-free compass in three  languages (English, German, French) to world affairs for those who need to be in the know: a rich resource of daily articles, bipartisan opinions and archived issues.

The categories section of the site lets you zero in on a particular geographic area or topic, combining interactive Web features with in-depth, long-form analysis.

It’s no surprise what the most popular sections are right now:

  • Afghanistan: From military strategic theory to coverage from the field, this section includes both bird’s eye and on-the-street views of the region.
  • China: Some of our strongest coverage deals with the Superpower’s relations with the United States and Taiwan, human-rights issues, economic policy and environmental challenges.
  • Iran: Experts weigh in on Iran’s simmering internal political dynamics accented by debate over the nuclear question.
  • Israel and Palestine: Together, these sections provide comprehensive coverage of Hamas and the Gaza Strip.

We truly couldn’t have done this without our readers, columnists, think tanks, and political and social organizations. We wanted also to send a special thanks to our friend President Bill Clinton who backed us from the very beginning.

These past 7 years have been an amazing ride. We’ve been a part of some great things and great times with everyone. We hope we’ll all be here next year to see this place still standing.

We thank you for your loyal readership, or as Ernest Hemingway once said: “There is no friend as loyal as a book.”

Best regards

David Berger, Editor & Publisher


Von Winnetou zu Obama – Die Deutschen und der edle Wilde

January 11, 2014

von Tomas Spahn

Der Autor ist ein in Hamburg lebender Publizist und Politikwissenschaftler.

Ein roter Held

Winnetou ist ein Idol meiner Kindheit. Er stand für all das, was wir als Kinder sein wollten. Und vielleicht auch sein sollten.

Winnetou war ein Held. Nicht so einer von diesen Deppen, die laut schreiend in der ersten Reihe der Kriegsmaschinerie auf den Feind losrennen, um dann aufgebahrt und mit Orden versehen zwecks Beerdigung zu den Angehörigen zurück geschickt zu werden. Nein, ein echter Held. Obgleich – ganz zum Schluss … nein. Auch da bleibt Winnetou ein wahrer Held. Nicht einer, der sich mit Hurra für irgendeine imaginäre Idee wie Volk und Vaterland opfert, sondern einer, der mit Bedacht sein eigenes Leben für andere einsetzt, wohl ahnend, dass er es verlieren wird.

Dieser Tod eines wahren Helden aber ist es nicht allein.

Winnetou ist zuverlässig und pünktlich. Er verpasst keine Verabredung, und ist er doch  dazu gezwungen, so lässt er seinen Partner die alternativlosen Gründe wissen und gibt ihm Mitteilung, wann und wo das Treffen nachgeholt werden kann.

Winnetou ist uneingeschränkt ehrlich. Niemals würde er jemanden betrügen. Das ist einfach unter seiner Würde.

Winnetou ist gerecht. Niemals würde er gegen jemanden etwas unternehmen, der nichts gegen ihn unternommen hat.

Winnetou ist edelmütig. Er vergibt seinem Feind, selbst wenn dieser ihm das Leben nehmen wollte.

Winnetou ist altruistisch. Er opfert am Ende alles, was er hat, für andere. Ungerechtfertigt Böses tun – das kann Winnetou  nicht.

Winnetou ist nicht rassistisch. Er hilft jedem, der der Hilfe bedarf, unabhängig von dessen Rasse. Sogar dem Neger, der doch, wie Winnetous Erfinder Karl May nicht müde wird zu erwähnen, aus Sicht der Rasse des Winnetou weit unter diesem steht.

Und damit kommen wir zu dem, was Winnetou nicht ist.

Winnetou ist kein Weißer. Er ist ein Roter. Oder besser: Mitglied der indianischen Rasse, die, wie May betont, gleichsam gottgewollt zum Aussterben verdammt ist. Seine indianische Abstammung macht Winnetou unterscheidbar und es liefert eine Grundlage dafür, Menschen aufgrund ihrer Rasse in Schubladen zu stecken. May topft ihn zur Tarnung um, als Winnetou mit ihm Nordafrika bereist. Aus dem Athapasken, dem Apachen, wird ein Somali. Wohl bemerkt: Ein Somali – kein Neger. Denn offenbar sind Somali für May keine Schwarzen. Zumindest sind sie für ihn keine „Neger“.

Winnetou ist nicht zivilisiert. Er ist das, was man in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts – und darüber hinaus – unter einem Wilden verstand. Oder besser: Winnetou war als Wilder geboren worden. Und als Indianer blieb er es bis zu seinem Tode. Nicht aber als Mensch.

Winnetou wohnt nicht in Städten. Obgleich der Pueblo-Bau, den May irrtümlich als seinen Heimatort vorstellt – denn die Apachen waren keine Pueblo-Indianer – eine städtische Struktur bereits erahnen lässt.

Winnetou geht keiner geregelten Arbeit nach. Er ist der Häuptling seines spezifischen Apachenstammes der Mescalero – und er wird von fast allen Stämmen der Apachen als ihr ideelles Oberhaupt anerkannt, was ebenfalls an der Wirklichkeit vorbei geht, da die südlichen Athapasken durchaus einander feindlich gesinnte Gruppen bildeten. Betrachtet man im Sinne Mays die Apachen als eine Nation, so ist Winnetou ein indianischer Kaiser. Entsprechend edel und rein ist sein Charakter – obgleich Karl May damit an der Wirklichkeit europäischer Kaiser meilenweit vorbeiläuft. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Winnetou zieht durch seine Welt, um Gutes zu tun. Da ist er ein wenig wie Jesus. Auch wenn er keine Wunder tut, so ist er doch alles in allem wunder-voll. In einem Satz:

Winnetou ist genau das, als was er in die Literatur eingehen sollte und eingegangen ist: Das Idealbild des Edlen Wilden. Oder?

Zwischen Romantik und Gründerzeit

Werfen wir einen Blick auf Winnetous Schöpfer, den Sachsen Karl May. Nur selten hat Deutschland einen derart phantasiebegabten Schriftsteller wie ihn hervorgebracht. Und jemanden, der so wie er selbst zu einer der Figuren wurde, die er in seinen Romanen beschrieb.

May war ein Kind seiner Zeit. Er war ein Romantiker, dessen kleine Biedermeierwelt über Nacht in das globale Weltgeschehen geschubst worden war. Seine gedankliche Reise in die scheinbare Realität fremder Länder ist dabei eher Schein als Sein. Er verarbeitete die neue Welt in seinen Romanen, immer auf der Suche nach dem Weg aus dem Biedermeier in eine neue Zeit, ohne dabei die Ideale seiner romantischen Introvertiertheit aufgeben zu wollen, aufgeben zu können.

May war obrigkeitsgläubig – und doch war er es nur so lange, wie die Obrigkeit das Richtige tat. Richtig war für May das, was aus seiner Interpretation des Christentums heraus Gottes Willen entsprach. Die Überzeugung, dass ein höheres Wesen die Geschicke der Welt lenke, ist unverrückbar mit May verknüpft. Aus diesem Glauben heraus muss das Gute immer siegen und das Böse immer verlieren, denn wäre es anders, hätte Mays Gott versagt. Das aber kann ein Gott nicht. Doch Mays Gott gibt dem Menschen Spielraum. Mays Gottesglaube ist nicht der an ein unverrückbares Schicksal. Der Mensch hat es selbst in der Hand, seine persönliche Nähe zu dem einen Gott zu gestalten. An dessen endgültigen Sieg über das Böse aber lässt May nie auch nur den Hauch eines Zweifels aufkommen.

Was für die mystische Welt des Glaubens gilt, gilt für May auch für die Politik. May war kaisertreu und undemokratisch. May macht dieses nicht an den Großen der Welt fest. Es ist sein Old Shatterhand oder sein Kara ben Nemsi, der undemokratisch agiert. Demokratie behindert seine Hauptakteure, behindert ihn in der Entscheidungsfindung. In den wenigen Fällen, in denen demokratische Mehrheitsentscheide die Position des Romanhelden überstimmen, endet dieses regelmäßig in einer Katastrophe. Dennoch war May nicht im eigentlichen Sinne totalitär, eher patriarchalisch. Er zwang niemanden, sich seinem Urteil zu unterwerfen, stellte allerdings gleichzeitig fest, dass er mit jenen, die dieses nicht taten, nichts mehr zu tun haben wolle, weil sie das Richtige nicht erkennten. Es ist in gewisser Weise ein alttestamentarischer Ansatz, den May vertritt. Die von der Natur – und damit von Gott – eingesetzte Führungsperson tut allein schon deshalb das Richtige, weil sie auf Gottes Wegen schreitet. Und weil dieses so ist, ist es selbstverständlich, dass alle anderen Vernünftigen dieser Führungsperson folgen. Auf die Unvernünftigen kann man dann gern verzichten.

