Plädoyer für eine neue Militärstrategie – Kündigung des Atomwaffensperrvertrages

April 20, 2014

von Tomas Spahn

Der Autor ist ein in Hamburg lebender Publizist und Politikwissenschaftler.

Es gab eine Zeit, da war die unabhängige und souveräne Ukraine die drittgrößte Atommacht der Welt.  Rund 180 atomar bestückte Interkontinalraketen befanden sich aus dem gemeinsamen sowjetischen Erbe auf dem Hoheitsgebiet des jungen Staates – 130 vom Typ SS-19 (UR-100N) und 46 vom Typ SS-24 (RT-24). Daneben verfügte die Ukraine über zahlreiche strategische und taktische Nuklearwaffen.

Der junge Staat verzichtete am 2. Juli 1993 darauf, Atommacht zu sein. Am 14. Januar 1994 unterzeichneten die Präsidenten der Ukraine, der Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation ein Abkommen über die Vernichtung des auf ukrainischem Boden verbliebenen Atomwaffenpotentials.  Im Budapester Memorandum zu den Sicherheitsgarantien schloss sich das Vereinigte Königreich den dort niederlegten Zusagen an. Sie besagten, dass die Unterzeichnerstaaten die bestehenden Grenzen der Ukraine auf Basis der KSZE-Vereinbarungen von 1975 völkerrechtlich anerkennen, keine Gewalt gegen die Ukraine anwenden oder androhen sowie keinen wirtschaftlichen Druck auf die Ukraine ausüben werden, um damit Änderungen der völkerrechtlich garantierten Grenzen zu bewirken. Weiterhin verpflichteten sich die Unterzeichner, der Ukraine im Falle, dass derartiges dennoch geschehen sollte, beizustehen und bei einer gegen die Ukraine gerichteten Aggression den UN Sicherheitsrat einzuschalten.

Ziemlich genau zwanzig Jahre später muss die Ukraine feststellen, dass jene Skeptiker in ihren eigenen Reihen, die bereits damals gegen das Abkommen votierten, Recht behalten sollten. Mittlerweile gehört die ukrainische Krim nach russischer Lesart zur Russischen Föderation. Der russische Präsident Wladimir Putin macht nicht länger einen Hehl daraus, dass auf der Krim russische Soldaten maßgeblich zur Separation beigetragen haben. Nach Abschluss dieser Operation Krim hat Russland seine Aktivität auf die Ostprovinzen der Ukraine verlagert, wo es nach dem auf der Halbinsel erprobten Muster die Herauslösung weiterer Territorien aus der Ukraine vorantreibt.

Russland – daran kann niemand einen ernsthaften Zweifel haben  – hat damit seine Zusagen aus dem Budapester Memorandum vorsätzlich gebrochen. Doch auch die USA und Großbritannien sind vertragsbrüchig geworden. Zwar haben sie die Vereinten Nationen eingeschaltet, jene in der Vereinbarung intendierte militärische Hilfe jedoch, die den freiwilligen Verzicht auf die Atomwaffen ersetzen sollte, ist ausgeblieben. Die Ukraine steht heute da als ein Staat, der von allen früheren Vertragspartnern verraten wurde. Sie muss feststellen, dass sie 1994 ihren Kettenpanzer gegen ein Negligé eingetauscht hat, das eher Begehrlichkeiten weckte als dass es lüsterne Nachbarn von der Vergewaltigung abgehalten hätte.

So sehr sich in der aktuellen Situation das Augenmerk auf den postsowjetischen Imperialismus Russlands richtet, so muss gleichwohl konstatiert werden, dass auch die USA ein unzuverlässiger Partner sind. Von Großbritannien muss in diesem Zusammenhang nicht gesprochen werden – seine Sicherheitsgarantien für die Ukraine waren schon 1994 nichts anderes als die Reminiszenz an verflossene, weltpolitische Bedeutung.

Die Frage nach dem Wert US-amerikanischer Freundschaft stellte sich im Jahr 2013 in vehementer Weise auch bei den NATO-Verbündeten in Europa – allen voran in der Bundesrepublik. Nicht die Enthüllungen der Abhörpraktiken der NSA, die man vielleicht noch als Übereifer aus dem Ruder gelaufener, hyperventilierender Geheimdienstler hätte abtun können – es ist die Verweigerung eines No-Spy-Abkommens, die in Deutschland die Frage nach Wert und Inhalt der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft, die in US-amerikanischen Augen nichts anderes als eine Amerikanisch-Deutsche Partnerschaft ist, auf die Tagesordnung setzen.

Gilt das Nachkriegsagreement noch, wonach die USA Deutschland militärisch unterstützen, wenn es von außen angegriffen wird? Oder wird sich die zweifelnde, von inneren Gegensätzen zerrissene Großmacht wie im Falle der Ukraine auf verbale Unterstützung reduzieren und es bei dem folgenlosen Versuch einer Verurteilung der Aggression durch die vereinten Nationen belassen?

Für die Vereinigten Staaten zählten immer die eigenen Interessen. Nicht die der Partner. Deutsche Interessen sind nur dann amerikanische, wenn es amerikanische sind. Aber sind die amerikanischen Interessen in und an Deutschland noch so ausgeprägt, dass es dafür in den Krieg zieht? Nach 1945 war Deutschland spannend. Nicht nur als Bollwerk gegen den vordringenden Sowjetimperialismus, sondern auch als Markt und – zumindest in der Endphase des Krieges –als Lieferant von Militärtechnologie. Doch wie spannend ist Deutschland heute?

Als Rohstofflieferant fällt Deutschland aus. Als Knowhow-Fabrik hat es seine Führungsposition längst an die USA abgetreten. So bleibt die Rolle als strategischer Brückenkopf in Europa. Aber – reicht dafür nicht der enge Schulterschluss zwischen den USA und seiner Finanzaußenstelle England? Warum sich im Ernstfall um einen Kontinent prügeln, der nichts anderes ist als ein Wurmfortsatz am asiatischen Kontinent – und der außer ein paar hübschen Landschaften und wenigen, noch nicht ausgebeuteten Rohstoffen nichts zu bieten hat?

Deutschland, das sich unter dem Schutz der Pax Americana nach 1949 so prachtvoll entwickelte, muss den Realitäten ins Auge sehen. Um seiner kulturellen Errungenschaften, um Beethoven, Bach und Dürer wird niemand außer den Deutschen selbst für dieses Land kämpfen. Selbst das amerikanischste aller deutschen Kleinode – Ludwigs Fantasieschloss Neuschwanstein – findet sich längst im Disneyland auf US-amerikanischem Boden. Und die amerikanischen Wirtschaftsinteressen? Längst hat der deutsche, hat der europäische Markt für die USA seine prägende Position verloren. Südostasien und Afrika, aber auch Lateinamerika bilden die amerikanischen Prioritäten.

Deutschland hatte sich nach seiner vernichtenden Niederlage in der zweiten heißen Phase des 75-jährigen Krieges des europäischen Imperiums gut eingerichtet. Es verharrte in der kuscheligen Ecke des wirtschaftlichen Riesen, der sich den Luxus gönnen durfte und sogar musste, ein militärischer Zwerg zu sein. Solange die Lehren des zwanzigsten Jahrhunderts galten, konnte man damit gut leben. Ein bewaffneter Krieg schien für Deutschland, schien für Kerneuropa für alle Zeit ausgeschlossen. Statt des klassischen Konflikts zwischen Mächten drängte sich die Problematik asymmetrischer Konflikte in den Vordergrund. Doch die Bedrohung durch Terroristen, die sich von der linksextremistischen Motivation hin zu einer religiös übersteigerten Begründungsfiktion wandelte, stellte niemals die Existenz von Staaten in ihren gegebenen Grenzen grundsätzlich in Frage.

So, wie das neunzehnte Jahrhundert in den Köpfen der Menschen erst mit dem imperialen Krieg 1914 endete und mit der neuen Qualität der Waffentechnik neue zivile Strategien der Kriegsvermeidung unvermeidlich machte, so signalisiert der defacto-Überfall Russlands auf die Ukraine das Ende des zwanzigsten. Jetzt – erst jetzt befinden wir uns tatsächlich im 21. Jahrhundert. Putin hat uns brutal in dieses neue Jahrhundert hineingestoßen – und es ist nicht das von vielen erwartete Jahrhundert der Klein- und Bürgerkriege, sondern es schickt sich an, die imperiale Politik, die bis 1945 das Handeln der Staatenführer bestimmte, zu reaktivieren.

Als 1989 das letzte auf Militär- statt  Wirtschaftsmacht aufgebaute Imperium implodierte, wähnten sich die bedrohten Völker Europas erlöst und begrüßten mit Jelzins demokratischer Föderation einen neuen Partner in der Völkerfamilie der sich selbst organisierenden Völker. Doch einmal mehr sollte sich Machiavellis Feststellung bewahrheiten, dass wenn ein Volk, welches gewohnt ist, unter einem Machthaber zu leben, durch irgendein Ereignis frei wird, es nur schwer seine Freiheit behauptet.

Die Entdemokratisierung Russlands kam erst schleichend, dann immer unmittelbarer. Sie war nicht zu übersehen. Doch die demokratischen Völker verschlossen ihre Augen, wollten nicht sehen, wie der Machthaber im Kreml sein Land gleichschaltete und das zarte, wenn auch noch chaotische Pflänzchen Demokratie mit den Füßen zertrat. Es soll an dieser Stelle nicht darüber befunden werden, ob Machiavelli auch mit seinem zweiten Satz recht hatte, wonach ein heruntergekommenes Volk, das sich eine freiheitliche Verfassung gegeben hat, diese nur mit großen Schwierigkeiten erhalten kann. Tatsache bleibt gleichwohl, dass Russland niemals die Chance hatte, ein demokratisches Regierungssystem ernsthaft zu erproben. Und sich die Russen selbst bis auf diesen einen kurzen Moment, an dem Jelzin auf den Panzern seiner Getreuen die stalinistischen Putschisten am Sieg ihrer Konterrevolution hinderte,  außerstande gesehen hatten, aus eigener Kraft heraus die Tyrannei abzuschaffen.

So stand der neue starke Mann Russlands auf einer langen Tradition, als er die Autonomiebewegungen in Tschetschenien und anderswo brutal unterdrückte. Der Westen blickte verstohlen zur Seite – und er tat dieses auch, als der Antidemokrat ansetzte, seinen Nachbarn Georgien für dessen prowestliche Avancen zu maßregeln. Die Annexion der Krim, die unter Bruch der russischen Zusagen von 1994 erfolgte, ist ebenfalls bereits akzeptiert.

Europa hat sich einlullen lassen von seinem selbsthypnotischen Mantra des „Nie-wieder-Krieg“. Doch dieses Mantra funktioniert nur dann, wenn alle Beteiligten es gemeinsam beten. Russland hat das Beten eingestellt – und das seit der Antike geltende Recht des Stärkeren an seine Stelle gesetzt. Im Verständnis der Westeuropäer ist dieses ein Rückfall in die völkerrechtliche Barbarei. Doch was nützt diese Feststellung, wenn sich der andere in der Rolle des Barbaren gefällt?

Putin hat Europa, hat Deutschland aus seinem friedlichen Dämmerschlaf geweckt und in das einundzwanzigste Jahrhundert katapultiert. In einem solchen Falle gibt es nur zwei Möglichkeiten.

Der unsanft Geweckte kann versuchen, sich in seinen Dämmerschlaf zu retten. Er schließt die Augen, zieht die Decke über den Kopf und hofft, dass der Störenfried ihn im wahrsten Sinne des Wortes nicht ent-deckt. Doch die Erfahrung lehrt, dass die Entdeckung spätestens dann erfolgt, wenn alle anderen Betten zerstört sind. Deutschland kann sich wieder zurücklehnen, business-as-usual betreiben und hoffen, dass dem Störenfried die Luft ausgeht, bevor nach dem eigenen Bettzipfel greift. Doch diese Hoffnung kann sich schnell als Alptraum erweisen und im bösen Erwachen enden.

Oder der unsanft Geweckte kann das tun, was jeder, der unsanft aus dem Schlaf und aus seinen wonnigen Träumen gerissen wird, tun sollte: Ohne Zögern aufstehen und darüber nachdenken, wie der Störenfried daran gehindert werden kann, eine derartige Störung zu wiederholen und gar nach dem eigenen Bett zu greifen.

Deutschland, daran führt kein Weg vorbei, ist allein auf sich gestellt mit seiner konventionellen Rüstung kein Gegner für einen Aggressor, der es ernst meint. Deshalb ist es in die NATO eingebettet und vertraut darauf, dass im Ernstfall starke Partner an seiner Seite stehen. Doch auch hier ist nicht nur angesichts der am Beispiel Grenzgarantie für die Ukraine dokumentierten Unzuverlässigkeit der USA sowie der Disoperation in Sachen NSA die Frage zulässig, wie zuverlässig diese starken Partner sind, wenn es zum Schwur kommt. Wie hoch ist der Preis, den Amerika im Zweifel für die Freiheit Europas zu bezahlen bereit ist?

Die Beantwortung dieser Frage auf den Ernstfall zu verschieben, kann bedeuten, seine Freiheit zu opfern. Und es komme niemand damit, dass Russland kein Interesse daran habe, Deutschland zu erobern. Schon die Zaren träumten vom eigenen Zugang zu allen Weltmeeren. Sie erreichten den Pazifik, das Schwarze Meer und die Ostsee. Sie standen kurzzeitig am Gelben Meer und streckten die Finger aus zum Mittelmeer. Stalin hatte die Hoffnung nie aufgegeben, auch den Atlantik nicht nur durch den Belt und vorbei am Nordkap erreichen zu können.

Wenn es die russische Politik des einundzwanzigsten Jahrhunderts ist, an die Großmachtphantasien der blauweißen und der roten Zaren anzuknüpfen, dann ist mehr bedroht als der Schwarzmeer-Anrainer Ukraine. Dann steht im Westen des russischen Imperiums das Baltikum auf dem Programm – und Polen, Deutschland, Frankreich. Dann ist die Bedrohung nicht mehr eine ferne Vergangenheit und keine irreale, paranoide Fiktion, sondern eine Realität, die auch die Ostermarschierer mit ihren Moskau-gesteuerten SDAJ-Verwirrten in der zweiten Reihe nicht unter dem Leichentuch des widerauferstandenen Jesus verstecken können.

Deutschland – daran führt kein Weg vorbei – ist gezwungen, eine neue Miltärstrategie zu entwickeln. Eine Strategie, die anders als bisher nicht den asymmetrischen Konflikt im Bund mit Alliierten in den Vordergrund stellt, sondern sich an dem klassischen Prinzip der Selbstverteidigung orientiert. Dabei dürfen wir uns keinen Illusionen hingeben: Das Deutschland des 21. Jahrhunderts wird nicht mehr in der Lage sein, Militärapparate wie vor einhundert oder vor siebzig Jahren zu mobilisieren. Allein die demografische Entwicklung lässt dieses nicht mehr zu.

Darüber sollte auch niemand eine Träne vergießen, denn diese Mobilisierungsfähigkeit war immer auch die Fähigkeit zum Führen eines Angriffskrieges. Es gilt nach wie vor: Von Deutschem Boden darf nie wieder ein Krieg ausgehen. Aber Deutschland muss in der Lage sein, unterhalb der Schwelle des Angriffskrieges für den Verteidigungsfall ein Bedrohungspotential bereit zu halten, das auch einen überlegenen Gegner davon abhält, seine Aggressionen auszuleben.