May war nicht nur ein Großdeutscher – er war ein Gesamtdeutscher. Das war nicht selbstverständlich zu seiner Zeit, als das Zusammenbringen der Deutschen Kleinstaaten unter dem Preußischen König als Kaiser keine zwanzig Jahre zurück lag. Es war noch weniger selbstverständlich für einen Sachsen, dessen lebenslustiges Kleinreich immer wieder Opfer der asketischen Nachbarn im Norden geworden war. Doch May stand hier fest und unverrückbar in der Tradition der pangermanistischen Burschenschaften: „Von der Maaß bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt …”

May war auch Europäer. Trotz des noch nicht lange zurückliegenden Französisch-Preußischen Krieges, aus dem ein Kleindeutsch-Französischer wurde, stehen ihm von allen Europäern die Franzosen am nächsten. Dänen und Holländer gehören dagegen fast schon automatisch zur germanischen Familie. Und die Österreicher sowieso.

Insofern wird man May vielleicht am ehesten gerecht, wenn man ihn als Gemanopäer bezeichnet. Geschichtlich bewandert ging er davon aus, dass zumindest die westeuropäischen Völker sämtlichst germanischen Ursprungs waren, auch wenn bei den Südeuropäern der römische Einfluss unverkennbar blieb. Das einte.

May war kein Rassist. Zumindest nicht in dem Sinne, wie wir diesen Begriff heute verstehen. Und dennoch war er alles andere als frei von Rassevorurteilen. Wenn er das Bild des Negers aus der Sicht des Indianers zeichnet, dann zeichnet er damit auch sein eigenes. Für May ist der Bewohner Afrikas in gewisser Weise eine Art des menschlichen Urtypus. Ungebildet, unzivilisiert. Aber unzweifelhaft ein Mensch – keine Sache, die man zum Sklaven machen darf. Mays Neger kann mit Hilfe des zivilisierten Weißen in die Lage versetzt werden, zumindest Anschluss zu finden. Wenn er auch nie in der Lage sein wird, intellektuell an die Fähigkeiten des Weißen heranzureichen. Deswegen sprechen die Schwarzen, die bei Karl May auftreten, grundsätzlich ein Art Stammeldeutsch. Es hat etwas von Babysprache – und es charakterisiert damit gleichzeitig den May’schen Genotyp des Negers: Ausgestattet mit einen hohen Maß an emotionaler Wärme, aber unselbstständig und der permanenten Anleitung bedürftig. Gleichwohl anerkennt er – fast schon ungläubig – den militärischen Erfolg der südostafrikanischen Zulu.

Das ist bei dem Indianer anders. Als Leser spürt man den Unterschied zwischen roter und schwarzer Rasse ständig. Auch Mays Indianer bedürfen der lenkenden Führung durch den weißen Mann. Auch Mays Indianer sprechen eine Art Stammeldeutsch – aber es ist ein literarisches Stammeldeutsch. Anders als der Schwarze hat der Indianer das Potential, dem Weißen ebenbürtig zu werden. May erkennt, ohne dieses jemals explizit zuzugeben, dass der vorgebliche Wilde Amerikas eigentlich genau dieses nicht ist: Ein Wilder.

May anerkennt eine eigenständige, indianische Kultur, die nur des deutschen Einflusses bedarf, um sich auf die gleiche Stufe mit dem Deutschen zu erheben. Unterschwellig schwingt dabei immer das Bedauern mit, dass Deutschland viel zu spät seine weltrettende Mission entdeckt habe. Wären es Deutsche gewesen und nicht Angelsachsen, die den Norden Amerikas besiedelten – was hätte aus den Wilden werden können. Denn anders als Mays Neger sind seine Indianer eben nicht zivilisationslos.

Vom Romantiker zum Zivilisationskritiker

May selbst wird von Roman zu Roman mehr zum Zivilisationskritiker. Er, dessen Geschichten zwischen 1870 und 1910 entstanden, erkennt den brutalen Gegensatz zwischen den kommerziellen Interessen der angelsächsisch geprägten Yankees und den naturverbundenen, akapitalistischen Indianern, die für ihn immer weniger Wilde sind, sondern eine von unehrenhaften Interessen weißer Raubritter in ihrer Existenz bedrohte, eigene Zivilisation.

Den Wandel, den May in seinem Verhältnis zum Wilden Nordamerikas – und ausschließlich zu diesem – durchlebt, durchlebt auch seine Romanfigur. Zwei Deutsche sind es, die aus dem Naturkind Winnetou einen edlen Wilden formen – der 1848-Altrevolutionär Klekih-Petra und Mays romantisches Ich selbst. Bald schon ist Winnetou nur noch pro forma ein Wilder. Tatsächlich ist sein Verhalten in vielem deutlich zivilisierter als das der mit ihm konkurrierenden Weißen – zumindest soweit diese angelsächsischen Ursprungs sind. Und eigentlich ist Winnetou am Ende nicht einmal mehr ein Vertreter seiner „roten” Rasse. Er stirbt bei dem erfolgreichen Versuch, seine deutschen Freunde zu retten. Im Todeskampf singt ihm ein deutscher Chor ein letztes Lied, geleitet ihn in die Ewigkeit, die er, der einstmals Wilde, nun wie ein guter Deutscher als Christ betritt. „Schar-lih, ich glaube an den Heiland. Winnetou ist ein Christ.“ So lautet der letzte Satz, den der Sterbende spricht. May rettet seinen erdachten Blutsbruder so nicht nur für die Deutschen, er rettet ihn auch für das göttliche Himmelsreich. Winnetou, so diese letzte Botschaft seines Schöpfers, ist einer von uns. Er ist ein Deutscher. Ein guter Deutscher, denn er ist ein Christ. Ein edler Deutscher, denn er ist ein wahrer Christ. Er ist ein solcher Deutscher, wie ein Deutscher in Mays Idealbild eigentlich sein sollte.

Insofern ist jeder, der May dumpfen Rassismus vorwirft, auf dem Holzwege. Mag er in seinem Bild des Afrikaners von der zeitgenössisch vorherrschenden Auffassung des Negers als unterrichtungsbedürftigem Kind geprägt sein, mag seine konfessionell begründete Abneigung gegen Vertreter der Ostkirchen mehr noch als gegen Vertreter des Islam unverkennbar sein und mag er der Vorstellung seiner Zeit folgen, wonach die weiße Rasse von der Natur – und damit von Gott – dazu ausersehen sei, die Welt zu führen – mit der Figur des Winnetou öffnet er dem Wilden den Weg, zu einem Zivilisierten, zu einem Deutschen, zu werden. Vielleicht sogar etwas zu sein, das besser ist als ein Deutscher.

Trotzdem und gerade weil er in seinem inneren Kern nun ein Deutscher ist, bleibt Winnetou, diese wunderbare und idealisierte Schöpfung eines Übermenschen, im Bewusstsein seiner Leser die Inkarnation des edlen Wilden. Und sie verändert den Leser dabei selbst. Denn in dem zivilisierten Kind, dem angepassten Erwachsenen, entfaltet dieser edle Wilde eine eigene Wirkung. Wer in sich Gutes spürt, der wird den Versuch unternehmen, immer auch ein wenig wie Winnetou zu sein. Es ist diese gedachte Mischung aus unangepasster Ursprünglichkeit und geistig-kultureller Überlegenheit, aus instinktivem Gerechtigkeitsgefühl und dem charakterlichen Edelmut der gebildeten Stände, die ihre Faszination entfaltet. Sie machen den eigentlichen Kern des Winnetou aus.

Der wilde Deutsche und der deutsche Wilde

Indem May ab 1890 diese enge Verbundenheit zwischen dem Wilden aus dem Westen der USA nicht mit den Weißen, sondern mit den Deutschen herauskristallisiert und im wahrsten Sinne des Wortes romantisiert, stellt er unterschwellig fest: Wir sind uns ähnlicher, als wir glauben. Ohne explizit England-feindlich zu sein, verdammt May so auch die imperialistische Landnahme aus kommerziellen Interessen, verurteilt den englischen Expansionismus, indem er ihn zu einer Grundeigenschaft der europäischen Nordamerikaner macht.

In gewisser Weise wird so auch der Einstieg des den jungen May darstellenden Old Shatterhand zu einer Allegorie. Als Kind der europäischen Zivilisation hat er kein Problem damit, im Auftrag der Landdiebe tätig zu werden, die eine transkontinentale Bahnverbindung durch das Apachenland führen wollen. Das historische Vorbild wird May in der ab 1880 geplanten Southern Pacific Verbindung gefunden haben. Erst Stück für Stück wird dem Romanhelden das Verbrecherische seiner Tat bewusst – in der Konfrontation mit jenen Wilden, deren Land geraubt werden soll und geraubt werden wird und die sich dennoch schon hier als die edleren Menschen erweisen, indem sie ihrem dann weißen Bruder die Genehmigung geben, die Ergebnisse seiner Arbeit, die ausschließlich dem Ziel dienen, sie, die rechtlosen Wilden, zu bedrängen, an die Landdiebe zu verkaufen und damit seinen Vertrag zu erfüllen.

Um wie viel einfacher wäre es gewesen, Scharlih, wie sich May von seinen erdachten Brüdern nennen lässt, das Gold zu geben, das den Ausfall der Entlohnung hätte ersetzen können. Doch auch hier bleibt der Hochstapler May ein guter Deutscher: pacta sunt servanda.