Deutschland hat dafür nur auf den ersten Blick zwei Alternativen:

Es muss in einem Bündnis verschmelzen, in dem die vereinten Kräfte ausreichen, einen potentiellen Gegner vom Angriff abzuhalten. Ein solches Bündnis kann mit Blick auf die Unzuverlässigkeit der Vereinigten Staaten nur ein Europäisches sein. Und die Partner können nur diejenigen sein, die sich in einer gemeinsamen Bedrohungslage befinden und die gemeinsam in der Lage sein können, einem konventionellen Angriff Russlands standzuhalten. Dabei ist die Schaffung solcher gemeinsamen Kommandostrukturen und Verteidigungskooperationen nichts, das einem Verbleib in der NATO entgegensteht. Ganz im Gegenteil würde es die NATO in ihrem europäischen Teil erheblich stärken.

Oder Deutschland muss sich im Rahmen eines singulären Verteidigungskonzepts in die Situation versetzen, ohne Partner jedwedem Angreifer eine Drohung vorhalten zu können, die dessen Angriffslust erstickt. Eine solche Drohung findet sich nach Stand der Dinge jedoch ausschließlich in dem Vorhalten strategischer Atomwaffen.

Deutschland kann jedoch auch einen dritten Weg beschreiten, der den ersten und den zweiten Weg verknüpft.

Es kündigt den Atomwaffensperrvertrag, um damit deutlich zu signalisieren, dass es die neue Qualität internationaler Konfliktlösungsstrategien, die von Russland entwickeln worden sind, verstanden hat.

Es tritt umgehend in konkrete Gespräche ein mit den beiden dafür prädestinierten Partnern Frankreich und Polen mit dem Ziel, innerhalb Kerneuropas eine gemeinsame Schutzzone zu errichten, auf die jeder wie auch immer geartete Angriff als gemeinsam zu beantwortender Konflikt betrachtet wird. Dieses bedingt gemeinsame Führungsstrukturen und aufeinander abgestimmte militärische Einheiten, die im Ernstfall komplex eingesetzt werden können. Die Partner dieser Schutzzone stehen dafür, weitere Länder aufzunehmen, wenn diese sich den von den Gründungspartnern entwickelten Richtlinien anschließen. Am Ende dieser Partnerschaft muss eine gemeinsame, kerneuropäische Armee stehen, die in der Lage ist, jedwede Herausforderung anzunehmen.

Die Partner der Gespräche über die Gründung einer kerneuropäischen Schutzzone halten an der Strategie des nuklearen Gegenschlages fest. Zu diesem Zweck wird die Force de Frappe mit Unterstützung der Partner auf dem jeweils aktuellen Stand der Militärtechnik gehalten und weiterentwickelt und als gemeinsame Verteidigungswaffe in das Schutzbündnis eingebracht.

Mir ist bewusst, dass dieses Plädoyer auf zahllose Gegner stoßen wird – allen voran jene, die im Denken des nuklearen Konflikts der fünfziger Jahre verfangen sind und jene, die seit eh das Heil der Welt in Russland gesehen haben. Es steht auch zu erwarten, dass es US-amerikanische Vorbehalte geben wird, weil die kerneuropäische Force de frappe ebenso wie die französische nicht zwangsläufig in die Kommandostrukturen der NATO eingebettet ist – sie muss ein militärisches Instrument bleiben, über deren Einsatz  ausschließlich die unmittelbar Bedrohten in einer äußersten Krisensituation zu befinden haben.

Auch soll der Hinweis nicht unterbleiben, dass der hier vorgeschlagene Aufbau einer gemeinsamen kerneuropäischen Militärstrategie unter Einbeziehung der atomaren Abschreckung dann möglicherweise aufgeschoben werden kann, wenn Russland sich wider Erwarten zurück bewegen sollte auf den Stand der internationalen Gepflogenheiten der vergangenen dreißig Jahre.  Jedoch – wie viel Glauben wäre selbst dann jemandem zu schenken, der einen Vertrag nach gerade zwanzig Jahren einseitig nicht einmal kündigt, um ihn außer Kraft zu setzen?

Wir müssen – leider – konstatieren: Der Traum von einer europäischen Zukunft ohne Waffen ist seit dem März 2014 bis auf weiteres ausgeträumt. Nach wie vor gilt Machiavellis Leitsatz “Before all else, be armed”. Deutschland und die freien Staaten Europas können das zur Kenntnis nehmen und darauf angemessen reagieren. Oder sie können sich weiterhin selbst einlullen und damit das unverhohlene Ziel der russischen Politik, ein einiges Westmitteleuropa außerhalb russischer Hegemonie zu verhindern, Wirklichkeit werden lassen.

© 2014 / 20.04. Spahn / FoGEP

Die in HIRAM7 REVIEW veröffentlichten Essays und Kommentare geben nicht grundsätzlich den Standpunkt der Redaktion wieder.


The Death of Money

April 1, 2014

by James Rickards

James Rickards is the author of the national bestseller Currency Wars. He is a portfolio manager at West Shore Group and an adviser on international economics and financial threats to the Department of Defense and the U.S. intelligence community.

The prospect of the dollar failing, and the international monetary system with it, looks increasingly inevitable. The dollar nearly ceased to function as the world’s reserve currency in 1978, and similar symptoms can be seen today.

DEATH OF MONEY

Few Americans in our time recall that the dollar nearly ceased to function as the world’s reserve currency in 1978. That year the Federal Reserve dollar index declined to a distressingly low level, and the U.S. Treasury was forced to issue government bonds denominated in Swiss francs. Foreign creditors no longer trusted the U.S. dollar as a store of value. The dollar was losing purchasing power, dropping by half from 1977 to 1981; U.S. inflation was over 50 percent during those five years. Starting in 1979, the International Monetary Fund (IMF) had little choice but to mobilize its resources to issue world money (special drawing rights, or SDRs). It flooded the market with 12.1 billion SDRs to provide liquidity as global confidence in the dollar declined.

We would do well to recall those dark days. The price of gold rose 500 percent from 1977 to 1980. What began as a managed dollar devaluation in 1971, with President Richard Nixon’s abandonment of gold convertibility, became a full-scale rout by the decade’s end.

The efforts of Federal Reserve Chairman Paul Volcker and the newly elected Ronald Reagan would save the dollar. The dollar did not disappear as the world’s reserve currency after 1978, but it was a near run thing.

Now the world is back to the future.

A similar constellation of symptoms to those of 1978 can be seen in the world economy today. In July 2011 the Federal Reserve dollar index hit an all-time low, over 4 percent below the October 1978 panic level. In August 2009 the IMF once again acted as a monetary first responder and rode to the rescue with a new issuance of SDRs, equivalent to $310 billion, increasing the SDRs in circulation by 850 percent. In early September gold prices reached an all-time high, near $1,900 per ounce, up more than 200 percent from the average price in 2006, just before the new depression began.

The parallels between 1978 and recent events are eerie but imperfect. There was an element ravaging the world then that is not apparent today. It is the dog that didn’t bark: inflation. But the fact that we aren’t hearing the dog doesn’t mean it poses no danger. And from the Federal Reserve’s perspective, inflation is not a threat; indeed, higher inflation is both the Fed’s answer to the debt crisis and a policy objective.

This pro-inflation policy is an invitation to disaster, even as baffled Fed critics scratch their heads at the apparent absence of inflation in the face of unprecedented money printing by the Federal Reserve and other major central banks. Many ponder how it is that the Fed has increased the base money supply 400 percent since 2008 with practically no inflation. But two explanations are very much at hand — and they foretell the potential for collapse. The first is that the U.S. economy is structurally damaged, so the easy money cannot be put to good use. The second is that the inflation is coming. Both explanations are true — the economy is broken, and inflation is on its way.