Gleichwohl manifestiert sich hier der Bruch des Schriftstellers zwischen der deutschen Kultur und der angelsächsischen. Wir, die Deutschen, sind keine Imperialisten. Wir, die Deutschen, sind nicht die Räuber. Wir sind vielmehr jene, die den Wilden dabei helfen, so zu werden wie wir bereits sind. Das ist in einer Zeit, die geprägt war vom Bewusstsein der absoluten Überlegenheit der weißen Rasse, fast schon revolutionär. Und es war gleichzeitig reaktionär, weil es dennoch die Unterlegenheit der Kulturen der Wilden als selbstverständlich voraussetzte. Darüber hinaus liefert May eine perfekte Begründung des einsetzenden deutschen Kolonialismus.

Nicht Gewinnstreben ist des Deutschen Ziel in der Welt der Landräuber, sondern Zivilisationsvermittlung. Wir, diese Deutschen, gehen nicht in die Welt, um Land zu stehlen oder Menschen zu unterwerfen – unsere Ziele sind hehr, und wenn wir auf andere Völker treffen, dann ist es unser Ziel, sie auf die gleiche Ebene der Kultur zu heben, über die wir selbst verfügen. In gewisser Weise entspricht dieses dem Weltbild, das Mays Kaiser am 2. Juli 1900 seinem Expeditionsheer mit auf den Weg nach China gibt: „Ihr habt gute Kameradschaft zu halten mit allen Truppen, mit denen ihr dort zusammenkommt. … wer es auch sei, sie fechten alle für die eine Sache, für die Zivilisation.“ Wilhelm II. war bereit, für diese Zivilisation auch den Massenmord zu befehlen. Das unterschied ihn vom gereiften May.

Den Umgang des belgischen Königs Leopold 2 mit „seinem” Kongo muss May – sollte er um ihn gewusst haben – ebenso zutiefst verurteilt haben, wie ihm die Versklavung der „armen Neger” durch die Araber und die Türken ein Gräuel war. Spätestens der Völkermord an den Herero im deutschen Südwestafrika, der eine erschreckende Ähnlichkeit mit dem einzigen Massenmord des Winnetou im zweiten Teil der Winnetou-Trilogie aufweist, widersprach diesem Ideal eklatant. May selbst äußerte sich dazu nicht mehr  – vielleicht auch deshalb, weil er selbst dieser Welt schon zu entrückt war. Seine einzige Geschichte, die im Süden Afrikas spielt, fällt als Ich-Erzählung des 1842 in Radebeul geborenen Schriftstellers in die späten 1830er Jahre. Seinen letzten Roman hatte May 1910 veröffentlicht – seit 1900 waren seine Erzählungen nicht mehr wirklich von dieser Welt.

Doch das Bild des Edlen Wilden sollte sich dank May unverrückbar im kollektiven deutschen Unterbewusstsein verankern. Es war seitdem immer fest mit dem nordamerikanischen „Wilden“ verknüpft und bot einer Verklärung Vorschub, die manchmal fast schon pseudoreligiösen Charakter annahm. Winnetou blieb unserem Bewusstsein erhalten. Sollte er jemals in die Gefahr geraten sein, vergessen zu werden, so holten ihn die zahllosen B-Movies, die mit einer Titelfigur seines Namens in Annäherung an manchen Inhalt des Karl May in den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts produziert wurden, zurück in seine rund achtzig Jahre zuvor gedachte Rolle. Zwanzig Jahre nach Kriegsende, nach dieser vernichtenden Niederlage der Deutschen gegen das Angelsächsische, gab dieser Winnetou den moralisch zerstörten Deutschen erneut das Bild einer moralischen Instanz – und auch hier wieder ist der Edle Wilde am Ende mehr der edle Deutsche als der Amerikaner. Was Karl May nicht einmal erahnen konnte – nach der Fast-Vernichtung des Deutschen wurde sein Romanheld derjenige, der unverfänglich weil eben in seiner Herkunft nicht Deutsch die deutschen Tugenden aufgreifen und repräsentieren konnte. Die Tatsache, dass die Filmfigur von einem Franzosen gespielt wurde, unterstrich die Unangreifbarkeit des Deutschen in dieser Figur des Edlen Wilden.

Das Bild vom guten Amerikaner

Winnetou und mit ihm May prägte erneut das Bild einer Generation von dem edlen Uramerikaner, indem er diesen zum eigentlichen Träger deutscher Primärtugenden verklärte. War auch der Yankee in den sechziger Jahren noch derjenige, der, je nach Sichtweise, Deutschland von Hitler befreit oder entscheidend zur Niederlage Deutschlands beigetragen hatte – wobei das eine wie das andere nicht voneinander zu trennen war  – so war der von den Yankees bedrängte Wilde doch das eigentliche Opfer eben dieses Yankee, der immer weniger das Wohl des anderen als vielmehr das eigene im Auge hatte. Unbewusst schlich sich so in die Winnetou-Filme auch eine unterschwellige Kritik am Yankee-Kapitalismus ein, ohne dass man sie deswegen als anti-amerikanisch hätte bezeichnen können. Ob in den Romanen oder in den nachempfundenen Filmen gilt: Die wirklich Bösen, die moralisch Verwerflichen sind niemals Deutsche. Sind es nicht ohnehin schon durch und durch verderbte Kreaturen, deren konkrete Nationalität keine Rolle spielt, so sind es skrupellose Geschäftsleute mit unzweifelhaftem Yankee-Charakter. Vielleicht war dieses auch ein ausschlaggebender Grund, weshalb die DDR-Führung, die mit dem kaisertreuen Sachsen wenig anzufangen wusste, darauf verzichtete, seine Bücher aus den Regalen zu verbannen.

Im Westen Deutschlands verklärte der Blick auf die vor der Tür stehende imperialistische Sowjetarmee das Bild des Amerikaners. War die Deutsch-Sowjetische Freundschaft in den mitteldeutschen Ländern eine staatliche Order, die kaum gelebt wurde, so wurde die deutsch-amerikanische Freundschaft im Westen zu einer gelebten Wirklichkeit. Ähnlich wie schon zu Mays Zeiten zeichnete sich der Deutsche einmal mehr durch ein gerüttelt Maß an Naivität aus. Er verwechselte Interessengemeinschaft zwischen Staaten mit Freundschaft zwischen Völkern.

Uncle Sam, der schon auf seinem Rekrutierungsplakat aus dem Ersten Weltkrieg Menschen fing, um sie für ihr Land in den Tod zu schicken, wurde im Bewusstsein der Nachkriegsdeutschen/West nicht zuletzt dank Marshall-Plan zum altruistischen Onkel Sam aus Amerika.

Das verklärte Bild des US-Amerikaners Winnetou, dieses Edlen Wilden, der so viele erwünschte deutsche Eigenschaften in sich trug, mag dieser Idealisierung Vorschub geleistet haben. Die Tatsache, dass bei der US-amerikanischen Nachkriegspolitik selbstverständlich immer US-Interessen den entscheidenden Ausschlag gaben, wurde von den Deutschen/West gezielt verdrängt. In der ihnen eigenen Gemütlichkeit, für das die angelsächsische Sprache kein Pendant kennt, verklärten sie den früheren Kriegsgegner erst zum Retter und dann zum Freund. Doch die Verklärung sollte Risse bekommen. Und der Entscheidende entstand in jenen sechziger Jahren, die auch die Wiederauferstehung des Winnetou feierten.

Mochte die deutsche Volksseele den US-amerikanischen Kampf in Vietnam anfangs noch als Rettungsaktion vor feindlicher Diktatur gesehen haben – die unmittelbare Position an einer der zu erwartenden Hauptkampflinien zwischen den Systemen vermochte diese Auffassung ebenso zu befördern wie der immer noch im Hinterkopf steckende zivilisatorische Anspruch an Kolonisierung – so wurde, je länger der Krieg dauerte, desto deutlicher, dass es nicht nur hehre Ziele waren, die die USA bewegten, sich in Vietnam zu engagieren. Das Bild vom lieben Onkel Sam aus Amerika bekam Flecken. Mehr und mehr erinnerte das US-amerikanische Vorgehen gegen die unterbewaffneten Dschungelkämpfer der Vietkong und Massaker wie das von MyLai an die Einsätze der US-Kavallerie gegen zahlenmäßig und waffentechnisch unterlegene Stämme der indigenen Amerikaner. Die indianischen Aktionen, die 1973 das Massaker von Wounded Knee in Erinnerung brachten, taten ein weiteres, um die unrühmliche Geschichte der Kolonisierung des Westens der USA in Erinnerung zu rufen.

Sahen sich die deutschen Konservativen fest an der Seite ihrer transatlantischen Freunde im globalen Kampf des Guten gegen das Böse, so verklärte die Linke den Dschungelkämpfer zu edlen Wilden, die sich mit dem Mut der Verzweiflung gegen die Kolonialismuskrake des Weltkapitalismus zur Wehr setzte. Idealbildern, die mit der Wirklichkeit wenig zu tun hatten, folgten beide.