The world economy is not yet in the “new normal.” Instead, the world is on a journey from old to new with no compass or chart. Turbulence is now the norm.

Danger comes from within and without. We have a misplaced confidence that central banks can save the day; in fact, they are ruining our markets. The value-at-risk models used by Wall Street and regulators to measure the dangers that derivatives pose are risible; they mask overleveraging, which is shamelessly transformed into grotesque compensation that is throwing our society out of balance. When the hidden costs come home to roost and taxpayers are once again stuck with the bill, the bankers will be comfortably ensconced inside their mansions and aboard their yachts. The titans will explain to credulous reporters and bought-off politicians that the new collapse was nothing they could have foreseen.

While we refuse to face truths about debts and deficits, dozens of countries all over the globe are putting pressure on the dollar. We think the gold standard is a historical relic, but there’s a contemporary scramble for gold around the world, and it may signify a move to return to the gold standard. We greatly underestimate the dangers from a cyberfinancial attack and the risks of a financial world war.

Regression analysis and correlations, so beloved by finance quants and economists, are ineffective for navigating the risks ahead. These analyses assume that the future resembles the past to an extent. History is a great teacher, but the quants’ suppositions contain fatal flaws. The first is that in looking back, they do not look far enough. The second flaw involves the quants’ failures to understand scaling dynamics that place certain risk measurements outside history. Since potential risk is an exponential function of system scale, and since the scale of financial systems measured by derivatives is unprecedented, it follows that the risk too is unprecedented.

While the word collapse as applied to the dollar sounds apocalyptic, it has an entirely pragmatic meaning. Collapse is simply the loss of confidence by citizens and central banks in the future purchasing power of the dollar. The result is that holders dump dollars, either through faster spending or through the purchase of hard assets. This rapid behavioral shift leads initially to higher interest rates, higher inflation, and the destruction of capital formation. The end result can be deflation (reminiscent of the 1930s) or inflation (reminiscent of the 1970s), or both.

The coming collapse of the dollar and the international monetary system is entirely foreseeable. This is not a provocative conclusion. The international monetary system has collapsed three times in the past century — in 1914, 1939, and 1971. Each collapse was followed by a tumultuous period. The coming collapse, like those before, may involve war, gold, or chaos, or it could involve all three. The most imminent threats to the dollar, likely to play out in the next few years, are financial warfare, deflation, hyperinflation, and market collapse. Only nations and individuals who make provision today will survive the maelstrom to come.

In place of fallacious, if popular, methods, complexity theory is the best lens for viewing present risks and likely outcomes. Capital markets are complex systems nonpareil. Complexity theory is relatively new in the history of science, but in its 60 years it has been extensively applied to weather, earthquakes, social networks, and other densely connected systems. The application of complexity theory to capital markets is still in its infancy, but it has already yielded insights into risk metrics and price dynamics that possess greater predictive power than conventional methods.

The next financial collapse will resemble nothing in history. But a more cleared-eyed view of opaque financial happenings in our world can help investors think through the best strategies.

This article is adapted from “The Death of Money: The Coming Collapse of the International Monetary System” by James Rickards, in agreement with Portfolio, an imprint of Penguin Random House. Copyright James Rickards, 2014.


Putin – Mensch und Macht

March 23, 2014

von Tomas Spahn

Der Autor ist ein in Hamburg lebender Publizist und Politikwissenschaftler.

Psychogramm eines Straßenjungen

Als ich in den frühen Neunzigern erstmals einen humanitären Hilfskonvoi von Hamburg nach Sankt Petersburg begleitete, gab es für mich einiges zu lernen. Zu lernen darüber, wie Russen ticken – und wie man mit ihnen auskommen kann. Neben zahlreichen anderen Episoden ist mir das folgende Geschehen gut in Erinnerung geblieben.

Herzlichen Dank an Heiko Sakurai für die Bereitstellung der Karikatur.

Eine Episode aus Sankt Petersburg

Als wir nach langer Fahrt durch den nordischen Winter von Helsinki aus in Sankt Petersburg angekommen waren, gehörte es zu den ersten Aufgaben unseres Konvoiführers, sich nach dem Chef der örtlichen Stadtteilgang zu erkundigen. Denn Sankt Petersburg, so erfuhr ich, war aufgeteilt in Claims, die jeweils von Straßengangs aus überwiegend jüngeren Männern beherrscht wurden. Meistens endeten die einzelnen Hoheitsgebiete an natürlichen Hindernissen wie den zahlreichen Kanälen. Manche der Gangs beherrschten jedoch auch größere Stadtgebiete.

Diese Gangs zeichnete ein in wenigen Worten zusammengefasster Ehrenkodex aus. Alles, was sich in ihrem Hoheitsgebiet befand, konnte dort seinen alltäglichen Geschäften nachgehen, solange der Alleinvertretungs-anspruch der Gang anerkannt und sie für ihre Dienste angemessen bezahlt wurde. Es war ein Geschäft auf Gegenseitigkeit.

In unserem spezifischen Falle war der zu bezahlende Dienst ein recht einfacher: Unser aus drei Lastzügen und einem Kleinlaster bestehender Konvoi sollte im öffentlichen Straßenland geparkt werden können und sich an den nächsten Morgenden samt wertvoller Ladung jeweils noch im dem Zustand befinden, in dem er am Vorabend abgestellt worden war. Sich dazu an die örtliche Polizei zu wenden, wäre ein sinnloses Unterfangen gewesen. Denn diese wusste aufgrund jahrelanger, vertrauensvoller Zusammenarbeit genau, wer allein in dem System des gegenseitigen Gebens und Nehmens für derartige Garantien zuständig war.

Über die Hotelrezeption war die Kontaktaufnahme schnell zu organisieren, und nach einer friedlich-freundlichen Einigung über die Höhe der für die benötigte Sicherheitsleistung aufzubringenden Summe war das Geschäft unter Dach und Fach. Und es war gut getan. Denn nicht nur wurde uns ein Stellplatz angewiesen, der, wie man uns wissen ließ, sakrosankt – und damit auch ohne Aufpasser vor jedwedem Diebstahl sicher sei, auch fanden wir an den nächsten Tagen die Fahrzeuge tatsächlich in unberührtem Zustand, mit unbeschädigter Ladung und unentleerten Tanks wieder.

Anders erging es einem offenbar etwas unerfahrenen Hotelgast, der seinen leeren Sattelschlepper ohne Agreement mit der örtlichen Gang abgestellt hatte. Zwar konnte er sich glücklich schätzen, dass sein Fahrzeug am nächsten Morgen noch im Wesentlichen dort stand, wo er es unbedarft abgestellt hatte. Zur Wiederherstellung der Fahrtüchtigkeit bedurfte es allerdings der Einschaltung eines örtlichen Kfz-Mechanikers, der rein zufällig über all die Bremskabel und Utensilien verfügte, die dem Sattelschlepper über Nacht abhanden gekommen waren. Natürlich ließ sich dieser seine Leistung ebenso angemessen honorieren wie die unvermeidbare Auffüllung des über Nacht entleerten Tanks – schließlich waren entsprechende Zubehörteile westeuropäischen Kraftfahrzeugbaus ebenso wie sauberes, reines Diesel im Russland der frühen Neunziger nicht an jeder Straßenecke aufzutreiben …

Der Straßenjunge aus Leningrad

Ich erzähle das, weil sich daraus einiges lernen lässt über den starken Mann im Kreml. Wladimir Putin ist ein Kind dieser Stadt Sankt Petersburg, die zu seiner Jugend noch Leningrad hieß. Wobei es nicht wirklich auf die Stadt ankommt. Denn diese Strukturen fanden sich landesweit. Auch wäre die Vorstellung falsch, dieses Straßengang-Modell zeitlich auf die Phase nach dem Untergang der Sowjetunion verorten zu wollen. Es funktionierte bereits zuvor – und es funktioniert bis heute.

Putin ist mit diesem System, ist in diesem System aufgewachsen. Er kennt es und hat es sich zu Eigen gemacht – musste es sich zu Eigen machen, um nach oben zu kommen. Er wuchs auf in den kleinen, engen Höfen der armen Leute. Dort lernte er, sich im wahrsten Sinne des Wortes durchzuschlagen.

Heute ist er selbst der Chef einer Straßengang. Der mächtigsten Straßengang. Zumindest in Russland – vorerst.

Putins Straßengang ist das, was zu Sowjetzeiten unter der Bezeichnung KGB organisiert war. Der KGB war maßgeblich daran beteiligt, ihn zum Chef zu machen. Wenn die Chefs von Straßengangs so etwas haben wie eine Familie, dann ist Putins Familie der Geheimdienst.

Als Putin nach Moskau ging, hatte er das in Leningrad erlernte Modell ebenso mitgenommen wie die wichtigsten Freunde aus seiner Leningrader Gang. Denn er konnte und kann sich darauf verlassen, dass diese Freunde aus frühen Tagen niemals etwas gegen den ungekrönten König der Gang unternehmen werden.

Die im Westen eine Zeit lang gehegte Hoffnung, der smarte und so westlich wirkende Medwedjew könnte sich zum ernstzunehmenden Gegner Putins aufschwingen, war insofern tatsächlich niemals etwas anderes als Wunschdenken, das an den Wirklichkeiten Russlands meilenweit vorbei ging.

Denn die Straßengangs, die ein fester Bestandteil russischer Gegenwartskultur sind, funktionieren nach simplen Regeln.

Es kann nur eine(n) geben

Die erste Regel lautet: Wer immer der Boss ist, er hat das absolute Sagen. Wer gegen ihn aufmuckt, hat jeden existentiellen Anspruch verwirkt.

Die zweite Regel lautet: Innerhalb des beanspruchten Territoriums kann es nur eine Gang geben, die alles regelt und die über alles die Kontrolle hat. Gibt es jenseits des beanspruchten Gebietes eine weitere Gang, die sich als unüberwindbar erweist, muss man sich mit dieser arrangieren. Dabei gilt: Jedwede Vereinbarung ist nur so lange als bindend zu betrachten, wie die jeweils andere Seite ihre eigene Stärke aufrecht erhalten kann. Denn gleichzeitig gilt auch: Jede mögliche Schwäche der Konkurrenz, die grundsätzlich immer auch als Gegner wahrgenommen wird, ist auszunutzen, um den eigenen Gebietsanspruch zu erweitern.

Siegen oder untergehen

Daraus folgt die dritte Regel: Wer sich mit der Gang anlegt, ist zum Sieg gezwungen. Erringt er diesen nicht, wird er vernichtet. Im Zweifel auch physisch. Nicht nur Chodorkowski und Beresowski, deren Gangs sich den Leningradern nicht unterwerfen wollten, mussten dieses leidvoll erfahren.

Denkbar ist jedoch, sich aus mehr oder minder freien Stücken als schwächere Straßengang der mächtigeren anzuschließen. Was bedeutet, dass man sich deren Boss vorbehaltlos unterwirft. Und zu keinem Zeitpunkt eigene Ambitionen der Machtübernahme erkennen lässt.

Keine unkalkulierbaren Risiken

Neben diesen drei Grundregeln existiert auch eine ebenso ungeschriebene vierte, die mit Blick auf Putin nicht unbedeutend ist. Sie lautet: Bevor Du Dich mit einer konkurrierenden Bande anlegst, musst Du sicher sein, dass Du dabei weder Deine Position oder Dein eigenes Gebiet gefährdest noch Deine Einnahmequellen verlierst. Denn so martialisch die Gangsterbosse auftreten und wirken mögen – sie wissen sehr genau einzuschätzen, worauf ihre Macht basiert und dass sie die Kühe, die sie melken, in ihrer Herde halten müssen.

Die Bosse der Straßengangs sind keine Selbstmörder. Wobei sie im äußersten Falle auch nicht vor irrationalen Handlungen zurückschrecken. Das allerdings geschieht nur dann, wenn ihr ureigenstes Territorium verloren zu gehen droht. Bis dahin aber sind sie immer auch Spieler, die ihre Karten dann ausspielen, wenn ihnen dieses einen Nutzen zu bringen scheint. Und – wie jeder Spieler – sind sie begnadete Bluffer. Mit unbewegter Miene demonstrieren sie Stärke, die das Gegenüber gefügig machen soll.

Selten wurde dieses deutlicher als bei jener Szene des Jahres 2007, als Putin in seiner Sommerresidenz die ihn besuchende Angela Merkel mit seiner Labrador-Hündin konfrontierte. Er wusste ganz genau: Seitdem Merkel von einem Hund gebissen worden war, fürchtete sie sich vor diesen, bat vor jeder Reise den künftigen Gastgeber, Hunde von ihr fern zu halten.

So verunsichert ein Leningrader Straßenjunge nach Außen ungewollt und unbefangen sein Gegenüber, demonstriert Stärke und scheinbare Überlegenheit. Und doch ist es nichts anderes als ein wohl kalkulierter Bluff. Was tatsächlich hinter diesem Bluff steht – das wird selbstverständlich niemals und niemandem verraten – auch und gerade nicht der eigenen Gang. Denn der Boss der Straßengang lebt von seinem Nimbus der Überlegenheit. Büßt er diesen ein, kann es mit ihm schnell vorbei sein.

Sein Elixier sind Anerkennung und Unterwerfung. Damit ersetzt er Freundschaft, zu der er nicht fähig ist, weil er sie in sein Sozialisation nicht erfahren konnte.

Putins Straßengang beherrscht Eurasien

Putin, der Straßenjunge aus Leningrad, lebt diese Regeln. Nur ist sein Viertel nicht begrenzt von Newa und Fontanka, sondern von Eismeer und Pazifik, Schwarzem Meer und Ostsee. An den Methoden hat das nichts geändert. Wer seinen Schutz sucht, ihn anerkennt und bezahlt, der kann getrost sein Ding machen. Die meisten Oligarchen hatten das schnell begriffen. Wer nicht, der gehörte zur falschen Gang und wurde niedergemacht.

Wer in der Nachbarschaft eine schwächere Gang führt, darf sich ihm unterwerfen. Vorausgesetzt, er akzeptiert uneingeschränkt seinen Vormachtanspruch, bereitet ihm keine Probleme und funktioniert auf Anforderung. Der Weißrusse Lukaschenko spielt nach diesen Regeln. Der Ukrainer Yanukovych wollte nach diesen Regeln spielen – und versagte. So gönnte der oberste Bandenboss im Kreml ihm, dem Versager, als nützlichem Idioten noch einen letzten Auftritt und hält ihn als möglichen Kronzeugen im goldenen Käfig. Eine bedeutende Rolle allerdings wird er in der Gang nie wieder spielen.

Wer einmal zu seiner Gang gehört oder von ihm als zugehörig gedacht wird, hat keinerlei Recht, sich einer anderen zuzuwenden. Den Herrschaftsanspruch seiner Gang hat Putin mit der von ihm 2011 offiziell ins Leben gerufenen Eurasischen Union festgeschrieben.

Es war der Fehler der Ukrainer, sich diesem Anspruch nicht zu unterwerfen. Für den Leningrader Straßenjungen, der sich mit nackten Oberkörper in der Pose eines machtvollen Siegers gefällt weil sie für ihn sein Hochkämpfen aus den sozialen Niederrungen der Mehrfamilienwohnung an die Spitze der Macht dokumentiert, war der Abfall der Ukraine in mehrfacher Hinsicht ein Desaster.