Zu einem tiefen Graben sollte dieser in Vietnam entstandene Riss werden, als mit Bush 2 die Marionette des Yankee-Kapitalismus in einen Krieg ums Öl zog. Hier nun war es wieder, das Bild des ausschließlich auf seinen Profit bedachten Yankee – das Bild des hässlichen Amerikaners, der den Idealen des guten Deutschen so fern stand, dass in den Augen der Deutschen der von ihm bedrängte Wilde allemal der wertvollere Mensch war. In diese Situation, die ein fast schon klassisches Karl-May-Bild zeichnete, platzte 2009 die Wahl des Barack Obama als 44. Präsident der Vereinigten Staaten.

Vom Mulatten zum Messias

Dieser im traditionellen Sinne als Mulatte zu bezeichnende Mann, dessen schwarzafrikanischer Vater aus Kenia und dessen Mutter als klassisch amerikanische Nachkommin von Iren, Engländern und Deutschen aus dem kleinstbürgerlich geprägten Kernland der USA stammte, entfachte bei den Deutschen etwas, das ich als positivistischen Rassismus bezeichnen möchte. Allen voran der Anchorman der wichtigsten öffentlich-rechtlichen Newsshow wurde nicht müde, diesen „ersten farbigen Präsidenten der USA” in den höchsten Tönen zu feiern. Wie sehr er und mit ihm alle, die in das gleiche Horn stießen, ihren tief in ihnen verankerten Rassismus auslebten, wurde ihnen nie bewusst. Denn tatsächlich ist die Reduzierung des Mulatten, der ebenso weiß wie schwarz ist, auf seinen schwarzen Teil nichts anderes als eine gedankliche Fortsetzung nationalsozialistischer Rassegesetze. Der Deutsche, dessen Eltern zur Hälfte arisch und zur anderen Hälfte semitisch – oder eben zur einen Hälfte deutsch und zur anderen Hälfte jüdisch – waren, wurde auf seinen jüdischen Erbteil reduziert. Als vorgeblicher Mischling zweier Menschenrassen  – als „Bastard” – durfte er eines nicht mehr sein: Weißer, Arier, Europäer, Deutscher. Wenn der Nachrichtenmoderator den Mulatten Obama auf seine schwarzafrikanischen Gene reduzierte, mag man dieses vielleicht noch damit zu begründen versuchen, dass die äußere Anmutung des US-Präsidenten eher der eines schwarzen als der eines weißen Amerikaners entspricht. Aber auch dieses offenbart bereits den unterschwelligen Rassismus, der sich bei der deutschen Berichterstattung über Obama Bahn gebrochen hatte.

Ich sprach von einem positivistischen Rassismus – was angesichts der innerdeutschen Rassismusdebatte, die zwangsläufig aus dem Negerkuss einen Schaumkuss und aus dem „schwarzen Mann” des Kinderspiels einen Neger macht, fast schon wie ein Oxymoron wirkt. Doch der Umgang mit dem noch nicht und dem frisch gewählten Obama offenbarte genau diesen positivistischen Rassismus. Indem er den weißen Anteil ausblendete, schob er das möglicherweise Negative im Charakter dieses Mannes ausschließlich auf dessen „weiße“ Gene – und aus dem kollektiven Bewusstsein. Als Schwarzer – denn ein Neger durfte er nicht mehr sein – löste Obama sich von all dem, was die Deutschen an Yankeeismus an ihren transatlantischen „Freunden” kritisierten. Als aus dem schwarzen US-Amerikaner der erste farbige US-Präsident wurde, konnte das immer noch in deutschen Hinterköpfen herumspukende Idealbild des im Norden Amerikas anzutreffenden Edlen Wilden seinen direkten Weg finden zur Verknüpfung des eigentlich schon deutschen Winnetou mit dem nicht-weißen Nordamerikaner Obama. Der Mulatte wurde zur lebenden Inkarnation der May’schen Romanfigur. Den Schritt vom unzivilisierten zum zivilisierten Wilden hatte er bereits hinter sich. Zumindest der nordamerikanische Neger saß nicht mehr als Sklave in einer Hütte an den Baumwollfeldern, um tumb und ungebildet sein Dasein zu fristen. Er war in der weißen Zivilisation angekommen. Aber er war kein Yankee – und er war auch nicht der „Uncle Sam“, der den Deutschen vorschwebte, wenn er an „den Ami“ dachte.

Mit seinem eloquenten Auftreten, mit seiner so unverkennbar anderen Attitüde als der der Yankee-Inkarnation Georg Walker Bush, wurde dieser Barack Obama im Bewusstsein seiner deutschen Fans zu einem würdigen Nachfolger Winnetous. Die Deutschen liebten diesen Obama so, wie sie – vielleicht unbewusst – immer Winnetou, den Edlen Wilden, der eigentlich ein Deutscher ist, geliebt hatten. Sie liebten ihn nicht zuletzt deshalb über alle politischen Lager hinweg – von grün über rot bis schwarz. Sie liebten ihn aber auch, weil er den in ihnen wohnenden Rassismus so perfekt in eine positive Bahn lenken konnte, in der aus der unterschwelligen Angst vor dem Fremden, etwas Positives, die andere Rasse überhöhendes, werden konnte.

Obama als der Edle Wilde, als der Winnetou der Herzen, wurde automatisch auch zu einem von uns. Denn wenn der Edle Wilde Winnetou als Deutscher stirbt, weil er eigentlich schon immer einer gewesen ist – dann musste auch Obama in seinem Charakter ein Deutscher und kein Yankee sein. Mit seinem spektakulären Auftritt an der Berliner Siegessäule hatte er diese Botschaft unbewusst aber erfolgreich in die Herzen der Deutschen gelegt.

Die Deutschen stellten sich damit selbst die Falle auf, in der sie sich spätestens 2013 unrettbar verfangen sollten. Denn sie hatten verkannt, dass dieser Heilsbringer, dieser Edle Wilde aus dem Norden Amerikas, in erster Linie nichts anderes war als ein US-amerikanischer Politiker wie tausende vor ihm. Und eben ein US-amerikanischer Präsident wie dreiundvierzig vor ihm. Auch ein Obama kochte nur mit Wasser. Auch ein Obama unterlag den Zwängen des tagtäglichen Politikgeschehens. Auch ein Obama stand unter dem Druck, den die Plutokraten der USA ausüben konnten.

Denkt man in historischen Kategorien, dann war es Obamas größter Fehler, nicht in dem ersten Jahr seiner Amtszeit von einem fanatischen weißen Amerikaner ermordet worden zu sein. Wäre ihm dieses zugestoßen – nicht nur die Deutschen, aber diese ganz besonders, hätten den Mulatten Obama zu einer gottesähnlichen Heilsfigur stilisiert, gegen die die Ikone Kennedy derart in den Hintergrund hätte treten müssen, dass man sie ob ihrer Blässe bald nicht mehr wahrgenommen hätte. Dieser Obama hätte das Format gehabt, zu einem neuen Messias zu werden.

Es sei dem Menschen Obama und seiner Familie selbstverständlich gegönnt, nicht Opfer eines geisteskranken Fanatikers geworden zu sein. Sein idealisiertes Bild des Edlen Wilden, des farbigen Messias, der angetreten war, die Welt vor sich selbst zu retten, ging darüber jedoch in die Brüche.

Spätestens, als die NSA-Veröffentlichungen des Edward Snowden auch dem letzten Deutschen klar machten, dass die deutsche Freundschaft zu Amerika eine sehr einseitige, der deutschen Gemütlichkeit geschuldete Angelegenheit gewesen war, zerbrach das edle Bild des Winnetou Obama in Tausende von Scherben.

Es war mehr als nur Enttäuschung, die die Reaktionen auf die Erkenntnis erklären hilft, dass der Edle Wilde Winnetou niemals mehr war als das im Kopf eines Spätromantikers herumspukende Idealbild des besseren Deutschen – und auch nie mehr sein konnte. Diese Erkenntnis traf die Deutschen wie ein Schlag mit dem Tomahawk.

Die wahre Welt, so wurde den romantischen Deutschen schlagartig bewusst, kann sich Winnetous nicht leisten.

Und so ist Winnetou nun wieder das Idealbild eines Edlen Wilden, der eigentlich ein Deutscher ist, und der doch niemals Wirklichkeit werden kann. Und Obama ist ein US-amerikanischer Präsident, der ebenso wenig ein Messias ist, wie dieses seine zahlreichen Vorgänger waren und seine Nachfolger sein werden.

Die in HIRAM7 REVIEW veröffentlichten Essays und Kommentare geben nicht grundsätzlich den Standpunkt der Redaktion wieder.


100th Anniversary of Current History

January 1, 2014

Current History, the journal of contemporary international affairs, marks its 100th anniversary with a special January issue: “Global Trends, 2014.” The issue features essays by Michael Mandelbaum, Larry Diamond, Sheila Jasanoff, G. John Ikenberry, Joseph S. Nye Jr., Scott D. Sagan, Bruce Russett, Martha Crenshaw, and more.

Perils and Progress

by Alan Sorensen
Editor of Current History

After Current History began publication a hundred years ago, the world suffered a succession of horrors: world wars, depression, totalitarian tyranny, genocide, nuclear terror, environmental threats. These sorely tested the modern belief in progress. Yet over this same century, knowledge and innovations accumulated, liberal values and open markets spread, and nations laid the foundations for collective security and global governance.