Putin, der wie alle Straßenjungs nach der Anerkennung durch die anderen Gangs fiebert, ließ sich von seinen Schutzbefohlenen mit Olympia die Arena bauen, die ihm ganz persönlich die internationale Bedeutung und Achtung schenken sollte, die ihm, dem mächtigsten Straßenjungen aller Zeiten, in seinem Selbstverständnis zusteht.

Das Versagen des Vasallen

Der Maidan und Yanukovych verhagelten ihm diese Anerkennung. Und mehr. Denn sie stellten ihn selbst als Bandenboss infrage. Boss ist nur, wer die uneingeschränkte Macht hat. Nach dessen Pfeife alle tanzen. Die Ukrainer tanzten nicht. Nicht mehr.

Es kam zu der Situation, in der europäische Diplomaten den Kontakt zu ihm aufnahmen um eine Lösung für die Krise zu finden. Es war ein Signal, das der Bandenboss zu würdigen wusste, auch wenn ihm dessen Ursache alles andere als angenehm war. So war denn auch die Lösung nicht uneingeschränkt in seinem Sinne – aber sie garantierte ihm Gesichtswahrung. Und die Chance, seinen Einfluss auf das Gebiet des kleinen Bandenunterbosses Yanukovych zu sichern. Die Nicht-Anerkennung dieser Vereinbarung durch den Maidan empfand der Bandenboss im Kreml als Verrat. Die Unfähigkeit der westlichen Verhandler, den Kompromiss durchzusetzen, als eklatantes Versagen und Schwäche. Und so tat der Bandenboss das, was Bandenbosse tun, wenn sie sich nicht nur verraten und in ihrer Ehre bedroht sehen, sondern auch die Gefahr wittern, es könnten an ihrer Macht Zweifel aufkommen: Er demonstrierte Macht. Und er demonstrierte sie nicht unkalkuliert und orientierungslos, sondern mit dem festen Ziel, das bislang nur locker angebundene Gebiet in sein Territorium aufzunehmen.

Keine adäquate Antwort

Das aber – und dieses verkennen die westeuropäischen und amerikanischen Diplomaten, Regierungschefs, Politiker und Politikberater – macht ihn berechenbar.

Putin pokert. Er pokert mit hohem Einsatz. Er kann das tun, weil er in seiner Hand das bessere Blatt wähnt. Und weil er gelernt hat, dass die Chefs der gegnerischen Gangs zwar die Klappe groß aufreißen, aber eine höllische Angst vor einem blauen Auge haben. Bevor sie es auf einen Bandenkrieg ankommen lassen, werden sie unter Absingen böser Beschimpfungen den Schwanz einklemmen. So sind sie für ihn, den großen Bandenboss Putin, letztlich alles Schwätzer ohne Eier, kläffende Hunde ohne Rückgrat, bestenfalls Angstbeißer. Sie werden ihn in seiner Einschätzung auch diesmal nicht enttäuschen.

Dabei wäre es ganz einfach, wenn sich die große Diplomatie von ihrer verwissenschaftlichten Theorie und dem französisch geprägten Florett befreien und ebenfalls wie eine Straßengang denken würde. Denn da gilt: Nur wer konsequent auftritt, wird auch akzeptiert.

Hätte die NATO auf Bitten der neuen ukrainischen Regierung beispielsweise ein paar leichte Truppenteile in Kiew und Umgebung stationiert, hätte Putin sich zwar verbal echauffieren können – doch gleichzeitig hätte er gewusst: Auch diese Gang meint es ernst. Dann hätte man auf Augenhöhe verhandeln können. Ohne Putins ureigenstes Territorium zu bedrohen. Mit dem offiziellen Mandat der neuen ukrainischen Regierung, die eigenen Sicherheitskräfte zu unterstützen und insbesondere den Schutz der Minderheiten zu garantieren, hätte die NATO die Argumente des gegnerischen Bandenbosses übernehmen und ihm damit den Wind aus den Segeln nehmen können.

Kein Bandenboss zieht in den unkalkulierbaren Krieg

Putin wären die Hände gebunden gewesen – und er hätte sich jeden weiteren Schritt fein säuberlich überlegt. Denn ein Bandenchef mag gut im Bluffen und gut im Drohen sein. Er weiß, wann er welche Karte zu spielen hat. Er ist auch bereit, kräftig zuzuschlagen, wenn er es für unumgänglich erachtet. Er wird aber niemals so weit gehen, mit seinem Handeln sein mühevoll in Besitz genommenes Territorium – und damit sich selbst – zu riskieren. Er wird sein Imperium, wird seine großen und kleinen Gangs und jene Freunde, die ihm die finanzielle Basis seiner Macht garantieren, niemals zur Disposition stellen oder stellen lassen. Als Leningrader Straßenjunge weiß er: Solange der Kanal nicht überschritten wird, ist Friede. Und solange seine Anhänger in ihrem wirtschaftlichen Wirken nicht über Gebühr beeinträchtigt werden, wird keiner seine Position gefährden. Kein Bandenboss darf die Entlohungsbereitschaft seiner Schutzbefohlenen unbegrenzt überdehnen. Genau dieses aber hat Putin gerade getan, indem er seine Oligarchen zur Finanzierung seiner olympischen Putin-Spiele heranzog. Hier droht ihm am ehesten Widerstand, wenn die Kosten für Bluffen und Drohen zu hoch werden sollten.

Auch deshalb wird ein Bandenboss einen finalen Krieg grundsätzlich nur dann führen, wenn er entweder keinen wirkungsvollen Gegenschlag zu befürchten hat oder er sich in seiner Existenz bedroht sieht. Ein Bandenboss zieht nur dann in den Bandenkrieg, wenn seine Bande unzweifelhaft stärker ist. Das aber ist die Bande Putins nicht – zumindest noch nicht. Und nicht, wenn die NATO als für ihn gegnerische Straßengang geschlossen auftritt. Solange man sich ihm jedoch nur mit Worthülsen und wirkungslosen Drohungen in den Weg zu stellen sucht, wird er sein Territorium ungerührt vergrößern. Denn Bandenbosse sind auch in dieser Frage berechenbar wie die Führer von Wolfsrudeln. Eine unbewachte Schafherde ist ein willkommenes Opfer. Stehen dort aber gut gefütterte, kräftige Schäferhunde, sucht man sich lieber ein anderes Ziel. Das Risiko, sich bei einem Angriff unheilbare Verletzungen zuzuziehen, ist viel zu groß und lohnt nicht.

Ein Wolf – kein Bär

Putin ist Russe. Aber er ist kein unberechenbarer Bär. Er ist ein Bandenboss mit dem Instinkt eines Wolfes. Dennoch lässt sich die westliche Politik von diesem Bild des Bären, der im vermeintlichen Abwehrkampf zu allem bereit ist, leiten. Und zieht aus der irrationalen Angst vor einem atomaren Krieg knurrend den Schwanz ein vor einem Wolf, der sich wohl kalkuliert mit erhobenen Vorderläufen aufrichtet, um als unberechenbarer Bär wahrgenommen zu werden.

Dabei wäre es so einfach. Nicht denken wie ein französischer Diplomat des achtzehnten Jahrhunderts. Sondern denken wie ein Bandenboss. Und handeln wie ein Bandenboss. Dabei das Kernterritorium des Gegners nicht bedrohen, nicht in Frage stellen.

Der Westen braucht einen Selfmademan

Was der Westen heute bräuchte, wäre ein Selfmademan aus der Bronx mit dem Instinkt der Straße. Jemanden, der Putins Sprache spricht. Stattdessen hat er einen Rechtsanwalt aus Chicago, der nicht einmal weiß, ob man einem Bandenboss die Hand geben darf.

Doch – man darf. Man muss sogar. Aber man muss bei der Begrüßung kräftig zudrücken können, um ernst genommen zu werden.

Weil die Politiker im Westen und ihre zahllosen, verkopften Berater dieses nicht begreifen, haben sie diesen Konflikt bereits eskalieren lassen, als sie Putins Raid Over Georgia hinnahmen. Sie werden auch den Konflikt um die Krim verlieren. Und ebenso all jene, die noch kommen werden.

Denn auch das ist eine Grundregel russischer Straßenjungs: Ein Bandenboss gibt sich nie zufrieden, solange er die Chance sieht, lohnenden Gewinn zu machen.

Warum sollte er auch.

Die in HIRAM7 REVIEW veröffentlichten Essays und Kommentare geben nicht grundsätzlich den Standpunkt der Redaktion wieder.


Aftermaths of the Ukraine Coup d’État: The new cold war between Russia and the U.S.

February 23, 2014

An Op-Ed by Narcisse Caméléon, deputy editor-in-chief

“The main foundations of every state, new states as well as ancient or composite ones, are good laws and good arms. You cannot have good laws without good arms, and where there are good arms, good laws inevitably follow.” Niccolò Machiavelli

NATO EXPANSION

Putin will probably address the U.S. missile shield, saying Russia would have to respond militarily if the United States continues to deploy elements of the shield to Eastern European countries (especially Estonia, Latvia, and Lithuania, and now Ukraine).

In the past, Russia also accused NATO of building up naval forces in the Black Sea, though the United States cancelled plans to send a ship to the region.

The Black Sea is critical to Russian defense – the NATO does not have the ability to project power through land forces against Russia but has naval capacity to potentially limit Russian operations in the area. The best way to deal with Russia isn’t to attempt to isolate it, but to cooperate with it.

Anyway: the European people will likely pay the biggest price for the Coup d’État in Ukraine, as this conflict could lead to a civil war and to further instability in the continent.

Never touch a running system.

Let’s see what happens next.


China loses its allure

January 27, 2014

This week’s print edition of The Economist brings a worth reading story on China: life is getting harder for foreign companies there.

“According to the late Roberto Goizueta, a former boss of The Coca-Cola Company, April 15th 1981 was “one of the most important days…in the history of the world.” That date marked the opening of the first Coke bottling plant to be built in China since the Communist revolution.

The claim was over the top, but not absurd. Mao Zedong’s disastrous policies had left the economy in tatters. The height of popular aspiration was the “four things that go round”: bicycles, sewing machines, fans and watches. The welcome that Deng Xiaoping, China’s then leader, gave to foreign firms was part of a series of changes that turned China into one of the biggest and fastest-growing markets in the world.

For the past three decades, multinationals have poured in. After the financial crisis, many companies looked to China for salvation. Now it looks as though the gold rush may be over.”

Read full story.


Trade Deals Take Global Commerce Back to the Future

January 17, 2014

Edward Alden argues in an article for World Politics Review that the United States and European Union are reasserting their control over global trade rules after two decades of stalemate with developing countries.

After the negotiations that led to the creation of the WTO in 1995, developing country officials were determined to never again allow the U.S. and EU dictate the final terms of a global trade agreement. For the past two decades, until this month’s modest agreement in Bali, they have made good on that threat. But through ambitious regional deals, the U.S. and EU are reasserting control over global trade rules.

“Never again. That was the sentiment I remember hearing over and over from developing country officials following the tumultuous completion of the Uruguay Round negotiations in 1993 that led to the creation of the World Trade Organization (WTO) two years later. Once again, most of them believed, the United States and the European Union had dictated the final terms of a global trade agreement and forced it down the throats of the rest of the world. These countries were determined to have far more say in the shape of any future deals.

For the past two decades, until this month’s modest agreement in Bali to adopt new “trade facilitation” measures, the developing countries have made good on that threat. They have insisted that any new global trade agreement, such as that pursued unsuccessfully over the past decade through the Doha Round, pay special attention to their needs and priorities in areas like agriculture, manufacturing and intellectual property rules. Their united opposition has made it impossible to conclude another big global trade round on terms acceptable to the U.S. and EU.”

Read full story.


The Meaning of Israel: A Personal View

January 15, 2014

In light of the obsessive, hypocritical focus by several scholarly groups taking aim at Israel, not to mention the permanent chorus of Israel’s detractors both here and abroad, David Harris wants to offer a totally different view of the Jewish state. This is a time to stand up and speak out.

An op-ed by David Harris
Executive Director of the American Jewish Committee
The Jerusalem Post, January 15, 2014

Against the backdrop of recent efforts in some academic circles to vilify and isolate Israel, let me put my cards on the table right up front. I’m not dispassionate when it comes to Israel. Quite the contrary.

The establishment of the state in 1948; the fulfillment of its envisioned role as home and haven for Jews from around the world; its wholehearted embrace of democracy and the rule of law; and its impressive scientific, cultural, and economic achievements are accomplishments beyond my wildest imagination.

For centuries, Jews around the world prayed for a return to Zion. We are the lucky ones who have seen those prayers answered. I am grateful to witness this most extraordinary period in Jewish history and Jewish sovereignty.

And when one adds the key element, namely, that all this took place not in the Middle West but in the Middle East, where Israel’s neighbors determined from day one to destroy it through any means available to them—from full-scale wars to wars of attrition; from diplomatic isolation to international delegitimation; from primary to secondary to even tertiary economic boycotts; from terrorism to the spread of anti-Semitism, often thinly veiled as anti-Zionism—the story of Israel’s first 65 years becomes all the more remarkable.

No other country has faced such a constant challenge to its very right to exist, even though the age-old biblical, spiritual, and physical connection between the Jewish people and the Land of Israel is unique in the annals of history.

Indeed,  that connection is of a totally different character from the basis on which, say, the United States, Australia, Canada, New Zealand, or the bulk of Latin American countries were established, that is, by Europeans with no legitimate claim to those lands who decimated indigenous populations and proclaimed their own authority. Or, for that matter, North African countries that were conquered and occupied by Arab-Islamic invaders and totally redefined in their national character.

No other country has faced such overwhelming odds against its very survival, or experienced the same degree of never-ending international demonization by too many nations that throw integrity and morality to the wind, and slavishly follow the will of the energy-rich and more numerous Arab states.

Yet Israelis have never succumbed to a fortress mentality, never abandoned their deep yearning for peace with their neighbors or willingness to take unprecedented risks to achieve that peace, never lost their zest for life, and never flinched from their determination to build a vibrant, democratic state.

This story of nation-building is entirely without precedent.

 Here was a people brought to the brink of utter destruction by the genocidal policies of Nazi Germany and its allies. Here was a people shown to be utterly powerless to influence a largely indifferent world to stop, or even slow down, the Final Solution. And here was a people, numbering barely 600,000, living cheek-by-jowl with often hostile Arab neighbors, under unsympathetic British occupation, on a harsh soil with no significant natural resources other than human capital in then Mandatory Palestine.

That the blue-and-white flag of an independent Israel could be planted on this land, to which the Jewish people had been intimately linked since the time of Abraham, just three years after the Second World War’s end—and with the support of a decisive majority of UN members at the time—truly boggles the mind.

And what’s more, that this tiny community of Jews, including survivors of the Holocaust who had somehow made their way to Mandatory Palestine despite the British blockade, could successfully defend themselves against the onslaught of five Arab standing armies that launched their attack on Israel’s first day of existence, is almost beyond imagination.

To understand the essence of Israel’s meaning, it is enough to ask how the history of the Jewish people might have been different had there been a Jewish state in 1933, in 1938, or even in 1941. If Israel had controlled its borders and the right of entry instead of Britain, if Israel had had embassies and consulates throughout Europe, how many more Jews might have escaped and found sanctuary?

Instead, Jews had to rely on the goodwill of embassies and consulates of other countries and, with woefully few exceptions, they found there neither the “good” nor the “will” to assist.

I witnessed firsthand what Israeli embassies and consulates meant to Jews drawn by the pull of Zion or the push of hatred. I stood in the courtyard of the Israeli embassy in Moscow and saw thousands of Jews seeking a quick exit from a Soviet Union in the throes of cataclysmic change, fearful that the change might be in the direction of renewed chauvinism and anti-Semitism.