For our centennial issue, we asked a dozen scholars to consider major trends that emerged in the past century and how these might influence events moving forward. A fair reading of their essays gives cause to hope for a bright, if complicated, future.

Not that progress will be automatic. All the essays, on the contrary, emphasize the importance of politics.

The world still depends on America to safeguard security and promote globalization, according to Michael Mandelbaum. Sheila Jasanoff warns that global warming could threaten the human species with ruin, absent concerted effort. The challenges posed by globalization, says G. John Ikenberry, increase the demand for international coordination. Will supply follow? Amrita Narlikar argues that burden sharing will require greater understanding of rising powers’ interests, world views, and negotiating strategies. Still, as Ikenberry suggests, China and other emerging powers have little interest in overturning the US-built international order that has facilitated their progress.

A recent wave of democratic regressions, governing failures in advanced nations, autocratic resistance, and turmoil following the Arab Spring raise concerns about the health of democracy within nations, concedes Larry Diamond.

However, as he points out in his essay, “it is worth considering the intrinsic political dilemmas of authoritarian regimes, and the tenacity of popular aspirations for government that is open and accountable.”

The swelling ranks of a global middle class ought to boost democratic prospects. Nicholas Eberstadt notes that “the greatest population explosion in history” over the past hundred years did not prevent the “greatest jump in per capita income levels ever recorded.” The rapid expansion of global markets has lifted millions from poverty. And the international economy, observes Uri Dadush, is no zero-sum game in which countries prosper only at others’ expense.

In another demonstration that politics matters, the rich nations’ current stagnation has resulted, Dadush says, not from “the rise of the rest,” but from “errors in macroeconomic policy and regulation.”

The security realm, too, is a positive-sum game in which mutual interests multiply. Increasing economic interdependence and advances in liberal norms and institutions account for a demonstrable decline in warfare, writes Bruce Russett.

The ongoing information revolution, according to Joseph S. Nye Jr., is helping to disperse power to more actors, including groups that seek to influence others via example and persuasion, rather than coercion. Martha Crenshaw observes that threats nowadays arise less from rivalry among great powers than from extremist groups operating in frail states. But keeping the nuclear peace, Scott D. Sagan warns, will depend on sustained cooperation to discourage proliferation and uphold the taboo against using atomic arms.

Moral progress, meanwhile, continues apace— evidenced, for example, in evolving attitudes about torture, the treatment of women and minorities, and human rights generally. The struggle for gay rights, highlighted by Omar Encarnación, also underscores the importance of politics. Human rights, too, are not a zero-sum contest (gay rights do not threaten heterosexual rights). And here again, there is cause for optimism.

As Encarnación notes: “International norms, once established, tend to spread to even the most recalcitrant corners of the world as part of the international ‘socialization’ of states.”!

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Thomas Hardy’s great poem on the turn of the year

December 27, 2013

thomas-hardy-grave

The Darkling Thrush

I leant upon a coppice gate
When Frost was spectre-gray,
And Winter’s dregs made desolate
The weakening eye of day.
The tangled bine-stems scored the sky
Like strings of broken lyres,
And all mankind that haunted nigh
Had sought their household fires.

The land’s sharp features seemed to be
Century’s corpse outleant,
His crypt the cloudy canopy,
The wind his death-lament.
The ancient pulse of germ and birth
Was shrunken hard and dry,
And every spirit upon earth
Seemed fervorless as I.

At once a voice arose among
The bleak twigs overhead
In a full-hearted evensong
Of joy illimited;
An aged thrush, frail, gaunt, and small
In blast-beruffled plume,
Had chosen thus to fling his soul
Upon the growing gloom.

So little cause for carolings
Of such ecstatic sound
Was written on terrestrial things
Afar or nigh around,
That I could think there trembled through
His happy good-night air
Some blessed Hope, whereof he knew
And I was unaware.

31 December 1900

Thomas Hardy (1840-1928)


500 Years of Niccolò Machiavelli’s Masterpiece “The Prince” (1513)

December 10, 2013

“The first method for estimating the intelligence of a ruler is to look at the men he has around him.” Niccolò Machiavelli, The Prince (1513)

December 2013 is dedicated to one of the greatest theorists of politics in history: Niccolò Machiavelli, whose masterpiece ‘The Prince’ came out on December 10, 1513—500 years ago.

In an op-ed in the New York Times John T. Scott (University of California) and Robert Zaretsky (University of Houston), and authors of “The Philosophers’ Quarrel: Rousseau, Hume and the Limits of Human Understanding.”, explore the legacy of ‘The Prince’.

“Yet Machiavelli teaches that in a world where so many are not good, you must learn to be able to not be good. The virtues taught in our secular and religious schools are incompatible with the virtues one must practice to safeguard those same institutions. The power of the lion and the cleverness of the fox: These are the qualities a leader must harness to preserve the republic.

For such a leader, allies are friends when it is in their interest to be. (We can, with difficulty, accept this lesson when embodied by a Charles de Gaulle; we have even greater difficulty when it is taught by, say, Hamid Karzai.) What’s more, Machiavelli says, leaders must at times inspire fear not only in their foes but even in their allies — and even in their own ministers.”

Read full story.

Historian Quentin Skinner on Machiavelli’s “The Prince” (1513)


Das Biblikon-Projekt – Die Entschlüsselung des Bibel-Codes

December 3, 2013

Gut ein halbes Jahrzehnt hat sich der Politikwissenschaftler und Historiker Tomas Michael Spahn neben seinen beruflichen Aufgaben als Berater für politische Kommunikation und Analytik dem Alten Testament der christlichen Bibel – dem Tanach der Juden – gewidmet.

Was als der Versuch eines kurzen Essays über die Lebenswirklichkeit des biblischen Königs Josia begann, wurde zu einer Analyse dieses Werks, die mittlerweile ziemlich genau 1.350 gedruckte Seiten umfasst und die Spahn jetzt unter dem Titel „Das Biblikon-Projekt – Die Entschlüsselung des Bibel-Codes“ veröffentlicht hat.

Die Ergebnisse dieser Analyse sind – zurückhaltend formuliert – sensationell. Denn im Grunde stellt Spahn 2.500 Jahre gelebte Menschheitsgeschichte auf den Kopf und entlarvt die Wirklichkeit der Religion als etwas, das er als “sacred fiction” – heilige Fiktion – bezeichnet.

„Schon Gandhi erkannte: Das Grundproblem bei jeglicher Betrachtung menschlicher Interaktionen und historischer Vorgänge ist die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Wirklichkeit“, sagt der frühere Leiter der Öffentlichkeitsarbeit einer Berliner Landesbehörde und Ressortleiter einer deutschen Tageszeitung.

“Wahrheit ist das, was war oder ist – was tatsächlich war oder ist. Nicht das, was gewesen sein soll oder sein könnte oder von dem wir glauben, dass es war oder ist. Sobald wir letzteres jedoch zu unserer persönlichen Scheinwahrheit machen, wird es zur Wirklichkeit. Wirklichkeit kann also sein, ohne auf Wahrheit zu beruhen – und gleichwohl unterstellen wir, dass es so sei.“

Wer in dreißig Berufsjahren als politischer Redakteur und als Kommunikationsverantwortlicher in Unternehmen und Verwaltung tätig war, lerne den Unterschied zwischen Wahrheit und Wirklichkeit zu erkennen, meint Spahn. Als Redakteur sei es seine Aufgabe gewesen, die ihm präsentierte Wirklichkeit auf ihren Wahrheitskern zurück zu führen. Als Öffentlichkeitsarbeiter hingegen habe er das genaue Gegenteil gemacht: Aus der Sache wurde eine Wirklichkeit für die Öffentlichkeit, die mit der Wahrheit nicht immer etwas zu tun haben musste.

Damit schließt sich für den Analytiker der Kreis zur Bibel. Eines der faszinierendsten Phänomene der gelebten Wirklichkeit sei es, dass selbst in den renommiertesten, historischen Fachbüchern die im Tanach geschilderte Geschichte als historischer Tatsachenbericht eingeflossen ist.

Spahn: “Sachlich betrachtet hat die Bibel erst einmal nicht mehr historischen Wahrheitsgehalt als beispielsweise die Ilias oder das Siegfried-Lied. Kein Historiker würde auf die Idee kommen, diese literarischen Werke ungeprüft als geschichtliche Wahrheit in seine Werke zu schreiben.“

Ganz anders bei den Erzählungen zum Ursprung des Monotheismus: Jenseits jeglicher Fremdquelle, die die Geschichten belegen könnte, seien die biblischen Darstellungen als vorgebliche Wahrheit in die Geschichtsschreibung eingeflossen und fänden sich dort bis heute. Für Spahn ist dieses der trotz abendländischer Aufklärung nachwirkende Wahrheitsanspruch der Kirche, der “als Wirklichkeit derart tief in unserem kollektiven Bewusstsein verankert ist, dass sich kaum einer traut, ihn als das zu bezeichnen, was er ist: Eine Fabel, deren Wahrheitsnachweis bislang ausgeblieben ist.”

Als der Publizist und Nahostkenner begann, sich intensiv mit den Geschichten des Alten Testaments zu beschäftigen, stieß er schnell auf Ungereimtheiten, die seit geraumer Zeit die historische Wissenschaft zu Korrekturen hätten bewegen müssen. “Eine der grundsätzlichen Fragen ist es, in welcher Schrift der eine Gott seine zehn Gebote in den Fels des Berges Sinai geschrieben hat”, befindet Spahn. Laut biblischer Darstellung habe sich dieser Vorgang auf der Flucht der Hebräer, die korrekt als „Seitenwechsler“ zu übersetzen seien, aus Ägypten ereignet – und damit viele Jahrhunderte, bevor die legendären Könige David und Salomo das Großreich Israel gegründet hätten.

“Wenn es so ist, wie der Tanach es darstellt, stehen wir vor einem Problem. Die Wissenschaft weiß heute, dass die hebräischen Schriftzeichen sich keinesfalls vor der letzten vorchristlichen Jahrtausendwende entwickeln haben. In welcher Schrift also schrieb der Gott Jahuah Jahrhunderte vor dieser Zeit seine Gebote in den Sinai?” Hinzu käme, dass auch die Geschichte von der gewaltsamen Übernahme des “Landes Kanaan” – und damit der gesamte Komplex der fünf Bücher Mose sowie die Josua-Geschichte -zumindest dann nicht in Ivrit geschrieben worden sein können, wenn sie als Tatsachenberichte zum Zeitpunkt des geschilderten Geschehens verfasst wurden. Diesen Eindruck jedoch vermittelten diese Geschichten – und da nicht sein kann, was nachweislich nicht möglich ist, müsse es sich bei diesen sechs Büchern um deutlich später schriftlich verfasste Erzählungen handeln.

Damit jedoch müssten ihre Inhalte nicht zwingend unrichtig sein. Sie könnten immer noch auf tatsächlichem Geschehen beruhen. Wenn sie allerdings, wie der israelische Archäologe Israel Finkelstein nachgewiesen hat, eine Welt des achten oder siebten vorchristlichen Jahrhunderts beschreiben, dann haben sie in etwa den gleichen historischen Wert wie jene mittelalterlichen Kunstwerke, die die Juden zur Zeit Christi in der Garderobe der mittelalterlichen Ghettos zeigen. Von einem wäre in diesem Falle jedoch zwingend auszugehen: Eine möglicherweise wahre Geschichte hätte über die Jahrhunderte zahllose Veränderungen erfahren können, wäre erweitert und glorifiziert worden. Insofern bliebe vielleicht ein Kern an Wahrheit.

Die Frage sei dann jedoch: Welches ist dieser Kern. Denn es gibt auch andere Ungereimtheiten, die nicht passen wollen. So kauft der aus Mesopotamien zugewanderte Urvater Abraham einem Hethiter ein Grundstück ab. Das Problem: Die Hethiter waren erst deutlich später in der Region anzutreffen, als zu jenem Zeitraum, in dem die Abraham-Geschichte historisch zu verorten ist. Andererseits waren “chét”, wie die Hethiter im Original heißen, eine gängige Bezeichnung der assyrischen Herrscher in Ninive für die Bewohner der Region zwischen Jerusalem und Anatolien. Die assyrischen Konflikte mit diesen Chét wiederum fallen in die Zeit des achten und siebten vorchristlichen Jahrhunderts und stützen so die Erkenntnis Finkelsteins, dass wesentliche Teile des Tanach nicht vor dieser Zeit verfasst wurden.

Der Kommunikationsexperte Spahn wandte sich in einem weiteren Schritt konkreten Fragen der Sprache und des erzählerischen Aufbaus des Alten Testaments zu. Dabei kommt er neben zahlreichen anderen neuen Erkenntnissen zu der Feststellung, dass die Autoren der Bibel, vergleichbar den Kolportage-Autoren des 19. Jahrhunderts, über Master-Stories verfügten, die mit unterschiedlicher Besetzung zu unterschiedlichen Zeiten in das Gesamtwerk einfließen. Beispielhaft wird dieses aufgezeigt an der Erzählung von der verschacherten Ehefrau, deren Muster sich dreimal findet und die sich am Ende als Lagerfeuer-Erzählung der Nomaden erklärt, in der diese den Reiz ihrer Frauen und die Dummheit der von ihnen verachteten Städter feiern.

Werkzeuge der Statistik halfen, einzelne Erzählkomplexe bestimmten – bis heute weitgehend unbekannten – Autoren zuzuweisen.

Spahn: “Autoren sind oftmals daran zu erkennen, dass in ihren Texten spezifische Begriffe und Floskeln Verwendung finden, die bei anderen Autoren und zu anderen Zeiten nicht zum Einsatz kommen. So können wir beispielsweise davon ausgehen, dass ein deutschsprachiger Text, in dem eine Häufung des Begriffes ‘Nachhaltigkeit’ auffällt, keinesfalls vor den achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts verfasst worden sein kann. Umgekehrt finden wir beispielsweise in den Originalen der Romane der Volkschriftsteller May und Gerstäcker Begriffe, die schon einhundert Jahre später kein normal gebildeter Leser mehr kennt. Eine lebendige Sprache unterliegt einem permanenten Wandel. Begriffe, die keinen Nutzwert mehr haben, verschwinden, werden durch neue abgelöst. Andere Begriffe wandeln die mit ihnen verbundene Assoziation und können so – durch spätere Generationen gelesen – zu gänzlich falschen Interpretationen des geschriebenen Wortes führen.”

Wenn dieses heute so sei, fügt der Autor hinzu, dann sei dieses auch in der Antike nicht anders gewesen. Und so stelle sich die Frage, ob das, was wir heute in der Bibel selbst dann lesen, wenn wir auf den Aleppo-Codex des Tanach als älteste verfügbare Quelle in Ivrit zurückgreifen, tatsächlich so darin gestanden habe, wie wir es heute verstehen wollen oder sollen.

Nach diesen grundsätzlichen Fragestellungen richtete Spahn sein Augenmerk erneut auf den ursprünglichen Untersuchungsgegenstand: Dem König oder Mélék Josia, der in der hebräischen Originalschrift Jéáshéjah, der das Feuer des/von Jah ist, heißt. Die Bibel schreibt diesem einzigen Herrscher von Jahudah, dessen Erscheinen im Tanach prophezeit wird, zahlreiche Leistungen zu. Obgleich als Heidenkind – also Anhänger der assyrischen Götterwelt – aufgewachsen, bekehrt er sich zu dem einen Gott Jahuah, lässt dessen Tempel in Jerusalem renovieren und anschließend in einer großangelegten Aktion das Land von allen Stätten der Nicht-Jahuahisten “reinigen”. Bei der Renovierung des Tempels wird zufällig ein antikes Textwerk gefunden: Das Gesetzbuch des Mose. Und hier beginnen für Spahn die ebenso offensichtlichen wie bis heute verdrängten Ungereimtheiten. Denn das Buch Mose ist weder dem Herrscher noch seinen Getreuen als mosaisches Basiswerk bekannt. Theatralisch zerreißt Josia seine Kleider, klagt: „Wenn wir das gewusst hätten …!“

Wenn nun aber dem vorgeblich mosaischen Josia das Buch Mose nicht bekannt war – wäre das nicht ungefähr so, als wenn der katholische Papst ohne Evangelium oder der Ayatollah Chamenei seine klerikale Funktion ohne den Quran leben würde? Was also kann das für ein jüdischer Glaube gewesen sein, dem dieser Mélék vor dem Fund des mosaischen Gesetzes anhing?

Es ist nicht die einzige Ungereimtheit in diesem Text, die Spahn aufzeigt. Am Ende seiner Auseinandersetzung mit dieser Person und ihrem Umfeld steht für ihn fest, dass es “einen jüdischen Glauben in der Form, wie wir ihn heute kennen, vor 622 vor Christus nicht gegeben haben kann”. Seine in umfassender Analyse erarbeitete Darstellung der nahöstlichen Geschichte zwischen 630 und 580 liest sich dann auch gänzlich anders, als in allen Geschichtsbüchern und theologischen Werken beschrieben.

Spahn geht davon aus, dass es ein wirklich unabhängiges Königreich in Jahudah vor und nach Josia nicht gegeben hat. Die im Tanach beschriebenen “Könige” waren in aller Regel nichts anderes als Statthalter der jeweiligen Hegemonialmächte Ägypten, Assyrien und Babylon. Vor allem waren sie eines nicht: Genetische Nachfahren eines legendären David. Sie entstammten aus den führenden Familien Jerusalems – und “Söhne Davids” wurden sie nur deshalb, weil die Königschroniken zu jener Zeit von Indus bis Nil den jeweiligen Nachfolger im Amt als “Sohn” bezeichneten. Leibliche Söhne – so wird unter anderem anhand der Königschronik des assyrischen Herrschers Sanherib nachgewiesen – erhielten den Hinweis auf die Zeugung “aus meinen Lenden”, der sich in ähnlicher Form gelegentlich auch im Tanach findet.