Awestruck, I watched up-close as Israel never faltered, not even for a moment, in transporting Soviet Jews to the Jewish homeland, even as Scud missiles launched from Iraq traumatized the nation in 1991. It says a lot about the conditions they were leaving behind that these Jews continued to board planes for Tel Aviv while missiles were exploding in Israeli population centers. In fact, on two occasions I sat in sealed rooms with Soviet Jewish families who had just arrived in Israel during these missile attacks. Not once did any of them question their decision to establish new lives in the Jewish state. And equally, it says a lot about Israel that, amid all the pressing security concerns, it managed to continue to welcome these new immigrants without missing a beat.

And how can I ever forget the surge of pride—Jewish  pride—that  completely enveloped me in July 1976 on hearing the astonishing news of Israel’s daring rescue of the 106 Jewish hostages held by Arab and German terrorists in Entebbe, Uganda, over 2,000 miles from Israel’s borders? The unmistakable message: Jews in danger will never again be alone, without hope, and totally dependent on others for their safety.

Not least, I can still remember, as if it were yesterday, my very first visit to Israel. It was in 1970, and I was not quite 21 years old.

I didn’t know what to expect, but I recall being quite emotional from the moment I boarded the El Al plane to the very first glimpse of the Israeli coastline from the plane’s window. As I disembarked, I surprised myself by wanting to kiss the ground. In the ensuing weeks, I marveled at everything I saw. To me, it was as if every apartment building, factory, school, orange grove, and Egged bus was nothing less than a miracle. A state, a Jewish state, was unfolding before my very eyes.

After centuries of persecutions, pogroms, exiles, ghettos, pales of settlement, inquisitions, blood libels, forced conversions, discriminatory legislation, and immigration restrictions—and, no less, after centuries of prayers, dreams, and yearning—the Jews had come back home and were  the masters of their own fate.

I was overwhelmed by the mix of people, backgrounds, languages, and lifestyles, and by the intensity of life itself. Everyone, it seemed, had a compelling story to tell. There were Holocaust survivors with harrowing tales of their years in the camps. There were Jews from Arab countries, whose stories of persecution in such countries as Iraq, Libya, and Syria were little known at the time. There were the first Jews arriving from the USSR seeking repatriation in the Jewish homeland. There were the sabras—native-born Israelis—many of whose families had lived in Palestine for generations. There were local Arabs, both Christian and Muslim. There were Druze, whose religious practices are kept secret from the outside world. The list goes on and on.

I was moved beyond words by the sight of Jerusalem and the fervor with which Jews of all backgrounds prayed at the Western Wall. Coming from a nation that was at the time deeply divided and demoralized, I found my Israeli peers to be unabashedly proud of their country, eager to serve in the military, and, in many cases, determined to volunteer for the most elite combat units. They felt personally involved in the enterprise of building a Jewish state, more than 1,800 years after the  Romans defeated the Bar Kochba revolt,  the last Jewish attempt at sovereignty on this very land.

To be sure, nation-building is an infinitely complex process. In Israel’s case,  it began against a backdrop of tensions with a local Arab population that laid claim to the very same land, and tragically refused a UN proposal to divide the land into Arab and Jewish states; as the Arab world sought to isolate, demoralize, and ultimately destroy the state; as Israel’s population doubled in the first three years of the country’s existence, putting an unimaginable strain on severely limited resources; as the nation was forced to devote a vast portion of its limited national budget to defense expenditures; and as the country coped with forging a national identity and social consensus among a population that could not have been more geographically, linguistically, socially, and culturally heterogeneous.

Moreover, there is the tricky and underappreciated issue of the potential clash between the messy realities of statehood and, in this case, the ideals and faith of a people. It is one thing for a people to live their religion as a minority; it is quite another to exercise sovereignty as the majority population while remaining true to one’s ethical standards. Inevitably, tension will arise between a people’s spiritual or moral self-definition and the exigencies of statecraft, between our highest concepts of human nature and the daily realities of individuals in decision-making positions wielding power and balancing a variety of competing interests.

Even so, shall we raise the bar so high as to ensure that Israel—forced to function in the often gritty, morally ambiguous world of international relations and politics, especially as a small, still endangered state—will always fall short?

Yet, the notion that Israel would ever become ethically indistinguishable from any other country, reflexively seeking cover behind the convenient justification of realpolitik to explain its behavior, is equally unacceptable.

Israelis, with only 65 years of statehood under their belts, are among the newer practitioners of statecraft. With all its remarkable success, consider the daunting political, social, and economic challenges in the United States 65 or even 165 years after independence, or, for that matter, the challenges it faces today, including stubborn social inequalities. And let’s not forget that the United States, unlike Israel, is a vast country blessed with abundant natural resources, oceans on two-and-a half sides, a gentle neighbor to the north, and a weaker neighbor to the south.

Like any vibrant democracy, America is a permanent work in progress. The same holds true for Israel. Loving Israel as I do, though, doesn’t mean overlooking its shortcomings, including the excessive and unholy intrusion of religion into politics, the marginalization of non-Orthodox Jewish religious streams, the dangers posed by political and religious zealots, and the unfinished, if undeniably complex, task of integrating Israeli Arabs into the mainstream.

But it also doesn’t mean allowing such issues to overshadow Israel’s remarkable achievements, accomplished, as I’ve said, under the most difficult of circumstances.

In just 65 years, Israel has built a thriving democracy, unique in the region, including a Supreme Court prepared, when it deems appropriate, to overrule the prime minister or the military establishment, a feisty parliament that includes every imaginable viewpoint along the political spectrum, a robust civil society, and a vigorous press.

It has built an economy whose per capita GNP exceeds the combined total of its four contiguous sovereign neighbors—Egypt, Jordan, Lebanon, and Syria.

It has built universities and research centers that have contributed to advancing the world’s frontiers of knowledge in countless ways, and won a slew of Nobel Prizes in the process.

It has built one of the world’s most powerful militaries—always under civilian control, I might add—to ensure its survival in a rough-and-tumble neighborhood. It has shown the world how a tiny nation, no larger than New Jersey or Wales, can, by sheer ingenuity, will, courage, and commitment, defend itself against those who would destroy it through conventional armies or armies of suicide bombers. And it has done all this while striving to adhere to a strict code of military conduct that has few rivals in the democratic world, much less elsewhere—in the face of an enemy prepared to send children to the front lines and seek cover in mosques, schools, and hospitals.

It has built a quality of life that ranks it among the world’s healthiest nations and with a particularly high life expectancy, indeed higher than that of the U.S.

It has built a thriving culture, whose musicians, writers, and artists are admired far beyond Israel’s borders. In doing so, it has lovingly taken an ancient language, Hebrew, the language of the prophets, and rendered it modern to accommodate the vocabulary of the contemporary world.

It has built a climate of respect for other faith groups, including Baha’i, Christianity and Islam, and their places of worship. Can any other nation in the area make the same claim?

It has built an agricultural sector that has had much to teach developing nations about turning an arid soil into fields of fruits, vegetables, cotton, and flowers.

Step back from the twists and turns of the daily information overload coming from the Middle East and consider the sweep of the last 65 years. Look at the light-years traveled since the darkness of the Holocaust, and marvel at the miracle of a decimated people returning to a tiny sliver of land—the land of our ancestors, the land of Zion and Jerusalem—and successfully building a modern, vibrant state against all the odds, on that ancient foundation.

In the final analysis, then, the story of Israel is the wondrous realization of a 3,500-year link among a land, a faith, a language, a people, and a vision. It is an unparalleled story of tenacity and determination, of courage and renewal.

And it is ultimately a metaphor for the triumph of enduring hope over the temptation of despair.


Follow

Get every new post delivered to your Inbox.

Join 48 other followers