Als Josia – vermutlich in Folge einer priesterlichen Intrige – an die Macht kommt, hat die vom Nil bis zum Tigris ausgedehnte Macht der Assyrer ihren Zenit bereits überschritten. Im fernen Babylon erhebt sich ein ehemaliger Offizier, dessen leiblicher Sohn Nebukadnezar dereinst zum Herrscher der damals bekannten Welt aufsteigen sollte. Nachweislich ist der Babylonier mit den Medern verbündet. Spahn geht davon aus – und findet dafür eine plausible Beweiskette – dass auch der assyrische Vasallenkönig Josia zu den Verschwörern gehörte. Um 626 vc stieß er zu den Aufrührern, schloss mit ihnen einen Geheimvertrag, den der Tanach als den “Bund des Jah” in zahlreichen Details beschreibt. Dem Jahudahi wurde unter dem Dach des künftigen Herrschers in Babylon absolute Selbstverwaltung garantiert. Das Land solle ihm auf alle Ewigkeit gehören, das Volk von Jahudah – im Gegensatz zu den gewaltsam unterworfenen Stämmen – als “sein Volk” im Reich eine privilegierte Stellung unter dem allmächtigen Herrscher am Euphrat erhalten. Mehr noch: Die damals als Handelszentrum aufblühende Metropole Jerusalem solle künftig der Hauptverwaltungssitz des zu schaffenden Großreichs für den Westen des Reichs werden. Dorthin hätten die Völker zu pilgern, ihre Abgaben zu entrichten und dem fernen Herrscher der Welt zu huldigen. Der Wohlstand der Region wäre damit langfristig gesichert gewesen, die Jahudahim von ewigen Vasallen zu Mitherrschern aufgestiegen.

Da es auf dieser Welt nichts umsonst gibt, erwartete der Rebell im fernen Babylon allerdings auch eine Gegenleistung. Josia sollte die Herrschaft der Assyrer in Jahudah und in den angrenzenden Ländern Israel – das niemals zuvor Teil eines jüdischen Reiches gewesen war und das die Jahudahim als Kénéýn (Kanaan) bezeichneten – und in der Mittelmeerküstenregion – dem assyrischen Land Chét, das für die Semiten auch das Land der Féléshétjm (korrekt übersetzt als “Eindringlinge”) ist – übernehmen.

Die Verbündeten gegen Assyrien verfolgen damit ein doppeltes Ziel: Zum einen sollten die Jahudahim eine zweite Front im Südwesten eröffnen. Die alliierten Babylonier und Meder drangen im Osten gegen die langjährige Hegemonialmacht vor. Josia sollte Kräfte binden, damit die Eroberung des assyrischen Kernlandes erleichtert werden konnte. Wichtiger noch aber war es, die damals ebenfalls zu Assyrien gehörenden Ägypter daran zu hindern, die Zentralmacht mit Nachschub und militärischen Kräften zu unterstützen.

“Jahudahs Hauptgegner in diesem Konflikt sind nicht die Assyrer, denn diese sind durch ihren Abwehrkampf gegen Babylon und Medien gebunden, sondern die Ägypter”, erläutert Spahn. Tatsächlich wird Josia seinen vertraglichen Verpflichtungen gerecht. Er schaltet das ehedem assyrische Jahudah gleich, erobert weite Teile der assyrischen Provinz Samaria (Shémérunah) – dem Israel des Tanach – und stellt sich dem ägyptischen Heer entgegen, als dieses im Jahr 609 vc entlang der Küste nach Norden zieht, um die zwischenzeitlich nach Haran geflohene assyrische Regierung zu entsetzen.

Damit dann allerdings endet der jahudahische Ausflug in die Weltgeschichte keine zwanzig Jahre, nachdem er begonnen hat. Bei seinem Versuch, sich dem Pharao, der zuvor noch in Unkenntnis des Geheimabkommens eine Neutralitätserklärung für das Reich des Josia abgibt, in den Weg zu stellen, wird der Herrscher Jerusalems getötet oder zumindest tödlich verwundet – womit der Tanach Jahuah ungewollt einer Lüge überführt, denn zuvor hatte der eine Gott seinem Anhänger einen friedlichen Tod voraussagen lassen. Das ägyptische Heer zieht weiter nach Norden, unterliegt dort jedoch militärisch den babylonischen Alliierten. Auf seinem Rückzug an den Nil besetzt der Pharao dennoch das geschwächte Jerusalem und setzt dort einen Statthalter ein, den der Tanach in seiner Legendenbildung ebenfalls zu einem davidischen König macht. Im Jahr 605 vc ist Babylon stark genug, nach Süden gegen Ägypten vorzugehen. Nun sind es die Babylonier, die Jerusalem übernehmen und dort Statthalter etablieren.

“Bemerkenswert dabei ist, dass Nebukadnezar sich immer noch der Verdienste der Jahudahim im Befreiungskampf erinnert. Der von Ägypten eingesetzte Statthalter ist der Spross eines der Männer, die maßgeblich am Zustandekommen des Geheimbundes mitgewirkt haben. Als dieser sich nun dem Babylonier unterwirft und Nebukadnezar in Babylon als seinen Allmächtigen anerkennt, darf er sein Amt – nunmehr von Babylons Gnaden – weiter ausüben”, so Spahn.

Doch die Nachfolger des Josia verspielen ihre Chance. Sie konspirieren weiter mit Ägypten und provozieren damit zwei Strafexpeditionen der Babylonier. 598 vc wird das abtrünnige Jerusalem erneut besetzt. Nebukadnezar sieht abermals von einem Strafgericht ab und setzt einen anderen Spross aus der jahudahischen Elite zum Statthalter ein. Auch dieser konspiriert mit Ägypten – 586 vc wird die Metropole erneut erobert und nunmehr zerstört. Nicht allerdings ohne dass die Babylonier zuvor mehrfach den Versuch unternommen hätten, über den im Tanach als “Jahuah Zébaut” bezeichneten, babylonischen Militärbefehlshaber und Gouverneur über die babylonische Provinz Israel die belagerten Jahudahim mit zahlreichen Zusicherungen für Leib und Leben zur freiwilligen Übergabe zu bewegen. Doch der vorgeblich letzte Mélék von Jahudah, der von Nebukadnezar mit der Bezeichnung Zedekia (Zédéqéjah – der Gerechte des/von Jah) eingesetzt worden war, ist längst nicht mehr Herr des Geschehens. Der Kampf wird von einer Militärjunta geführt – Zedekia ist nur noch ein Marionettenkönig.

“Mir ist bewusst, dass diese Version der Geschichte allem widerspricht, was für die Menschheit seit Jahrtausenden als Wirklichkeit gilt”, stellt Spahn fest. “Aber”, so fügt er hinzu, “die Analyse des Quelltextes und der Abgleich mit historischen Quellen lässt nur diese eine einzige Version als plausibel erkennen.”

Wie nun aber sind in diesem Kontext all die biblischen Erzählungen einzuordnen, die von früheren, monotheistischen Herrschern in Jerusalem zu berichten wissen?

Spahn hat auch dafür nachvollziehbare Erklärungen, die er mit Texten des Tanach und Fremdquellen belegen kann: “Die Bücher Mose – vielleicht nicht alle, aber deren Kernelemente – entstanden zwischen 626 und 622 vc als Arbeit einer kleinen, im Geheimen agierenden Schriftstellergruppe unter Leitung des Josia-Getreuen Chéléqéjah, den die Griechen als Hilkia übersetzt haben. Er, der ursprünglich ein Priester der weiblichen Regionalgottheit Ýnét (Anat) war und zum ersten Hohepriester des Jah wird, ist der eigentliche Strippenzieher im Hintergrund. Er macht das Kind Josia zum Mélék, er organisiert den Geheimbund des Jah mit den Babyloniern. Er leitet die aus Spenden der polytheistischen Bevölkerung finanzierte Renovierung des großen Tempels in Jerusalem, der zu diesem Zeitpunkt wie seit eh und je ein Tempel der weiblichen Gottheit Ashera gewesen ist. Er sorgt dafür, dass sich die Assyrien-treue Priesterelite arglos im Baals-Tempels zu Jerusalem trifft, um sich dort auf die Einsegnung des frisch renovierten Tempels der Ashera vorzubereiten. Er hat das Konzept entwickelt, die Elite des assyrischen Glaubens dort durch das königstreue Militär niedermetzeln und anschließend alle Stätten der Polytheisten niederbrennen zu lassen. Die Ausführung überlässt er dem Feuer des Jah – seinem Produkt Josia. Und Hilkia ist es auch, der im Geheimen das Gesetzbuch des Mose formulieren lässt, das der Bevölkerung als Glaubenskonzept des einen Gottes, der ausschließlich für das Volk von Jahudah zuständig ist, präsentiert wird und das die Initialzündung für den Befreiungskampf gegen Assyrien und Ägypten liefert.”

Deshalb, so der Politikwissenschaftler, muss beispielsweise Abraham aus Mesopotamien kommen. Die Babylonier werden so von einem fernen Stamm zu nahen Verwandten. Deshalb führt Abrahams Weg über Haran, das zu diesem Zeitpunkt Regierungssitz der Assyrer ist.

“So schreibt der Tanach den Anspruch fest, auch gegen Haran militärisch vorgehen zu können und die Illegalität der assyrischen Regierung darzulegen”, ist sich Spahn sicher. Deshalb auch werden die Ägypter, die Palästina seit Urzeiten als ihren Vorgarten betrachten, im Tanach zum Hauptfeind erklärt. Das Volk von Jahudah soll darauf vorbereitet werden, sich im äußersten Notfall gegen die Nachbarn vom Nil zu rüsten.

Nach dem dennoch durch falsche Einschätzung der weltpolitischen Lage unvermeidbaren Untergang Jerusalems setzt der entgegen seinem Bild in der Geschichtsschreibung für seine Zeit überaus humane und bedachte Herrscher der Welt, Nebukadnezar, mit Gedelja einen weiteren Spross aus befreundetem, Jerusalemer Hause ein. Der wird von seinem Jugendfreund Ismael als Verräter ermordet – und Judäa wird abschließend zum Teil der babylonischen Provinz Israel. Die überlebende städtische Elite der Jahudahim zieht es nach Babylon, wo die Männer Karriere machen und die kurze Geschichte ihres Staates mit Billigung der babylonischen Staatsmacht in ein religiöses Manifest verwandeln. Die pro-ägyptische Militärelite zieht es – begleitet von einem langjährigen Agenten und Propagandisten Babylons, den die christliche Bibel unter dem Namen Jeremia kennt – nach Ägypten, wo sich ihre Spur verliert. Im Land selbst verbleiben die sogenannten kleinen Leute. Ihre Herkunft ist teilweise semitisch, teilweise anatolisch, teilweise griechisch, teilweise vielleicht sogar kurdisch. Ihnen gemein ist, dass sie nach wie vor an ihre polytheistische Götterwelt glauben und sich in der aramäischen Sprache der Assyrer verständigen.

“All dieses steht – wenn auch verklausuliert – im Tanach. Die Bücher Josua und Könige werden im Wesentlichen in Josias Herrschaftsjahren zwischen 622 und 609 vc verfasst worden sein. Sie schaffen mit einer großartig angelegten Gründungslegende den politischen Anspruch auf die Herrschaft über die Region zwischen Mittelmeer und hinaus über den Jordan, zwischen dem östlichen Mündungsarm des Nils und Haran. Sie greifen wie die späteren Werke des Buches Jesaja, eines Propheten, den es nie gegeben hat und der ein literarisches alter ego des Hilkia ist, und die Chronik auf zeitgenössische Königsannalen anderer Archive zurück, wenn beispielsweise der Mélék Hiskia, der als chéßéqéjah niemand anderes als ein Starker des beziehungsweise von Jah ist und sich mit Sanherib anlegte, zu einem Vorläufer des Josia verklärt wird oder dem ebenfalls dokumentierten assyrischen Vasall Jehu die tatsächliche Vorgehensweise bei der Vernichtung der polytheistischen Elite zugeschrieben wird.

Die Judäababylonier, Männer wie der Schriftgelehrte Esra und die Bruderschaft der Leviten, welche sich unmittelbar aus jener geheimen Kerngruppe um Hilkia entwickelte, sind die eigentlichen Väter der jüdischen Religion. Ohne sie wäre das aus propagandistischen Gründen klerikal verbrämte, machtpolitische Projekt des Josia nach dessen Tode im Sande verlaufen. Eigentlicher Gründervater dessen, aus dem sich das moderne Judentum entwickelte, ist ausgerechnet ein Perser. Es war ein persischer Nachfolger auf dem Thron des Nebukadnezar, der sich von den Judäababyloniern von dem Konzept einer wehrhaften, anti-ägyptischen Kommune im nach wie vor assyrisch geprägten Palästina überzeugen ließ und die Mittel bereit stellte, um seinen Siedlern, die sich zu einem Großteil aus den Nachfahren unter Sanherib verschleppter Israeli rekrutierten, mit einem zentralen Tempel in Jerusalem das Zentrum einer gemeinsamen Identität zu geben, die die jüdische mit der israelischen zusammenführt. Es war dieses der erste Tempel in der Heiligen Stadt, der zu Ehren eines Gottes Jahuah errichtet wurde. Er stand, bis die Römer ihn im Jahr 70 als Reaktion auf einen Aufstand der Juden zerstörten.“

Spahn hat all diese Überlegungen, die für ihn keine Gedankenspiele, sondern die Basis der historischen Wahrheit sind, in vier Bänden veröffentlicht. Und ihm ist bewusst, dass er damit die theologischen Fundamente dreier Weltreligionen berührt.

„Je länger ich mich mit meinen Analysen beschäftigte, desto deutlicher wurde mir, dass die Ergebnisse im Zweifel auch politisch missbraucht werden könnten. Denn sie machen beispielsweise deutlich, dass es einen Glaubensjuden namens David, auf den sich der gegenwärtige Premierminister Israels gern zur Begründung seines Handelns beruft, nie gegeben hat. Sie machen auch deutlich, dass die Urväter Abraham, Ismael und Isaak, auf die sich drei Weltreligionen berufen, nichts anderes als Sagengestalten sind, die aus politischen Gründen Einzug in das religiöse Basiswerk finden mussten. Aber rechtfertigt das, die Ergebnisse der Untersuchung der Menschheit vorzuenthalten? Die Religionen werden nicht daran zu Grunde gehen, wenn sie sich mit einer Geschichte ihres Ursprungs beschäftigen, die anders aussieht, als sie es in ihre Heiligen Bücher hineininterpretiert haben.

Vielleicht aber auch mögen die Ergebnisse meiner Untersuchung ein Anstoß dazu sein, die eigentliche Funktion von Religion in das rechte Licht zu rücken. Den Glaube ist nichts anderes als die Wahrheitsunterstellung einer nicht beweisbaren Annahme. Er bedarf weder der Historizität noch scheinhistorischer Begründungen. Glaube ruht in uns – nicht in der historischen Wahrheit. Das Konzept des Josia war ein politisch motivierter, gemeinsam mit mächtigen Verbündeten perfekt erdachter Masterplan, um sich und das eigene Volk von einer im Bewusstsein der Betroffenen schon ewig währenden Fremdherrschaft zu befreien. Es musste ein religiöses werden, weil es damit für die Zeitgenossen unangreifbar wurde.“

Schon vor dem selbstverschuldeten Untergang Jerusalems sei aus dem Bündnispartner erst eine Figur geworden, die die in der griechischen Übersetzung zu Propheten mutierenden, babylonischen Verbindungsleute wie Jeremia und Hesekiel in ihren Unterlagen mit den hebräischen Buchstaben für J-H-W-H abkürzten. Über den Weg der in babylonischen Archiven wirkenden Schriftgelehrten wurde der allmächtige Herrscher der Welt namens Nebukadnezar zu dem Gott, den Juden, Christen und Muslime bis heute als himmlisches Wesen verehren – und der als historische Person auch gerade deshalb zutiefst diffamiert wurde.

Spahn: „Der Tanach ist ein auch nach heutigen Maßstäben perfekt verfasstes Propagandastück mit dem ausschließlichen Ziel politischer Weltveränderung. Dass es dabei die lebenslustige Vielfalt des sehr menschlichen, polytheistischen Götterhimmels durch einen einzigen autoritären Allmächtigen ersetzte und die bis dahin in der Religion gleichberechtigte Frau in die gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit schob, war durchaus gewollt. Die stammesdemokratischen Elemente, über die selbst der Tanach zu berichten weiß, gehörten abgeschafft, um einen aus der Sicht der Mächtigen effektiven Staat zu schaffen. Und die Frau? Sie fand sich bis zum Zeitpunkt des Staatsrevolution des Josia als ‚die Gebährende‘ in der Stellvertretung der Ashera in Jerusalem als höchste klerikale Instanz wieder. Mächtiger noch als der Mélék selbst. Deswegen machten die Autoren des Tanach sie einerseits zur Prophetin, andererseits erniedrigten sie die Dame hintersinnig mit nur einem Federstrich zu einem gebärfreudigen Nager. Aus der h‘lédah, der für Fruchtbarkeit stehenden Leda der Polytheisten, wurde chélédah, das gebärfreudige Nagetier. Kennern der griechischen Bibel ist sie als Hulda bekannt. Pointierter konnten die antiken Autoren vom Männerbund der Leviten ihre Verachtung für die Frau nicht dokumentieren.“

Tomas M. Spahn: Das Biblikon-Projekt – Die Entschlüsselung des Bibel-Codes

Band 1 – Von Adam zu Mose, ISBN 978-3-943726-01-5 (EP 17,80 €)

Band 2 – Das Feuer des Jah, ISBN 978-3-943726-02-2 (EP 17,80 €)

Band 3 – Der Erhabene des Jah, ISBN 978-3-943726-03-9 (EP 19,80 €)

Band 4 – Demokratie oder Gottesstaat, ISBN 978-3-943726-04-6 (EP 22,80 €)